Vogt - Mennonitische Ahnenforschung

Meine Reise nach Turkestan am 2. März 1894 - Ältester Wilhelm Is. Dyck (1854-1936)

Hinweis: Die PDF stammen vom Mennonite Heritage Archives und wurden zu einer PDF zusammengesetzt. Mit freundlicher Erlaubnis

Ältester Wilhelm Is. Dyck (1854-1936) wird wohl noch vielen Lesern aus Rußland, Polen undKanada bekannt sein. Er war als Kind verwaist und wurde in das Heim einer Familie Krahn aufgenommen. Nachdem er die Zentralschule in Chortitza absolviert hatte, wurde er als Schreiber der Wollost angestellt. Im Jahre 1877 verehelichte er sich mit Maria Riediger, die in Kiew Lehrerin gewesen war.

Einer ihrer Vorfahren war Heinrich Heese (1787-1868), ein bekannter Erzieher und Administrator. Er war auch Sekretär des großen Leiters der Rußlandmennoniten, Johann Cornies.

Im Jahre 1892 wollten Geschwister Dyck nach Amerika auswandern, aber diese Pläne wurden durch den Ausbruch einer Choleraepidemie vereitelt. Sie zogen nach Reinfeld, wo Br. Dyck zum Prediger gewählt und ordiniert wurde. Er wurde zugleich Reiseprediger, und seine Reisen führten ihn nach Polen im Westen, nach Samara und Orenburg zwischen Wolga und Ural, und sogar nach Turkestan im Osten.

Diese letztere Reise unternahm er mit Jakob Reimer, teilweise in einer Postkutsche, da nicht überall Bahnverbindungen bestanden.

Die Pferde wurden alle 25 Meilen gewechselt, um die Reise zu beschleunigen.

Unser gegenwärtiger geschichtlicher Beitrag ist ein Tagebuchbericht von Br. Wilhelm Dyck von dieser Reise. Der Berichterstatter berührt besonders durch seine Frische und eine hervorragende Beobachtungsgabe, die bald hier, bald dort einen interessanten Punkt oder eine besondere Begebenheit in das Blickfeld rückt.

Nach der Rückkehr von dieser Reise beschloß Wilhelm Dyck in Rußland zu bleiben. Nach zwei Jahren starb seine erste Frau. Im Jahre 1897 heiratete er seine zweite Frau Emilie Poetker.

Um seine wirtschaftliche Lage zu verbessern und den Gemeinden zu dienen, die es am dringendsten bedurften, kaufte er erst 1900 in Petrowka mit anderen eine Schlichtmühle, dann baute er 1903 mit drei anderen Partnern eine große Dampfmühle in Millerowo, wo er auch zum Ältesten ordiniert wurde.

Oft wurde Ältester Wilhelm Dyck ersucht, die Mennoniten in Verhandlungen mit der Regierung zu vertreten. Im Zusammenwirken mit A. Sehellenberg gelang es ihm, der MB-Gemeinde in Rußland volle Anerkennung als religiöse Körperschaft zu erlangen. Bei einer Gelegenheit wurde er vom Zaren für seine Verdienste mit einer Medaille ausgezeichnet.

Später kam Ältester Wilhelm Dyck nach Kanada, wo er in Gnadental und Niverville wohnte. Hier ist er auch am 2. März 1936 verstorben.

Das Manuskript der Beschreibung seiner Reise nach Turkestan hat uns sein Schwiegersohn, Br. C. A. DeFehr freundlichst zur Verfügung gestellt. Außer einigen Veränderungen, die sich wegen des kurzgefassten Tagebuchstils als notwendig erwiesen, habe ich das Manuskript wörtlich wiedergegeben.

Die biographischen Angaben sind dem Buche "Memories of My Life" von C. A. DeFehr entnommen, dem wir auch das Bild von Ältesten Wilhelm Dyck verdanken.

Meine Reise nach Turkestan am 2. März 1894

Den 2. März fuhr ich bis Alexandrowsk u. Jekaterinoslaw über Andreasfeld. Den 3. verbrachte ich in Jekaterinoslaw, und auch den 4. März: Abends ging es weiter nach Naumenko. Bin am 5. daselbst angekommen. - Blieb Sonntag, den 6. März dort und war auf der Hochzeit des Br. Joh. Pauls mit Elisabeth Thießen. Den 7. war ich auch noch auf Naumenko in beiden Dörfern. Den 8. fuhr ich nach Slawjansk und zurück. Mittwoch, den 9. fuhr ich nach Bachmut und traf mit Br. Nikkel zusammen.

Den 10. blieb ich in Kramatorowka mit ihm Nacht. Am. 10. März morgens fuhr ich ab, dem Kuban zu und traf zu meiner Freude auf Chorciskaja mit Br. Reimer zusammen, dessen Reisegefährte ich sein sollte. - Noch vor Taganrog schienen mir zwei Passagiere aufzufallen, denn sie merkten öfter auf uns. Auch wir fingen an, sie zu beobachten. -Der eine Herr, ein ernster Mann, seinem Äußeren nach ein Deutscher, der andere ein Armenier. In Taganrog stiegen wir aus, um etwas zu genießen. Die Herren ebenfalls dasselbe, und bei Tische bemerkte ich, wie der Deutsche, der mehr ernst aussehende Mann, vor dem Essen die Hände zum Gebet faltete. Nachdem wir wieder eingestiegen waren, fragten sie uns nach unserem Reiseziel, wohl auch nach dem Zweck. Sie hatten in sich selbst, wie der Deutsche sagte, erraten, wer wir wohl sein müßten. Nach wenigem Hin- und Herreden erkannten wir uns als Gläubige an den Herrn Jesus. Wiewohl wir verschiedener Bekenntnisse waren, war die Unterhaltung bald eine sehr erbauliche und wohltuende. Abends kamen wir nach Rostow, wo sich der neue Freund verabschiedete, Geschäfte halber in die Stadt zu fahren. - Er hatte ein schönes, in Leder mit Goldschnitt gebundenes Neues Testament, an dem ich großen Gefallen hatte, doch weil ich glaubte, er werde wohl nur eins mithaben auf der Reise; sprach ich meinen Gefallen daran oder den Wunsch, solch eines zu besitzen, gar nicht aus.

