Vogt - Mennonitische Ahnenforschung

Ein Bericht von J. Warns - Wie die deutschen Ansiedlungen in Chiwa und Turkestan entstanden in „Offene Türen“ 1919, S. 68 - 72

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

Ein Bericht von J. Warns - Wie die deutschen Ansiedlungen in Chiwa und Turkestan entstanden in „Offene Türen“ 1919, S. 68 - 72

(Schluß) (auf den der Anfang muss ich noch leider warten – E.K.)

Obwohl Bucharas Grenzen verschlossen waren, zog man zunächst nach Tschinas am rechten Ufer des Syr – Darja, südwestlich von Taschkent. Von dort führt der Weg weiter in südwestlicher Richtung durch die Hungerwüste nach Samarkand und zwar über Dschisak. Dort wird die Gegend gebirgig. Etwa 100 Kilometer weiter erreichte man den Sarafschanfluß, an dessen Ufern entlang zahlreiche Dörfer und Städte inmitten blühender Gärten liegen. Diesen Fluß mußte man in Ermangelung einer Brücke durchfahren. So gelangte man nach Samarkand, dieser mehr als 2000 Jahre alten, berühmten Stadt.

Der zehntägige Aufenthalt in Samarkand wurde von den Auswanderern benutzt, um die altertümlichen Bauten der Stadt zu besichtigen, die Medresse (mohammedanische Universität), die Moscheen und das Grabmal Timurs (oder Tamerlans), des Vorfahren der Emire von Buchara.

An den Andachten nahmen als Gäste einige Deutsche teil, die in Samarkand wohnten, Beamte und Offiziere.

In Samarkand starb ein Bruder Pauls und wurde dort beerdigt.

Trotz der Warnungen einiger Beamten, nach Buchara zu ziehen, zog die Reisegesellschaft weiter zur bucharischen Grenze über Kattakurgan, einem kleinen russischen Grenzort und dann geradenwegs über die Grenze.

Ein Mißgeschick, das Bartsch mit seinem Wagen erlebte, zwang die Gesellschaft zum Halten. Es war übrigens auch ein Samstag Abend. Man befand sich in einer dicht bevölkerten Gegend. Bald war man von Neugierigen umringt. Die Nachricht von der Ankunft der Fremden erreichte bald den Beck, der in Sia Edin wohnte. Der ließ am anderen Tage einige von ihnen kommen, empfing sie freundlich, ließ aber bereits am Montag durch berittete Wachtleute die ganze Auswanderungsgesellschaft über die die russische Grenze zurückführen.

Serabulak hieß das erste Sartendorf auf russischer Seite, das sie vor zwei Tagen verlassen hatten. Hier wurde nun ein Lager aufgeschlagen. Sechs Familien aus der dritten Auswanderergruppe fanden sich noch ein. Aber man wußte nicht wohin. Die Aussichten hart an der bucharischen Grenze geeignetes Land zur Ansiedlung zu erwerben, zerschlug sich nach längeren Verhandlungen. Das Gebiet lag nämlich hart an der Grenze, aber auf bucharischer Seite. Der russische Natschalnik in Kattakurgan, der den Deutschen freundlich gesonnen war, ließ ihnen einen abseits von Wege liegenden Ort anweisen. Nun gab man sich daran, eine Dorfstraße und die einzelnen Baustellen abzumessen und schon waren die Häuser soweit hergestellt, daß man daran gehen wollte, die Oesen zu setzen, da erschienen wieder Abgesandte vom Beck in Sia Edin. Vier Brüder, unter ihnen Bartsch, wurden abermals vorgeladen. Der Beck verlangte Angabe des Grundes ihres Auszuges, der ihm auch in treuherziger Weise mitgeteilt wurde.

Als Bartsch vom Antichristen (Dadschal) sprach, schrie der Beck wütend auf: „Dadschal?“ Und er gab den Befehl zum Schlagen. Dann ließ er sie binden und ins Gefängnis setzen, wo sie von 6 – 8 Wächtern bewacht wurden. Am Morgen ritt der Beck mit den deutschen Gefangenen und zahlreichen Begleitern zur Ansiedlungstätte. Dort wurde alles zerstört. Die Bucharen ließen nicht nach, bis der Platz geräumt war und überwanden schließlich den passiven Widerstand der „wehrlosen“ Mennoniten mit Gewalt.

