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Brief von Franz und A. Martens aus Neu Samara vom 31. Juli 1931 in der "Mennonitische Rundschau" vom 23 September 1931, Seite 6

 

Abgeschrieben von Peter Letkemann.

Zugeschickt von Andreas Tissen (Email), alle seine Berichte.

 

 

Herzlich geliebter Bruder Abraham!
                Wünsche Dir vor allem den Frieden Gottres in Christo Jesu unserem Heilande, Amen! Nun, lieber Bruder, habe schon seit Februar keine Nachricht von Dir, habe auch selbst nicht geschreiben, weil die Wellen über mein Haus so hoch gingen – und doch alles war beseitigt, und nichts ahnend, wurden wir dem 6. Mai [1931] abends von 4 Mann überfallen: es war Dorfmiliz, Dorfsvorsteher, ein Komosomol und einer aus der Wolost. Sie sagten uns, dass wir alle arretiert seien, keiner dürfe hinaus oder herein, es war um 10 Uhr. Dann wurde uns befohlen, fertig zu machen, um 4 Uhr morgens käme ein Fuhrwerk, welches uns nach Soroka fahren werde, ich, Heinrich und Peter. Heinrich war gerade nicht Hause, kam aber bald. Ich durfte zurückbleiben, wegen Alter und Arbeitsunfähigkeit. Essen mitnehmen auf 3 Monate. Dann gingen 2 Man weg und von der Miliz und Komsomol wurden wir bewacht, und morgens sahen wir unsere Jungens zum letzten Male – denke Dir, Bruder, was das für uns abgab! Wir schafften die Nacht über. In Soroka angekommen, wurden sie von der GPU ausgefragt und wurden beschuldigt, dass wir unser Vermügen durch fremde Arbeiter erworben hätten. Alles Widerlegen und Beweisen half nichts – sie mussten dort bis zum 4. Juni sitzen. So ging es Heinrich Willms, Donskoj, Johann Willms, Pleschanow und unserm Franz. In dieser Zeit wurde uns den 13. [Juni] das Vermögen aufgeschrieben, den 1. Juli  stimmlos gemacht und als Kulak gestempelt, den 4. aufgefordert, fertig zu machen, um in die Verbannung geschickt zu werden im Verlauf von 3 Tagen. Den 6. wurde uns alles weggenommen, den 8. die letzte Kuh, Hockling, Kalb genommen, den 9. die Schweine, den 18. die Hühner, den 19. Schafe, den 22. das Schmiedegeräte, den 24. nachts wurde uch und meine Frau nach Klinok und die Greta und Liese den Jungens nachgeschickt. Ich und meine Frau [Franz + Anna Martens] durften alterswegen nach Klinok, nur nicht in Dolinsk, Donskoj oder Pleschanow. Die Männer wurden schon den 5. [Juli?] abgeschickt und so sind wir jetzt von allem entblößt und beraubt in Klinok bei unseren Kindern P.Martens. Wie lange, wissen wir nicht. – Wir haben noch unsere eigene Nahrung. Ich war wacker und    . – Die Kleider wurden uns alle gelassen. Von den Betten wurde uns ein Unterbett, eine Decke und 5 Kissen genommen. Die Wäsche bliebe uns auch. Vom Möbel blieb Gretas Bettgestell und Kommode als Erbgut  von der Mutter. Als wir sahen, wo es hinging, kamen die Schwiegersöhne und halfen – dich wir sind beraubt – und haben nichts Eigenes, wo wir unser Haupt hinlegen. Laut dem letzten Brief vom 20. sind die Kinder jetzt alle beisammen; sie sind 2200 Werst von hier ab, 85 Werst von der Stadt Akmolinsk. Frage Jakob Wittenberg, der wird wissen; es ist rechts von Omsk. Sie haben es im Natürlichen nicht schlecht. Dorthin wurden mit ihnen noch 1700 Mann Russen u.a. geschickt. Sie schreiben, es war schrecklich anzusehen, als eine solche Schaf von Menschen zu Fuß die 85 Werst unter Polizeiwache musste marschieren. Franz [Martens] ist da Schreiber, Heinrich [Martens] Schlosser, Peter [Martens] fährt mit der Harkmaschine, sie machen Heu. Die Mädchen wissen wir noch nicht. Jakob [Martens] wurde auch schon den 7. Januar auf 1 Jahr eingezogen. Er muß 35 Werst von Samara an der Wolga Steine brechen zum Kalk brennen, wurde auch kahl gemacht – jetzt aber ist erauch weggeschickt. Der letzte Brief war von Smolensk. Jetzt stelle Dir, lieber Bruder, mal vor: das Vermögen geraubt, die Kinder in der Verbannung, ich und die Frau alt und arbeitsunfähig. Was das kostet, kann ich Dir gar nicht beschreiben. Ach, Bruder, was hat das schon für Tränen gekostet! Ich weiß, Du fühlst mit. Die Kinder in Asien müssen unter freiem Himmel wohnen, bekommen satt zu essen, aber nur rusch (auf russischer Art zubereitet). Ihnen ist dort vorgelesen, sie seien freiwillige Aussiedler. – Denke Dir, lieber Bruder, ist das möglich? Die Kinder schreiben, was da für Elend an der Bahn ist, das ist schrecklich. 