Wir mußten zwei und eine halbe Stunde im Wartesaal auf unseren Zug warten. Gingen in dieser Zeit noch etwas zum naheliegenden Markt, Einiges für die Reise zu kaufen u. durften endlich auch in den für uns passenden Zug einsteigen. Nachdem wir unsere Plätze eingenommen hatten, trat mit einmal unser früherer Reisegefährte ein und sagte: "Ich hatte keine Ruhe im Quartier, ich mußte herkommen, um euch dieses Testament zu geben, vielleicht habt ihr es nötig, es auf der Reise zu verschenken“. Ich bat ihn nun, mir zu erlauben, dieses zu halten und zwei andere dafür zum Verschenken zu kaufen, was er mit größter Freude bewilligte. –

Nachdem der 2. Glockenschlag die baldige Abfahrt des Zuges meldete, verabschiedete er sich herzlich mit Händedruck und Bruderkuß. - Es erfüllten sich hier die Worte Petri aufs neue aus Apg. 10, 35: "In allerlei Volk, wer Gott fürchtet und Recht tut, ist ihm angenehm."

- Die Nacht durchgefahren, kamen wir ohne besondere Begebenheiten bei ziemlich nassem Wetter den 12. morgens auf Bogoslowskaja an. Da die Brüder am Kuban von unserem Kommen nicht wußten, so war auch niemand da, uns abzuholen.

  1. Fortsetzung

Ein gewisser Martens jedoch aus dem Oberdorfe nahm uns mit und brachte uns zu Geschwister Jacob Berg. Die herzlichste und freundlichste Aufnahme wurde uns daselbst zuteil. Wir blieben daselbst bis gegen Abend und unterhielten uns mit den lieben Geschwistern, sowie mit anderen, die auch herzukamen. Br. Jacob Berg fuhr uns dann ins Oberdorf zu Geschwister Giesbrecht, wo wir übernachteten. Tags darauf, Sonntag, den 13., war eine gutbesuchte Versammlung in Wohldemfürst. Nachmittags war Aufnahmehalber eines Jünglings Bruderberatung, und machte Br. Reimer wie auch ich, Mitteilungen über unsere Reise nach Rumänien und Bulgarien. Br. Schmidt hielt eine Ansprache und nachdem wurde zum Schluß das Abendmahl - Gedächtnismahl unseres Herrn gefeiert. Der Tag wurde im Segen begonnen und auch im Segen beschlossen.

Einen kurzen Besuch machte ich noch bei Br. Schmidt und dem alten Br. Huebert. Letzterer sagte auf meine Antwort, daß wir erst im Mai zurückkämen, "Dann bin ich schon im Himmel!"- Zur Nacht fuhr ich zu Geschwister Johann Berg in Alexanderfeld. -Er war leiblich krank. Den 14., d.h. Montag, wollten wir sonst weiterreisen, doch war Br. Reimer etwas übel, und so verschoben wir die Abfahrt auf den 15., ließen aber zugleich für den 14. des Abends Versammlung bekanntmachen. - Die Versammlung reichlich besucht, besonders auch von den Sabatharianern. Der Herr bekannte sich zu seinem Worte. Es rauschte der Geist des Herrn in der Versammlung. Mehrere waren bewegt. Vor Abend hatte ich Gelegenheit, mit Br. Joh. Fast einen kranken Bruder zu besuchen, derselbe ist vom Schlaganfall getroffen und kann nicht die Versammlung besuchen, wünschte aber doch das Gedächtnismahl zu feiern. - Wir begaben uns zu ihm und trafen eine Schwester schon an, andere kamen noch zu, so daß wir unser elf Personen waren. Es wurde uns so heimatlich zu Mute. Sangen daher zum Schluß einige Verse aus dem Liede "Wie wirds uns sein, wenn endlich nach dem schweren" usw.

Dienstag also, den 15. morgens geleiteten uns die Brüder zum Bahnhof und bald waren wir reisefertig, nachdem wir Billete genommen und Briefe an unsere Lieben daheim auf die Post gegeben hatten. Wir hatten zwei Wege möglich zu fahren, doch seiner Merkwürdigkeit wegen wählten wir den über Wladikawkas und das Gebirge nach Tiflis führenden. Nicht weit durften wir fahren, um Berge zu sehen, wie ich sie noch nicht sah. Einer mit Namen "Baba Gora" trägt auf der Spitze die Gestalt eines Menschenoberleibes. Es sah überall noch winterlich aus, wiewohl der Ackermann dem Worte des Herrn gemäß "Frühe säe deinen Samen" hie und da mit seinem Pfluggespann auf dem Felde zu sehen war. Kurz vor Tiflis tat ein Mann Nachfrage nach Gesellschaft für die Fahrt über das Gebirge. Wir erklärten uns bereit Kompanie zu machen. Als der weg ging, äußerte ein blasser, hagerer Jüngling, daß er auch gern mit uns zusammenfahre.

Es war bereits dunkel geworden und der grelle Pfiff der Lokomotivpfeife meldete unsere Ankunft in . Tiflis. - Wir stiegen aus und fuhren zur Post, wo wir uns für den nächsten Tag ein Fuhrwerk bestellten und unserem kranken Reisegefährten zusagten, mit uns zu reisen, weil derjenige, der sich früher angemeldet hatte nicht kam.

Am Mittwoch, dem 13. traten wir also zu dritt die Reise in die Gebirge an, nachdem wir uns noch vorher Burkastiefel für die Kälte in den Bergen gekauft hatten. Unser Reisekollege war ein Ossetine, der in einem Predigerseminar studiert, Krankheitshalber jetzt zu seinen Eltern fuhr für einige Monate. Anfänglich schien das Wetter nicht günstig zu werden; die Wolken verhüllten die Berge, auch die Sonne und ließen hin und wieder ihre sonst so wertzuschätzenden Tropfen fallen, die uns jetzt jedoch nicht besonders freudig stimmten. Auf unser Seufzen hörte jedoch der Herr und heiterte den Himmel auf und ließ den Nebe schwinden, und siehe da, es war alles gut. – Was der Herr macht, das gerät wohl.

Wir hatten den billigsten Wagen genommen, aber es fuhr sich verhältnismäßig ganz gut. Die Wege sind sehr gut in Ordnung, überall Chaussee. Wir steckten uns daher unser Reiseziel ziemlich weit, doch unsere Gedanken so weit sie auch mitunter fliegen, bleiben weit zurück von den Gedanken Gottes. Trotz schönstem Wetter, das wir hatten, konnten wir die Spitzen des Kasbeck nicht sehen, weil die Wolken sie verhüllten.

