Vogt - Mennonitische Ahnenforschung

Von der Auszugsgesellschaft in Turkestan in "Gemeindeblatt der Mennoniten" vom Januar 1882, Nr. 1, S. 4 – 5 und Februar 1882, Nr. 2, S. 13 - 14

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

mit freundlicher Genehmigung des Mennonite Library and Archives Bethel College.
Hier geht es zum Digitalisat: "Gemeindeblatt der Mennoniten" im Internet.

Januar 1882, Nr. 1, S. 4 – 5

Von der Auszugsgesellschaft in Turkestan.

Wie den Lesern des Gem. - Bl. bekannt ist, sind seit etwa anderthalb Jahren eine Anzahl Mennonitenfamilien nach Turkestan ausgewandert, um nicht allein der Ableistung des für die Mennoniten zum Ersatz der Wehrpflicht bestimmten Forstdienstes, sondern auch der Verbindung mit dem Reiche dieser Welt zu entgehen, da sie sich für die Brautgemeinde Christi oder für das in die Wüste fliehende Weib der Off. Johannes halten, das auch nicht in der gelindesten Form mit dieser in Verbindung stehen darf. Da sie sich darin in Turkestan getäuscht sahen, so trennte sich ein Theil von den andern Brüdern (welche sich in die für sie bestimmtem Ausnahmegesetze fügten), und entschloß sich, in das südlich von Turkestan angrenzende Buchara (oder Bucherei) einzuwandern, und sandten vorher eine Deputation von zwei Brüdern aus ihrer Mitte dorthin, um das Land zu erkunden und den Emir (Regent) um die Erlaubniß ihrer Niederlassung zu ersuchen; sie erhielten aber eine abschlägige Antwort.

Diese Deputation berichtet:

