Vogt - Mennonitische Ahnenforschung

"Einfache Erzählung der Auswanderung der Chortitzer Mennoniten nach Rußland, ihrer Ansiedlung und weiteren Schicksale., 1857 von Johann Peters"

Abgeschrieben von Thomas Schirmacher

I. Vorerinnerung

Es liegt nicht in meiner Absicht, hier eine systematische Beschreibung des Chortitzer Mennonitenbezirks, seiner Gründung und seines Bestehens, mit genannten statistischen Angaben, zu liefern, oder überhaupt die Abstammung unserer Gemeinde nachzuweisen. Ich will nur einfach das erzählen, was mir teils aus den Mitteilungen der ältesten Ansiedler, die ich persönlich gekannt habe, als: Höppner, Hildebrand und andern, teils auch aus eigener Erfahrung und Anschauung bewusst ist. Ein in jeder Hinsicht mehr befriedigender Aufsatz, als es der meinige sein kann, vom Mennoniten Heinrich Heese, ist bereits im Unterhaltungsblatte, 6 ster Jahrgang Nr. 8, 9 u & 10, erschienen. Nur der ausdrückliche Wunsch des Herrn Vorsitzenden im Fürsorgekomitee über die ausländischen Ansiedler Südrußlands, Staatsrats Jalawin, als seine Hochgeboren sich mit einem obrigkeitlichen Besuche beehrte, konnte mich dazu bewegen, diesen schwachen Versuch zu machen und ihn ehrfurchtsvoll vor meinen hohen Vorgesetzten niederzulegen, in dem festen Vertrauen, daß er eine geneigte nachsichtsvolle Aufnahme finden werde.- Bevor ich aber meine anspruchslose Erzählung beginne, erlaube ich mir noch die Bemerkung zu machen, daß ich als ein zehnjähriger Knabe im Jahre 1806 mit meinen Eltern in Rußland eingewandert bin, und da ich auch hier erst nach Erreichung des männlichen Alters die Begebenheiten und Schicksale der Gemeinde zu beobachten anfing, mich in meinem Berichte über die erste Auswanderung der Mennoniten nach Rußland und über die Ereignisse, die derselben vorausgegangen waren und unmittelbar folgten, auf die Erzählung obenerwähnter Männer, vorzugsweise aber auf ein Manuskript gründe, das der selige Peter Hildebrand für seine Familie geschrieben hat und nach seinem Tode unter seinem Nachlaß vorgefunden ist.

II. Besichtigung des Ansiedlungsplatzes von den Deputierten Höppner und Bartsch.

Als im Jahre 1786 der Kaiserlich-russische Beamte G. Trappe in der Freien Stadt Danzig, im Auftrage seiner erhabenen Monarchin, der hochseligen Kaiserin Katharina II., einen besonderen Aufruf an die Mennoniten dieser Stadt und ihrer Umgegend ergehen ließ, zur Ansiedlung in den südlichen Steppen Rußlands, fand seine Aufforderung bei vielen unserer Voreltern ein williges Gehör.- Besorgt für das fernere Fortkommen ihrer Familien hatten sie, von denen wenige eine Scholle Erde in ihrem Vaterlande ihr Eigentum nennen konnten, sich schon mit dem Gedanken an eine Auswanderung bekannt gemacht. Daher mußte er aus Rußland herüberschallende Ruf eine gewaltige Wirkung auf sie hervorbringen; die meisten sahen und nahmen ihn als einen Ruf von Gott an. Der Major Trappe wandte sich mit dem ihm Allergnädigst gegebenen Auftrage an den Kirchenältesten Peter Epp, welcher die Sache mit Wärme aufnahm und befördern half. Natürlich war der Wunsch der Auswanderungslustigen, vorher die Gegend ihrer neuen Heimat selbst zu besichtigen, und Major Trappe sollte demselben nicht nur seinen Beifall, sondern forderte sie noch auf, ein paar Männer, die das Vertrauen ihrer Mitbrüder genossen, aus ihrer Mitte wählen und zu diesem Ende nach Rußland abzufertigen. Es geschah. Die Männer Jakob Höppner und Johann Bartsch wurden in einem dem Major Trappe vorgelegten Beglaubigungsschreiben mit sechzig Unterschriften als diejenigen bezeichnet, welche als bevollmächtigte die Besichtigungsreise nach Rußland machen sollten. Auf erfolgte Entscheidung der hohen Regierung traten sie im Herbste desselben Jahres ihre Reise auf Kosten der Krone an. Unter den heißesten Segenswünschen der Zurückbleibenden und im Vertrauen auf den allermächtigen Schutz Gottes bestiegen sie das Schiff, das sie über die Ostsee in die Grenzen des ihnen völlig unbekannten Landes bringen sollte. Die Überfahrt von heftigen Stürmen begleitet war übrigens glücklich. In Riga trafen sie bereits Schlittenweg an und reisten von hier nach kurzem Aufenthalte nach Dubrowka, einem kleinen Städtchen in Weißrusland, ab. Hier waren sie dem Oberstleutnant Baron v. Staal empfohlen. Nach längerem Verweilen setzten sie ihre Reise über Krementschuk nach Cherson fort, wo sie sich während des Winters mehrenteils aufhielten und von da aus die umliegenden Gegenden weit und breit in Augenschein nahmen. Sie erwählten sich zur Ansiedlung die Gegend bei Borislew am linken Ufer des Dnjeprs, wo der Weg nach der Krim vorüberführt und die Konskaja sich mit dm Dnjepr vereinigt.

