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Brief von Witwe Elisabeth Neufeld (geb. Martin Hübert) aus Kuterla, Neu Samara in der "Mennonitische Rundschau" vom 11 November 1931, Seiten 6-7

 

Abgeschrieben von Peter Letkemann.

Zugeschickt von Andreas Tissen (Email), alle seine Berichte.

 

 

Geliebte Freunde!
                Will mal versuchen, ein paar Zeilen an Euch zu schreiben in dieser schweren Zeit. Wünsche Euch dort allen die beste Gesundheit. Ich habe dort viel Freundschaft in Amerika, weiß aber keine Adresse, möchte so gern an sie schreiben, so an David Hüberts Sara, Neufelds Kinder, früher bei Sparrau, Russland. Der alte Onkel mit seiner Frau besuchten uns hier in Samara einmal, und Aron Neufelds Kinder, früher Neukirch und meines Mannes Vetter Jakob Neufeld, auch früher Neukirch und meine Halbschwester Martens. Ich bin jetzt in Kuterla bei Schartners, bin ganz arm. Doch das ist das wenigste, aber meine lieben Kinder sind alle verjagt, bekam von ihnen nicht längst einen Brief, aber o weh, Daniel [Neufeld], mein einziger Sohn seine Liese [Kornelius Dueck] schreibt, es ist aber schrecklich, wie sie dort behandelt werden, und Frau [Martin] Kröker schreibt, die Hunde hatten es zu Hause besser, das heißt die Behandlung, bloß immer geflucht und dazu sind wir alle krank, eine schreckliche Krankheit, Zinga, und dann so wenig Brot. Sie fragen, ob wir nicht hören, wie sie nach Brot schreien, von 8 bis 60 Jahren müssen alle im Wald arbeiten, ohne Ausnahme, ob Mann oder Frau. Jetzt sind sie bis 14 Jahren herab genommen, weil nicht Brot ist. Bekommen jetzt 300 Gramm den Tag, keine Kartoffeln, kein Fett, kein Fleisch, keine Milch. Liese schreibt, die Eltern und Brüder werden’s nicht mehr lange machen, Papa ist so schwach, kann nicht mehr allein gehen, ich bekomme auch nur solche Kost, schreibt sie, aber ich war von Anfang an in der Apotheke, auch noch, bin nicht so heruntergekommen, brauch nicht so schrecklich zu arbeiten. Das schreiben sie alle. Es ist eine wahre Sklaverei, es werden viele Menschen umkommen, verhungern, und in dem düsteren Walde im Sand verscharrt werden. O, es ist herzbrechend, das war schon so schrecklich schwer, als sie meinen einzigen Sohn mit Frau und 6 Kindern fortjagten. Seine Frau ist Kornelius Dücken Tochter, früher Schardau, Russland, auch auf Memrik gewohnt. Der kleinste von 2 Jahren starb auf Lusa. Und jetzt im Frühling nahmen sie auch noch meine beiden Töchter, Maria, Johann Willms mit 6 Kindern und Liese, Heinrich Willms, mit 3 Kindern. Ihre Reise, das heißt auf der Bahn, das ist erträglich gewesen, aber als sie aussitzen haben müssen! Unter freiem Himmel mussten sie aussteigen. Liese krank, die Männer schon 2 Monate eher genommen, und solche Wassernot, wie in einer Wüste. Da haben sie bis 25,000 Menschen gelegen, und von dort aus wurden sie in alle Winder verschickt. Liese schreibt, es kommt hier alle Tage ein Wagen mit ein paar Tonnen, wir stehen alle in wartender Reihe nach Wasser, bis 5 Stunden lang, aber kein Tropfen, und dann gehen sie suchen, bis 4 Werst, haben sie gehürt ist ein Fluß. Immer sehr heißer Wind, sehr ebenes Land (Steppe), kein Berg und keine Täler, gehen und schlucken Tränen, denn die Zunge will ankleben, wo sie einer Kirgisenbude begegnen, bitten sie um Wasser, aber überall wird es ihnen abgesagt. Schließ, ein alter Jude, auch so ein Ausgespiener, gibt