Vogt - Mennonitische Ahnenforschung

Nachrichten über die asiatischen Auswanderer in "Gemeindeblatt der Mennoniten" vom April1883, Nr. 4, S. 28 – 29, 31

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

mit freundlicher Genehmigung des Mennonite Library and Archives Bethel College.
Hier geht es zum Digitalisat: "Gemeindeblatt der Mennoniten" im Internet.

Etwas zur Situation über die asiatischen Auswanderer.

Wenngleich der in Nr. 2 abgedruckte „Auszug aus einem Briefe von Wiebe in Rußland“ aus Versehen ohne Genehmigung des Schreibers, in die Oeffentlichkeit gelangt ist, so liefert er uns doch einen dankenswerthen Beitrag zur Situation der dortigen Verhältnisse. Namentlich kann ich aus dem, was ich von Augen- und Ohrenzeugen selbst gehört habe, annehmen, daß in jenem Briefe, in Betreff des Satzes: „daß es bei weitem das Traurigste sei, daß sie zu keinem Frieden unter einander kommen können. Fast jeder hat seine eigenen Glaubensansichten und richtet über seine anders denkenden Brüder auf`s Schrecklichste“, nur Wahrheiten niedergeschrieben sind, und nicht, wie der liebe Herr Herausgeber in seiner Anmerkung annehmen zu müssen glaubt, „daß die Schilderungen mit etwas zu grellen Farben aufgetragen zu sein“.

Man muß ja billig dieser lieben Glaubensgesellschaft in Asien nur liebend und fürbittend gedenken, wenn es aber gilt, ein nüchternes, einfältiges und lebendiges Christenthum gegen ein in schwärmerischen und geistlich stolzen Ideen sich verlierendes Mennonitenthum zu vertreten, so fühle ich mich gedrungen, den lieben Lesern des Gemeindeblattes einige Punkte als Probe mitzutheilen, die es erkennen lassen, wohin das eigene Menschenherz gelangen kann, wenn es sich nicht mehr genügen läßt an der freien Gnade Gottes in Christo Jesu. Wenn es viel mehr wissen und begehren will als: „Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen Eingebornen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Und wenn es Gotteswort und Menschensatzungen vermengt und als Offenbarung Gottes ausgibt.

So z.B. ist ein gewisser J.J. noch in der alten Heimath, etwa ein paar Jahre vor seiner Auswanderung, zum Gemeindelehrer gewählt worden. Obgleich derselbe ebenfalls von der Auswanderungs – Epidemie nach Taschkent ergriffen wurde, so wollte er dennoch um des lieben Friedens willen mit der alten Gemeinde und dessen Lehrdienst auf freundschaftlichem Fuße bis zur Scheidestunde stehen bleiben, mithin seinem Amt in der alten Kirche bis zur Ende vorstehen. Das aber wurde von dem Auswanderungs – Komitee nicht gebilligt. Man gab ihm bis zu einem gewissen Zeitpunkt Frist, aus der alten Mutterkirche auszutreten, und als das nicht geschehen war, entsetzte man ihn seines Amtes. Dann trug auch zur Amtsentsetzung das bei, daß die Auffassung geltend gemacht war, jeder Diener am Worte dürfte sich keiner theologischen Werke als Hilfsbücher zu seinen Predigten bedienen, außer der Heiligen Schrift. Alle anderen christlichen Schriften seien schädlich und verwerflich. Demzufolge war jeder gewählte Laie gezwungen, gleich ohne Conzept frei zu predigen, angeblich, der Geist Gottes müsse zur Stunde alles eingeben. Nun war auch der erwähnte liebe Bruder J.J. in diese Lage versetzt. Als es ihm nun aber bei allem redlichsten Fleiße und bei allem Quälen nicht möglich war, das Ziel des freien Predigens zu erreichen, war dies ein zweiter Grund, ihn seines Amtes zu entsetzen, und ist auch bis jetzt außer Amt.

