Vogt - Mennonitische Ahnenforschung

Ein Brief von E. Riesen aus Lausanne in Chiwa in "Gemeindeblatt der Mennoniten" vom April 1884, Nr. 4, S. 27 - 28

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

mit freundlicher Genehmigung des Mennonite Library and Archives Bethel College.
Hier geht es zum Digitalisat: "Gemeindeblatt der Mennoniten" im Internet.

Korrespondenz.

Lausanne in Chiwa, 16 Dezember 1883.

Theurer Bruder Hege!

Es ist noch nicht lange her, seit ich meinen letzten Bericht an Sie schrieb und doch gibt es wieder manches Interessante mitzutheilen, interessant für diejenigen, die unsern Untergang vorhersagten und es wohl gar wünschten, wie auch für die, welche unsern Gang mit theilnehmenden Herzen verfolgten. Zu diesem Zweck will ich denn auch gleich auf die neuesten Erlebnisse eingehen.

„Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn warten“, wurde uns gestern in der Abendandachtsstunde vorgehalten. Solche Aufmunterung thut uns in diesen Tagen besonders noth; denn der Herr prüft uns zur Zeit auf sehr ernste Weise, wie wir, oder ob wir auch wirklich mit der Geduld unseres Herrn Jesu angethan sind und wie es mit unserm Warten auf seine Hilfe bestellt ist. Wie wir all`solche Versuchungen bestanden, bestehen und noch bestehen werden, will ich hier nicht beschreiben, die Zeit wird`s ja auch am besten lehren. Also zur Sache.

Wohl schon einige Male habe ich Erwähnung gethan, wie böse Leute aus der hiesigen Bevölkerung trotz des friedlichen Verkehrs am Tage nach unserm Eigethum getrachtet, wie sie es aber hauptsächlich auf unsere Pferde abgesehen. Anfangs nahmen sie von Zeit zu Zeit einzelne Pferde, die sie ohne Obdach unter freiem Himmel angebunden fanden, fürchteten dabei auch, gesehen zu werden. Als sich hier die Gelegenheit nicht mehr so darbot, gingen sie auch unter offene Schoppen und in unverschlossene Ställe. Man fing an, die letzteren mehr zu versichern. Es erfolgten anfangs heimliche, in den letzten Wochen auch schon ganz freche Einbrüche. So arbeitete man bei einem unserer Brüder und mir bei einer ganzen Stunde mit Axt und anderen Instrumenten an der Oeffnung der Stallthüren. Auch angeschlossene Pferde wußten sie loszumachen. Sie nahmen bis sechs (einmal) Pferde in einer Nacht und kamen bis drei auf einanderfolgende Nächte. So hat man uns bis heute 36 Pferde genommen. Auch die Kühe hat man in letzterer Zeit, im Sommer wurden vier Stück gestohlen, die aber noch am selbigen Tage zurückkamen, nicht verschmäht. In voriger Woche trieb man in einer Nacht acht Kühe und drei Kälber fort. Nachdem es ihnen vorher schon mit einer Kuh sammt ihrem Kalbe geglückt; eine später gestohlene Kuh kam auch wieder zurück. Doch dabei ließen`s die Muselmänner (Moslem – E.K.) nicht bewenden. Sie gingen an, auf solchen Stellen, wo sie die Pferde nicht gut bekommen konnten, die Fenster in den Wohnhäusern einzuschlagen; auch schossen sie einmal, als man sie am Stehlen hindern wollte, ohne jedoch zu treffen. Wie solche Vorgänge auf ein kleines von sichtbarem Schutz so ganz entblößten Gemeindlein wirken, kann sich wohl in etwas Jeder vorstellen, wenn er dazu noch die Worte des russischen Generals Grottenhelm erwägt, daß selbst der Chan (Fürst) mit den Turkmenen nur wenig anfangen kann. Wer nun noch dazu nimmt, wie verschieden solche Eindrücke auf die verschiedenen Gemüther, oder in unserem Fall noch richtiger gesagt, auf die verschiedenen Herzensstellungen zu unserm heiligen Vater wirken und wie die in Folge dessen auseinander gehenden Meinungen, Urtheile und ich muß wohl hinzusetzen auch Verurtheilungen die Last noch hie und da vergrößern, der wird sich ein annähernd zutreffendes Bild von unserer gegenwärtigen Lage machen können. Nachdem ich dieses vorausgeschickt, wird man es nicht so befremdlich finden, wenn hin und wieder auch ein banges: „Wie wird`s doch noch werden!“ aufsteigt oder wenn einer und der andere sein eben erst fertig gewordenes schönes Haus oder „Halbhaus“, so will ich diejenigen Wohnungen nennen, deren Fußboden in etwas in die Erde vertieft ist, verläßt, um mit andern zusammen der Noth zu begegnen. Aber auch von muthigem Glauben kann ich schreiben, wenn ich anführe, daß alleinstehende Frauen mit kleinen Kindern ihre Wohnungen nicht zu verlassen gedenken, weil sie sich im Schutze ihres Gottes geborgen wissen. Ich meinestheils muß hinzusetzen, der Herr hat bisher geholfen. Er gab uns Gesundheit und Kraft, den Bau unserer Wohnungen zu vollenden, auch hat wohl fast ein Jeder das nöthige Brennmaterial für den Winter eingeheimst, Er wird auch weiter helfen. Das hoffen wir zu Ihm. Gegenwärtig arbeiten alle Brüder, die in Holz etwas verstehen, an einem kolossalen Fußboden aus Rüsterholz (Ulmenholz – E.K.) für Herrn General Grottenhelm. Wie es aber zum Frühjahr mit der Bestellung unserer Aecker werden wird, das weiß allein der Herr.

