Vogt - Mennonitische Ahnenforschung

Ein Bericht von Hermann Jantzen über die Mission in Turkestan  in „Offene Türen“ 1924, S. 21 - 25

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

Ein Bericht von Hermann Jantzen über die Mission in Turkestan in „Offene Türen“ 1924, S. 21 - 25

Erstlingsfrüchte der Mission unter den Mohammedanern in Turkestan.

Ende April des Jahres 1915 hatten wir mit des Herrn Hülfe unsere Felder und Gärten in der Kolonie Orloff Aulie – Ata bestellt und so konnte ich mich für einige Zeit freimachen für den Dienst des Herrn. Nachdem ich die Marschroute von meinem himmlischen Meister erhalten hatte, machte ich mich auf den Weg nach der großen Gouvernementshauptstadt Taschkent. Ich benutzte jedoch nicht die Eisenbahn, sondern reiste auf einem Bauernwagen, um so auf dem 400 km langen Wege an den Karawanensereien möglichst viel mit den Mohammedanern zusammenzukommen. Auf diese Weise konnte ich den Sarten und Kirgikasacken manches Inschit (Evangelium) und Hikaja (Traktat) aushändigen, und der Herr gab mir Gnade zum Zeugendienst.

Am 5. Reisetage kamen wir wohlbehalten bei Geschw. Abraham Janzen an, der in Taschkent als Agent im Dienste der dortigen britischen Bibeldepots stand. Nach einem Tag der Ruhe, suchten wir nun gemeinsam mit Büchern und Schriften versehen die mohammedanische Altstadt auf und fanden in den vielen Teehäusern Tag für Tag reichlich Gelegenheit mit Sarten und Tadschiken über den Herrn Jesus zu sprechen. Nach und nach hatten wir so an sechs bis sieben Stellen einen Haufen Leute beisammen, unter denen manche waren, die ernstlich die Wahrheit suchten und aus der Finsternis zum Licht kommen wollten. Diese standen dann wohl an irgend einer Straßenecke, wo es weniger belebt war, und warteten auf uns, um noch mehr vom Herrn Jesu zu hören.

So arbeiteten wir drei Wochen lang in Taschkent, dann unternahmen wir eine Reise ins Fergana – Gebiet (400 km südlich von Taschkent im Gebirgskessel des Tjankelangebirges) nach Andischan. Dort hatten wir im Jahre vorher einen Freund gefunden in Mirsa Mussa Machmudi, einem Tadschiken, der uns sehr freundlich aufnahm. Mirsa M.Machmudi war ein äußerst begabter und kluger Kopf; er beherrschte viele Sprachen Zentralasiens und von den europäischen das Russische in Wort und Schrift und verstand auch ein wenig Französisch. Im Alter von 20 Jahren war er nach Mekka und Medina gepilgert, um am Grabe Mohammeds und an der heiligen Kaaba Ruhe zu finden. Als er sie nicht fand, zog er weiter nach Jerusalem, besuchte die heiligen Stätten und, blieb friedlos, wie er war. Die heuchlerische Scheinfrömmigkeit aber, die ihm überall begegnete und die toten „heiligen Formen“, hinter denen kein lebendiger Inhalt stand, stießen ihn zugleich ab. Darauf hielt er sich einige Jahre in Kairo und Alexandrien auf, dann wanderte er wieder ruhelos weiter, nach Konstantinopel, ohne das zu finden, was er suchte. Nun wandte er sich dem „heiligen“ Rußland zu, vielleicht war dort in der Christenheit das, was sein Herz stillen konnte. Aber wieder sah er nur Verzerrung des Christentums, Tod statt Leben. In den Katakomben Kiews saßen vor den Gräbern der Heiligen dicke, faule Mönche, die begehrlich nach den Gaben schielten, die ihnen die frommen Pilger einlegten. Wehe dem, der nach ihrer Meinung zu wenig gab! Der bekam eine Flut von Schimpfworten und Verwünschungen zu hören. Voll Ekel und Abscheu wandte sich Mirsa M.M. von diesem „Gottesdienst“ ab und hätte wohl alles verworfen, wenn er nicht so totunglücklich gewesen wäre und sein Herz nicht so ungestüm nach Friesen verlangt hätte. Er besuchte noch Warschau, Petersburg und Moskau und kehrte dann unbefriedigt nach zehnjähriger Abwesenheit nach Andischan zurück, wo er von Allem ehrfurchtsvoll als „Hadschi Effendi“ begrüßt wurde, wie man die nennt, die in Mekka und Medina waren.