ihnen getrocknete Fische, auch Wasser zum Trinken. Gott wird’s ihm gewiß vergelten. Aus dem Fluß haben sie sich dann einen Eimer voll Wasser mitgebracht. Gestern, schreibt sie, sind 1800 Menschen abgeschickt und es ist nicht zu erkennen, und jetzt ist wieder ein Echallon zugekommen, 2000 Mann aus Orenburg, 8 Familien Deutsche waren darunter. Weil die Familien zusammen waren, die Männer auch dabei, sind die per Bahn um etliche Zeit weitergeschickt, alle unter freiem Himmel, auch jetzt noch. Unsere sind auf Fuhren mit Kamelen nach ihren Männern geholt worden. Da müssen sie durch einen breiten Fluß fahren. Jetzt sahen sie, alles wattet zu Fuß im tiefen Sand, nur die Mütter mit ihren Kleinen sitzen auf den Fuhren, an der [Zeite?] blos ein Brett 12 Zoll breit. Da ging der Wagen schief und Maria fiel unter die Kamele, die beiden Kinder, Lydia 2 Jahre alt und Kolja 6 Jahre alt fielen ihr auf den Kopf, sie selbst weiß nichts, als dass die Kamele gleich gestanden haben, und sie gedacht hat, jetzt kommt sie um, aber die Russenweiber haben sie vorgeschleppt. Dieses war im Wasser, doch war es schon nicht tief. Sie ist wieder zu sich gekommen, nur das Genick und der Kopf schmerzen ihr noch immer, und so sind zu den Männern gefahren, liegen da draußen. Plügen Wiese bis zum Bauen. Es soll für 900 Familien gebaut werden, Erdhütten. Marie schreibt, betet für uns, nein, betet nicht, schreit für alle diese Menschen zu Gott, denn wir sind alle im gleichen Elend. O, ich könnte Euch ein dickes Buch beschreiben. Da wo die Töchter sind, da bringen die Kirgisen von über dem Fluß noch Milch, aber bei Daniel ist rein nichts zu kaufen. Da hilft kein Geld was, die sind schon 1 ½ Jahre dort, noch keine Milch gesehen, kein Fleisch, da ist keine Kuh, kein Schwein, keine Henne, keine Kartoffel, kein Vogel, rein gar nichts, die sind ganz dem Hungertode preisgegeben. Da sind schon sehr viele sehr geschwollen, auch die unsrigen. Ihr Gepäck haben sie nicht bekommen, alles ist fort. Daniel schreibt, er hat ein Hemd, hetzt hat er sich noch eins gekauft von denen die vorher hier waren. Laptjes hat er sich gekauft, hat dort auch Stiefel herausbekommen, auch einen Wattenrock. Ich hatte ihnen ein Paket mit Kleidern und waren geschickt, das haben sie noch nicht, auch wieder fort. Jetzt kann ich nichts mehr schicken. Für die Kulaken werden auch keine Pakete angenommen, Und die Kulaken, die auf Klassenlinien genommen werden, alte Tobias Voth ist auch verschickt, 69, bald 70 Jahre alt. Dort bei Daniel sind sie. Seine Tochter Liese, 19 Jahre alt, schreibt, es seien nicht weit von ihnen mehrere Tausende angekommen. Sie hoffen immer, sie werden bald nach Hause kommen, und sie schicken immer mehr hin. Sie bitten sehr um Produkte. Hier werden seit dem Januar keine Pakete für die Kulaken angenommen. Sie schreiben, dort haben schon mehrer Pakete von Amerika bekommen, jammern so, dass sie keinen Bruder oder keine Schwester in Amerika haben, der ihnen was schicken kann, deshalb bitte ich Euch, lasst diesen Brief in die Rundschau setzen, vielleicht finden sich da solche Freunde, die ein Herz für diese Armen dort haben. Jakob Neufeld, Klinok, schreibt, sie schwanken herum wie die Leichen, schrecklich mager, zerlumpt, die Mädchen haben alle so dicke blaue Ränder unter den Augen. Kleine Jungens haben sie drei, der älteste ist 14 Jahre und der jüngste 9 Jahre