Vogt - Mennonitische Ahnenforschung

Nachrichten aus Asien in „Gemeindeblatt der Mennoniten“ vom März 1881, Nr. 3, S. 20 – 22.

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

mit freundlicher Genehmigung des Mennonite Library and Archives Bethel College.
Hier geht es zum Digitalisat: "Gemeindeblatt der Mennoniten" im Internet.

Nachrichten

von den Mennonitischen Auswanderer nach Turkestan (Asien.)

(Fortsetzung.)

Weiterer Reisebericht des ersten Zugs (11 Familien)und Ankunft in Turkestan.

Caplanbeck, den 25. Oktober 1880.

An alle meine Schwestern und Schwager,

Geliebte Geschwister!

Mit des treuen Gottes Hilfe ist unsere große Reise beendet; wir wohnen hier nun schon gestern acht Tage. Wunder über Wunder steht vor meinem Geiste, wenn ich zurückblicke auf den zurückgelegten Weg. Meine lieben Geschwister, es war ein langer Weg diese Straße nach Taschkent und währte 15 Wochen und 1 Tag. Wir sind aber jetzt hier, und tausend Dank dem, der uns so gnädig hindurch geholfen.

Von Kasalinsk schrieb ich und adressierte an die Geschwister Janzen; Ihr werdet den hoffentlich erhalten haben. Ich hatte da so auf meine Weise von der zurückgelegten Strecke berichtet, wie der liebe treue Gott so gnädig durch die verrufene Karakumwüste geholfen, daß sie uns in Wirklichkeit nicht so beschwerlich gewesen ist. Währen der Wüstenreise hatte ich so meine Gedanken; wenn wir die üblen Strecken würden zurückgelegt haben und sich uns mehr Annehmlichkeit des Lebens würde darbieten, ob wir auch so im steten Aufblick zum Herrn wandern würden. Nun der Herr hat es vernommen. Er legte mich aufs Krankenbett. Doch etwas brachte ich schon mit nach Kasalinsk, was ich auch wohl erwähnt habe, konnte aber noch in die Stadt gehen einzukaufen. Während den Tagen, da wir hier auf die Frau Gerhard Janzen zu warten hatten, verschlimmerte sich meine Krankheit. Durch Erkältung war das Blut in Wallung gerathen, daß ich meinte, es könne wohl plötzlich der Tod erfolgen. Es gab nun einen ernsten Moment. Die Abfahrt war schon festgesetzt; alles rüstete, wie es denn zu geschehen pflegt, als wenn es in die Wette ging. So hatte meine Frau nicht einen Augenblick Zeit, bei mir zu sein. Die Abreise zu verzögern, hatte ich nicht Freudigkeit, weil wir schon acht Tage hier gelegen, und welche Geschwister auch gerne schon weiter wollten. Von den Kindern hatte ich schon Abschied genommen und 2 Brüder mit dem Nöthigen betraut, da setzte sich der Zug in Bewegung, und merkwürdig, als wenn das Fahren mir wohlthat, es bekam mir ganz gut. Ich war nun an 3 Wochen sehr schwach, aber es ging ganz gut, weil ich nicht besondere Schmerzen hatte. Hinter Kasalinsk sollte nun der Weg besser und mancherlei annehmbarer sein, aber da hatten wir uns getäuscht: gerade so öde und einsam fuhren wir dahin wie bisher, der Weg abwechselnd sehr stuckerig, und dann auch Sandstrecken, daß wir vorgelegt haben. Auch Arbusen (Wassermelonen – E.K.) und andere schöne Früchte, die wir erwartet, auch in Kasalinsk genossen hatten, fand man natürlich in der öden Gegend nicht, Futter für die Pferde mußte ebenfalls in den Hauptstationen eingekauft werden. Zu Grünfutter fanden wir Klee, in kleine Bündel gebunden zu 2 – 3 Kop. das Stück. Ebenso die Lebensmittel. Kalatsch (Weissbrot in Russland – E.K.) mußten wir uns erst backen lassen; denn so viel Vorrath fanden wir nirgends, als wir brauchten. 