Die Fahrt ging mitunter an hohen Felswänden entlang, wo man durch Sprengen mit Pulver in den Steinwänden den Weg gebahnt hatte. Auf einer Stelle warfen wir Steine nach unten und konnten bis 15 zählen, ehe sie unten die Fluten des Terek berührten. Über uns waren Felswände von mehr als doppelter und dreifacher Höhe. Der Weg zieht sich durch die Gebirgsschluchten am Fluße Terek entlang. –

Und wo sich nur ein geeignetes Plätzchen zeigte, da konnten wir auch die eigenartig gebauten. Hütten der Gebirgsvölker sehen. - Alle haben sie ein flaches Dach, welches Spielplatz für die Kinder, Heuschoberplatz usw. ist. An Stelle der Fenster sahen wir nur hie und da Löcher in den Wänden. Alles zusammen machte den Eindruck der Armut. Bei jeder solcher Ansiedlungen war ein mehr oder weniger hoher Turm, der in früheren Zeiten wohl als Festung gedient hat. Auf den steilsten Bergabhängen konnte man auch auf jetzt fast unzugänglichen Vorsprüngen Trümmer solcher Türme wahrnehmen. Ja, wir staunten oft über die Mühe, welcher sich die Leute sich unterworfen haben, solche Burgen zu bauen. Unter anderen zeigte unser Kutscher uns die Ruinen der Burg der gewesenen Kaiserin Tamar. Auf schwindelnder Höhe, nahe am Abhang über dem Terek, muß sie zu seiner Zeit sehr stark gebaut worden sein, denn die Ruinen davon ragten noch hoch in die Luft hinein.

Grusiner und Oßetinen sind die Bewohner dieser Gegend, welche wenig bietet für den Unterhalt des Menschen. Vor der Station Kasbeck zeigte uns der Kutscher eine Stelle, wo der Fluß Tereck durch einen Bergrutsch auf etwa drei Stunden, wie uns später gesagt wurde (wir lasen es auch) dreihundertfünfzig Fuß hoch verschüttet worden sei im Jahre 1831, nach der Inschrift an der Felswand, brach der scheinbar kleine Fluß doch mit seiner Gewalt, die ihm durch den Druck von oben gegeben wird, durch und legte sich sein Bett wie früher in der Tiefe der Schlucht. In den Bergen soll durch die Gletscher des Kasbeck dieser Rutsch verursacht worden sein, so daß daselbst eine Kluft von einem Faden Breite entstanden sei.

Da man, wie die gelehrten Ingenieure konstatiert haben, einen zweiten Rutsch zu erwarten hat, so ist bei der Kluft fortwährend Wache. Wir waren also auf unserem Wege scheinbar in Gefahr und doch so getrost, und zudem las Br. Reimer nach Psalm 65, wo es in Vers 7 heißt: „Der Berge fest setzt in seiner Kraft und gerüstet ist mit Macht.“ – Der Höchste hält nicht nur den Kasbeck, sondern die ganze Erde, und konnten wir ganz getrost singen: „Fels des Heils, geöffnet mir, birg mich, ew’ger Hort, in dir“ –

Kurz vor der Station passierten wir eine Brücke, von wo aus unser Fuhrmann uns versprochen hatte, den Kasbeck zu zeigen, doch vergeblich mühten wir unsere Augen ab, denn Wolken verhüllten auch hier wieder unseren Blicken das gewünschte Bild. Wir wurden aber auf hoher Bergesspitze eine Kirch gewahr, welche ihre Türme hoch zu den Wolken erhob.

  1. Fortsezung

Viele Pilger sollen, wie man sagte, zu Fest- und Fastenzeiten die Berge erklimmen und dort anbeten. Also noch immer jene samaritische Meinung, daß man auf diesem oder jenem Berge anbeten müsse, um vor Gott angenehm zu sein. - 0 Herr, sende mehr Licht, ja erfülle uns mit Gehorsam unsererseits, das Licht möglichst hoch auf den Tisch zu stellen, d.h., mit Wort und Werk, Wandel und Tat zu bezeugen, Christus sei der Herr, und sonst keiner mehr. Angekommen auf der Station, umringten uns Oßetinerknaben, die Bergkristall zum Verkauf anboten. Wir kauften ihnen einige Stücke ab, aber um so zudringlicher wurden sie. Sie loszuwerden war nicht möglich, und selbst als wir den Balkon des Hauses bestiegen hatten, um eine bessere Ansicht der Umgebung zu haben, standen sie unten, ihre Ware anbietend. - Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihnen eine Münze zuzuwerfen; da ging jedob das Raufen los, bis einer den Sieg davontrug. Es tat mir leid, dieses getan zu haben, aber noch mehr betrübte es mich, als nun ein Knabe aus Neid dem Sieger die Mütze wegnahm und davonlief. - Dieser weinte nun natürlich. Ich ging vom Balkon, um dem Armen zu seiner Mütze zu verhelfen, aber, der Übeltäter war davon. Ich bot daher einem anderen Knaben eine Münze, wenn er mir die Mütze bringe. Er brachte sie auch bald.

Auch hier war es wahrzunehmen, was der Herr sagt, "Das Dichten und Trachten des Menschenherzens ist böse von Jugend auf. - Bei diesem Vorfall kam ich bei einem Monument vorbei mit der Inschrift: "Zur Erinnerung an die Durchfahrt der Kaiserin Maria Feodorowna mit Seiner Kaiserlichen Hoheit, dem Thronfolger Nikolai Alexandrowitsch und dem Großfürsten Grigorij im Jahre 1888. Die Durchfahrt dieser erlauchten Personen hat das Gute mitgebracht, daß der Weg auch an den Felswänden überall fünf Faden Breite haben soll. Es wird daran auch gearbeitet. Wenn auch bedauernd, den Kasbeck nicht gesehen zu haben, so fuhren wir doch mit frischem Wagen und Gespann froh weiter, immer höher steigend. - Um uns herum die Berge in Schnee gehüllt, während der Weg von demselben gereinigt war. Auf der nächsten Station angekommen, eröffnete man uns, daß der Weg durch Lawinen verschüttet sei und die Fahrt für heute unmöglich. - Unsere Gedanken hatten sich weiter gestreckt, doch wie schnell fügten wir uns in andere Gedanken weil wir mit unseren doch nichts ausrichten konnten.

Speisten im Büfet, welche auf allen Stationen, ähnlich wie auf Eisenbahnstationen sind, und schrieben dann Briefe an unsere Lieben die bei solchen Gelegenheiten sich besonders dem Herzen erinnern.