Ein anderer Fall: Der im Gemeindeblatt mehrfach genannte Claas Epp, ein Verwandter von mir, bekannt als Verfasser des Buches: „Die entsiegelte Weissagung der Offenbarung Joh.“ und bekannt als einer der ersten Anführer seiner Gesinnungsgenossen, die vom Kaiser bewilligte Vergünsttigung der Baumpflanzung, absolut nicht zu übernehmen, sondern auszuwandern, er hat zu Anfang seines religiösen Schwärmens Erbauungsstunden veranstaltet, in denen die Lehre ausgeworfen wurde, daß Jesus Christus seinem Wesen nach, dem Vater nicht gleichzustellen sei, also eine Irrlehre bekannten, wie denn auch bekanntlich das Aeltesten- und Lehreramt von ihnen für menschliche Einrichtung erklärt und abgeschafft wurde, und sie sich einfach die Brautgemeinde des Herrn nannten. Dieser Claas Epp ist von einem sehr lieben und entschieden christlichen Bruder, der aber auch ausgewandert ist, nicht lange vor seiner Abreise sehr richtig als falscher Prophet erklärt worden, wovon die Folge war, daß er und seine Familie von der angeblichen Brautgemeinde ausgestoßen wurde, mit der Versicherung, man werde auf der Reise sich seiner nicht annehmen, was ihm auch begegnen möge. Und dieser lieber Bruder war nun gezwungen, sich an eine andere Auswanderungs – Gesellschaft von der Molotschna her, anzuschließen.

Das sind so einige wenige Beweise, wie wenig Liebe und Frieden, wenn nun einmal davon die Rede ist, unter jenen ausgewanderten Familien vorhanden gewesen ist, und jedenfalls auch noch sein wird, und wie wenig das Wort des Heilandes seine Erfüllung bei ihnen findet: „Daran wird jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe unter einander habet.“ Mag es sein, und wir glauben es gern, daß viele Familien nicht in Zwietracht stehen, aber traurige Familienrisse sind durch diese überspannten Auswanderungen geschehen, wo Aeltern ihre Kinder und Kinder ihre Aeltern haben ziehen sehen, entweder theilnahmlos und kalt gegeneinander, oder mit einem Schwert, das durch die Seele zieht. Und noch sieht man aus Briefen, wie jene Bedauernswürdigen mit gesitlichem Stolze herabsehen auf die Zurückgebliebenen, und diese durch die erlebten Anmaßungen so eingeschüchtert sind, daß sie darüber wo möglich ein vollständiges Schweigen bewahren möchten. Das sind Zustände der reellsten Wahrheit und können wohl das Herz der lieben Leser mit Mitleid und die Augen mit Thränen erfüllen über die Verirrungen jener so vielfach achtungswerthen Glaubensgenossen. Ein Anfang zur Ernüchterung ist geschehen, indem die zehn Familien vom bucharischen Grenzlande ihre Stellung aufgegeben haben. Helfe der barmherzige Herr nun auch weiter, damit sie alle durch des heil. Geistes Erleuchtung von dem Standpunkte einer vermeintlichen Brautgemeinde heruntersteigen, und als eine Gemeinde armer Sünder in dem Blute und Verdienste Jesu Christi allein, Frieden und Trost für ihre Seele suchen. Das ist mein Gebet für sie und für mich.

Dyck

Korrespondenz aus Khiwa.

An den Herausgeber.

Lausanne, den 22. Dezember 1882.

