Vogt - Mennonitische Ahnenforschung

Nachrichten aus Asien in "Gemeindeblatt der Mennoniten" vom November 1882, S. 83 – 85 und Dezember 1882, Nr. 12, S. 90 - 91

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

mit freundlicher Genehmigung des Mennonite Library and Archives Bethel College.
Hier geht es zum Digitalisat: "Gemeindeblatt der Mennoniten" im Internet.

November 1882, Nr. 11, S. 83 – 85

Weitere Nachrichten von den mennonitischen Auswanderern nach dem Orient.

Nach den beiden folgenden Briefen werden diese Brüder nun doch endlich ihr Ziel und ihren Zweck erreichen, weßwegen sie ihr Vaterland verließen, viele Mühseligkeiten, Noth und Elend erduldeten. Es scheint zu geschehen, was der Herausgeber immer ahnte, daß nämlich der Herr, unser Gott, die Glaubenstreue und den Aufopferungssinn dieser Brüder, (wenn wir auch manchen ihrer Lehrpunkte nicht für richtig halten können), nicht zu schanden lassen werde, sondern sie aus ihrer Noth erretten und sie an einem Ort, in ein Land führen werde, wo sie nach ihrer Ueberzeugung und ihrem Glauben Gott dienen und Ihm leben können. Beide Briefe sind an den Herausgeber geschrieben; der erste ist von dem bekannten Claaß Epp und der andere von einem der drei Deputierten, die, wie aus dem Briefe in Nr. 10 dieses Blattes Seite 77 zu ersehen ist, auf Veranlassung eines russischen Beamten, in das Land Chiwa von den Brüdern gesendet werden, um es zu erkunden. Claaß Epp, der auch einer der Deputierten war, schreibt:

Petro – Alexandrowsk, den 21. Juli 1882.

In Nr. 5 des Gemeindeblattes v.d.J. standen am Schlusse eines unsere Sache berührenden Aufsatzes, folgende Worte des Herausgebers: „Dem Herausgeber fällt über der Ausspruch Gamaliels ein: Ist die Sache von Menschen, wird sie untergehen, ist sie aber von Gott, so wird sie bestehen, und der Herr wird sie herrlich hinausführen.“

Hiemit, Br. Hege, mit wenigen Worten den Dank für diese Worte, und als Antwort: „Der Herr hat sie herrlich geführt an dem Tage seiner Erscheinung.“ Als der Herr uns gehen hieß, wußten auch wir, wie einst zu Israel in der Wüste gesagt wurde, daß sie sollten und mußten auf dem Wege auf die verschiedenste Art versucht werden, damit sie sich selbst kennen lernen; aber nicht deßhalb, daß es heißen sollte, ihr Weg sei verkehrt vor dem Herrn, denn der Herr wollte nicht allein sein Volk äußerlich, sondern besonders ihre Herzen ausführen aus Egypten, so auch uns nicht allein äußerlich, dem Liebe nach, sondern besonders dem inwendigen Menschen nach, daß wir erkennen, sollten das laue, nicht kalt noch warme Wesen unserer selbst, so unserer ganzen Gemeinde, solches war uns nicht verborgen ehe wir gingen, sondern uns von unserem Gott zu wissen gegeben, und deßhalb auch mußten versucht werden auf die manchfaltigste Weise auf dem vor uns liegenden Wege, solches haben die öffentlich gehaltenen Reden, Predigten und Ansprachen, die gehalten wurden, jederzeit klar gelegt. Aber nicht dazu sollten die uns treffenden Heimsuchungen dienen, um zu sagen, der Weg ist verkehrt vor dem Herrn, wie so vielfach gesagt wurde, selbst unter uns auf dem Wege solches mehrfach gesagt worden, sondern der Herr hat die Heimsuchungen, die Er auf dem zurückgelegten Wege über uns hat ergehen lassen, für gut gehalten und hat diejenigen, so sich strafen ließen von seinem Geiste, fest behalten. Denen aber, so sich nicht strafen lassen wollten von seinem Geiste, wurden die Wege des Herrn mit uns verkehrte Wege, so daß sie nicht mehr erkennen konnten die Wichtigkeit derselben und selbstverständlich auf andere Wege geführt wurden, je nachdem sie geglaubt.