16 Tage haben die Mädchen und Frauen am Bahnhofe zugebracht, unter freiem Himmel, 3 Werst einen Eimer Wasser geholt. Und was soll ich nich schreiben? Hier ist eine vollständige Missernte: 3 bis 8 Pud von der Dessjatine, Vorrat ist keiner, was wird das geben? Ich und die Frau haben keine Rechte, bekommen auch kein Brot, nur aus Gnade konnten wir zurückbleiben.
                Die Menschen hier arbeiten im Kollektiv, bekommen Brot aber keine Kopeke; angeschreiben wird, aber – unsere Kinder hatten noch vom vorigen Jahr über 400 Rubel zu bekommen, aber alles ist weg. Das Budget muß gefüllt werden. Die Menschen sind buchstäblich Sklaven, denn wenn wo Menschen fehlen, dann werden von der anderen Stelle hingeschickt. Die im Kollektiv haben noch eine Kuh, den anderen wurde vorige Woche die letzte genommen. „Geh in den Kollektiv, dann kannst du sie behalten,“ hieß es – aber es geht keiner mehr.
                Bin zweimal in Donskoj zu Fuß gewesen. Unser Haus steht ganz leer und öde. Wir haben noch im Garten alles gepflanzt, aber alles ist weg. Jetzt bitt ich Dich, lieber Bruder, las diesen Brief in eine Zeitung einsetzen, damit unsere Kinder und der Frau Geschwister es zu wissen bekommen, was mit uns vorgegangen ist. Wenn Du es nicht verstehst, frage Jakob Wittenberg, der versteht es, grüße sie. Sein Bruder Peter wird mit bald folgen.
                Gruß von Deinen Dich nie vergessenden Geschwistern, Franz und A. Martens.
                Wenn Du schreibst, dann adressiere an Helena Weiß, Jugowka, dann bekomme ich ihn. Vorige Woche ist ein Brief im Postamt gewesen für mich von Amerika, aber verschwunden.
                Als ich bis hier geschreiben hatte, bekamen wir einen Brief von Jakob. Er ist in der Stadt Minsk, 40 Werst von der polnischen Grenze, muß dort Steine schlagen zum Chausee machen; also Zwangsarbeit, die es in Russland nicht gibt,alles freiwillig – ist solches zu glauben?
                Daß es uns so geht, haben unsere deutschen Armen gemacht. Denke mal,  so weit herunterzukommen! Da ist in Jugowka Matthies Familie, Sarah Löwen, Anna Heinrichs hat schon die Franzosen hier, David Wiensen Familie usw. Die Sorte haben alle Rechte, wenn die was sagen, dagegen kann ein ganze Dorf protestieren – es hilft nichts. – Nun ich schließe, grüße Johann Görzens mit Familie und alle Bekannte.
                Der Dollar war 1 Rub 94 Kopeken. Ach wie glücklich ist derjenige, der nicht in Russland sein darf. Was meinst, geht es noch ein Erlösung für uns hier auf Erden? Uns ist die Hoffnung ganz geschwunden. Früher erlaubten andere Reiche solches nicht, was hier vorgeht.
                Dein tiefbetrübter Bruder, Franz [Martens]

 

Bemerkung von Andreas Tissen:

Dieser Brief wurde von diesen Franz Martens (P7837) Foto geschrieben.

P7837. Familie  Frans Jakob Martens (1862-13.04.1940) und Anna Dörksen (geb. Dick) (1870-21.11.1957) Dolinsk, Neu-Samara. Das Dritte Ehepaar ist Peter Jakob Martens (1893-1962) geb. in Schönau, Ukraine, gest. in Pleschanowo, Neu-Samara und Katharina Isaak (geb. Dörksen) (27.12.1897-1.08.1953) geb. in ?, gest. in Klinok, Neu-Samara. Eheschließung am 21.10.1922. Rückseite (mit Vornamen) vom Foto P7837. Mehr Einzelheiten zum Foto. [84]
   
Zuletzt geändert am 2 August, 2017