alt. Im Anfang schrieben sie immer, nach was sie hungerte, aber jetzt wünschen sie sich blos Brot, wenn sie hätten. Greta, 17 Jahre alt, schreibt, wenn sie so sitzen (im Winter schrieb sie das),dann rollt bei dem eine Träne herab und bei dem, dann brauchen sie gar nicht denken oder fragen, was denken die? Sie denken an zu Hause, an den Tisch. Dann besprechen sie sich, was sie essen werden, wenn sie nach Hause kommen. Die eine sagt Kartoffeln, die andere Pfannkuchen, der dritte sagt Hühnersuppe. Und dann geht’s von den Kindern und Großen wie im Chor: Fleisch und Milch und Eier, Hühnersuppe, und der Mund wird so wässerig, und dann schauen sie sich an und sagen: Ach, hätten wir doch genug Brot und Pribs, dass wir nicht tothungern brauchen.
                Aeltester Boschmann, Krassikow, hat seine vierte Frau auf dem Wege begraben, ist auch schon ganz geschwollen, mag auch schon tot sein, o wie schrecklich. O denkt Euch, auf einen Mann, 43 Jahre alt, 300 Gramm Brot und auf die Jungens ebenfalls und sonst nichts! O, Ihr lieben Menschen dort, die Ihr Euch sattessen könnt und Ueberfluß habt, denkt an die armen Verschickten, ich kann’s nicht lohnen, ich kann’s nicht, bin auch von Haus und Hof gejagt. In meiner Wirtschaft ist jetzt der Dorfsowjet, ist mir alles nicht schade, habe auch nocht nicht eine Träne um mein Vermögen vergossen, aber um meine Kinder, habe 21 Seelen dort, wovon eines gestorben ist, von mehr noch nicht Nachricht. O, es ist herzbrechend fuür eine Mutter und Großmutter, ich darf ihnen im Geist gar nicht in die Augen schauen, das ist viel zu schwer. Die unschuldigen Kinder!
                Nun muß ich schließen. Deine Mama, Nela, meinte auch, wenn Franz den Brief in die Rundschau gab, das würde nicht umsonst sein. Nela, bitte ihn darum. Grüße auch D. Thiessens am Berge und N. Thiessens. Wo wohnen Günthers und Klassens Anna? Mein Vater hieß Martin Hübert, Neukirch, viele werden ihn kennen, aus der Friedensstimme. Bitte, liebe Freunde, schickt mir einen Brief, auch Du, Susanna Neufeld geb. Thiessen. Nun seid alle gegrüßt mit Habakuk 1, 2-4.
                Jakob Martens, der Nachbar, bekam heute einen Brief von ihrer Schwester, die frühere Rempelsche von hier, sollen Pakete schicken, ist nicht und nehmen auch nicht an. Sie haben eines von Stawropol bekommen. Dort hat sie einen Bruder, und von uns haben sie einen Brief, dass es abgeschickt sei, was muß das für eine Freude sein. Wenn’s möglich ist, dann gebt diesen Brief in die Rundschau. Vielleicht sind da willige Herzen. Mein Mann hat da auch noch wo eine Tante Kröker, auch Peter Janzens Kinder, siene Vetter. Bitte Rundschau, such sie dir auf oder andere liebende Herzen.
                Ich schreibe hier die Paketadresse an Daniel. Bitte sehr, schickt was auf diese Adresse, ehe es zu spät ist: Ustj-Tschernaja, Permjazkij Orkug, Post Gajma, Daniel Danilowitsch Neufeld.
                Dies ist die Adress an Johann und Heinrich Willms. Die sind auch sehr arm, aber sie sind nicht so verhungert wie jene. Gorod Akmolinsk, Tscheljabinskij Mjas-Sowchos W.G.O. „Skotowod“, Nr. 85, Igindy-Kul, Brigada Nr. 3, Iwanu Willms.
                „Wie wird uns sein, wenn endlich nach dem schweren . . . . .?“
                                                                              Witwe Elisabeth Neufeld (geb. Martin Hübert)

   
Zuletzt geändert am 30 Juli, 2017