Nachdem der Herr also sein Werk bis dahin herrlich und für uns nicht im Verborgenen weiter führte nach seinem Willen, hat Er, der allmächtige Gott, der die Herzen der Menschen lenkt, heute so morgen so, je nach seinem Willen, der Gott lenkte auch die Herzen der Großen, daß sie uns absagen mußten, eine Stätte in Rußland zu geben, so auch die Bucharen nicht, lenkte heute die Herzen eben dieser nämlichen Leute, uns eine Stätte anzubieten und zu sagen: Dort geht hin, so auch die Chiwasische Regierung lenkte, daß sie so sagen mußte. Br. R. hat das Aeußere geschrieben*) In Chiwa am Amu – Darja in der Nähe der Stadt Isakes hat der Herr und für jetzt die Thür geöffnet, so uns verheißen. Wo Thatsachen reden, können Meinungen aufhören, wo der Herr redet, können Menschen schweigen.

An Br. Hege eine herzlichen Gruß, sowie an Alle, die Jesum Christum lieb haben.

Claaß Epp

Petro – Alexandrowsk, den 15. Juli 1882.

Werther Herr Hege!

„Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden!“ Dieses Wort können wir jetzt einigermaßen nachfühlen. Günstiger, als wir erwartet, hat sich unsere Sache hier gestaltet. Um aber keine Lücke zu lassen, beginne ich heute meinen Bericht da, wo ich in meinem letzten Briefe aus Serabulak aufhörte**). Den 21. Juni traten wir: H. Jantzen, Cl. Epp und ich unsere Deputationsreise hierher an. Noch an demselben Abend ritten wir in Buchara hinein und kehrten zur Nacht in einer Karawanserie (Karawansaraj – E.K.) ein. Kaum saßen wir nach morgenländischer Weise, d.h. auf dem Fußboden um unsern Thee, so waren auch schon die bucharischen Beamten da und erkundigten sich nach uns und nach unsern Papieren. Der in der nächsten Stadt wohnende große Beck***) wurde dann davon in Kenntniß gesetzt. Hier wurden wir denn am folgenden Tage am Eingange der Stadt von der militärischen Wache auch aufgehalten und gefragt, ob wir Pässe haben. Als wir dieses bejahten, führte man uns zum großem Beck. Zum Thore einreitend präsentierte die Thorwache das Gewehr vor uns. Die Leute empfingen und hier sehr freundlich, alle reichten uns die Hände bis zum ersten Gehilfen; der Beck selbst war nicht zu Hause. Wir mußten uns dann um einen roth bedeckten Tisch auf rothen Schemeln niedersetzen. Dann besetzte man den Tisch mit Aepfeln, Aprikosen, gefärbten Pflaumensteinen, Rosinen, Zuckergebäckniß, Lepjoschki (Fladenbrot – E.K.), Zucker und endlich auch Thee. Nachdem wir gegessen und getrunken, wurden uns die Pässe abgenommen. Ein Greis sah einen durch und ließ sie uns wieder geben. Somit waren wir entlassen. Nun durften wir unsern Weg unangefochten fortsetzen. Wir ritten bald im, bald neben dem Seraphschanthale. Dasselbe gleicht auf der ganzen Strecke von Samarkand bis zur Hauptstadt Buchara einem großen, fruchtbaren Garten mit den verschiedensten Feldern: Weizen, Gerste, Baumwolle, eine Art Mais (Viehfutter) Klee, auf tiefgelegenen wasserreichen Stellen, Reis, mit Beeten: Tabak, Melonen, Arbusen, Gurken; mit hübschen Baumgruppen, gewöhnlich an den kleinen Teichen, die hier sehr viele Bewohner haben zum baden, Viehtränken oder endlich um klares Wasser zum häuslichen Gebrauch zu bekommen. Auch die meisten Gräben sind mit Bäumen bepflanzt. Unter allen macht sich hier allenthalben die Rüster bemerklich durch die Größe und das Alter, welches sie erreicht, wie ganz besonders durch ihren schönen symetrischen Wuchs. Sie steht da, wie ein hübsches Bouquet. Ferner will ich auch die vielen Weingärten nicht vergessen, die ich sah, wie ebenfalls der Gärten mit den eigenthümlichen Feigenstöcken. Auch an Kreuz- und Quersteigen fehlts in diesem Garten nicht. Selbst der Hauptweg war auf Stellen so schmal, daß eben nur eine Arba****) fahren kann. Derselbe wurde auf dieser Seite Buchara`s (Stadt) der Sandwüste zu, die zwischen dieser und dem Amu – Darja *****) liegt, gar so schmal, daß man nur noch reiten konnte. Da das genannte Thal ungemein bevölkert ist, so kommen zu all dem Aufgezählten noch die kleinen Städte, die vielen Dörfer, Dörfchen und einzeln stehende Gehöfte und Häuschen. Alles aus Lehm mit flachen Dächern. Es sind eben in der ganzen Umgegend keine Wälder, die das Bauholz liefern, man ist hier ganz auf die Anpflanzungen verwiesen. Noch muß ich bemerken, daß in einer Stadt ein bucharischer Beamter uns Thee, Abendbrot, Aepfel und Pferdefutter und Nachtquartier in einer Karawanserie******) unentgeltlich geben ließ. Aus welchem Grunde, konnten wir nicht erfahren, weil wir alle drei zusammen nur ein paar