Im nächsten Frühjahr reiste die Kaiserin Katharina II. durch die südlichen Gegenden ihres ausgedehnten Reiches nach der Krim. Die beiden Bevollmächtigten oder Deputierten, wie sie allgemein genannt wurden, hatten bei dieser Gelegenheit die hohe Ehre, am 13.Mai 1787 in Gegenwart mehrerer ausländischen Gesandten der großen Monarchin vorgestellt zu werden und ihr die Hand zu küssen. Sie wurden mit huldvollen höchsteigenen Worten der kaiserlichen Gnade versichert und durften im Gefolge der Monarchin mit nach der Krim reisen. Nach erhaltener Erlaubnis eilten sie nach St. Petersburg, um dort mit der hohen Krone die Bedingungen der Ansiedlung abzuschließen. Aber dieses Geschäft verzögerte sich hier länger als sie erwartet hatten. Sie wurden Ihren Kaiserlichen Hoheiten, dem Großfürsten Paul Petrowitsch und seiner Gemahlin vorgestellt und durften diesen durchlauchten Personen die Hand küssen. So viele Beweisse hoher Huld und Gnade, welche Rußlands erhabene Herrscherfamilie ihnen erwies, rührte sie tief und sie vertrauten sich getrost ihrem mächtigen Schutze an. Mit freundlicher Herablassung nahm der Großfürst von ihnen in einem zierlich gebundenen Buche das Glaubensbekenntnis der Mennoniten an. Nachdem die Konditionen festgestellt waren (die uns bewilligten besonderen Vorrechte später vom hochseligen Kaiser Paul I. in einem Allerhöchsten Gnadenbriefe vom 20. September 1800 Allergnädigst bestätigt, und diese kaiserliche Urkunde von den Kirchenlehrern David Epp und Gerhard Wilms aus Petersburg abgeholt), traten sie unter Begleitung des Herrn Trappe, der zum Direktor und Corator der Mennoniten ernannt wurde, ihre Heimreise über Riga und Warschau an. Kurz vor Martin gelangten sie glücklich und wohlbehalten in Danzig an, und wurden mit Freudentränen von den Ihrigen begrüßt, die in langer Besorgnis um sie geschwebt hatten. Sie waren über ein Jahr von hause gewesen, und der geschäftige Leumund hatte in ihrer langen Abwesenheit durch boshafte Verleumdungen die Aufrichtigkeit der russischen Regierung in dieser Sache zu verdächtigen gesucht. Aber der glänzende Erfolg, den die Reise der Deputierten hatte, und die Gnadenbezeichnungen der huldreichen russischen Monarchen trugen den Sieg davon. Die Auswanderungslustigen wurden in ihrem Entschluß noch mehr bestärkt und gewannen die innere Überzeugung, daß ihr Unternehmen ganz nach Gottes Willen sei.