Am letzte Tag der Zerstörung mußte man noch einen Bruder, Martin Claassen, der Verfasser einer mennonitischen Kirchengeschichte, ins Grab legen. Er war einer schweren Krankheit erlegen und fand nun sein Grab in bucharischer Erde.

Am 1. September des Jahres 1881 hatte sich der vierte und letzte Zug der Auswanderer auf den Weg gemacht. Es waren etwa 40 Familien. Unter ihnen befand sich auch Klaas Epp. Bartsch bemerkt: „Wir seine Anhänger hatten erwartet, er würde nie kommen, sondern seinen Weg als „Zeuge“ nach Westen nehmen. Ob ihn hier selbst schon Zweifel an seiner Mission angekommen sein mögen?“

Dieser vierte Zug mußte eilen, denn die kalte Jahreszeit nahte. In der Stadt Turkestan verhinderte der Schnee zunächst die Weiterreise. Hier trafen die wenig erfreulichen Nachrichten von beiden Gruppen der Auswanderer ein. Auch von der Spaltung der Gruppe in Serabulak erfuhr Epp und erklärte die zehn Familien, die zurückgeblieben seien, als ausgeschlossen durch den Geist Gottes. Das wirkte wie ein kalter Wasserstrahl auf die Ausgeschlossenen, die treuesten Anhänger Epps, unter ihnen Bartsch und Penner.

Man war nun überzeugt, daß Epp einen eigenen Weg gehe und fleischlich handele, aber noch nicht von der Verkehrtheit seiner Lehren und Berechnungen.

Der Frühling des Jahres 1882 nahte heran. Man erfuhr, daß die Aushebung zum Heeresdienst auch auf die Mennoniten ausgedehnt werden solle.

Da entschlossen sich 10 Familien zu einem dritten Versuch, auf bucharischen Boden überzusiedeln. Man kehrte zu den Ruinen an dem verlassenen Ort zurück und errichtete aus Stangen und Rohrmatten neben jedem Wagen Zelte. Man wartete auf irgend eine besondere Fügung des Herrn. Der Gedanke, die Wiederkunft des Herrn stehe unmittelbar bevor, beschäftigte die Gemüter in dem Maße, daß man die meiste Zeit in brüderlichen Zusammenkünften mit Gesang, Gebet und Betrachtung des Wortes Gottes verbrachte. Fast sonntäglich fand eine Abendmahlsfeier statt.

Die in Taschkent gebliebenen Auswanderer hatten sich für einen Ansiedlungsplatz südlich der Stadt Aulie – Ata*) am Fuße des Alatau – Gebirges entschlossen zwischen den Bächen Kumischtak und Urmaral, die in den Talas fließen.

Dorthin zogen auch 15 Familien des letzten Auswanderungszuges von der Stadt Turkestan aus. Die übrigen, unter ihnen Epp, zogen zur bucharischen Grenze.

Als sie nach Samarkand kamen, wurde ihnen durch den Chef der Gouverernementskanzlei Korolkow mitgeteilt, daß sich der der Chan von Chiwa entschlossen habe, deutsche Ansiedler aufzunehmen. Durch diese Nachricht wurden die Hoffnungen neu belebt.

Man sandte Deputierte unter Führung Epps nach Chiwa und der Chan versprach, den deutschen Ansiedlern ein bewässertes Stück Land am Flusse Lausan, einem Arme des Amu – Darja zu übergeben.

Epp triumphierte sowohl gegenüber den nach Aulie – Ata Abgeschwenkten, als auch gegenüber den zehn abgesonderten Familien, die noch immer in der Nähe der Ruinen in „Ebenezer“, wie sie den Platz nannten, abwarteten, was Gott tun würde. Vier Monate lang hatten die Bucharen sie dort geduldet. Als diese dann erfuhren, daß der Hauptzug nach Chiwa gehe, suchten sie die zehn Familien zu zwingen, auch dorthin weiter zu wandern.