Im Jahre 1914 kamen Br. Janzen und ich mit ihm zusammen, und nach kurzem Kennenlernen bat er uns, wir möchten doch zu ihm kommen. Wir kamen gern und da erfuhren wir am gleichen Abend seine Lebensgeschichte. Nun vertieften wir uns gemeinsam in die Bibel, die er mit großem Verständnis las. Als wir am nächsten Morgen die Teehäuser besuchten, um den Leuten von Jesus zu sagen, ging er mit uns, las selbst aus den Evangelien vor und erklärte es so richtig, dass wir nur staunen mußten. Auch an unseren Gebeten nahm er immer teil.

Als wir alle mitgebrachten Schriften verteilt hatten, besuchten wir einen lieben Asirbedschan – Türken, Mirsa Zarbis, der seit vielen Jahren in Andischan einen Teppichhandel hatte. Schon seit längerer Zeit gläubig, hatte er auch anfangs unter den Mohammedanern gearbeitet, später ließ ihm sein aufblühendes Geschäft, er legte sich noch eine Baumwollplantage an, keine Zeit mehr dafür. Trotzdem war er recht erfreut über unseren Besuch, und wir ließen ihm eine Osman – Bibel zurück, die er fleißig zu lesen versprach. Danach kehrten wir wieder nach Taschkent zurück.

Im Jahre 1915 führte unser Weg uns wieder dahin und auch in Andischan hielten wir uns auf einer Reise durch die Städte Kokan, Margelan, Osch u.a. auf Unser erster Besuch galt natürlich unserem lieben Hadschi Effendi Mirsa Mussa Machmudi. Er strahlte vor Freude und Glück, und das Erste was er uns mitteilte, dass er nun den Frieden gefunden habe, den er so lange vergeblich gesucht, durch das Blut Jesu Christi. Da er wünschte getauft zu werden, blieben wir etliche Tage bei ihm und suchten nach unserer Gewohnheit wieder die Teehäuser auf. Dabei war es uns eine große Freude zu sehen, mit welcher Freimütigkeit und Kraft unser lieber Hadschi Effendi unter den Mohammedanern von Christus zeugte, indem er ihnen seine ganze Lebensgeschichte erzählte, wie ihm seine Friedlosigkeit umgetrieben habe. Nun aber habe ihn der Herr Jesus gefunden und ihm Glück und Frieden gegeben, indem Er ihm alle seine Sünden vergab, denn Jesus habe für ihn die Strafe am Kreuze erlitten, die er verdient hätte und dadurch den großen „Gott – Vater“ mit ihm versöhnt. Mirsa Mussa Machmudi sprach gewöhnlich mit einer solchen hinreißenden Beredsamkeit, daß nie ein ernstlicher Widerspruch von Seiten der Mohammedaner aufkommen konnte. So wurden wir uns denn vor dem Herrn darüber klar, dass wir ihn taufen müßten. Nach der Taufe brachen wir noch gemeinsam das Brot.

Auf der Weiterreise nach dem Süden wurden wir in Aimkischlak auf einen jungen Sarten, Mamadschan mit Namen, aufmerksam gemacht, der von uns ein Neues Testament erhalten hatte und dasselbe mit besonderem Eifer las. Wir suchten ihn auf, unterwiesen ihn und beteten mit ihm.

Am folgenden Morgen setzten wir die Reise fort nach Osch, einer Stadt dicht an der chinesischen Grenze. Dort wohnte ein mohammedanischer Philosoph namens Mirsa Taschbeck Effendi, eine Berühmtheit innerhalb Turkestans.Er hatte längere Zeit in Kaschhar (China) gelebt, wo er mit einem osman – türkischen Christen Johannes Aweteranian zusammen das Neue Testament übersetzt hatte. Dabei hatte er eine große Schriftkenntnis erworben, die überraschend zu Tage trat, als er in unseren Versammlungen über die Gottessohnschaft Christi sprach und dieselbe so richtig bezeugte, dass wir ganz erstaunt darüber waren. Als ich ihn allerdings nach ein paar Tagen um seine persönliche Stellung zum Herrn befragte, erklärte er uns zu unserem großem Leidwesen, für ihn hatte sich der Herr Jesus nicht kreuzigen lassen brauchen, denn er habe ein solches Leben hinter sich, dass er auch so vor Gott bestehen zu können glaube. Das machte uns traurig, und wir verließen diesen klugen Mann mit der Erlaubnis für ihn beten zu können.

Wir kehrten nun über Aimkischlak wieder nach Taschkent zurück und nahmen dabei Mamadschan mit nach Andischan, um ihn dort Mirsa Mussa Machmudi zur weiteren Einführung ins Wort zu übergeben.