Die Nacht mußten wir uns auf einem Sopha und einer Bank lagern. - Weil uns der Postaufseher sagte, noch sei nicht Nachricht gekommen, ob die Fahrt offen sei, und daß er jedenfalls dieselbe erst abwarten müsse, ehe er die Post befördern und dann erst die Passagiere abfertigen könne, so entschlossen sich einige Offiziere schon in der Frühe ein Privatfuhrwerk zu dingen und fuhren mit demselben ab. Wir warteten jedoch noch bis um 10 Uhr ungefähr. Als jene Herren nicht zurückkehrten, schlossen wir daraus, es sei der Weg schon passierbar, wie auch Noah einst daran erkannte, daß das Wasser verlaufen sei, weil der Rabe nicht mehr zurückkehrte. Wir nahmen alsdann auch das Angebot eines Ossetinen an, der versprach, uns bis zur Station zu bringen. Wiewohl sein Aussehen kein vertrauenerregendes war, so sagte er doch zu uns, es habe uns geglückt, wir hätten einen guten Menschen getroffen. Ein kleiner Schlitten, der fast nur aus Stäben zusammengebaut war, sollte zur Fahrt dienen. Das Pferdchen davor war dem ähnlich sehr dürftig an Muskelfleisch, während die Knochen fast nur mit dem Fell bedeckt waren. Unsere Sachen wurden an die Stäbe befestigt, welche als Unterlage dienten, und wir setzten uns, einer am anderen haltend, auf dieselben. Anfänglich hielt ich noch mit einer Hand unseres sich sehr gemütlich tuenden Kutschers, der uns immer Trost zusprach. Er selbst hatte seine Füße schon außerhalb des Schlittens, denn es war kein Raum mehr da. Bald gelangten wir denn auch bis zur Stätte des Unfalls, wo die Schneemassen uns den Weg verschüttet hatten. Der Weg war bereits eine ziemliche Strecke gereinigt, bis zu der Stätte, wo die Hauptmasse heruntergestürzt war. Etwa fünfhundert Mann waren mit ·Schneeschaufeln beschäftigt. Es war der Weg auf Stellen bis zur Höhe von drei Faden verschüttet. Auch waren fünf Personen mit verschüttet. Drei davon hatte man lebendig hervorgegraben und einen bereits tot, der fünfte lag noch irgendwo im Schnee. Auch die drei lebenden zeigten, wie man uns sagte, wenig Hoffnung auf Genesung; Es ging ganz gut unter der Obhut unseres Herrn, denn der Herr, welcher die Berge festsetzet in seiner Kraft, ist auch gerüstet mit Macht die Schneemassen festzuhalten. Mitunter fuhren wir zwischen mehr denn zwei Mann hohen Schneemauern hindurch u. dann ging es wieder hoch auf die Lawinen hinauf und hinüber, mit den verschiedensten Biegungen, bei deren einer ich das Gleichgewicht verlor und in den Schnee stürzte. Das nämliche Los wäre wohl auch Br. Reimer zuteilgeworden, wenn nicht zur verhängnisvollen Minute unser Kutscher ihn an den Füßen ergriffen hätte und das Gleichgewicht wieder hergestellt. Vor den gefährlichen Stellen, welche mit roten Fahnen gekennzeichnet waren, hielt unser Kutscher mitunter an, das Pferdchen ausschnaufen zu lassen; um dann im Gallop vorbeizujagen. Auf der alljährlich gefährlichsten Stelle hat die Regierung Vorrichtungen gemacht, daß der Schnee über Abdachungen des Weges hinüberstürzen muß. Auf erhöhten Punkten sahen wir Wächter mit blauen Brillen über den Augen stehen und ihren Blick auf die Bergesspitzen gerichtet, von denen nicht, wie es in Ps. 121, 1 heißt, Hilfe kommen sollte, sondern von wo Gefahr neuer Verschüttungen drohte, um augenblicklich bei Schneerutsch Signal geben zu können, damit die beschäftigten Arbeiter sich retten könnten. Diese Wächter hatten ihre Augen so fest auf die Berge gerichtet, daß sie unser Vorbeifahren garnicht beachteten, wohl wissend, daß die kleinste Versäumnis die schwersten Folgen nach sich ziehen könnte.

Nachdem wir diese Stelle passiert hatten, gelangten wir bald an den Höhepunkt des Berges, den wir passierten, 7694 Fuß über dem Meeresspiegel. Von da an ging es bergab, auch noch an gefährlichen Stellen vorüber. Eine Stelle bezeichnete unser Fuhrmann uns, auf welcher er auch drei Stunden unter Schnee begraben gewesen sei. Seine zwei Pferde waren den Abhang mit der Lawine zusammen hinuntergestürzt und dabei umgekommen. Er sagte, als man ihn ausgegraben hätte, wäre es ihm. gewesen, wie wenn der Himmel voller Sterne. leuchtete, wiewohl es am hellen Tage gewesen sei.

Glücklich u. wohlbehalten kamen wir auf der Station Guadaur an. - Hier bekamen wir wieder Postpferde oder besser gesagt, Postfuhrwerk, denn man fuhr uns mit einem Pferde, weil die zu fahrende Strecke nur bergab ging, und zwar in solchem Zickzack, daß es halbwegs schien, als seien wir noch in der Nähe der Station, die wir verlassen hatten. Auf der folgenden Station gab man uns zwei Pferde, beide Schimmel, von denen sich einer ziemlich ungebärdig stellte und beim Losfahren sprang und schlug. Der Kutscher lenkte bergan und in den Schnee, sonst hätte es wohl noch gefährlich werden können. Br. Reimer war bereits aus dem Wagen gesprungen. Er hatte sich jedoch nicht beschädigt. Als wieder alles in Ordnung war, fuhr unser Junge gründlich zu, daß wir die vor uns abgefahrene Chaise noch überholten, so daß der Schimmel wenigstens für einige Zeit seine Springlust vergaß.