Der passive Widerstand wurde abermals mit Gewalt gebrochen. Während man im Andachtszelt versammelt war und den 23. Psalm sang und betete, brach das Zelt unter den Axthieben der Bucharen zusammen. Dann griffen sie zu, wie wie früher. Wer nicht freiwillig aufpackte, der wurde gezwungen und so die ganze Auswanderergruppe zum dritten Male nach Serabulak abgeschoben.

Epp gelang es nun, einen nach dem anderen zu überreden, sich ihm wieder anzuschließen. Nur Bartsch, völlig an Epp wegen seines widerspruchsvollen Verhaltens irre geworden, trennte sich von den Auswanderern und wandte sich an seinen Bruder, der in Taschkent mit der Errichtung einer Niederlage der Britischen Bibelgesellschaft betraut worden war, nachdem er sich schon vorher von Epp losgesagt hatte. So trat auch er in den Dienst der Bibelgesellschaft.

Wilhelm Penner hatte sich aber entschlossen, mit nach Chiwa zu reisen.

Br. Bartsch ist diese Trennung sehr schwer geworden. Wie viel Gemeinsames hatte er mit den übrigen! Seine Mutter blieb bei dem ältesten Sohne zurück, der mit Epp gekommen war. Die Kinder waren ihm wieder gestorben. Ein Söhnchen war in Kaplanbeck geboren und gestorben, ein zweites hatte er auf bucharischem Boden bestatten müssen.

Ueber seine Erfahrungen als Bibelkolporteur hat Br. Bartsch in „Offene Türen“ ausführlich berichtet.

Die übrigen Auswanderer brachen nach Chiwa auf. Der Weg führte zunächst durch das fruchtbare Saraffschantal bis hinter Buchara. Dann aber mußten die Wagen in einzelne Teile zerlegt und mit dem Gepäck auf Kamele geladen werden. So zog die Karawane von einigen hundert Kamelen dahin, um die pfadlosen Sandhügel bis zum Amu – Darja und der Stadt Irgis zu überwinden. Die Männer ritten zu Pferde nebenher.

Von Tschardschui aus benutzte man für die 64 Familien große Kähne auf dem Amu – Darja, die Pferde wurden am Ufer entlang geführt über Flugsand, durch Gestrüpp, allen Krümmungen des Flusses folgend. Oft war der Raum so eng, dass es lebensgefährlich wurde.

Schließlich kam man nach Petro – Alexandrowsk und am folgenden Tage, den 9. Oktober 1882, zog man zum Ansiedlungsplatz am Amu – Darja und Lausan.

Hier gab es aber bald neue Schwierigkeiten. Das Grundwasser nötigte eine Familie nach der anderen, höher hinauf an den Berg zu ziehen. Ein Teil zog weiter den Fluß hinauf, wo man nicht unter dem Grundwasser litt.

Dieser äußeren Trennung folgte bald eine innere. Epp wohnte oben am Berge. Unten blieben die, die innerlich von seinem Einfluß losgekommen waren.

Beide Siedlungen hatten ungeheuer zu leiden unter den Ueberfällen und Diebereien der Turkmenen. Diese fanden es leicht, die „wehrlosen“ Mennoniten zu plündern. Die am Flüsse dingten sich nun einige Kosaken als Wächter.

Die oben Wohnenden hielten das für unrecht und sahen darin ein Zeichen mangelnden Gottvetrauens. Da ereignete es sich, daß einer von ihnen des Nachts überfallen und getötet wurde. Der Frau gelang es, zu entfliehen. Doch die Bedrängnis wurde immer ärger.

Da traf es sich, dass der Chan die Mennoniten fragen ließ, ob sie imstande seien, für ihn Parkettfußboden zu legen. Man sagte zu und ließ sich den Schutz durch die Dschigiten des Chans gefallen.

Dieser bot dann den Deutschen, deren Tüchtigkeit ihm gefiel, an, nach Ak Metschedj**), einer Oase, zwölf Werst von der Stadt Chiwa entfernt, überzusiedeln.