9 bis 10 Pud*) ließen wir uns auf einigen Stellen backen. Sehr verschieden haben wir den Kalatsch angetroffen; bald zu salzig, bald zu viel von der Hefe; aber zum großen Glück schmeckt der hiesige von Taschkent das beste. Eine Sorte sehr zart, weiß und locker a`Pfund 5 Kop., II Sorte 3 Kop. Auch brauchen wir hier nicht erst zu bestellen. Von Kasalinsk haben wir die Pferde nur mit Gerste gefüttert: 90, 1 – 20, 80 auch 65 Kop. a`Pud. Hier bringen sie die Gerste zu 67 Kop. Von den Städten, die wir noch getroffen, wie Perowsk, Dschulak, Turkestan, Tschemkent, läßt sich nicht viel erwähnen; sie sehen sich, wie auch die Bevölkerung in ihren Trachten, sehr ähnlich, schon sehr morgenländisch. Wenn wir nur unsere Bedürfnisse befriedigen konnten, dann zogen wir auch schon gerne weiter. Tschemkent zeichnet sich schön aus durch die vielen Anpflanzungen, die in den verschiedenen Gruppen einen angenehmen Eindruck machten; besonders wenn man wochenlang nur durch öde Gegenden gezogen. Von hier gings nun auf das letzte Ziel los, und Ihr könnt Euch denken, meine Lieben, mit welchem Gefühle. Zudem hatte es der liebe Herr auch für gut befunden, mancherlei Trübsal auf unsere Straße zu stellen, daß wir auch schon recht sehnsüchtig nach dem Ziele schauten. Unser Kutscher war die letzten 3 Wochen bettlägerig, ja bedenklich krank und liegt auch jetzt noch zu Bette, doch nun schon nach der Krisis. Da hatte ich denn von Koppers den Johann. Der kleine Wagen folgte schon lange Zeit ohne Fuhrmann. Unsere Anna (Dienstmädchen) setzte sich auch nach vorne und kutschierte lange Strecken. So halfen wir uns. Nun wurde es aber in der letzten Woche sehr bergig und Johann auch krank.Da wurden wir immer hilfloser. Ich stand der kühlen Morgen wegen auch nicht früh auf, blieb bis um 9 Uhr zu Bette; so mußte denn andere Hilfe sein. So habe ich denn den die letzte Woche Walls Cornelius zum Kutscher gehabt. Er und sein Bruder Herm. hatten uns auch vorher schon viel geleistet. Da wurden denn oft geseufzet ob der hilflose Lage, besonders noch, da die Pferde ein bißchen verdorben waren und des Morgens nicht losziehen wollten. So kam denn eins zum andern. Aber ich habe den lieben Herrn nachher immer gut verstanden, wenns manchmal fast zu schwer drückte. Unser Gerhard (Kutscher) war schon recht krank, lag bei Tage bei uns vorne im Wagen, doch zur Nacht mußte er in Wiebe`s Einspänner, wo er dann mit Janzen`s Jakob zusammen schlief. Da es immer schlechter wurde, so entstand die Frage: wie solls zur Nacht werden? Eines Morgens fuhren wir aus dem Quartier, da wirft Wiebe`s Einspänner um, weil er auch ohne Fuhrmann so nachging. Das Verdeck war schon sehr wackelig, jetzt war es ganz abgeknickt, sonst nichts beschädigt, nur mit dem Nachtquartier war es aus. Dies gab mir nun einen recht großen Kampf. Gerhard auch des Nachts vor uns liegen zu haben; auf seiner Stelle lagen ja unsere 3 Mädchen; zudem litt er des Nachts besonders an Durchfall. Da dachte ich, soll die Nachtwache ihm zu helfen kommen, so läßt sie die Wagenthür auf und anderes mehr. Zudem war es höchste Zeit, Gerhard nicht mehr allein zu lassen, den am tage sprach er viel wirr. Da bekam meine Frau solchen Muth und Freudigkeit, daß sie alle meine Bedenken verkleinerte; der liebe Herr werde nichts zu schwer werden lassen. Und so wurde es auch. Anna und Agathe wurden in Penners Wagen gebettet, wo bis dahin Koppers Gerhard schlief, der wieder eine andere Lagerstätte fand. Marie hatten wir noch so neben uns gebettet. Zur ersten Nacht bat ich recht dringend, ob der Kranke möchte Ruhe haben, und nicht einmal durfte er das Bett verlassen. Bald waren wir eingewöhnt, und das Schwere war gehoben.

Meine liebe Frau hatte mehr zu bedienen, aber Anna (Dienstmädchen) half ja treulich. Um die hat es uns oft leid gethan. Sie mußte mit den ersten aufstehen uns Samowar (Theemaschine) stellen. Oft wars schon so kalt draußen; sie mußte denn die Tassen waschen und draußen aufräumen und schließlich sich nach vorne setzen, um zu fahren oder weil auch kein anderer Platz für sie war. Da dachte ich oft: ei, wenn die auch noch liegen bleibt! Anfangs der Reise war sie ja auch krank! Aber der liebe Vater in der Höhe erhielt sie gesund. Da erkenne ich denn überall die erziehende Hand des treuen Vaters und möchte auch diese Erfahrungen nicht rückgängig machen.