III. Die Auswanderung

Am 9. Januar 1788 n. St. [neuer Stiel] versammelten sich die zur Auswanderung lusttragenden Mennoniten im russischen Gesandschaftspalais. Der Konsul eröffnete die Versammlung mit einer feierlichen Anrede, versicherte sie der kaiserlichen Gnade, der ihnen Allergnädigst bewilligten Vorrechte und ermahnte sie zu einem gottesfürchtigen Lebenswandel. Alles wurde jetzt zur Abreise in Bereitschaft gesetzt. Viele Mennonitenfamilien kamen aus Preußen herüber, hielten sich etwas in Danzig auf, galten als Einwohner dieser Stadt und ihres Gebiets und schlossen sich als solche der Gesellschaft an; denn der Aufruf war nur an Danziger, und nicht an die Mennoniten in Preußen ergangen. Als Reisegelder wurden ihnen von der Krone täglich zu 25 Kop. auf den Erwachsenen und zu 12 Kop. auf den Minderjährigen abgelassen. Im Frühlinge 1788, im März-Monate, brach der erste kleine Trupp von 7 Familien mit ihnen der Deputierte Höppner, zur Achse auf. Nach einer sehr beschwerlichen 5 wöchentlichen Reise in eingetretenem Tau- und Regenwetter kamen sie in Riga an, von wo sie nach Dubrowka in Weißrußland reisten. Hier fanden sich endlich auch die übrigen Auswanderer ein, welche teils denselben Weg zu Lande, größtenteils aber, ihrer Unbemitteltheit wegen, zu Wasser gemacht hatten. Die ganze Gesellschaft bestand aus 228 Familien, und wurde vom Oberstleutnant Herrn v. Staal, in der Stadt und ihrer Umgegend bis auf weiteres Order einquartiert und mit allen nötigen wohl versehen. Da der Aufenthalt in Dubrowka wegen des Krieges mit der Türkei bis zum nächsten Frühjahr dauerte, so fing die kleine Gemeinde hier schon an, das Bedürfnis einer kirchlichen Gemeindeordnung zu empfinden. Das fromme Herz der Mennoniten sehnte sich nach gemeinschaftlichen Erbauungsstunden; sie schrieben deshalb an den Ältesten, Peter Epp, daß er in ihre Mitte komme und übersandten im mit großer Bereitwilligkeit an 100 Dukaten Reisegeld. Aber Epp konnte nicht kommen, und Höppner wurde von dort aus beauftragt, Kirchenlehrer wählen zu lassen. Dies geschah und das Ergebnis wurde dem Kirchenvorstande in Preußen mitgeteilt. Dieser bestätigte laut demselben 4 Männer als Kirchenlehrer, die die Andachten leiten und die Kirchenordnung handhaben mußten. Im Jahre 1789, als bereits die Wege trocken waren, brach nun die ganze Gesellschaft aus ihrem Winterquartier auf, die Meisten auf ihren eigenen Fuhren, die sich viel von dem ersparten und Unterstützungsgeldern in Dubrowka angeschafft hatten; die übrigen aber auf Barken den Dnjepr herab von Mogiljew bis Ekaterinoslaw. In Krementschuk mußte Höppner vor dem Reichsfürsten Potjomkin erscheinen. Auf dessen ausdrücklichen Willen sollte das bei Borislaw ausersehene Landstück mit Gegend zu Chortitza am Dnjepr vertauscht werden, u. z. der erwähnten Kriegsunruhen halber. Höppner wurde beauftragt, dieselbe vorher in Gemeinschaft mit dem zum Direktor über die Ansiedler ernannten Major v. Essen zu besichtigen. Nach seiner Rückfahrt nach Krementschuk setzte der ganze Transport seine Reise fort bis Chortitz, wo sie im August 1789 ankamen.

Zwar waren jetzt alle Mühseligkeiten der langwierigen und beschwerlichen Reise vorbei, aber der Mut, welcher die Einwanderer am Anfange beseelt hatte, war auch dahin. – Der Anblick der sie umgebenden bergigen Gegend, welche nach ihrer Meinung nicht urbar zu machen wäre, des vor ihnen in Ruinen liegenden Dorfes, das kurz vorher von seinen Bewohnern verlassen und zum Teil zerstört worden war, zwischen dessen Schutthaufen einige einzelne russische Katen noch hervorragten, - der Anblick alles dieses war wahrlich nicht geeignet, den gesunkenen Mut zu beleben; er verwandelte sich in Mißmut. Dieser wurde noch vermehrt als die in Kisten eingepackten Sachen derjenigen Familien hier angelangten, welche sie nicht hatten auf eigene Fuhren mitnehmen können, und selbige deshalb teils zur Achse, größtenteils aber zu Wasser herübertransportiert worden waren: denn beim Öffnen fand es sich, daß viele Sachen gestohlen und die Lücken mit wertlosen Gegenständen ausgefüllt, viele aber auch von der Feuchtigkeit ganz verderbt worden waren.

