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Erinnerungen von Maria Riesen, Tochter des Mühlbesitzers in Dawlekanowo Wilhelm Riesen (1882-1964), aus Dolinsk, Neu Samara

 

Zugeschickt von Andreas Tissen (Email), alle seine Berichte.

 

 

Erinnerungen von Frau Maria Riesen (1913) aus einem Brief von 1992. Sie ist die Tochter von Wilhelm Riesen (1882 – 1964). Er war der letzte Eigentümer des „Riesen-Hauses“ in Dolinsk, Neu Samara. Wilhelm Riesen kaufte das Haus 1924. Die Erinnerungen hat Maria in der Verbannung in Sibirien aufgeschrieben:

Wilhelm Riesen ist in Alt Samara, Dorf Alexandertal geboren. Er hat 1908 mit 26 Jahren geheiratet. Seine Frau war Maria Peter [Classen] (1883 – 1937). Im Alter von 17 Jahren hat er bei einem Gutsbesitzer gearbeitet. Dort hat er gelernt mit einer kohlebetriebenen Dampfmaschine umzugehen. Diese Maschinen wurden in den Mühle verwendet. Nach der Heirat wurde er Besitzer einer dreistöckigen Mühle in Dowlikanowo, Baschkirien (Ufa). Das war 1917, vor der Revolution.
Nach der Revolution haben seine Mitarbeiter sich nicht mehr dem Besitzer unterordnet. Sie wollten die Familie erschießen. Sie riefen die Behörde. Diese setzte Riese zum Vorabeiter in der Warenannahme ein und setzten ihn als Herr über alle Güter ein.
Auf seinem Gelände standen zwei Häuser. In einem lebte der Besitzer mit seiner Familie. In dem andern lebten die Arbeiter. Sie hatten einen Obstgarten und einen Pflanzgarten. Alles unter seiner Verantwortung. Er hat von morgens bis in die Nacht gearbeitet. Nachhause kam er nur zum Essen und Schlafen. Es war kein normales Leben. Für die Familie blieb der Sonntag. Den widmete er den Kindern. Morgens hat er den Mädchen die Zöpfe geflochten und dann sind sie alle zusammen in die Kirche gefahren. Zu dieser Zeit hatten sie schon fünf Töchter. Maria geb. 1913 (Sorokina), Margaretha geb. 1916 (Tkatschowa), Erna (1917 – 1967), Selma (in der Krim verschollen) und Käthe -Frau von Bernhard Kornelius Wall. Er war Lehrer in Dolinsk in den 1920er Jahren. Zur Kirche fuhren sie 25 km.
1922 – 1923 wurde die Familie mit einer hohen Steuer belegt. Das Leben wurde sehr schwer. Die Arbeiter haben sich nicht unterordnet. Sie überlegten und kamen zu dem Entschluss, dass es im Dorf leichter sein würde. 1924 kauften sie das Haus von Dück. Riesen hat angefangen Landwirtschaft zu betreiben. Er kaufte einen Trecker, Landwirtschaftliche Geräte und 16 Kühe. Es waren Hochleistungskühe, solche gab es zu der Zeit in Dolinsk nicht. Sie richteten eine Käserei ein. Der Käse wurde in der Küche hergestellt und dann in den Keller zum reifen gebracht. In diesem Kellerraum hatte Dück sein Warenlager gehabt (Er hatte einen Dorfladen). Der Käse wurde nach Sorotschinsk, Samara und Busuluk geschickt. Der Trecker (Fordson) wurde in den USA gekauft. Traktorist war David Janzen. So war es bis 1930. Die ganze Familie hat fleißig gearbeitet. Die Mädchen haben sehr früh arbeiten gelernt. Sie haben die Kühe gemolken, den Käse gemacht und im Garten gearbeitet. Sie haben sehr wenig Arbeiter angenommen. Und dann auch nur in der Saat- und Erntezeit. Am 8. März 1930 wurde Riesen verhaftet. Und die Familie sollte innerhalb von 24 Stunden ausgesiedelt werden. Alle wurden auf einen Schlitten geladen und nach Sorotschinsk gebracht. Bis zum Bahnhof in Sorotschinsk waren es 65 km. Es war sehr kalt. Die Mädchen waren 17 Jahre und Jünger. Dort wurden sie alle in Güterwagons verladen, ohne Toilette und ohne Heizung. Unter Bewachung von Polizisten kamen sie nach 10 Tagen im Norden an, Stadt Kotlas. Weiter bis Lusa und nach 3 km kamen sie im Wald an. Sie wurden im Schnee ausgeladen. Aus Ästen bauten sie sich ein Zelt um vom Unwetter geschützt zu sein. Hier im Norden dauerte der Winter bis Mai und später. Alle wurden gezwungen Baracken zu Bauen. Es wurden ca. 100 Baracken gebaut. Innen standen zweistöckige Betten. Dort schliefen sie. Auf jedem Ende war eine Tür nach Draußen. Innen war eine Burschujika (eiserner kleiner Ofen). In der Baracke waren 300-400 Leute.
Danach wurden alle in den Wald geschickt um Holz zu fällen. Zu Fuß, der Schnee bis zum Knie, kämpften sie sich durch die Teiga. Kinder und Alte Leute blieben in der Baracke, praktisch ohne Aufsicht und Hilfe. Aus diesem Grund hat das schreckliche nicht lange auf sich warten lassen. Kinder und alte Menschen fingen an zu sterben, vor Kälte und Hunger. Die 12 - 15-jährigen Kinder wurden gezwungen die Leichen herauszutragen.