Den vorletzten Tag, die 3. Station von hier kam uns schon ein Beamter entgegen, uns unsern einstweiligen Aufenthalt anzugeben. Er nahm Br. Wilhelm Penner in seine Kutsche, und fort gings mit seinem Dreigespann. Bruder Penner wurde des andern Morgens zu Pferde begleitet von 4 Kirgisen zu uns gebracht. Der Beamte war mit Br. Penner hier auf Caplanbeck gewesen und hatte ihm diese Gelegenheit gezeigt. Die Kirgisen mußten uns nun hinbegleiten, einen Richtweg, dass wir nicht nach der Stadt brauchten, welches ein Umweg von 50 Werst gewesen wäre. Es war dieses von Herrn Kaufmann (dortiger Generalgouverneur) veranlaßt, und that uns solches Entgegenkommen sehr wohl. Der Weg, mehr ein Feldweg, war aber für unsere Wagen nicht zum besten. Tante Janzen war ein Rad schon länger sehr schlecht, hier gings nun ganz aus einander, daß ein Baum untergeschoben werden mußte, und sie auf 3 Rädern ans Ziel kam, ein Beweis, daß es nun mal weit genug sei. Von hier nach der Stadt Taschkent ebenfalls ungefähr 8 Werst schlechter Weg, d.h. mit schlechten Stellen. Wir haben um Ausbesserung gebeten; das soll schon heute unter unserer Aussicht geschehen.

Dicht neben uns, wenige Schritte ab, wohnt ein reicher Kirgise, Namens Schönebeck, in einem gewöhnlichen runden Zelte (Kibitki), hat 3 Häuser in der Stadt, in einem ist ein Handlungsgeschäft. Er muß auch sonst in Ansehen stehen; denn er hat Auftrag, uns in allem behilflich zu sein, was uns fehlt, beizuschaffen, ja uns sogar die Pferde, die wir verkaufen wollen, abzukaufen. Der Beamte. Der uns entgegen kam, frug auch gleich, ob uns etwas mangle: Holz, Gerste, Mehl u.s.w., aber wir waren mit allem versehen.

Ich habe vergessen zu erwähnen, daß uns in Tschemkent die Pässe abgefordert wurden, die mit der Post vorausgingen.

Auf allen Stationen früher schon wartete man auf uns, d.h. nur in dem Sinne, weil man von unserm Kommen durch die Postreisenden, die uns getroffen, erfahren. Auf der letzten Station, wo wir von der Poststraße abbogen, hatte sich der Vorsteher sehr erkundigt, wie viel Vorschuß wir genommen, würden doch jetzt nehmen! Doch Gott sei Dank, wir konnten das noch verneinen. So sind wir denn, wie schon erwähnt, 15 Wochen auf der Reise gewesen und können dem Herrn nicht genug danken. Es hat wohl lange gedauert, aber unseren Pferden kam es immer zu gut, wenn wir mal einen halben Tag stillliegen mußten. Hier nun auf Caplanbeck entfaltet sich gleich ein reges Leben. Es ist hier ein Wohnhaus mit 6 heizbaren Zimmern, eins aber nur, wo Thüren und Fenster dicht waren. Hier kamen nun die Kranken hinein und somit auch ihre Angehörigen. Hiedurch genießen wir nun die Entschädigung für die Beschränkung auf der Reise.

(Weil es die Zeit nicht gestattet, Br. Dyrks Brief ganz zu copieren, was ich gern wollte, so schlage ich hier 2 ½ Seiten über, welche hauptsächlich von de Krankheit seines Neffen handelt, dessen Eltern noch hier sind). Alle die andern Gefährten schaffen jetzt fleißig an ihren Wohnungen, auch für die Nachkommenden.

Es sind da hohe Lehmwände aufgeführt und in drei verschiedene Vierecke getheilt. An der offenen Seite stehen Ständer. Hier lassen die Freunde Fenster und Thüren einsetzen und somit eine dichte Wand ziehen. Bis 20 und mehr Scharten (Sarten? - E.K.) kleben in kurzer Zeit die Wände auf. Fenster und Thüren mit Gerüsten sind fertig in Taschkent zu kaufen und geholt worden.Mittelwände stehen viele passend da, und so sind welche Wohnungen rasch fertig geworden.