Nun sollten wir, wie uns gesagt worden war, die schönste der Stationen am Wege treffen mit Namen "Pacanaur". Sie kam uns auch in Sicht. Ein etwas besiedelter Ort mit einem schön von außen angestrichenen russischen Kirchlein, ist diese Station. Mehrere Kronsgebäude für die Bergingenieure und andere Beamten, sowie die schönen Gartenanlagen, ließen uns diesen Ort recht lieblich erscheinen zwischen den hohen Bergen. - Von hier führte unser Weg ein Tal entlang, wo wir bald links, bald rechts einen recht lustig murmelnden Gebirgsbach hatten. Auf hohen Bergesgipfeln sahen wir wieder die früheren Bilder von Wohnungen und Türmen der Ortsbewohner und staunten mitunter, wie die Leutchen sich solche Plätze für ihren Anbau ausgesucht hatten. Es erklärte sich dieses uns jedoch bald von selber dadurch, daß wir sahen, wie die Lawinen immer in den Schluchten herniedergekommen waren, die Bergrücken also davor geschützt waren. Es wurden uns die Worte des Psalmisten aus Ps. 40,3, "und stellte meine Füße auf einen Fels, daß ich gewiß treten kann", hier recht klar, wie viel es zu bedeuten habe, einen sicheren Platz zu haben. –

Weil wir am nächsten Tag, den 18. gerne bis Tiflis oder Mzcheta zum Eisenbahnzug kommen wollten, fuhren wir etwas spät bis zur Station Dµschet. - Hier übernachteten wir, und weil unser Reisegefährte krank war und dazu wenig Kleidung bei sich führte, überließen wir ihm einen Divan, und Br. Reimer und ich suchten, so gut als möglich, uns zusammen auf einem zu bequemen, indem wir durch Beisetzen unserer Koffer die Lagerstätte erweiterten.

Nahe bei der Station liegt ein kleines Städtchen gleichen Namens, meistenteils von Militär bewohnt. Hier hatte es nachts etwas geschneit, im Gegenteil von dem, was wir erwartet hatten, denn nach dem, wie uns unterwegs, gesagt worden war zu schließen, erwarteten wir hier schon Frühlingswetter und belaubte Bäume. Zwar sahen wir schon Bäume mit etwas Grün, auch einige der uns bekannten Frühlingsblumen, hatten jedoch stürmisches Wetter mit etwas Schnee. Nach etwa zwei Stunden vor Abfahrt des Zuges nach Tiflis erreichten wir die Station, recht froh, den Postwagen mit dem Stationssaal und hernach mit dem Eisenbahnwagen verwechseln zu dürfen. (Fortsetzung folgt)

  1. Fortsetzung

Wir speisten auf der Station zu Mittag, ordneten unser Gepäck, und so verstrich die kurze Zeit bis zur Abfahrt. In weniger als zwei Stunden waren wir bei Regen und etwas Schneewetter auf der Tifliser Station. Wir stiegen hier nur aus, um Wasser zu trinken. Die Aussicht war uns durch die trübe Witterung genommen. Weiter landeinwärts bemerkten wir bald, wie das Land meistens kanalisiert war und somit also auch bewässert wurde. Je näher wir Baku kamen, desto öder wurde die Gegend, und auf der letzten Strecke sahen wir schon Leute auf Eseln und Kamelen ihre Waren über die Berge transportieren. –

Vor der Stadt angekommen, zogen große dicke Rauchwolken nach links unsere Aufmerksamkeit auf sich. Es sind da etwa 2 - 3 Werst von der Stadt die so ergiebigen Naphtequellen, von wo aus das Petroleum zu Tausenden von Puden den Europäischen Märkten zugeführt wird. Der Preis desselben hier am Ort sei 10 Kopeken pro Pud, wie man uns sagte. - Am Bahnhof bestiegen wir eine Droschke und fuhren zum Hafen, um zu erfahren, wann die Schiffe abgehen. Nachdem man uns gesagt hatte, Montag können wir erst fahren, nahmen wir Quartier im Hotel Metropole Nr. 22.

Nachdem wir etwas gespeist hatten, machten wir uns auf den Weg zum Hafen, näheres über unsere Fahrt zu erfahren. Von hier aus gingen wir zu dem am Berge liegenden Kirchhof, um eine letzte Aussicht über die Stadt zu gewinnen. - Bald hatten wir denn auch die ganze Stadt nebst Umgebung in Sicht. Die dichtaneinander hinlaufenden platten Dächer machen einen eigentümlichen Eindruck.

Nur wenige Häuser haben Dächer, wie wir sie bei uns gewohnt sind. Eine große im Bau begriffene Kirche erhebt sich auf dem höchsten Punkt der Stadt. Bald lenkten jedoch die Grabmäler unsere Aufmerksamkeit . auf sich, mehr als die Stadt selbst. So verschieden, wie wohl der Stand der Begrabenen, so verschieden waren auch die Denksteine. Schöne Obelisken, einzelne wohl auch von Marmor, kennzeichneten die Stätten, wo dieser oder jener seine Lieben beerdigt hatte. Recht schöne Inschriften waren mitunter in den Fels eingemeißelt. Andere lauteten auch weniger hoffnungsvoll. -Deutsche, russische, französische und andere Inschriften zeigten uns die verschiedenen Nationalitäten der hier Ruhenden. - Geboren in Thüringen oder· Libau usw., gestorben in Baku. Welche Wellen der Erfahrungen mögen sich wohl an der Geschichte dieser Leute gebrochen haben. - Tiefe, an die Ewigkeit erinnernde Gedanken durchwogen einem das Herz bei solchen Stationen, und man freut sich, einen Ruheort unter dem Kreuz auf Golgatha zu des Heilands Füßen gefunden zu haben. Durch den Wächter auf den neuen Kirchhof aufmerksam gemacht, begaben wir uns auch noch dahin, wo wir Gelegenheit hatten, einer Leichenbestattung zuzusehen. Die Begleiter der Leiche zeigten, mit wenigen Ausnahmen, selbst im Angesichte des Toten, große Leichtfertigkeit. Besonders zeichneten sich darin zwei Herren aus, welche ein schönes Fuhrwerk hatten. Aus ihrem ganzen Benehmen zu schließen mußten es reiche Leute sein, die vielleicht mehrere Petroleumquellen besaßen und nun auf ihren Reichtum trotzten.

Doch ach, wie plötzlich werden derartige Leute mitunter zu nichten und fahren dahin, ihre Tausende und Millionen hier lassend. Wann kommt die Zeit, daß alle Welt erkennen wird: "Wer in Jesu Heil gefunden, hat ein unaussprechlich Gut," und wann werden wir oder ich stets in völligem Glaubensbewußtsein des Reichtums in Christo wandeln! Er ist uns gemacht zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung. Welche Fülle, aus der. wir schöpfen sollen.