Die unten wohnenden Familien, etwa zwanzig, verließen aber im Jahre 1884 Chiwa und zogen über Orenburg nach Amerika. Sie hatten sich überzeugt, daß sie eigene Wege gegangen seien.

In Ak Medschedj wurde gebaut. Die Häuser umschließen Haus an Haus einen freien Platz, auf dem in der Mitte das Schul- und Andachtshaus steht.

Hier war also nun der Bergungsort endlich gefunden. Aber viele waren entmutigt und enttäuscht.

So war es nicht zu verwundern, daß nach und nach einzelne Familien Chiwa verließen, um nach Aulie – Ata in Turkestan zu den Dortigen Ansiedlern zu ziehen, oder nach Amerika oder zurück nach Rußland.

Aber auch unter den Bewohnern der Oase herrschte keine Einigkeit. Der Prediger Quiring trat Epp entgegen. Dafür wurde er von diesem, als der Drache der Offenbarung bezeichnet. Quiring zog es vor, nach Amerika auszuwandern.

Das Jahr 1886 kam heran, und nun schien die Zeit gekommen, daß Epp zusammen mit dem Propheten Elias, der vom Himmel kommen sollte, den Dienst der zwei Zeugen vor der Offenbarwerdung des Antichristen erfüllen sollte.

Epp reiste nach Transkaukasien, wo er unter den Württemberger Ansiedlern seine Ansichten verkündete***) Einzelheiten über diese Reise zu erzählen vermied er, als er mit einem Male wohlbehalten zurückkam.

Nun gingen auch Wilhelm Penner über Epps schwärmerisches unlauteres, ja, antichristliches Wesen die Augen auf und er wurde aus seinem entschiedenen Anhänger sein entschiedener Gegner.

Epps Reden wurden immer verworrener, sein Benehmen immer sonderbarer. Schließlich kündigte er seine bevorstehende Himmelfahrt an. Man erwartete sie im Freien, natürlich vergeblich.

Der Termin des „bestimmten Endes“, das Jahr 1889 rückte immer näher heran. Der achte März war als Tag der Wiederkunft Christi bestimmt worden. Er ging vorbei, wie jeder andre Tag.

Da half sich Epp mit der Erklärung, es sei ein Irrtum in der genaue Berechnung erfolgt. Im Jahre 1891 werde der Herr kommen. Sich selbst erklärte Epp als den in Hes. 45 bis 48 erwähnten Fürsten. Schließlich erklärte er sich als die vierte Person der Gottheit.

Unter Penners Einfluß erfolgte nun endlich der Ausschluß Epps und seines Anhanges (10 – 15 Familien) aus der Gemeinde durch Stimmenmehrheit.

Seitdem ist die kleine Kolonie Ak Medschedj auch äußerlich in zwei religiöse Parteien gespaltet.

Im Jahre 1909 waren noch 30 deutsche Familien in Ak Medschedj ansässig. Damals hatte Epp noch etwa 18 Anhänger, während die Gemeinde 40 Mitglieder zählte. So war das Häuflein zusammengeschmolzen.

Auch unter den Ansiedlern bei Aulie – Ata gab es zwei Richtungen. Abraham Peters Anhänger schlossen sich nach Peters der Mennoniten – Brüdergemeinde an, die anderen hielten zur Mennoniten Kirchengemeinde.

Fünf Dörfer entstanden bei Aulie – Ata: Köppental, Nikolaipol, Gnadental und Gnadenfeld. Spätere Ansiedler gründeten dann das Dorf Orlow.

Im Jahre 1910 waren es etwa 200 Familien, 1000 Seelen stark, die in Turkestan, „ernüchtert von ihren übertriebenen, Auszugs- und Bergungsideen.“ sich als tüchtige Kolonisten bewährt haben und zu einigem Wohlstand gelangt sind.

*) Aulie – Ata – Heiliger Vater, so genannt nach einem mohammedanischen Heiligen, dessen Grabmahl dort gezeigt wird. Es ist eine kleine Stadt.

**) Ak Medschedj – weiße Moschee

***) Diese waren bereits in den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts dorthin ausgewandert aus ähnlichen Gründen, weil sie glaubten in Rußland den Bergungsort suchen zu müssen.