IV. Die Ansiedlung

Die Auswanderer konnten sich immer noch nicht entschließen, zur Ansiedlung zu schreiten: sie sahen sich in ihrem, freilich übertriebenen Erwartungen getäuscht. Zudem war auch das Bauholz ausgeblieben, ihre Vorräte aufgezehrt und die Unterstützungsgelder nicht mehr verabfolgt. Außerdem, in dem befindlichen Hütten Wohnenden, mußten sie alle in Zelten oder in ihren verdeckten Wagen biwouakieren. Ein großes Sterben stellte sich unter ihnen ein und die rote Ruhr raffte viele Opfer dahin. Die Behörde sah sich schon genötigt, alle diese Obdachlosen für den Winter in der Festung bei Alexandrowsk und im Kronsdorfe Woloschskij bei Ekaterinoslaw einzuquartieren und aus den Kronsmagazinen zu nähren. Spät im Frühjahre 1790 wurden sie auf ihren Ansiedlungsplatz zurückgerufen und mußten endlich zur Ansiedlung schreiten. Die eingewanderten 228 Familien gründeten jetzt die 8 Kolonien: Chortitza, Rosental, Insel Chortitza, Einlage, Kronsweide, Neuenburg, Neuendorf und Schönhorst. Es wurden aber wenige Häuser erbaut, mehrenteils nur Erdhütten ausgegraben. Der Deputierte Bartsch ließ sich in Rosental nieder, und Höppner auf Insel Chortitza, einer schönen, im Dnjepr gelegenen Insel.

V. Weitere Ereignisse nach der ersten Ansiedlung

Der Zustand der Ansiedler war wirklich bedauernswürdig. Mißmut über fehlgeschlagene Hoffnung, aus den Beschuldigungen über die beiden Deputierten hervorgingen, falsche Vorstellung über die Untauglichkeit der Berge zum Ackerbau, welche sich immer mehr festwurzelte, und Niedergeschlagenheit waren die herrschende Stimmung unter ihnen. Selbst von allem entblößt, was ihnen zum Anfang nötig war, erhielten sie auch die von der hohen Krone abgelassenen Vorschußgelder (a, zur wirtschaftlichen Einrichtung auf jede Familie 500 Kop. Und b, von der Ankunft an Ort und Stelle bis zur nächsten Ernte auf jede Seele 10 Kop.) in so kleinen Summen, daß sie ohne Nutzen für die wirtschaftlichen Einrichtungen verbraucht wurden. Das verabfolgte Bauholz wurde den Dnjeprstrom herabgeflößt, und unsere Ansiedler bestimmten 6 Männer zum Empfange und zur Bewachung desselben, bis es an Land geschleppt sein würde. Es wurde ihnen aber unter den Händen von räuberischen Leuten in großen Partien weggestohlen und die Wächter durch Steinwürfe vertrieben.- Als endlich nach einigen Jahren die Meisten schon in Häusern wohnten und durch neue Ankömmlinge von 118 Familien die Kolonien Schönwiese und Kronsgarten 1797) gegründet worden waren, hatte sich der Zustand im allgemeinen noch wenig verbessert. Als Fremdlinge welche die hohe Regierung bevorzugte, wurden sie von den Nachbarn angefeindet. Die Armut war groß. 4-6 Wirte mußten zusammenstehen, um notdürftig den Ackerbau zu bestellen. Die Pferde wurden ihnen oft vom Wagen oder vom Pfluge geraubt, oder aber von der Weide entführt, wo sich nicht unter gehöriger Aufsicht gehalten werden konnten. Wie groß die Armut eigentlich gewesen ist, erhält aus folgendem Beispiele: Der damalige Älteste Bernhard Penner sollte die Taufhandlung besorgen, hatte aber an diesem feierlichen Akte keine Stiefeln anzuziehen, und war auch nicht im Stande, sich solche anzuschaffen. Da traten drei der ersten Männer in der Gemeinde zusammen, zwei gaben das Material her, und der dritte, der Deputierte Bartsch, verfertigte ihm ein Paar Stiefeln. Dieser klägliche Zustand dauerte mehrere Jahre fort. Ein Absatz der Produkte fand sich nicht. Der Geldmangel machte sich außerordentlich fühlbar. Zu diesen äußerlichen Notständen gesellten sich noch innere Uneinigkeiten, welche die beiden Ältesten Cornelius Regier und Cornelius Warkentin im Frühjahre 1794 aus Preußen herriefen. Gott segnete die Bemühungen dieser frommen Männer, sie konnten die streitenden Parteien versöhnen und Frieden und Ordnung wieder herstellen. Es war das Bestreben unserer Gemeindeältesten gewesen, die ganze Auswanderungsgesellschaft welche aus flämischen und friesischen Brüdern bestand, in eine Gemeinde zu vereinigen, was aber, unabhängig von den Zwistigkeiten, dennoch nicht geschah. Die flämische, als die größte, nahm ihren Hauptsitz zu Chortitz, und die friesische zu Kronsweide. Schon waren die beiden preußischen Ältesten, Ausgangs Mai, bereit, ihre Rückreise anzutreten, als der Älteste Regier erkrankte und auch bald starb. Unter einem zahlreichen Gefolge wurde er auf dem Kirchhofe zu Chortitz in die Grabesgruft gesenkt. Und die gegenwärtige Generation hat ihm in dankbaren Andenken ein schönes, einfaches Grabmal gesetzt Warkentin mußte also seine Rückreise im Spätsommer desselben Jahres allein antreten.