Worte sartisch konnten. Den 14. morgens ritten wir zur Stadt Buchara ein, diesem Centrum des mittelasiatischen Handels und der orientalischen Gelehrsamkeit. Die Straßen ungemein belebt; doch sieht man nur Orientalen in weiten bunten Gewändern mit den großen Turbans auf dem Haupte, vieles aus reiner Seide; denn Buchara ist ja zugleich auch der Mittelpunkt des Seidensbaues. Es ist auffallend, daß die Leute bei der größtentheils hellen Tracht vielfach ganz weiße Turbans, so sauber einhergehen. Es liegt in dem Auftreten der Vornehmen etwas Adeliges, Patriarchalisches. Es giebt unter ihnen sehr hübsche Leute. Noch am selben Tage unserer Ankunft besorgte uns ein tatarischer Kaufmann, ein Bekannter von Br. H. J. (Hermann Jantzen? - E.K.), einen Führer bis an den Amu – Darja (circa 100 Werst). Mit Sonnenuntergang machten wir uns auf den Weg; unser Führer, ein echter Chivese mit einer großen schwarzen Pelzmütze, auf einem kleinen Esel voran. Letztere sind in dieser Gegend stark im Gebrauch, sogar die Kavallerie in Buchara trafen wir auf solchen Thieren. Obgleich wir auch hier noch den Lauf des Seraphschanflusses verfolgten, so war doch das Thal lange nicht mehr, was das vorige. Es wird immer schmaler und öder, bis sich endlich das Wasser des Flusses im Wüstensand verläuft. Parallel mit dem Amu – Darja in einiger Entfernung von demselben, stellenweise auch dicht an ihn herantretend, zieht sich ein hier 3 ½ Meilen breiter Streifen fliegender Sand dahin. Da liegt ein Hügel am andern, manche hoch aufgethürmt. Mit Wagen, ja sogar mit den hochrädrigen Arten durchzufahren, ist unmöglich. Oft soll sogar jede Spur eines Fußsteiges vom Sande verschüttet sein. Mit Sonnenuntergang des folgenden Tages ritten wir in diese Wüste hinein. Am Tage soll die Hitze zwischen diesen Sandbergen unerträglich sein. Bald stießen wir auf eine kleine Karawane. Wir warteten auf deren Aufbruch. Bis dahin kamen noch einige Leute auf Kameelen und Eseln. Abgerechnet, daß dieser ganze Zug einmal verirrte und eine ganze Weile nach der Spur suchen mußte, ritt sich ganz gemüthlich. Zweimal trafen wir Wasser an. Mit der Nacht hatten wir auch die Wüste hinter uns. Nun hatten wir noch einige Meilen bis zu dem Ort, wo wir ins Schiff steigen konnten. Wir mußten noch durch vielen fliegenden Sand, nur war derselbe nicht mehr so tief. Nachmittags kamen wir am Amu – Darja. an. Ein Muselmann (ein Moslem – E.K.) nahm uns freundlich auf. Natürlich ließ er sich das, was er uns gab, gut bezahlen. Zu unserer Freude theilte uns der Mann mit, daß ein russischer Herr mit seinem Dolmetscher da sei, der auch nach Petro – Alexandrowsk wolle. Ich ließ mich am nächsten Tage von unserm Hauswirth zu ihm führen. Er nahm mich sehr freundlich auf. Erzählte, daß er ebenfalls durch Buchara gekommen und nach der genannte Stadt als Richter berufen sei. Nachdem ich ihm unsere Lage geschildert, und wie besonders das unsere Reise so erschwere, daß wir der hiesigen Sprache nicht mächtig wären, erbot er sich und nach Kräften behilflich sein zu wollen. Das ist er auch gewesen. Da wir wegen Mangel an Raum auf den abgehenden Böten unsere Pferde nicht mitnehmen konnten, mußten wir sie dort lassen. Niemand aber wollte sie für die Zeit unserer Abwesenheit übernehmen. Der Herr Richter brachte sie unter und zwar für mäßigen Preis. Den 29. Juni begaben wir uns aufs Boot, das uns hierher bringen sollte. Die hiesigen Wasserfahrzeuge sind ganz verschieden von denen in Europa, ausgenommen die Form. Die größten (die einige tausend Pud a`40 Pfund Ladung tragen), wie die kleinsten sind, ähnlich wie ein Gebäude, aus starken Holzstücken zusammengeschurzt. An dem ganzen Bau findet man keine eisernen Nägel, kein Eisen, außer zwei kurzen Stücken, auch keine Rippen. Von einem ordentlichen Steuerruder, einem Segel, einem gleichmäßigen Rudern scheinen die Leute hier noch keinen Begriff zu haben, ein jeder rudert, wie`s ihm auskommt, indem vorn mit einer Stange und hinten mit einem losen Ruder das ganze Ding regiert wird. Da wir bei dieser Wasserfahrt viel Wind hatten, so legten wir die Strecke von circa 320 Werst (80 Stunden) bis hier erst in einer Woche zurück. Es ist der Amu – Darja ein calossaler Fluß und doch für größere Schifffahrt bis jetzt wenig geeignet, auf Stellen über 15 Faden tief, kommen Stellen so flach, daß ein Dampfschiff sich schlecht durchfindet. Auf manchen Plätzen ist er so breit, daß man das entgegengesetzte Ufer knapp sehen kann. Den 6. Juli trafen wir hier ein.