Auf dem Heimwege kauften wir auf eigene Rechnung einige Früchte für die Seefahrt, und nachdem wir uns etwas an denselben erquickt und Briefe geschrieben hatten, gingen wir wieder aus, um einen Turm zu besteigen, welcher am Meeresstrande steht und gegenwärtig als Leuchtturm dient. Ein junger Mohamedaner führte uns für 5 Kop. zum Eingang und meldete uns durch einen Zug an der Glockenschnur beim Turmwärter an. Dieser erschien auch bald u. führte uns durch die dunklen Gänge mit einer Laterne hinauf. Starke und dicke Mauern umschlossen einen leeren Raum, der seiner Zeit, da die persischen Chans noch ihre Herrschaft hier hatten, zum Zufluchtsort in Notzeiten gedient haben soll. Der Turm ist 98 Fuß hoch, und die Strahlen des Lichts von seiner Spitze zeigen dem Auge des Seemannes bei Nacht in weitester Ferne das Ziel, worauf er hinzusteuern hat. Der Meeresseite zu ist vor dem Turm; an seine Seitenwand sich fest anschließend, ein fest aus Stein gemauerter Wellenbrecher, um den hier Zuflucht gefundenen auch Schutz sogar vor den Elementen der Natur zu bieten, und trotz alledem sind die früheren Beherrscher dieses Gebietes nicht mehr da. Mancher von ihnen ist auch wohl schon unter den Toten. Denn hier ist wohl auch anzuwenden:

 "Einem Könige hilft nicht seine große Macht." Der Tod ist zu allen Menschen durchgedrungen. Abends begeben wir uns bald zur Ruhe, uns und unsere Lieben daheim der Obhut des Herrn befehlend. Der Sonntag, der 20. März, verlief uns in stiller Ruhe, die wir in Betrachtung des 27. Psalmes suchten. So verliefen unsere Stunden bis zur Abfahrt mit dem Schiffe "Zesarewitsch Aleksander." Ehe wir noch das Schiff bestiegen, hob es an zu regnen und auch Wind ließ sich hören. Trüber Nebel verhüllte auf Minuten die Sonne und es schien eine stürmische Fahrt zu werden. Bei der Mittagstafel meldeten sich hie und da Symptome der Seekrankheit. Auch ich verspürte Schwindel beim Essen. Nach dem Essen legte ich mich zur Ruhe, welches mir wohl tat. Als ich etwa 8 Uhr abends erwachte, regnete es noch etwas, auch ließ sich der Wind hören. Um Mitternacht jedoch hatte sich der Himmel aufgeklärt und die Wellen gelegt, so daß wir auf dem oberen Verdeck lustwandelten, bis der Morgen dämmerte. Etwa 3 Uhr morgens bekamen wir das Licht des Leuchtturms zu Krasnowodsk zu sehen und wußten nun, daß wir im Meerbusen von Krasnowodsk seien. Die Matrosen ließen hier auf einer Stelle das Senkblei in das Wasser, um die Tiefe desselben zu ermessen. Bei Tagesanbruch schauten wir fleißig nach dem ersehnten Landungsplatz aus, doch vergebens. Da bekamen wir jedoch mehrere Schiffe zu sehen und auch eine vor Anker liegende Barke. An letzterer legte unser Schiff an, und uns wurde gesagt, es werde ein anderes Schiff kommen, welches uns nach Usun Ada bringen sollte. Solches kam auch nach einer halben oder ¾ Stunden und nahm uns samt allen anderen und Gepäck auf. Nach etwa 2 Stunden langten wir in Usun Ada an.

  1. Fortsetzung

Der Hafenplatz war mit Menschen besetzt, die entweder jemand ihrer Angehörigen erwarteten oder andere, die sich als Gepäckträger anboten. Wunder hat es mich genommen, welche Lasten diese asiatische Völker tragen können, wunderte ich mich über die Esel, so über die Menschen noch mehr.

Usun Ada ist ein kleiner Flecken mit mehr, wie es scheint, nur provisorisch erbauten Häusern. Kein Baum ziert die Gärten, denn es sind keine da. Fliegender Sand ist der Boden, worauf der Flecken angelegt ist, und rundrum sind ebenfalls hohe Sandberge. Einen bestiegen wir. Wie man sagt, soll die Bahn nach Krasnowodsk gebaut werden und dann ist es aus mit dem Dasein dieser Station. Bis Abend mußten wir auf den Eisenbahnzug warten.

Etwa um 7 Uhr durften wir einsteigen, und der Herr führte es so, daß wir eine recht gute Reisegesellschaft hatten: drei bucharische Kaufleute und ein russischer Handelsreisender.

Die Bucharen erwiesen sich als Israeliten, und als sie sahen, daß wir freundlich gegen

die Juden gesinnt seien, gewannen sie Zutrauen. Durch sie erfuhren wir manches über die Umgegend und die Bewoh ner derselben. Den 22. März fuhren wir los und durchfuhren öde baumlose Steppen, jedoch war Gras, auch hie und da Weizenfelder zu sehen. Die Luft sah so wie mit Staub angefüllt aus.

Auf der - Station Bacharden blühten die Apfelbäume. Die Städte Aschabad und Merv liegen an der Bahn, Buchara etwa zehn Werst seitwärts.

Bei der Station Geokteppe sind Ruinen einer Festung, die inwendig einen Raum von etwa 10 Dessatin umschloß. Die Mauern waren nur von Lehm. Ein großer Grabhügel mit einem weißen Kreuze zeichnete die Stätte wo die russischen Krieger zur Zeit der Unterwerfung ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten.

In Buchara nahmen unsere Reisegefährten herzlichen Abschied. Ihre Angehörigen erwarteten sie schon. Sie waren bereits 3 Monate von Hause fort. Mitunter dauerte ihre Reise auch 11 Monate. Freitag, den 25. März morgens kamen wir in Samarkand an und ließen uns gleich zur Post fahren. Schöne Baumalleen begrenzen den 3 Werst langen Weg zur Stadt vom Bahnhof, und die Stadt selbst ist wie im Walde. Letzteres besonders der von den Russen angelegte Teil. Bei der Abgabe eines Grußes an einen Agenten eines Transportkontors, nahm derselbe Gelegenheit uns eine Koschma Burr zu schenken, unsere Koffer zu bebinden, was uns sehr gelegen kam. Auf einer sogenannten „Trechimanko" traten wir nun unsere noch cirka 600 Werst lange Wagenfahrt an. Die Sarten feierten gerade ihr Jahresfest "Mairam", daher hatten wir Gelegenheit beim Durchfahren von Samarkand, und zwar des Mohammedanischen Teils die verschiedensten Typen der asiatisch Bevölkerung zu sehen. Die Frauen sind allgemein verschleiert, doch lugen sie hin und wieder aus ihrem Versteck hervor, ihre Neugierde zu stillen.