Die kirchliche Ordnung und innere Einrichtung der Gemeinde war nach herkömmlichen Gebrauche befestigt, aber zur Hebung des Wohlstandes geschah nichts. Die erste Verwaltung der Kolonien von Direktoren, welche ihren Sitz in Chortitz hatten, konnte diesem Notstande wenig helfen, und zum Teil mochte ihnen das Wohl der Kolonisten auch nicht sehr am Herzen gelegen haben. Mit der Einrichtung des Vormundschafts-Comptoire für die ausländischen Ansiedler, in Ekaterinoslaw, im Jahre 1800, fing aber der Zustand der Kolonien an sich zu heben. In den Jahren 1803 und 1804 kamen frische Einwanderertruppen von Mennoniten in Chortitz an, die sich an der Molotschna niederlassen sollten, und schon einiges Vermögen hatten. Sie winterten in unseren Kolonien und ihre Dukaten, welche für Nahrung und Quartier in Umlauf kamen, halfen manchen schon zu etwas Gelde.

Wenn später auch noch für den Fortschritt nachteilige Ereignisse eintraten, als: Mißwuchs und kärgliche Ernten in den Jahren 1823, 24, 33, 42 und 45, Viehseuche in den Jahren 1804, 9, 10, 12, 13, 28 u. 33 und Überschwemmung 1820, 1829 und besonders 1845, von welchen letzteren jedoch nur die am Dnjepr gelegenen Kolonien heimgesucht wurden, so konnten solche wohl den Gang einer allmählichen Entwicklung des Wohlstandes hemmen, aber nicht ganz aufhalten.

Der Oberrichter des erwähnten Comptoire, der wirkl. Staatsrat v. Contenius, war der Mann, den Gott uns zur Zeit schenkte, damit wir unserer Bestimmung im neuen Vaterlande entgegen geführt würden. Von christlicher Menschenliebe durchdrungen, beschäftigte er sich mit seltener Treue und großer Umsicht mit Angelegenheiten der Gemeinde. Kein Wirtschaftszweig, der wichtig werden könnte, blieb von ihm unbemerkt. Er richtete sein Auge sowohl auf die Hauswirtschaft, als auch auf die Viehzucht und den Ackerbau; verschaffte Mittel zur Herstellung der nötigen Geräte und Werkzeuge, bereitete oft in Person die Kolonien und belehrte die Ansiedler, wie sie das Ding anzugreifen hätten, wenn es erfolgreich sein sollte, strafte und vermahnte sie mit Worten: kurz, er behandelte sie wie seine Kinder, und wahrlich: sein Andenken wird in unserem dankbaren Herzen nie erlöschen: es wird wie des eines geliebten Vaters geehrt. – Die Viehzucht, zum Teil mitgebrachtes Vieh mit hiesigem vermischt, suchte er durch Anschaffung guter Zuchttiere zu verbessern. Die Schafzucht führte er ein. Durch seine Bemühung erhielt die Gemeinde von der Krone 30 Stück spanischer Schafe, 15 Böcke und 15 Mütter, geschenkt und auf seine Anordnung wurde mit diesen Stammtieren eine gemeinschaftliche Schäferei gegründet, auf welcher jetzt noch Zuchttiere für die Herden der Ansiedler gezogen werden. Dadurch wurde die Veredelung der Schafe bewerkstelligt. – Herr v. Contenius sah aber noch weiter. Er erkannte, daß sich unsere Gegend zur Umpflanzung des Maulbeerbaumes eigne, ließ im Jahre 1801 bei Rosental eine gemeinschaftliche Pflanzschule anlegen, in welcher nicht nur Obst-, sondern auch Maulbeerbäume für die Ansiedler gezogen wurden. Bei jeder Kolonie wurde eine Maulbeerplantage angelegt; einzelne Ansiedler mußten sich mit der Züchtung der Seidenraupen abgeben. Leider hatte dieser Erwerbszweig anfangs keinen rechten Erfolg. Erst später, als unter Sr. Exzellenz, dem wirkl. Staatsrate v. Hahn, der mit kräftiger Hand die Zügel der Kolonialverwaltung ergriff und im Geiste seines würdigen Vorarbeiters des sel. Herrn v. Contenius, für das Wohl seiner ihm untergebenen Kolonien wirkte, - im Jahre 1842 zur Erweiterung der Plantagen zu ½ Desätine auf den Wirt, geschritten, die Hälfte mit Maulbeer- und die andere mit Waldbäumen bepflanzt, und die Seidenzucht mit neuem Eifer betrieben wurde, dann erst entwickelte sich diese, besonders in den letzten 10 Jahren, in auffallend rascher Weise. Im vorigen Jahre 1856, wurden ___Pud______ Pfund reiner Seide erzielt, und für die namhafte Summe von ____ Rbl. ___ Kop. Silber veräußert. Sie bildet jetzt schon eine von den Haupteinnahmen des Bezirks.

