Vogt - Mennonitische Ahnenforschung

Bericht von E. Riesen aus Karabutak, Asien in "Gemeindeblatt der Mennoniten" vom Dezember 1881 S. 92

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.
Mit freundlichem Hinweis von Irene Plett.

Ein Briefauszug von H.E., ein Bericht aus dem „Gemeindeblatt“ von einem unbekannten über Mennoniten in Asien und eine Suchanzeige in "Mennonitische Rundschau" Nr. 2 vom 15. Januar 1882.

Korrespondenz von Bruder Riesen.

Karabutak, den 18.10.81.

(asiatisches Rußland)

Preiset mit mir den Herrn und lasset uns mit einander seinen Namen erhöhen! So muß ich aufrufen, wenn ich überdenke, wie gnädiglich der Herr uns bisher geführet hat.

Ich versprach Ihnen in meiner letzten Postkarte, recht bald etwas über unsere Auszugsangelegenheit hören zu lassen. Wie sehr ich auch wünsche, diesem Versprechen nachzukommen, so war es mir doch bei den vielen Arbeiten und mancherlei Abhaltungen bisher rein unmöglich. Den Weg selbst beschreibe ich Ihnen nicht, Sie haben ja so manches aus den Berichten der vor uns Ausziehenden darüber gehört; also etwas über Abreise, Reisegesellschaft, Einrichtungen und Wetter, auch, wenn es die Zeit gestattet, über unsere Hoffnungen. Schon seit dem Auszuge des letzten Zuges im vorigen Jahre war es unser Wunsch, doch, wenn es irgend möglich wäre, früher wie dieser unsere Abreise anzutreten, damit wir nicht so in die kalte Jahreszeit kommen. Mit den Zurüstungen wurde auch frühe genug begonnen, aber der Herr hatte es anders mit uns im Sinn: es gab so viele Hindernisse, Verzögerungen, daß bei allem unserm Eilen erst am 1. September abends vom Versammlungsplatze aufgebrochen werden konnte. Das war spät! Viele unserer zurückbleibenden Brüder bezweifeln sogar schon wirkliche Zustandekommen unseres Auszuges. Aber der Herr läßt sein Werk nicht unvollendet, läßt seine schwachen Kinder, die in einfältigem Glauben fest auf ihn bauen, nicht zu Schanden werden! Als seine Zeit gekommen war, räumte er auch die größten Hindernisse mit mächtiger Hand aus dem Wege; denn es ist viel gethan worden, um uns zurückzuhalten. Also am 1. September hatten sich die Glieder der Auszugsgemeinde auf dem Sammelplatze eingestellt. Der sie bis dorthin Begleitenden waren viele. Zum Abschiede hielt einer unserer Brüder, Diener am Wort, eine Ansprache an Abreisende und Zurückbleibende über Psalm 121, nachdem zuvor gesungen und stehend eine Gebet gehalten worden. Mit einem Gebet auf den Knien und abermaligen Gesange und Segenssprüche wurde sie beschlossen. Br. Claas Epp las dann noch zum Abschiede Jer. 50 vor und hielt ein Gebet. Nun kam der Augenblick des Scheidens! Wie wirds einem so anders ums Herz, wenns heißt: Vielleicht zum letzten Mal in diesem Leben! Wohl ließ ich keine Verwandten, keine Freunde dem Fleische nach zurück, aber standen die Kinder, die ich acht Jahre und kürzere Zeit in der Schule um mir hatte, die mich liebten, und welche ich innig lieb hatte, standen die meinem Herzen nicht nahe, wie Kinder ihrem Vater stehen können! Und die Eltern, mit denen ich Hand in Hand an der Erziehung ihrer Kinder wirken konnte, ja das waren meine Freunde, von denen mir das Abschiednehmen schwer wurde. Sie werden daher die vielen gegenseitigen Segenswünsche erklärlich finden. Die Abschiedsstunden, besonders die in dem mir so lieb gewordenen Schulhause zu Fresenheim werden wir unvergeßlich bleiben! Einige Freunde fuhren denn auch noch weiter mit. Es war der größte Zug, der bis dahin nach dem fernen, fernen Osten abging: Es waren 72 meist zweispännige, auch dreispännige, große Wagen. Etwas weiter kam noch ein Wagen dazu in Orenburg, der 74, und kürzlich wurde noch der 75. dazu gekauft. Die ganze Reisegesellschaft zählt jetzt 277 Seelen, soviel ich weiß. Drei davon sind unterwegs geboren: dagegen ist erst ein Bruder gestorben. Nicht wahr, ein großer Zug? Es ist uns oft gesagt worden, das würde die Reise erschweren und verzögern. Doch glaube ich bisher diesem noch nicht zustimmen zu können. Wir könnten bei unserer Einrichtung schneller vorwärts kommen, als die vorigen Züge; aber unserer Bosheit, unserer Herzenshärtigkeit wegen hat uns der Herr schon oftmals Halt geboten, wo wir gerne vorwärts geeilt wären. Solche Reise zeigt einem recht die Verderbtheit des eigenen Herzens! Einmal über das andere muß der Herr strafen, bis man sich es endlich anfängt einzugestehen: das thut der Herr deines Eigenwillens wegen! Sie werden begreifen, wenn ein Achsbruch nach dem andern den Zug aufhält, bisher 18, wo andern keine brach, daß sich doch die Meisten nach dem Grunde solcher Sprache fragen. Nun etwas über die Ordnungen und Reiseeinrichtungen. Nur am Werktag wird gefahren. Schon um 3 Uhr morgens muß dann die Nachtwache wecken. Die Nacht ist