Noch eines nicht unwichtigen Ereignisses muß ich erwähnen, das sich mehr auf das innere Glaubensleben unserer Gemeinde bezieht. Es hatte sich nämlich unserm Auszuge eine Lehrerfamilie lutherischen oder reformirten Bekenntnisses angeschlossen. Anfangs fühlte sie sich wohl mit uns eins im Glauben, bald aber zeigte es sich, daß dieser Bruder als allein richtige Taufhandlung das Untertauchen im Fluß betrachtete, von dem Wasser mit 1. Petri 3, 21: „Welches nun auch uns selig macht in der Taufe.“ So stand er allein als Fremdling unter uns, bis vor einigen Monaten sich ihm drei Glieder unserer Gemeinde anschlossen und Anfangs November durch die Taufe im Amu – Darja zusammentraten. Hatte der Erstere unsern Gottesdienst schon lange nicht mehr besucht, so konnten sich die letzteren nun auch nicht mehr daran betheiligen. Sie brauchen zu ihren Gottesdiensten die „Glaubensstimme“, das Gesangbuch der Baptisten. Als nun die Brüder, bei denen sie die Mittel zu ihrem Lebensunterhalt bekamen, glaubten, dieselben ihnen nicht weiter geben zu dürfen, so wandten sich Letztere nach Petro – Alexandrowsk. Auf die Erlaubniß, als chiwesische Unterthanen dort wohnen zu dürfen, zogen sie am vergangenen Dienstag dorthin.

Ueber die Straße von Kungrad am Amu – Darja nach Mertwyi – Kultuk am Kaspischen Meer kann ich heute noch nicht viel sagen. Ein Offizier meinte zu mir, sie dürfte mehr für Kriegsfälle als für sonstige Zwecke benutzt werden. Sie ist von Tschernajew eröffnet und vom Kaiser bestätigt, auch hat der Kreischef von Nukus schon etwas daran arbeiten lassen; doch habe ich nur von einer Karawane gehört, die Baumwolle auf diesem Wege zum Kaspischen Meer brachte und von hier durch ein Segelschiff nach Astrachan geholt wurde. Fünf Brunnen (Stationen) auf dieser Strecke haben bitteres Wasser, einer wohl ganz ungenießbares. Weit belebter ist der Verkehr, besonders von großen Karawanen, von Orenburg über Kungrad unweit unserer Ansiedlung vorbei nach der Stadt Chiwa. Ich bin kürzlich auf dieser Straße nach der Stadt Codschaili, ca. 6 deutsche Meilen stromabwärts von uns, geritten und begegnete auf dieser kurzen Strecke nicht wenigen Carawanen, die mit allerlei Waren aus Orenburg kamen. Ein tatarischer Kaufmann sagte mir, daß sein Bruder diesen Weg auf einem leichten Wagen in zwölf Tagen zurückgelegt habe. Voriges Jahr wurde auf diesem Wege auch eine Locomobile zur Dampfmühle nach Petro – Alexandrowsk transportiert. Auch soll diese Straße nicht sehr unsicher sein. Das russische Militär und europäische Reisende benutzen aber fast ausschließlich die große Straße von Kiptschak, bei 20 Werst stromaufwärts von uns entfernt, durch die Sandwüste nach der Stadt Kasalinsk und dann die große Poststraße, die wir kamen, am östlichen Ufer des Aralsees vorbei nach Orenburg.

Die Witterung war in der ersten Hälfte des November rauh, die Kälte stieg bis auf 11°R, wurde dann aber freundlicher. Der Dezember ist bis jetzt sehr milde, heute haben wir nicht einmal eingeheizt. Die Wintersaaten grünen.

Uns in unserer bedrängten Lage Ihrer Fürbitte dringend empfehlend, zeichnet unter herzlicher Begrüßung Ihr

E. Riesen.