(Schluß folgt.)

*) Siehe Gemeindeblatt Nr. 10. S.77. Die Unterschrift des dortigen Briefes soll: „E. Riesen“ heißen.

**) Im nachfolgenden Brief.

***) Ein Beamter.

****) Zweirädriger Karren.

*****) Ein Fluß.

******) Karawansaraj ist ein großes öffentliches Gebäude für Reisende.

Dezember 1882, Nr. 12, S. 90 - 91


Weitere Nachrichten von den mennonitischen Auswanderern nach dem Orient.

(Schluß)

Petro – Alexandrowsk, den 15 Juli 1882.

Werther Herr Hege!

Der uns stets sehr wohlgesinnte Reisegefährte Herr S. nöthigte uns bei ihm Quartier zu nehmen. Da er sich auch für den Zweck unserer Reise interessierte, erbot er sich gar, uns auch in unserm Wirken bei der hiesigen Behörde zu unterstützen, wozu er sofort bei seinem Eintreffen hier Veranlassung nahm. Als ihm nämlich der Direktor der Kanzlei des hiesigen Kreischefs, Grottenholms, entgegen kam, um ihn in sein für ihn bestimmtes Quartier einzuführen, stellte er ihm unsere ganze Sache vor. Wir drei mit dem Diener unseres Gönners waren vorausgefahren. Als nun die beiden Herren nachkamen und wir dem Direktor vorgestellt waren, sagte Herr S. zu uns: „Ihre Sache ist fertig; Grottenholm wollte selbst zu ihm senden und Sie einladen, sich hier anzusiedeln. Nachdem wir uns noch eingehender das Nähere mit dem Herrn Direktor selbst besprochen, sagte derselbe, daß er den Oberst G.von unserm Eintreffen in Kenntniß setzen wolle und uns mittheilen werde, wenn wir uns demselben vorstellen sollten. Wir wurden zu 3 Uhr nachmittags hinbeordert. Herr Oberst G. war freundlich aber wortkarg. Seine Hauptfrage war, wie viel Land wir brauchen würden. Dann sagte er, daß er uns werde auf der linken Seite des Amu – Darja (im Chanat Chiwa) Land zeigen lassen. Doch möchten wir am nächsten Tage kommen, da werde er das Nähere mit uns besprechen. Hier muß ich folgendes ergänzen. Petro – Alexandrowsk ist die Gouvernementsstadt des sogenannten Amu – Darja – Gebiets, das die Russen im Jahre 1871 dem chinesischen Chanat abgeschnitten haben. Den Theil vom früheren ziemlich großen Chiwa, der auf der linken Seite des Amu – Darja liegt, hat man dem von der russischen Regierung nach dem Kriege aufs neue eingesetzten Chan wieder zurückgegeben. Doch ist derselbe seit jener Zeit von Rußland ganz abhängig. Was der hiesige Vertreter der russischen Regierung wünscht, muß der nicht ganz 9 Meilen von hier entfernt wohnende Beherrscher Chiwas thun. Am nächsten Tage ließ Herr Grottenholm den chiwasischen Konsul zu sich rufen und sagte ihm, daß er uns das unbesiedelte Stück Land Chiwas gerade dieser Stadt gegenüber zeigen möchte. Am Tage darauf schifften wir mit ihm hinüber. Wir brauchten 5 Stunden zum Uebersetzen. Der anfangs wehende Wind wurde zum gewaltigen Sturm, der uns sogar in Lebensgefahr brachte. Doch der Herr ließ die angestrengteste Arbeit der Leute gelingen, wir erreichten das jenseitige Ufer und betraten somit das uns zur Ansiedlung in Vorschlag gebrachte Land. Es kam uns aber dazu nicht geeignet vor. Als wir solches dem Herrn Oberst mittheilten, meinte er, wir möchten uns an den Chan wenden; er werde seinen Dolmetscher