Ihnen reichen Segen unseres himmlischen Vaters im neuen Jahre wünschend, beginne ich die Fortsetzung der Mittheilungen über den Gang unserer Gemeinde. In Petro – Alexandrowsk (den 3. Oktober) schrieb ich meinen letzten Brief*). Von dort bis hier sind es circa 150 Werst (oder 43 Stunden). Diese letzte Ende unseres langen Weges zurückzulegen brauchten wir noch fünf Tage. Die kalte, rauhe stürmische Witterung war die Ursache unseres langsamen Vordringens. Vor zwei Wochen bin ich diese Strecke in zwei tagen übergefahren. Am 9. Oktober kamen wir hier an und zwar die Unsern auf den Schiffen und wir zu Pferde zu gleicher Zeit. Eine wilde. Mit dichtem Gestrüpp und Rohr bewachsene Gegend am linken Ufer des Amur (Schreibfehler?? - Amu – Darja wird sein – E.K.) zwischen den turkmenischen Städten Kipschak und Chodschaili wurde uns als neue Heimath angewiesen. Außer den mitgesandten Beamten erschien kein Mensch zu unserem Empfang, öde und leer war alles. Das wirkte eigenthümliche, wehmüthige Gefühle! Da es Samstag Abend war, hackte sich jeder so gut er konnte, ein Plätzchen in den hohen Gebüschen frei und schlug da für die nächsten Tage Quartier auf. Man fand da doch etwas Schutz vor den immer rauher werdenden Stürmen, die gerade von der Flußseite herwehten und manches Gemüth recht verzagt stimmten beim Blick auf die künftigen Tage. In der nächsten Woche wurde ein Platz für die Baustellen ausgesucht. Die Wahl zwischen einer hochgelegenen und einer tiefgelegenen Stelle verursachte einige Qual, da erstere sandig, ja gar steinig (was den Bau von Erdwohnungen sehr erschwert), die zweite aber möglichenfalls der Ueberfluthung beim Hochwasser ausgesetzt ist, wenn die Dämme durchbrochen werden, wie das bisher schon oft geschehen ist. Diesen Herbst hat man sie unsertwegen gut ausbessern, auf manchen Stellen gar erhöhen lassen. Manchen anscheinlichen Vortheils wegen wurde zuletzt die Niederung gewählt und die Baustellen zu beiden Seiten eines Leitungskanals vermessen. Mit der zweiten Woche unseres Hierseins begann ein reges Leben. Auch schenkte der Herr seinen Segen dazu, gab anhaltend schönes Wetter, wie wir es so schön auf die vorhergegangenen Tage fast nicht mehr erwartet hatten. Auch die hiesigen Bewohner waren nicht säumig, und das Nöthige zum Bauen beizuschaffen, nachdem sie erst gesehen, erfahren, was wir brauchen; sie brachten Holz, Rohr- und Binsenmatten, Ziegeln, zuletzt auch alle nöthigen Lebensmittel und Brennmaterial in Masse bei. Gewinnsucht war natürlich die Triebfeder ihrer regen Unterstützung. Nach und nach kamen alle unter Dach, in ein warmes Stüblein, in auch über der Erde, wie es die Arbeitskräfte eines Jeden erlaubten oder gar der Boden, der stellenweise sehr feucht, es bedingte. Von der Regierung wurde uns erlaubt, aus dem Rohr- und Holzdistrikt so viel Rohr und Holz unentgeltlich holen zu dürfen, als wir nur immer nöthig hatten. Hinsichtlich der Witterung hatte der Herr mehr gegeben, als wir erwarten durften. Erst vor drei Wochen begann das Wetter winterlich zu werden, sogar etwas Schnee bekamen wir vorige Woche, der aber wieder vergangen ist. So könnten wir das liebe Weihnachtsfest wohl in aller Ruhe und mit recht dankbarem Herzen erwartet, und doch wird in diesen Tagen manche Familie der Unsern auf unerwartete Weise daraus gestört. Mit dem Steigen des Flusses ist auch das Grundwasser bedeutend gestiegen und haben es mehrere Familien so in ihre Semljanken (Wohnungen) bekommen. Die müssen nun so schnell schon ihre Wohnplätze verlassen und weiter vom Flusse eine neue Wohnung bauen. Wenn solchen auch nach Kräften mitgeholfen wird, so ist es immerhin unangenehm. Die Aufnahme als chiwaische Unterthanen haben wir bis zur Zeit auch noch nicht, obwohl vor einiger Zeit dieser wegen eine Deputation zum Khan in Chiwa beschieden war. Wir sollen darauf warten, bis Tschernjaew, der neuen General – Gouverneur, in Petro – Alexandrowsk gewesen ist. Unsere Sache steht auch ferner in der Hand des Herrn! Ein Schullokal, zugleich Kirche, haben wir auch schon, eine große Wohlthat für unsere Jugend, die so lange am Unterricht sehr geschädigt worden ist.

Mit herzlichem Gruß Ihr im Herrn verbundener

Em. Riesen.

*) s. Nr. 2, S. 13 Bericht