Bald nach der Stadt durchfährt man den Zerawschan, ein wie man sagte, zu Zeiten reißender Gibirgsfluß. Das Wasser kam den Pferden bis an den Bauch, doch weil wir einen Vorreiter hatten, der von der Regierung da angestellt ist, so sahen wir keine Gefahr. Ein Rest einer seiner Zeit auf hohen Bogengewölben erbaut gewesenen Brücke zeigte uns die Macht dieses Gewässers zur Zeit des Hochwassers. Man sollte denken: Wie war es möglich, daß solche Mauerwerke vom Wasser weggespült werden konnten? Ja, man hatte eben den Grund auf Sand gelegt, und als die Gewässer kamen, da fielen die Mauern. Bis zu dem Städtchen Dschudak, wo wir in der Abenddämmerung anlangten, ging die Fahrt, die Wagenstöße abgerechnet, verhältnismäßig gut. Auch hier wurden uns alsbald Pferde gegeben, doch unser Kutscher nahm sich einen Begleiter mit bis zum nächsten Dorf, wo Mairam gefeiert wurde. Unterwegs sprachen sie der Flasche zu und fuhren ziemlich tapfer drauflos. In dem betreffenden Dorfe angekommen, hielten sie mit uns mitten in dem Gewühl der bei Laternenlicht nicht vertrauenerweckend aussehenden Söhnen der Wüste an und suchten nach einem Kutscher, dessen Aufgabe es war unsere Pferde zu fahren, so daß uns die Gemütlichkeit, wie man uns behandelte, nicht besonderes Behagen erweckte. Es erschien uns daher wie eine ganz besondere Wohltat vom Herrn, als mit einmal ein russischer Polizist zu unserem Wagen trat und den Kutscher aufforderte zu fahren.

Als unser neuer Kutscher erst auf dem Bock war, lüftete er die Zügel und es ging im vollsten Sausen davon, denn der Abbruch vom Feste mochte ihm wohl schade sein. Sie feiern ganz großartig, auch schon mit Schießen von Raketen, usw. Doch die Fahrt sollte so noch nicht fortgehen.

Plötzlich stürzte ein Pferd, wodurch die anderen erschreckt zur Seite liefen. Das gestürzte Pferd kam vom Wagen los und ging durch, und unsere anderen beiden ebenfalls. Der Kutscher fiel vom Bock. Der Herr führte es jedoch so, daß der Kutscher die Leine festhielt. Br. Reimer sprang aus dem Wagen. Zuletzt blieben die Pferde jedoch stehen, und nachdem alles wieder ausgebessert war, fuhren wir weiter. In etwas über einer Stunde waren wir doch 15 Werst gefahren und fuhren von hier noch eine Station.

Morgens, den 26. März, um halb acht Uhr, setzten wir unsere Reise fort. Der Weg zu den ersten Stationen, die 22 bis 23 Werst voneinander liegen, führt durch die sogenannte · "Golodnaja Stjep" - Hungersteppe.

Die Steppen sind unbesiedelt und werden nur Ende März, April, Mai und Anfang Juni beweidet. Hin und wieder sahen wir denn auch Zelte aufgeschlagen, uns daran erinnernd, wie auch einst die Altväter der Bibel in Zelten gewohnt und mit ihren Herden hin und her gezogen seien. Sobald es warm wird, verdorrt die Weide, und das Volk zieht dann mit den Herden in die Berge. Auffallend viel Schildkröten waren auf dieser Steppe, · während wir keine Feldmäuse daselbst gesehen haben. Von Regierungsseite sind in dieser wasserlosen Steppe in ermessener Entfernung voneinander grosse Brunnen gegraben, wo die durchreisenden Karawanen ihre Lasttiere, und auch wohl die Hirten ihre Herden tränken können. Da kann es denn leicht passieren, daß einer vom andern verdrängt wird.

Schluß

Den Berg hinab zum Syr Darja zufahrend, tauchten aus einem Wäldchen die , Turmesspitzen einer russischen Kirche hervor. Und o, wie heimelte es uns an, in öder Steppe, mitten unter den mohammedanischen Völkern ein Zeichen von Christentum zu sehen. Über den Fluß führte eine fliegende Fähre. Ziemlich müde erreichten wir den Flecken Tschunad, eine russische Ansiedlung.

Die netten, ordnungsmäßig gebauten und angetünchten Häuser und die sie umgebenden Gärten ließen uns diesen Ort recht heimatlich erscheinen, gegen die finsteren Gebäude der Sarten und Kirgisen.

Noch etwa 32 Werst und wir waren am Ziele. Wunderbar führte es der Herr, daß auf dieser Station der Wagen eines Kaufmannes war, der nach Taschkent sollte. Derselbe wurde uns gegeben und wir durften nun ferner nicht umladen.

Mit dankerfülltem Herzen für die Wohltat, die der Herr uns unerwartet zugesandt hatte, ging's wieder weiter. Unterwegs begegneten wir einer Reiterschar von etwa 50, vielleicht auch mehr Reitern, von denen einer ein totes Kalb oder wohl einen Ziegenbock mit sich führte. Auf der Station in Taschkent, wo wir 10 Uhr abends anlangen, nachdem wir 155 Werst zurückgelegt hatten, erzählte man uns: daß irgend ein reicher Sarte eine Ziege schenke, die einer dann geschlachtet zu Pferde nahm, und dann ging das Treiben los, sich die Ziege zu entreißen, so daß solches Opfer mit unter in Stücke zerrissen werde. Der letzte Sieger ziehe dann voran im Triumph dem Heimatdorfe zu.

Sonntag, den 27. März, feierten wir in Taschkent. Man könnte sie Pappelstadt nennen, denn die Bauten verschwinden den Blicken des Beschauers hinter den hohen Pappeln.

Überall an den Steigen sprudelt in Kanälen das Wasser aus den Bergen. Der russische Stadtteil ist planmäßig schön angelegt, und das Zentrum ziert das schöne, noch ganz neue Palais des Großfürsten Nikolai Konstantinowitsch, der sich hier durch Kanalisierung der Steppen sehr verdient gemacht haben soll. Die Obstbäume blühten auch hier schön.

Besonders auffallend wird einem die Schar der Reitenden Voreinwohner dieser Gegend, denn sie kommen fast immer zu zweien auf einem Pferde, auch sahen wir sie auf den Eseln zu zwei reiten: Es bildet mitunter solch eine Reitgersellschaft eine ganz dramatische Erscheinung, wenn z.B. einer auf einem Kamel kommt, zwei auf dem Pferde, eine Frau mit Kind auf dem Esel, und ein vierter Reiter sitzt auf dem Ochsen, was nicht selten vorkommt. Dem Ochsen hat man einen Pfahl durch das Nasenbein getrieben, woran ein Strick festgebunden ist und womit man ihn dann lenkt.