Im folgenden Sommer bat unser lieber Bruder Achmat, von Geburt ein Tadschik, wir möchten ihn doch mit nach Andischan nehmen. Er hatte sich schon in früherer Zeit bekehrt, war dann erblindet und wurde nun von den deutschen Gemeinden Nikolaipol bei Aulie – Ata versorgt. Nun ging seine Sehnsucht dahin, Br. Mirsa Machmudi kennen zu lernen, für den er Tag und Nacht gebetet hatte. Überhaupt stand er auf allen unseren Missionsreisen mit seiner treuen Fürbitte hinter uns. Da ich nun gerade von einer längeren Missionsreise aus Chiwa zurückgekehrt war und dort von einem sehr tüchtigen österreichischen Augenarzt gehört hatte, der in Margelan wohnen sollte, machte ich mich mit Br. Achmat auf den Weg dorthin. Wieder wie früher auf einem Bauernwagen, um mit möglichst viel Menschen in Berührung zu kommen. Br. Achmat, als ehemaliger Mohammedaner forderte „seine Brüder nach dem Fleisch“ mit solcher Wärme auf zu Christo zu kommen, dass vielen Zuhörern die Tränen kamen und sie uns gern Schriften abnahmen. In Margelan angekommen kehrten wir dicht am Bahnhof bei einem russischen Bruder ein. Ich selbst suchte sofort den Augenarzt auf und da derselbe erklärte, er müsse die Augen Br. Achmat 3 Tage beobachten, ließ ich ihn dort zurück und fuhr allein weiter nach Andischan mit der Absicht, Br. M.M.Machmudi nach Margelan herüberzuholen. Leider traf ich in Andischan Br. M.M. Machmudi krank an, doch wollte er gern mitkommen, nur müsse er erst den Herrn um neue Kraft für die Reise bitten. Das taten wir nun gemeinsam und brachen am anderen Morgen auf. In Margelan waren wir froh, dass Br. Achmat nicht weit von Bahnhof Quartier gefunden hatte, denn Br. M.M.Machmudi fühlte sich doch sehr schwach und unterwegs hatte ich ihn oft stützen müssen. Br. Achmat saß mit dem russischen Bruder unter der Veranda und als Br. M.M.Machmudi ihn dort sitzen sah, weinte er vor Freude und auch Br. Achmat weinte, als er ihn kommen hörte. Dann knieten wir alle unter einem großen Weinstock nieder und dankten dem Herrn aus tiefsten Herzen, daß Er uns gefunden und jetzt zusammengeführt hatte. Das war ein Dankes… (hier fehlt was vom Text – E.K.)

Natürlich reisten wir zuerst nach Andischan, fest (Fest? - E.K.), an dem gewiß die Engel im Himmel ihre Freude hatten: es wollte kein Ende nehmen und es ging endlich über in die Bitte: „Herr, erbarme Dich unseres armen, verblendeten Mohammedanervolkes!“ Nach dem Gebet erfrischten wir uns an allerlei frischem Obst, das die Frau des russ. Br. für uns bereithielt und hielten ein rechtes Freuden- und Liebesmahl. Br. M.M.Machmudi mußte sich freilich bald hinlegen, da er sich sehr schwach fühlte, weshalb ich ihn am anderen Morgen, nachdem wir noch das Brot miteinander gebrochen hatten, wieder nach Andischan zurückbrachte. Br. Achmat, dessen Augen der Arzt für unheilbar erklärt hatte, nahm ich dann wieder mit nach Hause.

Etwa einen Monat später erhielt ich von Br. Janzen die Nachricht vom Heimgang Br. M.M.Machmudis, und er bat mich, doch möglichst bald mit ihm nach Aimkischlak zu kommen, wo Br. Mamadscha große Sehnsucht nach uns trug. Ich beeilte mich daher, so schnell als möglich dieser Bitte Folge zu leisten.

(hier fehlt wieder vom Text – E.K.) ...um die alte Mutter Br. M.M.Machmudis zu besuchen. Als wir uns bei ihr melden ließen, kam sie uns gegen alle mohammedanische Sitte selbst entgegen. Die sartischen und Tadschiken – Häuser bestehen gewöhnlich aus 2 Abteilungen: vorderer Teil mit Veranda und etlichen Zimmer für die männlichen Bewohner und dahinter der innere Hof mit den Frauengemächern. Kaum hatten die andern Mitbewohner des Hauses unser Kommen erfahren, als sie durch lautes Klagen nach der Landessitte ihre Trauer um den Verstorbenen zu zeigen begannen. Nur die Mutter setzte sich still zu uns auf den Teppich; ihre Augen zwar standen auch voll Tränen. Sie sagte uns, ihr Sohn sei zwei Stunden nach seiner Rückkehr aus Margelan voll Glück und Frieden gestorben. Er habe jedoch noch gerade soviel Zeit gehabt, um alles im Hause zu regeln, dann habe er mit ihr und zwei Schwestern „auf Christenart“ gebetet und sie aufgefordert, sich doch auch zu bekehren. Als dann einige Mullahs ihn noch veranlassen wollten, kurz vor seinem Tode das mohammedanische Glaubensbekenntnis zu sprechen, habe er sie entschieden abgewiesen und sie aufgefordert, ihn zu verlassen. Danach sei er ruhig eingeschlafen. Sie selbst sei nun beinahe 60 Jahre alt, aber nachdem sie Zeuge eines solchen Sterbens sein durfte, glaube auch sie an den Jesus der Christen und wisse, er werde auch sie also zur Ruhe bringen wie ihren Sohn. Sie gab uns dann noch Br. Machmudis silbernen Eßlöffel, 1 Teelöffel und Messer und Gabel, den uns der Heimgegangene als Andenken zugedacht hatte, was uns um so mehr Freude machte, da wir wußten, daß Br. Machmudi nicht zu den Begüterten gehört hatte. Wir beteten noch mit ihr und setzten unsere Reise fort nach Aimkischlak zu BR. Mamadschan.

