Vogt - Mennonitische Ahnenforschung

Ein Brief von W. P. aus Turkestan in "Gemeindeblatt der Mennoniten" vom Juli 1881, Nr. 7, S. 51 - 53

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.
Mit freundlichem Hinweis von Irene Plett

Korrespondenz aus Turkestan.

Lieber Emil!

Herzlichen Gruß Dir und deinen Lieben, so wie den Brüdern von Herzen zuvor, nebst dem Wunsche, daß der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, Eure Herzen und Sinne bewahre in Christo Jesu,

Ja, Lieber, eine weite Strecke ist`s, die wir auseinander gekommen sind, aber es ist des Herrn Weg, was man immermehr und mehr erkennen muß, und uns also zu Lob und Preis gegen den Herrn unsern Gott stimmt.

Ach ja, Geliebte, der Herr wird’s herrlich hinausführen, das ist meine festete Zuversicht. Auch in unserer jetzigen Lage, wo man fast alle Augenblicke mit hohen Herren zu thun hat, kann es einem immer klarer werden, daß der Herr sich Seines Volkes annimmt und Er es ist, der die Großen freundlich mit Seinem Volk reden heißt. Von dem besonderen Entgegenkommen eines Offiziers auf unserer Reise, um uns unseren vorläufigen Aufenthaltsort in Kaplanbeck anzuweisen, habe ich im vorigen Brief an dich geschrieben. Unterredungen mit Herrn Chomaton und durch diesen mit dem Herrn General – Gouverneur von Kaufmann habe ich in einem gleichzeitigen Brief an Br. Claas Epp gesprochen. Ich habe geschrieben, wie seine hohe Excellenz sichtlich theilnehmend, besonders an dem Verluste unserer kleinen Lieben war, wie er es uns an`s Herz legte, daß es unsere Pflicht wäre, für unsere Brüder zu sorgen*), und uns entließ mit den Worten: „Gott wird Ihnen weiter helfen.“ Darauf hin haben wir dann auch mit besonderer Freude Hand angelegt, um unser Kaplanbeck für uns, und wenn`s möglich wäre, für alle nachkommenden Brüder wohnbar zu machen. Da aber Alles schon ziemlich zerfallen ist, und nur im Wohnhause 5 Familien leicht Unterkommen finden, so nimmt es viel Arbeit, Mühe und Geld in Anspruch, worüber wir aber wohl wegsehen würden, wenn nicht auch schon der Frost uns in unserer Lehmarbeit hinderlich wäre, und viele hohe Herren es nicht zugeben wollen, zwischen den feuchten Wänden zu wohnen, weßhalb wir also, nachdem für uns und unsere Trakter Brüder so zur Genüge gesorgt, von der Arbeit abstehen müssen, zumal da die Regierung sich erboten hat, für die Molotschner Brüder selbst zu sorgen, indem sie für dieselben kleinere leere Kasernen außer der Stadt bestimmt hat, welche gut heizbar sein sollen. Nun aber war ein Umstand, der unsern Glauben fast auf eine Probe stellen wollte und uns ernstlich in`s Gebet trieb. Wir haben mehrere Kranke unter uns, wie Ihr es schon aus andern Briefen werdet erfahren haben (folgen die Namen derselben), die schon auf der Reise erkrankten und blieben nun noch liegen. Nun kamen mehrere hohe Herren einmal nachzusehen, unter diesen der Oberarzt, der wollte nun die Krankheit den feuchten Wänden zuschreiben. Nach der Erkrankung auch der letzten Dreien kamen wieder etliche hohe Herren, unter ihnen schon auf Ordre der Kreisarzt, welcher die Krankheit für Thypus erklärte, was die hohen Herren ängstlich zu machen schien, und wir nun bald darauf Ordre erhielten (es war Sonnabend Abend) uns auf Befehl des Gouverneur Froutetze bei General – Major Tschemersin aus dem Kronsmagazin Montag früh je auf die Familie 2 Jurten**) zu holen, während für die Nachkommenden in der Stadt gesorgt werden sollte. Das machte uns stützig, denn nun lag es auf der Hand, daß wir von der vielgehofften Gemeinschaft unserer Brüder diesen Winter getrennt sein sollen. Den Gerechten geht das Licht auf in der Finsterniß. So gings uns. Noch Sonntag Nachmittag kam ein Offizier zu uns, um sich eineige Tage in unserer Nähe aufzuhalten und uns hülfreich zur Hand zu sein. Dieser machte uns Muth. (Gebetserhörung!) Die Jurten, meinte er, seien nicht so übel, sie seien heizbar herzustellen und hätten schon oft auch für den Winter den Solfaten gedient, wären auf alle Fälle besser, denn die feuchten Lehmwände, und wären so vielleicht das Mittel, es möglich zu machen, daß wir Alle zusammenblieben. In dieser Angelegenheit nun sind wir (Br. H.J. und ich) in Taschkent, wo wir bei seiner Excellenz, dem Herrn General, um die Erlaubniß bitten möchten, daß zunächst unsere Trakter Brüder, die wir diese Woche erwarten, und für die wir bis dahin, so viel uns möglich war, gesorgt haben, zu uns ziehen dürften. Mit ihnen erwarten wir 2 oder 3 Molotschnaer Brüder, die laut schriftlichen Nachrichten von Euch per Post vorausfahren wollten, bis dahin aber noch nicht eingetroffen sind. Mit Ihnen ist dann zu berathen, ob sie mit uns weiter wollten (was dann besonders die Erhörung meines Gebets wäre), oder ob sie es vorzögen, in den Kasernen zu überwintern. Da wir uns heute verspäteten, beim Gouverneur vorzusprechen, so müssen wir nun eben hier übernachten, um morgen mit unserem Anliegen vor ihn zu treten. Der Herr sitzt im Regiment und wird’s führen nach Seinem Willen und Sein Wille kanns nur sein, sein Volk zu sammeln und in Gemeinschaft zuzubereiten zu dem hohen und herrlichen Zelte (?? – unleserlich – E.K.), dazu er uns berufen hat mit einem heiligen Ruf. Da wir mit dem Gouverneur heute schon nicht sprechen konnten, so sprachen wir mit andern hohen Herren, welche uns versicherten, daß man uns in keinerlei Weise hinderlich sein, sondern sich stets hülfreich beweisen werde. Sag`, ist das nicht vom Herrn? Ja, wie mögen sich da nicht die Beamten aus unserer Mitte bei Euch***) wundern, indem sie es für ihre Pflicht hielten, uns alle nur möglichen Hindernisse in den Weg zu legen; ebenso wundern sich aber auch hier die hohen Herren, so z.B. Viezegouverneur, wie man uns nur habe Kaution abnehmen können, warum das sei! Wer es verlangte? Doch nicht, daß wir ihnen zürnen, aber des Herrn Hülfe rühmen wir.