auch hinsenden. Den 10. Juli reisten wir nach der Stadt Chiwa ab. Außer dem Dolmetscher des Gebietschefs, Herrn Ch.mit drei Mann Kutscher (denn wer fuhr auf einer Equipage) und zwei Begleitern war noch der schon sogenannte Konsul mit drei Bedienten mit. Den Mann von unsern Reitpferden dazu gerechnet, waren wir unserer 12. Am 11. in Chiwa angekommen, kehrten wir beim ersten Minister ein. Man findet auch hier, daß große Leute verstehen, großartig zu leben, wenn auch in anderer Weise wie in Europa; schöne Häuser, viele Weiber, viel Bediente, hübsche turkmanische Pferde, gutes Essen. Doch bildet auch hier wie allenthalben bei Arm und Reich der Pollau (Reisbrei) das Hauptgericht. Herrn Ch. Wurde ein Häuschen im Garten angewiesen, daß nach russischen Styl eingerichtet war; wir drei bekamen ein Stübchen, das hatte nach morgenländischer Weise kein Fenster. Noch am Tage unserer Ankunft bekam Herr Ch. Audienz beim Chan. Nachdem letzterer genügend mit unserer Angelegenheit bekannt gemacht worden, wurden wir am nächsten Abend vor ihn geführt. Herr Ch. war natürlich mit. Gleich vornen auf einem von hohen Mauern umgebenen Raum wurden wir von den zwei Ministern empfangen. Beide gaben uns die Hände. Nachdem Herr Ch. noch einiges mit ihnen durchgesprochen, ging er mit dem ersten Minister, derselbe ist längere Zeit als Gefangener in Rußland gewesen, versteht auch etwas die russische Sprache, zum Chan. Bald wurden auch wir zu ihm geführt. Nachdem wir noch durch vier oder fünf Ruinen (die Zimmer gleichen, wenn sie eine Decke hätten) gegangen, kamen wir in den Garten. Unter dem Balkon seines Hauses steht der Fürst auf einer Decke mit untergeschlagenen Füßen, eine große Pelzmütze auf dem Kopfe. Er fragte uns, ob wir seine Untertanen werden und uns dann auch den Ordnungen seines Reiches fügen wollten, theilte uns dann die Bedingungen und Vergünstigungen mit, unter denen er uns, aufnehmen wollte, fragte uns dann ferner, ob wir auch als solche Leute , die sich Vergehungen zu Schulden kommen lassen, auch von seinen Gesetzen wollten bestrafen lassen. Darauf erklärte er, daß in seinem Reich Mord, Raub, Diebstahl, Nothzucht mit dem Tode bestraft werden. Freiheit zum Auswandern sagte er uns zu. Land wolle er uns geben so viel wir bräuchten. Er werde uns einen Führer geben, der uns das Land zeige. Alles, was uns er klärte, werde er dem hiesigen Natschalnik schriftlich geben. Wolle der etwas daran geändert haben, so würde uns das mitgetheilt werden. Wir dankten ihm und ritten in unser Quartier. Am nächsten Tage fuhr ich mit H. Ch. Nach Petro – Alexandrowsk zurück, während die Brüder J. und E. Tags darauf nach dem vorgeschlagenen Lande zu reiten beabsichtigten. Dasselbe liegt über 100 Werst unterhalb dieser Stadt. Hin wie zurück waren wir bei einem Beck über Nacht. Der hat uns immer (auch als wir nach der Besichtigung des ersten Landstrichs bei ihm übernachteten) reichlich bewirthet mit Pfirsichen, Weintrauben, Melonen, Thee, Fleischsuppe, Braten, Pollau. Auch europäische Löffel (silberne), Messer und Gabel hatte der Mann, auch Theegläser und eine Lampe fehlten nicht.