VI. Die Insel Chortitz.

Im vorhergehenden habe ich ganz kurz der wichtigsten, mir bekannten Begebenheiten erwähnt, welche die Auswanderung und Ansiedlung unserer Älteren begleiteten, manches vielleicht zu wenig gedacht und in einige mich auch wohl zu ausführlich ergangen. Ich erlaube mir jetzt mit meiner Erzählung noch nach der Insel, dem Wohnorte des sel. Höppner, überzugehen – Die Insel hat durch ihre Lage, Schönheit und die geschichtlichen Erinnerungen, welche sich an sie knüpfen, eine Art Berühmtheit erlangt, und schon oft die Ehre hoher Besuche gehabt. Selbst dem Auge Sr. Durchlaucht, des Reichsfürsten Potjomkin, war diese anmutige Dnjeprinsel nicht entgangen, und er hate, da sie früher sein Eigentum gewesen, die Anlage eines Schlosses auf derselben im Sinne gehabt. Der Bauplatz war schon bestimmt gewesen, und neben demselben auch der Anfang einer Gartenanlage gemacht worden, von welcher noch einige Gestrüppe von Kirschbäumen vorhanden ist. Auch läßt sich noch ziemlich genau die Linie auffinden, in deren Richtung der Postweg über die Insel nach Alexandrowsk führen sollte. Der beigelegte Plan, von dem das Original auf den Wunsch Seiner Exzellenz, des Ekaterinoslawer Gouvernementschefs, Herrn Geheimrats Fabel, angefertigt und demselben vorgestellt worden, gibt ein deutliches Bild dieser nicht ausgeführten Entwürfe. Sr. Durchlaucht. -Die Insel, nach der auf derselben gegründeten Kolonie Chortitz genannt, befindet sich etwa 15 Werst unterhalb der berühmten Wasserfälle des Dnjeprs, ist ungefähr 7 Werst lang und 3 Werst breit, und zieht sich in einem Bergrücken, welcher unten in eine schön waldbewachsene Ebene übergeht, von nord-west nach süd-ost. Sie eignet sich mehr zur Viehzucht als zum Ackerbau, da der Boden durchweg sandig ist und bei trockenen Jahren einen sehr geringen Ertrag dem Acker abgewinnen läßt; dagegen das Vieh bei dem spärlichen, aber saftigen Grase und dem so vortrefflichen Flußwasser ganz gut gedeiht, und nur bei ungewöhnlicher Dürre darben muß.- Als unsere Auswanderer die Insel bezogen, war sie überall mit einem üppigen Graswuchs bedeckt. In den bald folgenden dürre Jahren aber rissen heftige Stürme auf hochgelegenen Stellen die leichte Rasendecke auf und förderten Flugsand ans Tageslicht, welcher sich rasch verbreitete und die ganze Insel zu versanden drohte. Der im Herbst 1830 gemachte Versuch, durch Besehung solcher Sandstellen mit Winterroggen der Verbreitung Einheit zu tun, mißlang vollständig. Da wurde dieser Sand im Jahre 1832 mit Sandwiesenstrauch bepflanzt, und dieses Verfahren erfreute sich des besten Erfolges. Das Fliegen des Sandes ist nicht nur gehemmte, sondern das auf demselben in einem Flächenraume von etwa 112 Ds [Desjatinen]. Gegenwärtig wachsende Strauch, ein Eigentum unserer Dorfgemeinde, wirft auch noch für die Wirtschaft jährlich eine Menge Brenn- und Nutzholz ab, welches zum besten gedeihen er Pflanzung öfters weggehauen werden muß.