Vogt - Mennonitische Ahnenforschung

Asiatische Korrespondenz in "Gemeindeblatt der Mennoniten" vom Mai 1882, Nr. 5, S. 37 - 39

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

mit freundlicher Genehmigung des Mennonite Library and Archives Bethel College.
Hier geht es zum Digitalisat: "Gemeindeblatt der Mennoniten" im Internet.

Von der Auszugsgesellschaft. Von Br. R. (Riesen? – E.K.)

Kasalinsk, den 15. November 1881.

Wertherster Br. Hege!

Wieder sind wir durch des Herrn Gnade eine Strecke weiter gekommen, über welche Wegstrecke ich Ihnen in der Kürze Bericht zu erstatten gedenke. Von Karabutak, von wo aus ich an Sie schrieb*) bis Irgis, von welcher Stadt an die Wüste gerechnet wird, sind 180 Werst (7 Werst=2 Stunden), durch die Wüste bis hier dann noch 360 Werst. Von Karabutak an war der rauhe Wintersmann unser steter Begleiter. Seine Strenge ließ er uns bald drückender, bald gelinder fühlen. So hatten wir in einer Nacht 18° R Frost.

Turkestan, den 8. Februar 1882.

Ich werde nun meinen Bericht, den ich in Kasalinsk begonnen, fortsetzen. In der Wüste kam uns Schnee bei Frost außerordentlich zu statten. Schnee vertrat die Stelle des stellenweise mangelnden Wassers, Frost machte uns den sandigen Weg fast zur Chaussee. Wollte uns ab und zu auch frieren, so wurde das Gemüth dadurch doch bei weitem nicht so niedergedrückt, als durch das in Kasalinsk eintretende Schmutzwetter. Der Himmel beständig trübe, das lehmige Erdreich ganz durchweicht, dazu noch Schnee, mitunter auch etwas Regen; so brachte unsere Gesellschaft hier eine volle Woche zu. So hatten wir denn auch noch einige Stationen im tiefen Schnee zu fahren. Da wollte das Herz wohl zagen.Wie dankbar wir für den eintretenden Frost waren, der uns wieder eine gebahnte Straße machte, können Sie sich leicht erklären. Je weiter wir nun nach dem Süden kamen, wo es nach Aussage der Leute immer wärmer werden sollte, desto strenger legte der Wintersmann seine eisige Hand auf uns. Einige Tagereisen vor Turkestan hatten wir ein paar Mal morgens 23° R, einmal gar 25° R Frost. Der Herr aber half uns gnädig hindurch. Denken Sie sich, man hörte selbst in den kältesten Tagen in einem und dem andern Wagen Kinder morgens noch munter singen; natürlich waren die ersteren so dicht und so warm wie möglich gemacht. Selbst Schwerkranke wurden in solchen Tagen gesund, standen auf, wankten draußen herum. Außer dem Bruder, von dessen Tode ich Ihnen im vorigen Brief geschrieben, starben auf dem ganzen Wege bis hier nur noch drei Kinder und zwar so kurz aufeinander, daß sie zusammen in einem Grabe beerdigt werden konnten. Es machte einen eigenthümlichen Eindruck, die drei schwarzen Särge mit den zarten nach Umständen recht hübsch angezogenen Kindesleichen auf dem Schnee unter freundlichem Himmel stehen zu sehen. Am 17. Dezember v.J. in der Mittagszeit kamen wir hier an. Tief lag der Schnee auf dem Platze, wo wir unsere Wagen zusammenfuhren. Da der aber lose gefallen, so konnte man ihn mit Leichtigkeit um dieselben hierum wegschaffen. Da es dem Inhalt mancher Wagen, Betten u.s.w. unumgänglich nöthig war, einmal ausgetrocknet zu werden, so bezog ein Theil durch die freundliche Fürsorge des hiesigen Natschalniks bekamen. Während unseres Liegens oder besser Hierseins mehrte sich der Schnee gewaltig. Wiewohl es der Wunsch einiger Brüder war, noch vor Weihnacht unsere Reise fortsetzen zu können, ja kamen wir doch, bis alles Nöthige fertig war, erst am Montage nach Weihnachtsage zum Aufbruch, doch auch fast nur dazu; denn nachdem die ersten Wagen im tiefen Schnee etwas über eine halbe Meile vorgedrungen, waren sie gezwungen, umzukehren, und wir alle hier in Turkestan, 266 Werst vor Taschkent, zu überwintern, die Ruhe hier, zumal in sehr guten Wohnungen, thut uns sehr wohl. Wer weiß, welch ein Kampf darauf folgen wird, was die jetzt uns noch ganz dunkle Zukunft uns bringen wird. Die Regierung scheint sich gegenwärtig wieder sehr mit unserer Angelegenheit zu beschäftigen. Gestern als ich aus dem Andachtshausse kam, begegnete mir der Natschalnik, der mir ungefähr folgende Mittheilung machte: „Ich sprach Ihretwegen mit dem General Sth. Er sagte mir, daß man Ihnen Land bei Taschkent oder Aulieata anweise werde. Sie wollen gerne alle zusammen bleiben. Man wird das möglich zu machen suchen. Wo das nicht geht, wird man Sie theilen.“ Ob man uns damit auch Freiheit geben will, weiß ich nicht. Bis wir hier werden ausfahren können, wird es sich ja wohl herausgestellt haben. Denn voraussichtlich werden wir noch geraume Zeit hier bleiben müssen. Nach sonstigen Jahren sollte der Schnee längst weggethaut sein, und doch verschwindet er dießmal hier nur so langsam; gestern hatten wir noch 16° Frost, am 1. Februar gar 22°. Lebensmittel und Pferdefutter sind hier nicht besonders theuer, billig sind Rosinen und gelbe Pflaumen, a`5 – 10 Kopeken (a`3 Pfg.) und Reis. Außer zwei russischen Kaufleuten sind sämmtliche Handelsleute Tataren, hiesige Einwohner (Sarten) und Bucharen, letzteren meistentheils nur mit Süßfrüchten handelnd, und Israeliten (nicht Juden) aus Buchara. Sie sind aus den zehn Stämmen und haben die fünf Bücher Mose und die Psalmen. Die Sarten gehören zur kaukasischen Rasse.

