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Brief von Cornelius Klassen, Samara, in der Zeitung "Mennonitische Rundschau", vom 7. Juni 1922, Seite 13

 

Abgeschrieben von Lydia Friesen (geb. Esau) (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" vom 7. Juni 1922, Seite 13. (gotisch) von Lydia Friesen (geb. Esau).

 

 

Samara, März 31. 1922.
Herrn Prof. Alvin Miller,
American Mennonite Relief, Moskau.
L. Br. Miller! Heute ging an Ihre Adresse durch die A.R.M. hier ein Telegramm ab mit der Bitte, eine Order zu schicken, um am Lager der A.R.A. hier für $25 Produkte zu bekommen. Jetzt möchte ich Ihnen genauer darüber zu berichten. Ende Dezember oder anfangs Januar kamen 2 mennonitische Familien aus Sibirien nach Samara:
Heinrich Jantzen mit Frau Amanda und Sohn Alexander,
Karl Kanke mit Frau Helene und Tochter Frida.
Heinrich Jantzen ist ein Sohn von Hermann Jantzen, Turkestan, den Sie ja bereits kennen. Diese beiden Familien wollten von Sibirien nach Turkestan fahren, erkrankten aber hier alle am Typhus und wurden von der Bahn ins Krankenhaus gebracht. Unter jämmerlichen Verhältnissen haben sie hier den Typhus durchgemacht. Während der Krankheit wurden ihnen nun noch rein alle Sachen weggestohlen. Zu verkaufen hatten sie dann nichts mehr und mußten sehr hungern. Zufällig fand Jantzen dann Quartier und so erfuhr auch ich dann zu Anfang meiner Krankheit von ihnen. Ab und zu gab ich den Leuten dann Geld (5.000.000.) und auch etwas Brot. Aber das ist ja bei den heutigen Preisen natürlich leider wenig. Deshalb wandte ich mich an die A.R.A. hier, um auf Rechnung der A.M.R. für $25 Produkte zu erhalten, aber Mr. Schafroth ist nicht da, und die andern wollten dieses nich ohne Order aus Moskau tun. Hab ich richtig gehandelt? Ich wußte sonst keinen Ausweg. Nun hoffe ich bestimmt, daß in etlichen Tagen von Ihnen eine positive Antwort eintreffen wird, und wir die Leute somit vom Hunger retten werden. Anders sind sie verloren, denn sie hungern sehr.
Kanke hat man einen Fuß abgenommen und vom andern 3 Zehen. Die Tochter ist ihnen gestorben. Er und Frau befinden sich noch im Krankenhaus, aber morgen will man sie rauswerfen, trotzdem sie noch ganz schwach sind, keine Kleider haben, kein Geld und kein Brot. Jantzen geht etwas herum, hat aber ganz dick angeschwollene Beine von der schmalen Kost. Seine Frau liegt auch im Krankenhaus. Sie kann sich noch immer nicht von Typhus erholen und hat zudem noch ein schweres Frauenleiden. Ich habe an das Alexandertaler Komitee geschrieben, sie möchten etwas Produkte schicken, aber der Weg wird schlecht und das Fahren hört sich auf. Heute erhielt ich für mich von der mediz. Abteilung der A.R.M. hier etliche Medikamente. Ich leide doch wohl stark an Malaria. Wenns geht, will ich aber morgen oder übermorgen weiter fahren.
Hätte sehr gerne einmal Nachricht von Ihnen
Mit herz. Gruß Ihr C. Klassen
P.S. Einen schönen Gruß für Mr. Reimer.

 

 

Bilder und Fotos Gut Franz Klassen, bei Neu Samara Kolonie. Von Andreas Tissen.

Brief von Cornelius Klassen in der "Mennonitische Rundschau" vom 6.09.1922. Abgeschrieben von Lydia Friesen (geb. Esau).

   
Zuletzt geändert am 26 Juni, 2019