- Die vor einigen Jahren versuchsweise angepflanzten Fichten und hin und her zerstreut stehenden Pappeln gedeihen auf dem Sande vortrefflich.- Das untere Ende der Insel ist mit den schönsten Naturwaldungen bedeckt. Unsere Väter trafen hier die herrlichsten hochstämmigen Eichen, Linden, Rüstern, Pappeln, und andere Gehölzarten, welche aber, da über sie keine Aufsicht war, von jedermann willkürlich zu beliebigen Zwecken gefällt wurden und immer mehr schwanden. Als endlich im Jahre 1831 eine strenge Überwachung sämtlicher Forsten eingeführt wurde, war dieses herrliche Urwaldung der bisherigen Willkür schon erlegen. Niedriges Gestrüppe, aus dem selten die Krone eines Hochstammes hervorragte, nahm ihre Stell ein. Uns blieb die Aufgabe, sie durch zweckmäßige Behandlung wieder zu heben, und man sieht jetzt auch wirklich wieder schlanke Eichenstämme zu Tausenden erstehen und ihre grünen Blätterkronen, gleich einem Laubdache, immer höher treiben. Dieser ganze Waldanflug ist ein Eigentum der Bezirksgemeinde, und zählt gegenwärtig über 49000 Eichen, 4000 Rüstern und 1100 Linden, ohne die nicht in Rechnung genommenen Pappeln und Weiden. Kruschke oder Holzbirnen sind auf der ganzen Insel zu finden und zählen über 4500 Stämme, von welchen sich etwa 2000 auf dem sogenannten Baumfelde, wo sich der Hochrücken der Insel allmählich zu verflachen anfängt, in malerisch zerstreuten Gruppen und einzelnstehenden Bäumen befinden. Gegen Norden, bis an die äußerste Spitze, hat die Insel steile Ufer, welche oft durch tiefe mit Wald ausgefüllten Schluchten, Einschnitte und auch durch jähe Felswände unterbrochen werden. Die nördliche Hälfte der Insel, durch einen Quergraben abgeteilt, wird allein als Weideland benutzt, da es zum Akkerbau zu hoch und sandig ist. In dieser Gegend betrachtet man mit Aufmerksamkeit kleine Verschanzungen und Gräben in geordneten Reihen dahinziehen, und zwar schon mit Rasen überwachsen, aber dennoch sehr deutlich zu erkennen sind. Sie sind bleibende Denkmäler aus einer vergangenen Kriegszeit und erwecken in uns manche Vorstellung über die blutigen Kampfszenen, welche vielleicht lange vor dem Erscheinen unserer Väter hier mögen stattgefunden haben, auf derselben Insel, wo statt der schnaubenden Kriegsrosse jetzt unsere Herden in friedlicher Eintracht ihre Nahrung suchen, und statt des Kriegers mit dem gezückten Schwerte, der Ansiedler mit der Pflugschar oder Sense zu Felde zieht. Betrachtet man sämtliche Reduten in ihrem Zusammenhange, so entdeckt man ein ganzes Festungssystem, und dasselbe nicht unbenutzt geblieben ist, davon liefern die von den ersten Ansiedlern hier aufgefundenen Pfeile den deutlichsten Beweis. Ja selbst Flinten und Kanonenkugeln, alte Münzen mit dem Gepräge des Halbmondes oder mit der Aufschrift „Siegesmund, König von Polen“, welche man gefunden hat, zeugen von den Wechselfällen des Krieges, die über die Insel ergangen sind.