Es ist heute schon der 30. d.Mts., da ich dieses schreibe. Hat diese Nacht schon etwas gefroren, und denken wir viel an unsere nachkommenden Brüder. Es ist ohnedem den hiesigen Leuten eine Wunder, daß jetzt noch immer schönes Wetter ist; denn sonst ist hier schon die Regenzeit. Ein Lehmhäuschen steht für sich allein vor unserer Thür. Da werden jetzt die inneren Wände ausgebrochen, um einen möglichst großen Raum zum Schulhaus und Andachtshaus zu gewinnen.

Die Lage dieser Wirthschaft ist ganz romantisch. Wir mußten durch einen Fluß fahren, dann gings bald in eine Weidenallee, die sich an dem Wohnhausse vorbeizieht bis zu einem Wäldchen. Alles angepflanzt. Schon sehr hohe Bäume, meistens Pappeln, aber mit sehr großen Blättern, ähnlich den des Ahorn. Hinter dem ansteigenden Walde ein breiter Graben, woraus die Bewässerung erfolgt. Auch jetzt rauscht noch fast täglich Wasser durch das fallende Laub. Weils dem Hause zu an einer Stelle etwas steil fällt, so dürfen wir nur einige Schritte gehen und den Eimer unterhalten. Etwas entfernter sind verschiedene Baumgruppen, die die Aussicht verschönern, so auch Kirgisenwohnungen, wo die Lichter des Abends so nachbarlich herleuchten. Dann noch weiter entfernt die hohen Gebirge Karataus, wo so ganz deutlich auf verschiedenen Stellen der Schnee zu sehen ist, der hier schon im Sommer nicht schmilzt. Wir sahen schon, daß leichte Wolkenschichten sich niedriger lagerten, und die Schneespitzen über die Wolken überragten. Das ist dann ein großartiger Anblick, wonach viele reiche Leute Meilen weit reisen würden. Von uns sollen die Gebirge 80 Werst entfernt sein. Auch einen Marktflecken haben wir in unserer Nähe, nur 1 Werst. Doch als wir das erste Mal hinschickten, kauften wir alles, was zu haben war, auf.

Nach der Stadt sinds 15 Werst, die Hälfte der schlechte Weg, dann aber sehr gut auf der Poststraße. Ich war schon mit Frau und Kindern hingefahren. Lange vor der Stadt schon immer in Alleen zu fahren, und andere angenehme Abwechselung. Die Stadt selbst hat Jacob Hamm (unser Deputierter) nicht so schön geschildert, wie sie ist. Nun er war im Winter hier. Jetzt ist jede Straße eine dunkle Allee, sehr hohe Bäume, nicht eine Reihe, nein, zwei und drei Reihen. Kommt man dann an eine Kreuzstraße, so sieht man nur Alleen, die Straßen schön gerundet, und hinter den Alleen lugen dann die Gebäude hervor, viele auch schon recht prachtvoll, sogleich vorne das Gymnasium in 5 zweistöckigen Gebäuden. Die Ladenpreise sind hier wenig theuerer wie in Saratow. Das Fensterglas allerdings ist theuer u.s.w. u.s.w.

Die Brüder Hermann Janzen und Penner stellten sich in den ersten Tagen auch Gouverneur Kaufmann vor. Hat sie auch freundlich angeredet: Ihr H.H. Mennoniten, seid ihr endlich da? Ueber die 15 Wochen hatte er gesagt: Wahrlich kein Spaß! Seht theilnehmend nach den gestorbenen Kindlein sich erkundigt und dann gesagt: Ihre Aufgabe ist nun, für die nachkommenden Brüder zu sorgen. Da unter anderem Br. Wilhelm Penner ungefähr gesagt: der liebe Gott habe sie auf der Reise geleitet, habe er gesagt: „Gott wird auch weiter für Euch sorgen!“ und sich dann für diesmal empfohlen. Morgen soll uns angewiesen werden, wo noch gepflügt werden soll.

Euer Bruder

Peter Dyrk (Dyck? Im Buch von R.Friesen „Mennoniten in Mittelasien“ Sammelband ist auf der S. 315 auf der Liste der Personen, die am Lausan waren, ist ein Peter Dick angegeben und auf der S.316 Liste der Personen, die sich in Ak – Metschet niederließen, ist ebenfalls ein Peter Dick angegeben. So könnte es sein, das es sich um diese Person handelt - E.K. )

*) Pud – 40 Pfund, 1 Kopeke – 3 Pf., 100 Kop. - 1 Rubel