in zwei Wachen getheilt. Jedesmal wachen drei Mann. Zuerst wird nun von jedem die Theemaschine gestellt, d.h. Feuer in dieselbe gemacht. Bis das Wasser kocht, sind die Pferde, im ganzen 130 Stück, geputzt, geschirrt und gefüttert, dann schnell alles zurecht geladen und das Frühstück eingenommen; Kaffee oder Thee. Noch sind nicht alle damit fertig, da klingelts: wer nun will, geht zur Morgenandacht. Bruder Johann Janzen, bisher der einzige Gemeindelehrer in unserm Zuge, spricht ein Lied vor, welches gesungen wird. Darnach liest er einen Abschnitt aus der heil. Schrift vor und hält ein Gebet. Wenns geht, wird dabei gekniet. Um fünf bis sechs Uhr, wie es das Tageslicht erlaubt, wird losgefahren. Bei einer halben Stunde dauerts, bis sich der ganze Troß in Bewegung gesetzt hat. Anfangs gabs dabei manche Unordnung, in dem sehr nach vorne gedrängt wurde. Mit des Herrn Hilfe hat sich das aber schon geändert. Je nachdem Wasser und Futter zu bekommen ist, wird bis Mittag eine längere oder kürzere Strecke gefahren. Jeder eilt nun nach Möglichkeit sich ein Mittagsmahl zu bereiten; denn in circa zwei Stunden gehts wieder vorwärts, wieder nach Umständen, öfters bis in die dunkle Nacht hinein. Da giebts viel zu thun: die Pferde besorgen, Wasser zu holen, zu kochen, im Wagen alles umzupacken, damit es Platz zum Nachtlager giebt. Darüber rufts Glöcklein zur Abendandacht. Die Lieder werden meistens aus dem neuen men. Gesangbuche vorgesagt, das Gebet mit dem „Vater unser“ und Segen geschlossen. Am Sonntag wird geruth, am Morgen später geweckt. Eine Weile nach der Morgenandacht, nachdem ein jeder seine Arbeit hat verrichten und sich sonntaglich anthun können, versammelt sich alles, was kann, zum Vormittagsgottesdienst. Nach Gesang und kniend verrichtetem Gebet wird der verlesene Bibelabschnitt frei von Bruder J. Janzen behandelt und mit Gebet und Gesang geschlossen. Bei schönem Wetter ist von 2 – 3 Uhr Kinderlehre, dann Nachmittagsgottesdienst. Da hält gewöhlich Br. Claas Epp einen Vortrag über einen Bibelabschnitt. Ist das Wetter schön, dann versammeln sich Abends noch Gesangsliebhaber. Es wird auf Harmonium, Flöte und Violinen gespielt und dazu gesungen. Das lockt öfters auch fremde Zuhörer herbei aus Städten und Dörfern. Sie sollten da die freundlichen Gesichter der Leute sehen, es sei Russe, Tatar oder Kirgise. Ueber das Benehmen der Leute uns gegenüber haben wir noch nirgends klagen können, es sei denn, daß sie sich hin und wieder ihre Sachen recht gut bezahlen lassen, aber auch uneigennützige Gefälligkeiten sind uns schon erwiesen worden, die uns staunen machten. Sehr entgegenkommend sind auch die Leute an diesem Orte. Seit gestern haben wir hier rauhes, kaltes Wetter. Da laden sie uns ein, mit den Kindern doch in ihre sehr warmen Häuser zu kommen, bei ihnen zu übernachten. Das wird dann auch mit großer Bereitwilligkeit entgegengenommen; denn heute Morgen zeigte das Thermometer 11 ½ ° R., dazu mehr ein eisiger Nordwind. Gestern früh morgens ziemlich schön, dann etwas Regen mit Frost, Hagel, endlich gegen Mittag Schneetreiben, welches sich gegen den Abend zu einem gehörigen Schneesturm steigerte. Bald nach unserer Abreise, wo es am Tage heiß und ungemein staubig war, hatten wir auch einige Wochen hindurch kalte, einmal bis 7° R., mitunter noch nasse Witterung, daß wir endlich das schöne Wetter von Orenburg an wirklich schätzen und dem Herrn dafür zu danken gelernt haben, aber diese war weit durchdringender. Der Herr aber gab, daß niemand verzagen durfte; heute Morgen sah ich nur fröhliche zufriedene Gesichter, wenn auch manche Wagen von innen ziemlich weiß befroren waren. Diese letzteren sind natürlich dieses Jahr auch viel wärmer eingerichtet, als die der Vorigen, ja, einige sehr warm; es sind aber doch immer keine geheizte Stuben, die ich wenigstens den Kranken wünschen möchte. Fast die ganze Zeit hatten wir nur wenig schwere Erkrankungen, die haben sich in den letzten Tagen aber gemehrt. Jetzt haben wir vier hart Kranke. Doch denen, die Gott lieben, und ihn recht zu lieben, ja lieben zu können, ist ja unser aller innigster Wunsch und Streben, müssen ja alle Dinge zum Besten dienen. Um immer mehr in seine Liebe hineinwachsen zu können, unterhalten wir auch unterwegs wie zu Hause öfters das heilige Abendmahl, bisher alle vier Wochen. Das Fußwaschen fällt auf der Reise weg. Brod und Wein wird vom genannten Bruder Janzen ausgetheilt. Derselbe besorgte bis dato für unsern Theil der Gemeinde auch Taufe und Aufnahme.

Unser vorläufiges Reiseziel ist Buchara. Die Unsern vom Trakt haben die russische Grenze bereits überschritten. Wir bekamen gestern hier die erfreulichsten Nachrichten von ihnen aus den Grenzort Katakurgan. Näheres darüber später.