An der östlichen Seite der Insel, hart am Wasser, liegt die Kolonie Insel Chortitz. Im Rücken hat sei eine hohe, zum Teil mit Gehölz bedeckte, zum Teil mit Maulbeerbäumen bepflanzte Bergwand.- Anfangs hatten die Einwanderer nicht die Absicht, hier ihre Niederlassung zu gründen. 12 Familien, mit ihnen Höppner, zogen gleich auf die Insel und fingen an, ihre Wohnungen in gemessener Entfernung voneinander längs des östlichen Ufer zu erbauen, damit jeder, wie sie dies in Preußen gekannt hatten, in der Mitte seines ihm zugehörigen Landstückes wohne. Höppner erbaute sich schon im Herbst 1789 sein Wohnhaus in dem sogenannten Kirschgarten, auf demselben Platze, wo Fürst Potjomkin die gedachte Gartenanlage begonnen hatte. Die übrigen 11 Familien bauten sich erst in den nächstfolgenden Jahren an. Sie waren aber kaum mit der ersten Einrichtung ihrer Häuser fertig, als sie auch schon aus der Notwendigket erkannten, enger zusammenzuziehen und sich in geschlossener Reihe niederzulassen. Sie fühlten sich vor der Raubgier der umwohnenden Nachbarn nicht sicher und sahen nicht nur ihr Eigentum, sondern auch ihr Leben bedroht. Ein ausserordentlicher Vorfall ließ sie diesen Plan rasch ausführen. Höppner, der mit Bartsch zusammen die ganze Ansiedlung leitete, galt allgemein für reich, und sein rascher Erfolg in der Errichtung seiner eigenen Wohnung, welcher freilich blos von seinem entschlossenen und unternehmenden Charakter abhing, schien diese Annahme zu rechtfertigen. Er kehrte eines Abends bei bewölktem Himmel und großer Dunkelheit von einer Geschäftsreise aus Chortitz nach Hause zurück. Niemand von seinen Hausgenossen empfing ihn. Der Regen fing an herabzuströmen, ein greller Blitz durchzuckte die Luft und ließ auf einen Augenblick die nächsten Gegenstände erkennen. Zu seinem Schrecke erblickte Höppner einen Kerl vor sich stehen, der das Gewehr auf ihn gerichtet hielt. Doch, dank der gnädigen Bewahrung Gottes das Zündkraut war durchnäßt und das Mordgeschoß versagte. Er rief seinen beiden Geführten die mit ihm gekommen zu, sich zu wehren, aber der Überfall war zu unerwartet und Übermacht zu groß. Höppner erhielt einen Schlag mit dem Flintenkolben auf den Arm, wurde überwältigt und samt einem seiner Gefährten geknebelt. Dem anderen gelang es, unbemerkt zu entwischen. 6 Räuber waren noch bei Tagen in Höppners Wohnung eingedrungen, hatten alle Bewohner derselben gebunden, die wertvollsten Sachen zusammengepackt, sich mit den vorgefundenen Gewehren bewaffnet (Höppner war ein gewandter Jäger) und so den Hausherrn erwartet, um von ihm das Geld zu erpressen, das nach ihrer Meinung da sein müsse, sie aber nicht finden konnten. Während sie jetzt mit Ungestüm auf Höppner eindrangen, Geld herzugeben, war der davongekommene Gefährte des Höppner, Namens Hildebrand, nach dem nahegelegenen Wächterhäuschen, wo ein alter Korporal als gewesener Wächter des fürstlichen Gartens wohnte, und von da zu den übrigen deutschen Ansiedlern geeilt, um Hilfe zu holen. Der alte Korporal fiel sogleich auf eine Kriegsliste. Er lief in den nahen Wald und mit dem lauten Rufe: „Gej neschi sjuda!“, als wenn er schon mit den Ansiedlern herbeigeeilt käme, setzte er die Räuber in Furcht. Mit Schrecken wurden sie jetzt gewahr, daß der dritte Deutsche fehle, rafften bestürzt einige wertvolle Sachen zusammen und machten sich mit der größten Eilfertigkeit auf die Flucht, selbst das wenige vorgefundene Geld von etwa 14 Rubeln liegenlassend. – Dieses Ereignis machte die Ansiedler furchtsam; rasch bewirkten sie ihr Zusammenziehen, und bauten sich in einer geschlossenen Kolonie auf dem Platze an, den wir noch bewohnen.-

Alle Gefahren, Mühseligkeiten und Hindernisse, mit denen unsere Väter gekämpft haben, sind nun vorüber. Wir haben unser neues Vaterland liebgewonnen und leben unter dem mächtigen Schutze unseres erhabenen und geliebten Landesvaters und unter der weisen Verwaltung einer hohen Obrigkeit glücklich und zufrieden. Ja, wir genießen in Frieden die goldenen Früchte, welche aus den Entbehrungen, der Not und dem Leiden unseren Älteren so herrlich hervorgewachsen und herangereift sind. Wir segnen den Entschluß, der sie nach Rußland geführt, und preisen ehrfurchtsvoll die Vorsehung Gottes, welche alles so wohl gemacht hat.

Verfaßt im Namen des Mitgliedes des landw. Vereinss Johann Peters zu Insel Chortitz 1857