Wir fuhren Dienstag den 23. Juni von Taschkent mit der Post ab und gelangten noch denselben Tag bis Schünas am Syr – Darja. Tags darauf, als wir den Fluß etwa 4 Werst stromabwärts gefahren, wurden wir von Kirgisen in einer Fähre hinübergesetzt, und nun ging`s weiter in die sogenannte Hungersteppe hinein. In dieser wasser- und baumlosen Steppe war es recht drückend heiß, aber der Herr half hindurch. Um 7 Uhr Abends hatten wir das Schlimmste passirt, indem wir wieder, dem Gebirge näher, in bewässertes Land mit recht schönen Fruchtfeldern kamen. Abends trafen wir in dem Städtchen Schusack ein. Von hier ging der Weg der Weg in`s Gebirg durch einen hübschen Strom. Oben im Gebirge war sehr gute Frucht auf bewässertem Lande; auch recht viel grün bewachsene Steppe. Nachdem wir etwa 40 Werst oben gefahren, ging es wieder allmählig hinunter, wo die vielen Bäume, Getreidehaufen und üppigen Reisfelder der Gegend ein liebliches, oft recht anheimelndes Aussehen gaben. Samarkand kam immer näher. Nicht weit von der Stadt mußten wir auf einer Arba (zweiräderiger Karren mit sieben Fuß hohen Rädern) durch den Fluß Sarawschan fahren, weil es für die Posttarantasse zu tief war. Um 2 Uhr nachmittags kamen wir in Samarkand an. Hier wechselten wir uns bei einem bucharischen Kaufmann 20 Rubel bucharisches Geld ein und besorgten alles sonst noch zur Weiterreise Nothwendige. Um 6 Uhr Abends ging`s weiter der Grenze zu; wir blieben 43 Werst weiter auf der Poststation zur Nacht und fuhren Morgens die 20 Werst bis zur Grenze. In der Grenzstadt Katakurgan glücklich angekommen, dingten wir uns während des Theetrinkens einen Bucharen, der uns versprach, für 11 Rubel, auf einer Arba, mit einem Pferde, in 2 Tagen bis Buchara (150 – 160) Werst zu fahren. Um die Mittagszeit fuhren wir von Katakurgan ab und passierten einige Werst weiter die Grenze, ohne daß uns Jemand nach Pässen gefragt hätte. Im Bewußtsein, dass der Herr und Heiland, in dessen Dienst und Namen wir die Reise unternommen hatten, bei uns sei, setzten wir getrost unsere Reise fort. Die Gegend war auch hier, wie die letzte Strecke vor der Grenze, recht öde, die Weizenfelder ohne Bewässerung standen schlecht, etwa 15 – 20 Pud von der Dessjatine versprechend. Rechts sahen wir gute bewässerte Fruchtfelder in stark bevölkerter Gegend. Die Wege im bewässerten Lande sind so schmal, daß stellenweise zwei Wagen kaum vorbeifahren können, und überall an der Landstraße Bäume, daß wir lange Strecken im Schatten fuhren. Abends 10 Uhr fuhr uns unser Fuhrmann in einen Sardenhof zum Nachtquartier, bestellte Thee und Pollau (ein sehr schmackhaftes Essen aus Reis mit Schaaffleisch) und sagte, dass hier auch ein schönes Bad (orak) zu haben wäre, wovon wir denn auch zu guter Erquickung Gebrauch machten. Nach schöner, aber kurzer Ruhe, um 2 Uhr Morgens, weckte uns unser Fuhrmann, und es ging weiter. Um 7 Uhr wurde Halt gemacht zum Füttern. Während dem bekam unser Fuhrmann, Sultanbeck mit Namen, Streit mit einem Sarden, der sehr heftig wurde, doch nicht in Thätlichkeiten ausartete; wir waren aber ihre besten Freunde. Als Sultanbek anspannen sollte, erklärte er, daß sein Pferd einen wunden Rücken hätte und er selbst auch krank sei; er hatte sich nämlich an Opium berauscht. Doch fand sich alsbald ein anderer Fuhrmann, welcher für den bedungenen Preis eintrat, aber kein Wort russische verstand. Die ersten 25 Werst, welche wir nun weiter fuhren, war wüste Steppe wie die Hungersteppe, aber gegen Abend kamen wir in eine sehr fruchtbare, dichtbevölkerte Gegend. Mitunter schöne große Bäume und besonders viel, des Seidenbaues halber angepflanzte Maulbeerbäume. In den Gräben oft viel Wasser, was und lebhaft an die preußischen Werder erinnerte. Zur Nacht brachte uns unser Sarde wieder in eine Hof und bestellte auch Thee und Pollau. Unter alten Weiden und Rüstern umher lagerten Gruppen, ihren Thee trinkend; wir gesellten uns zu ihnen. Die Muhamedaner hielten ihre Abendandacht, und auch wir vereinigten uns im Gebet und legten uns zur Ruhe. Um 2 Uhr Morgens brachen wir wieder auf, und um 8 Uhr wurde wieder gefüttert. Es war Sonntag, und unser Fuhrmann schien, was uns sehr lieb war, keine Eile zu haben. Wir suchten uns daher einen freundlichen, schattigen Platz auf und flehten vereint den Herrn um einen Sonntagssegen an. Hier zählten wir auf den Bäumen auch acht bewohnte Storchnester. Um 1 Uhr Nachmittags machten wir uns wieder auf den Weg, Buchara zu. Buchara ist mit einer Festungsmauer umgeben. Wir fuhren ungehindert durch ein Thor hinein, Straße auf, Straße ab, nach dem Hause des „russischen Komtoirs.“ (Comptoirs?? - E.K.)

(Schluß folgt)

Februar 1882, Nr. 2, S. 13 - 14

Von der Auszugsgesellschaft in Turkestan (Schluß.)