Im Mai 1931 wurden alle auf ein großes Güterschiff geladen und den Fluss Luza hochgezogen. Das Güterschiff lief auf Grund. Alla wurden unter Bewachung zu Fuß zum Dorf Kajgorodok getrieben. Dort wurden sie auf die Bewohner des Dorfes aufgeilt. Dach einigen Tagen wurde der Vater, Erna, Margarethe und Maria mit anderen zusammen durch den Sumpf in den Urwald getrieben, der sich 3 km vom Dorf befand. Am zweiten Tag kamen sie dort an. Die Mutter hatte ein (nicht großes) Zelt genäht, um von Insekten und Unwetter geschützt zu sein. Sie bauten ein weiters Zelt aus Tannenzweigen drumherum. Hier lebten sie bis in den Späthebst.
Ein Teil der Arbeiter bauten Baracken, in denen sie im Winter lebten. In der der Baracke befanden sich kleine Zimmer. In jedem Zimmer lebten zwei Familien. Mutter wurde auch hierhin gebracht. Es wurde im Wald gearbeitet, Bäume gefällt und die Wurzeln rausgeholt. Vater und Erna haben nachts die Äxte und Sägen geschärft. Maria und Margarethe holten die Baumstämme aus dem Wald.
Im Winter wurde Holz aus dem Wald gefahren und im Sommer musste auch die Mutter im Wald arbeiten. Sie mussten von den Birken die Rinde abziehen. Daraus wurde Dögotj (Birkenpech) gekocht. Es muss gesagt werden, dass es keine Freien Tage und keinen Urlaub gab. Der Arbeitstag dauerte 12 – 14 Stunden. Das Essen war viel zu knapp. Sie hungerten und mussten Beleidigungen und Erniedrigungen ertragen. So verliefen die jungen Jahre der Mädchen. Das Alter kam für die Eltern früh und ungebeten.
Später bekam die Familie ein Einzelzimmer. Die Küche war für drei Familien. 1936 wurde man schon satter. Brot gab es genug.
 So verliefen die jungen Jahre der Mädchen. 1937 wurde Mutter krank. Sie wurde in die Stadt Kirov gebracht. Keiner aus der Familie durfte mit der Arbeit aufhören, um sie zu besuchen. Alle standen unter der Kommandantur (Meldepflicht). Wenn man ohne Erlaubnis den Ort verlies, konnte das tödlich enden. Es wurde mit erschießen gedroht. Mutter starb ohne ihre nahen Angehörigen – Wie? und Was? Keiner wusste wo sie beerdigt war. Später, als sie Möglichkeit hatten, begab sich Maria in die Stadt Kirow. Sie wollte das Grab finden – aber vergeblich. Ihr wurde gesagt, dass der Friedhof beseitigt wurde.
Die Zeit verging. Die Mädchen fingen an zu heiraten. Deutsche gab es nicht. So wurde mit denen geheiratet, die da waren. Am 13.03.1967 starb Erna nach einer schweren Krankheit – mit 50 Jahren. Vater trug all diese Jahre Sorge, weil es keine Kirche gab. Er wollte sehr gerne in die Stadt zur Kirche fahren, aber es wurde nicht erlaubt. Er wurde zu einer Arbeit bei der Schmalspurbahn versetzt. Damit wurde das Holz aus dem Wald zum Holzlager gefahren. Im Frühling ließ man das Holz auf dem Fluss Luza Flussabwärts zum Fluss Yug treiben.
Der Vater starb am 04.04.1964.
Später ist die Familie in die Stadt Syktyvkar umgezogen. Sie sparten sich Geld zusammen und kauften sich eine Wohnung.
Gearbeitet wurde bis 76 Jahre.
Es wurden Kinder geboren, die gründeten Familien und es kamen Enkelkinder dazu.

 

Bemerkungen von Elvira Nachtigall:

Aus dem Riesenhaus, so wurde sein Haus in Dolinsk genannt, wurde nachdem die Besitzer vertrieben waren, alles geplündert. Danach wurde hier das Büro des MTS (Maschinen – Traktoren – Station) eingerichtet. Später wurde die MTS nach Donskoj verlegt. Hier wurde ein Sowchos organisiert. Dieser wurde dann nach Kristalka (Russendorf) verlegt.
1941 – 1945 wurde aus dem Haus ein Getreidespeicher gemacht. In dem Haus befand sich auch ein Kindergarten. 1955 wurde das Haus zu einem Klub umgebaut.

Ab 1972 war hier die Grundschule.
   
Zuletzt geändert am 11 August, 2017