Wir gingen zur Erholung in den Stadtgarten, dessen großartig ausgebautes Tor uns ein recht vielversprechendes Innere des Gartens erwarten ließ, doch das war anders. Der Garten war für den Empfang von Gästen noch nicht in Stand gesetzt, auch waren in ihm nicht sonderlich schöne Anlagen. Vor einem in der Mitte des Gartens aufgerichteten Denkmal nahmen wir Platz, um uns einen Psalm zu lesen. Psalm 34 erbaute unsere Herzen. Vers 7 und 8, sowie Ps. 33, 14, waren mir wie ein Balsam auf eine Wunde. Wie wunderbar die Wege Gottes sind, darüber haben wir hier die beste Gelegenheit nachzudenken. Vor etwa 30 Jahren hatten hier noch die asiatischen Völker gehaust, und nun ist hier auch das Szepter unseres großen Zaren wirksam. Die wilden Völker sind unter das Gesetz getan und wir konnten nun ganz ruhig mit dem Evangelium reisen. Eine Statue, welche aus Bronze gegossen einen russischen Soldaten mit russischem Panier vorstellte, ruhte auf einem Fundament, das Ruinen einer Festung darstellte.

Montag, den 28. März ließen wir uns photographieren und traten wieder unsere Reise an. Verhältnismäßig gut und rasch ging es vorwärts, ohne besonderen Aufenthalt. Bemerkenswert ist, daß auf den Stationen überall die Heilige Schrift liegt zum Lesen für die Reisenden. In den vor nur noch wenigen Jahren angelegten Dörfern hat die Regierung Schulen, auch hin und her Kirchen erbaut. Dienstag, den 29. März hatten wir 4,5 Stunden Aufenthalt, weil es an Pferden fehlte. Der Weg wurde uns schon etwas lang, auch war unser Mundvorrat aus den Körben bereits verzehrt. -Wunderbar hatte der Herr auch wieder gesorgt. Auf der Station, wo wir nächtigen mußten, hatte man einen Beamten erwartet und zu dem Zweck ein Huhn gebraten, da er jedoch nicht gekommen war, so wurde uns dasselbe angeboten, welches Angebot wir annahmen. Gesund und wohlbehalten langten wir den 30. März in Aulie-Ata an, etwa um 3 Uhr nachmittags.

Br. Reimers Verwandte, Geschwister Wall, trafen wir daselbst an, und auch Br. Johann Klaßen, welcher uns erwartete, nach der Ansiedlung zu fahren.

Nachdem wir Tee getrunken hatten, fuhren wir nach der Ansiedlung zu bis zum Kurg, wie sie es nennen. – Eine Schlucht zwischen zwei hohen Bergen, etwa von der Höhe von 2000 Fuß. Unten in der Schlucht murmelte der Talas. – Ein Br. Derksen hat daselbst eine Auffahrt. Hier blieben wir zur Nacht mit Br. Peter Wall und Abram Wiebe zusammen.

 Letztere fuhren den 31. schon früh aus, um uns anzukündigen. Uhr 10 vormittags langten wir bei unseren Brüdern an. Vor dem Dorfe ist ein Friedhof, welcher uns bestätigte, was Hebr. 13,14 sagt: Wir haben hier keine bleibende Statt.

Durchschnittlich haben die Mennoniten nicht große Häuser und fast ausnahmslos mit Lehmdächern. - Die schönen Anpflanzungen von Pappeln und Weiden, auch stellenweise Aprikosen und Kirschen, sowie Äpfel, lassen die Dörfer· recht einladend erscheinen, nur fehlt es an Kalk oder weißer Erde. Die Häuser sind nicht getüncht. –

Die Ansiedlung besteht aus fünf kleinen Dörfern und liegt in einer Talebene von etwa 10 Werst Breite. Das Tal begrenzen nach Nord, Ost und Süd hohe Gebirge, die bei Pischpek die Höhe von 15000 Fuß erreichen. Ihre Gipfel sind stets mit Schnee bedeckt. Brunnen hat man keine, sondern jeder Ansiedler hat einen Teich auf dem Hofe, aus welchem der Bedarf an Wasser genommen wird. Die Teiche werden, gefüllt durch Zufluß aus den Kanälen (Arecken), die von den Flüssen Urmural, Kumuschtag und Talas kommen. Alles Land muß gewässert werden, wenn es Frucht bringen soll. Getreidesorten sind meistenteils Weizen und Hafer, und mitunter Leinsamen und Hirse. Futterklee ist sehr gebräuchlich. Kartoffelbau - blühend. Kartoffelstärke, Käse, Butter, Eier und Schweinefleisch sind die gewöhnlichen Handelsprodukte.

Bei Geschwister Wall fanden wir freundliche Aufnahme und Quartier. - Bis Sonntag, den 3. Mai, machten wir Hausbesuche. Sonntag hatten wir gut besuchte Versammlung, denn von der ganzen Ansiedlung kamen Zuhörer, weil auch die Köppentaler Gemeinde ihren Gottesdienst eingestellt hatte und ihre Glieder zur Brüder, Versammlung kamen.

Auf Vorschlag ihres Ältesten, Br. Johann Regier wurde bestimmt, die ganze Zeit unseres Hierseins die Versammlungen zusammen zu haben. Die Brüder haben ein ziemlich geräumiges Versammlungshaus, welches Karfreitag 400 Zuhörer einschloß. Es war für diesen Tag Kindergottesdienst anberaumt, welcher herrlich seinen Verlauf nahm. Viel Gnade durften wir sehen. Brüder und Schwestern richteten sich, und Unbekehrte taten Buße. Eine schöne Erweckung brach aus. An den Abenden war unser Quartier stets voll besucht von suchenden Seelen. Viele fanden Frieden im Blute Jesu und bekannten ihre Schulden.

Anmerkung der Redaktion: Hier schließt der Bericht des Ältesten Wilhelm I. Dyck von seiner Reise nach Turkestan. Das Manuskript ist nicht beendet worden. Wir wissen nicht, wie die Brüder Dyck und Reimer in ihre Heimat zurückkehrten. Wir wissen aber, daß sie den Zweck ihrer Reise erreicht haben. Unsterbliche Seelen durften gerettet werden, und das ist mehr wert als die ganze Welt mit ihren Schätzen. Dieses war auch nicht die letzte Reise der beiden Gottesmänner. Sie haben noch lange und auf verschiedenen Stellen im Segen gewirkt. Ihr Beispiel sollte auch uns anspornen, Seelen für den Herrn zu gewinnen.