Nun hat es dem Herrn wiederum gefallen, mich unter Seine Kleinen zu stellen. Gestern vor 8 Tagen traf es mich in unserer zur Schule eingerichteten Behausung die erste Andacht abzuhalten. O, möchte es uns diesen Winter eine Station vielen Segens werden! Montag begann ich die Schule. In unserem Zuge sind 15 Kinder, im folgenden wohl ebenso viel. Nun der Herr helfe uns weiter. Grüße alle Lieben.

In aufrichtiger Liebe dein W.P. (Wilhelm Penner ?? – E.K.)

Wenn man die Briefe dieser Auswanderer von ihrem Ergehen auf der Reise, ihrer Ankunft und Aufnahme in Turkestan mit Interesse gelesen hat, so erhielt man den Eindruck - Diese Brüder sind im Glauben von ihrem Vaterlande ausgezogen, haben im Glauben eine lange und beschwerliche Reise mit ihren Familien unternommen, aber die gute Hand Gottes war mit ihnen, wenigstens ging es dem Herausgeber so. Wie ganz ander ist Alles gegangen, als wie im Anfange über dieses allerdings bedenkliche und große Unternehmen geurteilt wurde. Es wurde gesagt, sie brauchen 6 Monate, bis sie am Ziel ihrer Reise seien; sie erreichten es in 15 Wochen. Freilich ist dies auch eine lange Zeit und keine Kleinigkeit, beinahe 4 Monate mit Weib und Kinder, Tag und Nacht bei meistens schlechten Wegen auf dem Wagen sein zu müssen. Ferner wurde gesagt, die Meisten von ihnen werden gar nicht das Ziel ihrer Reise erreichen, sie werden unterwegs in Noth und Elend umkommen, von räuberischen Völkern überfallen, ausgeplündert und aufgerieben; sie kamen aber, ausgenommen einige Kranken und einige Kinder, die auf der Reise starben, Alle glücklich dort an. Die Einwohner, mit dem sie in Berührung kamen, verhielten sich freundlich gegen sie. Es hieß auch, die Regierung wolle es gar nicht haben, daß die Mennoniten nach Turkestan ziehen und der dortige Gouverneur Kaufmann, habe den Auftrag erhalten, sie nicht aufzunehmen. Aber wie freundlich und zuvorkommend wurden sie von sämmtlichen dortigen Regierungsbeamten aufgenommen, wie theilnehmend und besorgt sind diese Herren für ihr Wohlergehen. Wenn man dies Alles bedenkt, so muß man sagen, der Herr hat Gnade zu ihrer Reise gegeben, Er hat ihr Vornehmen bis jetzt gelingen lassen. Solche Erfahrungen haben nun auch den Brüdern Muth und Freudigkeit gegeben und sie im Glauben gestärkt, daß der Herr Wohlgefallen an ihrem Vornehmen habe, und daß er ihnen auch weiter helfen werden. Wenn man sieht und hört, wie der Geist des Antichristenthums gegenwärtig sich immer mehr ausbreitet, die Geister des Abgrunds die leichtfertigen und ungläubigen Menschen immer mehr beeinflussen und beherrschen und sie zu gotteslästerlichen Reden und teuflischen Thaten hinreißen, die Feindschaft wider Christum und sein Wort immer größer wird und offener zu Tage tritt: so sieht man eine nicht ferne sehr bedenkliche Zukunft vor sich, in der man sich auch bewogen fühlen oder gedrängt werden wird um `s Glaubens willen auszuwandern, wenn auch die Beweggründe und die Ziele nicht in allen Punkten ganz dieselben sein werden, wie bei den nach Turkestan ausgewanderten Brüdern, aber jedenfalls um`s Glaubens willen.

Anmerk. des Herausgebers.

*) – Die nachkamen.

**) – Jurte – Hütte, Zelt.

***) – in Südrußland, von wo sie ausgezogen sind.