Dort angekommen, redete uns ein Tartar in russischer Sprache an. Wir erkundigten uns nach einem Quartier; er ging auch sofort mit Bruder E., uns eines zu miethen, fand aber keines, weil die Leute Furcht hatten, uns aufzunehmen. Als es Abend wurde, sagte ein Komptoirdiener: „Kommen Sie nur mit zu unserm Herrn Gredowsky, Rath muß geschafft werden!“ Eben da denselben hatten wir auch eine Empfehlungskarte, und er empfing uns sehr freundlich und ließ uns gleich ein Zimmer einräumen. Buchara ist eine ziemlich große Stadt, man sagt, von 15 Werst im Umfange, und hat 11 Thore. Die Straßen sind sehr enge, und die Häuser haben nach der Straßenseite keine Fenster und nach der Hofseite eigentlich nur Fensterlöcher, indem man sehr selten Glas eingesetzt sieht. Die Markthallen sind große gewölbte Gebäude mit vielen, ebenfalls gewölbten Nebengängen, worin im großen Maßstabe russische wie bucharische Waaren, insonderheit viel Seide und Seidenstoffe, aufgestapelt sind. So zu sagen der ganze Marktplatz, Straßen wie Häuser, sind regendicht bedeckt und werden nur durch Löcher im Dache erleuchtet. Stellenweise ist es daher sehr dunkel, aber in der gegenwärtigen Hitze angenehm kühl. Moscheen sollen 400 sein; sie sind aus Ziegeln gemauert. Auf manchen derselben zählten wir 4 – 5 Storchnester. Auf dem Markte fehlte es nicht an Früchten, als Aepfel, Birnen, Pfirsichen, Weintrauben, Arbusen, Melonen u.s.w., und das alles sehr wohlfeil, z.B. 1 ¼ Pfund Weintrauben, oder Pfirsiche 3 Kop. und drunter. Doch genug davon. Am Dienstag wollten wir versuchen, vor den Emir zu kommen. Ein bucharischer Kaufmann, dem wir unsere Bittschrift zeigten, rieht uns aber, dieselbe erst umschreiben zu lassen, weil der Dialekt sehr taschkentlich sei. Dies wollten wir nun auch, konnten aber Niemanden dazu bewegen, der Furcht vor, dem Emir halber. Ebensowenig wollte jemand die Adresse auf ein Kouvert schreiben, worin, wie man sagt, die Bittschrift eingelegt sein müßte. Herr Gredowsky meinte, es würde am Besten sein, die Bittschrift so abzugeben, wie wir sie hätten, und so fuhren wir denn Mittwoch Morgens, auf einer Arba, nach dem Landhause des Emir ab. Dort angekommen wurden wir gleich von ein paar Herren empfangen, welche erst die Bittschrift nahmen, danach aber erklärten, daß sie eine Adresse haben müsse. Ein Beamter fuhr nun mit uns zurück zur Stadt, und hier fuhren wir von einem Hause zum andern, aber Niemand war dazu zu bewegen, die Adresse zu schreiben. Endlich kehrten wir in unser Quartier zurück und trafen hier mit dem Minister Ignak auf dem Hofe zusammen, welcher nach unserm Begehr fragte. Wie überreichten ihm die Bittschrift, nach deren Durchlesung er sagte, daß er Abends uns zu sich werde abholen lassen, was auch geschah durch zwei seiner Leute. Nach dem Empfange mußten wir uns zu ihm auf den Teppich niederlassen und unsere Umstände auseinandersetzen. Darauf sagte er, daß er die Bittschrift dem Emir vorlegen und ein paar Tage später Bescheid ertheilen werde. Dann ward uns auf einem Tuch Konfekt und Gebackenes angeboten. Als wir gegessen hatten, verlangte er von uns ein Tuch, band den Rest zum Mitnehmen ein, dabei sagend, daß er so bei ihnen Gesetz sei. Der versprochene Bescheid blieb aus; anstatt dessen erfuhren wir Montag, daß der Minister ein Bein gebrochen habe. Was sollten wir jetzt thun? Die Bittschrift hatte er in Händen! Doch waren wir getrost in dem Bewußtsein, daß es des Herrn Sache sei und nicht länger aufgehalten werden könne, als er es für gut halte, und denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen. Montag Abend gingen wir wieder zum Minister, ohne Dolmetscher, indem aus großer Furcht Niemand mitgehen mochte. Als wir hingekommen, wurde wir vor sein Lager geführt und mußten uns vor demselben auf den Teppich niederlassen. Er ließ uns sagen, daß er die Bittschrift dem Emir abgegeben habe, nun aber nichts weiter für uns thun könne. Wir sollten uns aber an den Gesandten Ibraimow wenden, welcher uns beim Emir vertreten würde. Dienstag gingen wir zu dem Gesandten, kamen auch gleich vor, richteten aber nichts aus, indem er meinte, daß er es Rußlands halber nicht thun könne, weil er in Taschkent als Gesandter von Buchara stehe; er rieth uns aber, wieder zum Minister zu gehen, welcher allein etwas in unserer Angelegenheit zu thun vermöge. Wir befolgten den Rath, aber Buchara habe kein übriges Land. Die Sache wurde immer dunkler, wir konnten nichts als hoffen und betten; hoffen , wo nichts zu hoffen war; denn der Herr hat seiner Gemeinde eine offenen Thür verheißen und er hält, was er verspricht! Donnerstag gingen wir wieder zum Gesandten, aber ohne Erfolg. Nun wandten wir uns an den Vater des Ministers, der die Stelle seines Sohnes vertrat. Er versprach, unsere Angelegenheit nochmals dem Emir vorzutragen und Montag Bescheid zu geben. Der Bescheid lautete: „Es geht gar nicht, Buchara hat kein Land und kein Wasser für Fremde!“ mit dem Zusatze, daß wir nun aufhören sollten zu wirken u.s.w. Was nun? Wir baten Gott um Licht und Klarheit und fuhren gleich wieder nach Kaplanbeck zu unsern Lieben ab, mit der Gewißheit im Herzen, daß die Sache dennoch werde würde, wenn nicht jetzt gleich, doch bald, der Herr wird halten, was er versprochen, und der Gemeinde der Leztzeit einen Sammlungsort anzeigen. Am Sonnabend kamen wir wieder in Taschkent an und erfuhren hier gleich, daß Bruder O.Ordre (? - E.K.) erhalten habe, sich sofort beim Doktor zu stellen und in Taschkent in Dienst zu treten. Den Doktor hatte er nicht zu Hause angetroffen, sollte aber gleich Unterschrift geben, sich unfehlbar am 25. Juni zu stellen. Die Unterschrift sagte er ab und reichte dagegen beim General – Gouverneur eine Bittschrift um Entlassung ein. Es half aber nichts. „Sie gehen ja nicht,“ sagte man, „Sie können ja aus dem Lande gehen, dann fragt Niemand mehr nach Ihnen, aber mit Ihrem Bleiben willigen Sie ja in den Dienst.“ Was nun? In Rußland kein Bleiben, in Buchara keine Aufnahme! Doch der Herr hat die Seinen noch nie verlassen und Er sollte uns jetzt verlassen? Nein, auf Ihn können wir uns getrost verlassen und uns in seine Arme werfen und sagen: Herr, mache es mit uns, wie Du willst, Dein sind und bleiben wir. Du Bräutigam unserer Seelen! Auch bleiben uns ja immer noch die vielen Verheißungen; der Herr wird helfen; Er muß helfen! Wir beschlossen, wie der Glaubensvater Abraham auszuziehen, in ein Land, welches der Herr uns zeigen wird, und bestimmten den 24. Juni zum Tag des Aufbruches uns Auszuges, wohin, das wissen wir nicht. Aber durch Glauben ward gehorsam Abraham, da er berufen wurde, auszugehen in das Land, das er ererben sollte, und ging aus und wußte nicht, wo er hinkäme.