Den 19. Juli.

Bis jetzt sind die Brüder von dem angewiesenen Lande, welches nicht weit von dem Anfange des alten Oxusbettes liegt, noch nicht zurückgekehrt. Ich erwartete sie heute. Wir werden dann eilen, um zu den unsrigen zu kommen. Ich wollte heute schon Reitpferde annehmen bis zu dem bucharischen Dorfe J., wo unsere Pferde stehen. Auf Böten fährt man bis dort (gegen Strom) in 20 bis 25 Tagen. Man fordert sehr hohe Preise, da will uns denn wieder unser Gönner S. behilflich sein. Derselbe hat uns schon viele Dienste erwiesen und manche Ausgabe erspart, abgesehen davon, daß wir ganz an seinem Tisch speisen und in seinen Zimmern wohnen.

Es folgt nun die Kopie des Briefes des chinesischen Chans vom 15. Juli 1882 an den Herrn Natschalnik des Amu – Darjas Gebiets:

„Der Beamte Chochrjakow überbrachte mir mündlich Ihre Worte, die Deutschen anlangend, welche meine Unterthanen zu werden wünschen.

Die hierher gekommenen drei Deutschen habe ich gesehen und mit ihnen gesprochen; sie wünschen meine Unterthanen zu werden und in meinem Lande zu wohnen, und sich mit der Landwirthschaft beschäftigend, wünschen sie gleich meinen übrigen Unterthanen die Angaben zu zahlen. Außerdem sind die auch damit einverstanden, daß ich sie für Vergehungen nach meinem Gesetz und meinen Sitten bestrafen kann, je nach der Schwere des Vergehens. Ich meinerseits befreie sie von den Abgaben auf ein Jahr und werde solche mit dem zweiten Jahre nehmen. Außerdem befreie ich sie vier Jahre von der Reinigung der Kanäle, Arbeiten an den Dämmen und der andern Kronspflichten. Wenn sie aber in meinem Lande nicht gut wohnen können, und wünschen auszuwandern, so werde ich sie nicht zurückhalten.

Jetzt bitte ich Sie ergebenst, Geehrtester, diesen Deutschen zu erlauben, in mein Land überzusiedeln und meine Unterthanen zu werden und bitte mich hievon schriftlich zu benachrichtigen . Ich gebe ihnen eine genügende Masse Land und Wasser bei Lausan und Chodschili.“

(Es folgt die Unterschrift und Siegel.)

Den 20. Juli.

Heute kamen die zwei Br. zurück. Das Land gefällt ihnen.

Anmerkung des Herausgebers.

Der Grund, warum dieser Brief so ohne Schluß und Unterschrift an ihn abgesendet wurde, ist ihm nicht bekannt.