Dieser sagte uns, er habe uns zu sich eingeladen, um uns mitzuteilen, daß er sich zu Jesu Christo, dem Gekreuzigten bekehrt habe und daß er wünsche getauft zu werden. Wir freuten uns darüber sehr, suchten aber noch durch einige Fragen uns davon zu überzeugen, daß er in Wirklichkeit ein Andrer geworden. Aus seinen Antworten konnten wir entnehmen, daß er die Schrift fleißig studiert hatte. Dabei fiel uns auf, daß seine Augen leuchteten, als er mit uns sprach, sodaß wir ihn direkt fragten, ob er nun wirklich glücklich sei. Freudestrahlend bejahte er: „Ja, denn ich habe den Herrn Jesum, meinen Heiland, mit meinen eigenen Augen gesehen.“ Er sein einmal ganz allein in seiner Studierstube gewesen und habe im Indschil gelesen und dann aus tiefstem Herzen gefleht, der Herr möchte ihm doch aus seinen Zweifeln herausreißen und wie er mitten im Gebet seine Augen auftrat, sah er am anderen Ende des Zimmers einen Mann stehen in weißen Kleidern mit einem gütigen, Friedestrahlendem Angesicht. Er habe sofort gewußt, daß das der Herr Jesus sei und habe ihn angebetet. Dann hätte der Herr segnend seine Hände über ihn ausgebreitet und sei verschwunden. Von der Stunde an wisse er, daß er dem Herrn Jesu angehöre. Da wir auch noch von der russischen Schwester am Orte das Zeugnis über ihn erhielten, daß er ein ganz andrer Mensch geworden sei, tauften wir ihn um elf Uhr abends im Fluß, da wir ihn nicht ohne Not der Verfolgung aussetzen wollten, denn er hatte schon ohne dies als Christ genug von seinen Nachbarn zu leiden. Im Jahre darauf hörten wir, daß er in Andischan im Segen arbeite, aber nicht nach Aimkischlak zu den Seinen kommen konnte.

Beim Ausbruch der Revolution ging es auch Fergana schrecklich zu; so hörten wir, daß Taschbeck Effendi erschossen und seine Bibliothek verbrannt worden sei. Nun werden die Mohammedaner mit Gewalt von der bolschewistischen Regierung gottlos gemacht und viel ...ender (auch weiter einige Stellen unleserlich – E.K.) Fanatismus dadurch zerbrochen, sodaß der Weg bereitet wird für das Evangelium … wenn die Parteikämpfe einmal ein Ende gefunden habe werden, dürfen wir hoffen, daß der Herr Turkestan öffnen wird. Ihm sei Lob, Preis und Dank, daß Er es uns ermöglichte tausende von Schriften und Traktaten vorher verbreiten, dadurch haben Unzählige Sein Wort gehört. Der Tag wird kommen, wo Er sich in Turkestan siegen wird. Halleluja! In den schrecklichen Aufständen in Taschkent hat auch Br. Abr. Janzen fliehen müssen ….ist, nachdem er noch im Dorfe Orloff in der Kolonie Nikolaipol in großem Segen gearbeitet hat im Frühjahr 1922 ebenfalls heimgerufen worden. „Seine Werke folgen ihm nach.“

Mich selbst hat der treue Herr durch wunderbare Führungen nach Berghausen in Rheinland gebracht, nicht weit von Wiedenest; wo ich eine neue Heimat gefunden habe. Da sitze ich nun oft an meinem Fenster, das nach „Osten“ ...iegt und gedenke der vorigen Tage und Wunder und schaue aus, ob nicht bald das Morgenrot des Herrn aufleuchtet und zugleich bewegt mich die bange Frage:

O Herr, was wird dann aus der unzähligen anderen Menge derer, die Dich nicht kennen? Oder hast Du Dir noch für sie eine Zeit vorbehalten?

Hermann Jantzen