Vor Absendung des vorstehenden Berichtes in die Druckerei erhielt der Herausgeber von einem Bruder an der Wolga folgende Nachricht:

Heute kann ich ihnen nur berichten, daß die lieben Brüder, trotz der entschiedensten Absage von Seiten des bucharischen Emirs, dennoch am 1. September a.St. (alter Stil) über die Grenzen gegangen sind. Vorher hatte die russische Regierung sie nochmals gewarnt und gebeten, die Sache doch recht reiflich zu überlegen, denn, wären sie einmal von Rußland los und kamen dann früher oder später doch wieder zurück, so wären sie im vollem Dienst. Diese Bekanntmachung mußten sie auch noch mit Namensunterschrift bekräftigen. Ein Beamter hatte auch gesagt: „Zweierlei meine Herren, steht Ihnen bevor: entweder Umkehr nach Rußland, oder Untergang.“ Zu dieser Aeußerung bemerkte ein lieber Bruder brieflich: Zweierlei wisse er gewiß; sie würden weder zurückkommen, noch untergehen. 9 – 10 Werst (ebensoviel Kilom.) waren die Reisenden bereits in Buchara drin, als sie Halt machten, ich glaube eines Radbruches wegen. Ein bucharischer Beamter erschien, that verschiedene Fragen, führte sie zu einem höheren Beamten und wurden mit dem Bescheid entlassen, sich nach 3 Tagen Nachricht zu holen. Diesen 3 Tagenmußten noch 3 weitere Tage zugegeben werden. Da erschien plötzlich ein bewaffneter Reitertrupp mit dem Sohn des Emirs an der Spitze, sie mußten ohne Verzug ein zu begrabendes kleines Kind und halbgegessenes und kochendes Mittagessen aufpacken und eiligst davon fahren, wobei ihnen noch bemerkbar gemacht wurde, daß Buchara ihnen auch keinen Durchgang durch ihre Grenzen gestatte. Nun liegt der ganze Zug wieder auf russischer Seite, unweit der bucharischer Grenze, und will dort ein neutrales (weder zu Rußland noch zu Buchara gehörendes) Stück Land entdeckt haben, auf welchem sie sich niederzulassen denken. Soweit reichen unsere Nachrichten. Der dießjährige Zug,*) der zu spät abfuhr, hat viel von Frost, Schnee und Sturm zu leiden, er wird nicht viel vor Neujahr Taschkent erreichen.

*) Von dem Br. Em. Riesen in seinem Brief schreibt. Siehe Nr. 12 Jahrg. 1881.