Nun nehmen Sie für diesmal mit dem Wenigen vorlieb ….

Vor dem schlimmen Ergehen, der aus Buchara vertriebenen Mennonitischen Brüder bringt „Der Wächter“ weitere Nachrichten, wovon mir Folgendes mittheilen (weiter überschneidet sich der Bericht mit dem „Christlicher Bundesbote“ s. Nachrichten aus Buchara und ein Bericht von Jacob Töws über die Geschichte der Buchara – Auszugsgesellschaft in "Christlicher Bundesbote" vom 15 Feb 1882, 1 März 1882 und 15 März 1882):

Ein bucharischer Beamter kam eines Tages mit einem Trupp Soldaten**) in das Dorf von Erdhütten eingeritten und befahl auf das Gebot des Emirs (Fürsten) die sofortige Räumung des Platzes. Dabei machte er das Anerbieten, so viele Kameele und Karren zu stellen, als die Gesellschaft verlangen würde und zum Fortbringen aller ihrer Habe nothwenidg wäre. Auch wollte er nicht, wie er sagte, sie über die Grenze, sondern nur etwa 80 Werst weiter nach einer Stadt schaffen. Im Weigerungsfall würde sie aber mit Gewalt über die Grenze gebracht werden.

Anderseits hatte der russische Gouverneur wiederholt der Gesellschaft Winterquartiere auf der russischen Seite in einem Sardendorf anbieten lassen, die sei dann schließlich auch nothgedrungen annähmen.

Die Brüder, im Glauben, daß sie durch ihre bisherige Nachgiebigkeit und ihre Menschengehorchen dem Namen ihres Herrn und Bräutigams nur Schande gemacht hätten, entschlossen sich, unter heißem Ringen mit Gott im Gebet, des Abweichens nicht mehr zu machen, sondern auf dem Platze, der ihnen der Herr geschenkt und Zeugniß gegeben hatte, daß er der rechte sei, auszuharren. Das war an einem Dienstage. Die Soldaten unternahmen an diesem Tage weiter nichts, als daß sie ein Zelt aufzurichten suchten, da dieß aber des starken Windes wegen nicht ging, sich in den Hütten einquartieren. Mittwoch Abend ließ der Beamte zwei noch nicht bezogene Erdhütten zuschaufeln. Donnerstag schickte er einen Boten an seinen Vorgesetzten ab. Dieser kehrte gegen Abend zurück und überbrachte den Befehl des höheren Beamten, daß vier Brüder vor ihn gebracht werden sollten. Nun redeten die Bucharen den Brüdern zu, daß sie den höheren Beamten nur um Aufschub des Abzuges bis zum Frühling bitten sollten, der Kranken und Kinder halber. Die Brüder sahen in solchem Rath eine listige Versuchung des Feindes. Aber so oder anders, ihrer Viere mußten, es war heller Mondschein, in die Nacht hinausreiten. Sehr weit war es übrigens nicht. Dort vor dem Oberbeamten erklärten sie, daß sie dem Befehle zum Abzuge nicht gehorchen dürften. In Folge dessen wurde ihnen die Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt und sie unter Wache gesetzt. Nachmittags kamen die vier zurück, und zugleich mit ihnen erschien der Beck (Oberbeamte). Dieser gab Befehl, die Wohnungen zu zerstören. Die Soldaten legten Hand an, aber trotzdem, daß die Beamten mit „Prügeln“ in der Hand zur Eile trieben, ging das Zerstörungswerk nur langsam vorwärts, wie wenn eine höhere Hand gewehrt hätte. Kamen sie an eine Wohnung, so wurden zuerst die Fenster eingeschlagen, wonach die Bewohner hinausgingen und dann das Zerstörungswerk vollendet wurde. Daneben packten sie ab und zu einen von den Brüdern mit Gewalt auf ein Fuhrwerk und fuhren mit ihm ab. Gegen Frauen und Kinder blieben sie jedoch mehrentheils freundlich. Als es Abend wurde, stand noch über die Hälfte Wohnungen unversehrt, und hieß man die Familien, welche seit Zerstörung ihrer Hütten unter freiem Himmel lagerten, zu den Andern in die unversehrten Hütten gehen. Sie fanden auch alle Raum darin und verharrten die ganze Nacht im Gebet und Schreien zum Herrn um Hülfe und Kraft. Sonnabend Morgens sollten alle aus den Hütten hinaus, und als man nicht gutwillig ging, wurde, doch erst Nachmittags, Gewalt gebraucht, alles zertrümmert und die ganze Gesellschaft fortgetrieben. Wie es da herging, kann man sich schon ohne ausführliche Schilderung***) denken. Es waren dies und die folgenden Tage, bis sie, was schon erwähnt, in dem Sardendorfe auf russischer Seite untergebracht waren, sehr schwere Tage, wie sie solche noch nicht erlebt hatten. Es war der Gang nach Gethsemane und von da nach Golgatha, wo sie erst recht die Fußstapfen ihres Herrn und Bräutigam erkennen und darin, wie es Seiner Braut gezieme, nachfolgen lernten.

Und nun? Sie glauben, daß sie bald wieder nach jenem Ort, von dem sie vertrieben, zurückkehren werden, denn es ist und bleibt der Ort, welchen der Herr für Seine Letztgemeinde zubereitet hat. Mit lob- und dankerfüllten Herzen rühmen und preisen sie die Wege Gottes und bekennen es frei vor aller Welt: die Wege des Herrn sind richtig, wenn`s auch dornenvolle Kreuzesswege sind. Der Herr hat sie, die Letztgemeinde, und nicht sie Ihn erwählt, und will sie würdig machen zu stehen vor Ihm, wenn Er kommt, und will sie herrlich machen, wenn Er gekommen ist. Die Wege des Herrn sind wunderbar, das erfahren sie, und herrlich führt Er es hinaus, das glauben sie.

Wir wollen hören, wie es diesen Brüdern und den Ihrigen weiter geht und ihrer auch im Gebet gedenken. Dem Herausgeber fällt hier der Ausspruch Samaliels ein: „Ist die Sache von Menschen, so wird sie untergehen; ist sie aber von Gott, so wird sie bestehen und der Herr wird sie herrlich hinausfühern.“

*) Siehe Gemeindeblatt Nr. 12, Seite 92, 1881.

**) Esist hier zu berichtigen, dass es nicht Weiber waren, wie im Gemeindeblatt Nr. 4 S.39 Spalte 2 irrthümlicher Weise steht, sondern Soldaten, welche welche die Erdhütten zerstörten. A.D.H.

***) Zu dieser Stunde war es, da jene Frau die in voriger Nr. erwähnt ist, in Kindesnöthen kam und auf dem Wagen noch 2 Stunden fahren mußte.