Vogt - Mennonitische Ahnenforschung

Nachrichten aus Chiwa in "Christlicher Bundesbote"

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

vom 15 Dezember 1883, Nr. 24, S. 5 - 6

Nachrichten aus Chiwa

Anknüpfend an die Nachrichten in Nr. 17 des Bundesboten, will Schreiber dieses einige weitere Nachrichten mittheilen.

Indem die dortigen Brüder, der in vorgenannten Nachrichten erwähnten Ungewißheit ihres Verbleibens halber, nicht sobald an das schwere Werk der Bodenbereitung zur Aufnahme der Saaten gingen, wurde es damit zu spät, um noch in diesem Jahre auf einen Ertrag rechnen zu können. Außerdem hatten die Mehrsten, wie schon früher mitgetheilt worden nicht hoch genug über dem damaligen Wasserstande des Amu – Darja angebaut und mußten abbrechen und noch einmal höher hinauf ansiedeln, was viel Zeit und Kraft in Anspruch nahm. Was es für Mühe kostet, den Boden zur Bewässerung , ohne welche er keine Hoffnung auf Ertrag giebt, zuzubereiten, können wir daraus schließen, daß die Brüder erst Stubben ausroden und dann den Grund ebnen müssen. Nicht genug damit, muß auch der Bodenmischung nachgeholfen werden, hier mit Sand, da mit Lehmaufschüttungen. Ferner hat ihr Land solche Lage, daß das Wasser in die Bewässerungskanäle hinaufgehoben werden muß, was durch Pferdemühlen, die man zu 30 – 40 Rubel das Stück kaufen kann, bewerkstelligt wird. Wahrscheinlich sind es dieselben Schöpfräder, welche mancher Leser schon in Rußland, in der Krim und sonst herum bei den Bulgaren, zur Bewässerung der Gemüsefelder gesehen hat. Was nun demnach gepflanzt werden konnte, soll anfänglich, namentlich Kartoffeln auch anderes Gemüse, gut gewachsen sein, aber es kamen Heuschrecken, wilde Schweine und Schakale und zehrten Jedes was ihm zusagte, oder der Hunger eintrieb. Unter den Wildschweinen sollen Thiere von der Größe einer kleinen Kuh vorkommen. Um sich dieser Bestien zu erwehren, bleibt unter den obwaltenden Umständen nichts übrig als zur Schußwaffe zu greifen.

Bei vielen Brüdern sollen Kraft und Mittel nicht mehr ausreichen, um menschlich geurtheilt, einen Ernteertrag im künftigen Jahr erzielen zu können. Ja auch die Baarmittel der Bestbemittelten unter ihnen, welche ihr Vermögen brüderlicher Weise fürs Ganze dargaben, sollen am Versiegen sein.

Ferner wird die Gesellschaft mehr und mehr von den Turkmenen bestohlen, eigentlich ausgeraubt: denn sie nehmen die Pferde von der Weide und Kasten mit Kleidungsstücken u.s.w., wie man sich so ausdrückt, fast unter den Augen der Besitzer weg, nämlich daß die Diebe kaum sich fortbewegen, wenn Hilfe herbeigerufen wird. Einzelne Personen, scheint es, haben die Diebe ganz aufgehört zu fürchten. So z.B. bemerkte in letzter Zeit ein junger Mann, der sein Nachtlager auf dem Dache (flaches Erddach) aufgeschlagen hatte, daß Jemand ein Pferd nehmen wollte. Er richtete sich auf und rief ihm in der Landessprache zu: „Freund geh weg.“ Die Folge war ein Schuß als Antwort, von dem glücklicherweise nur einige Schrotkörner trafen, in Ohr und Kinn. Demnach entfernte sich der Dieb, kam aber bald wieder und holte dennoch das Pferd. Der junge Mann wagte weder Einspruch noch Hilferufe. Aber nicht allein das, es ist auch schon zur wirklichen Ermordung gekommen, schon vor dem erzählten Vorfall. In einer Nacht drangen die Turkmenen in die Wohnung einer Familie (Abrahams) ein. (Dieser Fall wurde in anderen Zeitungen schon öfters beschrieben – E.K. )Mann und Frau schliefen in einem Nebenstübchen. Die Letztere erwachte zuerst von dem Geräusch; es drang auch ein Lichtschimmer aus der andern Stube herein. Sie weckte ihren Mann, welcher aufsprang und seiner Frau zurufend „Nun sind sie hier“ zur Thür eilte. Hier wurde er gleich mit Säbelhieben niedergeschlagen. Der Frau gelang es zum Fenster hinauszuspringen und zu entkommen, wurde aber noch gewahr, wie ein Turkmene, in der einen Hand ein Licht, in der andern ein Schwert, in das Schlafstübchen eindrang. Außer sich vor Angst und Schrecken verkroch sie sich, als sie glücklich im Nachbarhause angelangt war, unterm Bette und lispelte: „seid nur ganz stille, sie kommen.“ Als die herbeigeeilten Brüder zu dem Schreckenshaus kamen, war kein Mensch mehr da. Abrahams lag, aus etwa zwanzig Säbelwunden blutend, entseelt am Boden. Kleidungsstücke und was sonst die Mühe lohnend erschienen sein mochte, war weggeschleppt. Was das Ganze noch schrecklicher macht und vielleicht den letzteren Zuruf des Ermordeten näher erklärt, ist der Umstand, daß dem Anscheine nach die Hauptabsicht der Räuber nicht Sachen, sondern Frauenraub gewesen ist; wenigstens ist die Frau dieser festen Ueberzeugung. Schon mehrmals hatten Turkmenen sie ihrem Manne abkaufen wollen und schon beträchtliche Summen geboten und eben einen solchen Käufer, der vor wenigen Tagen da gewesen war, glaubte sie erkannt zu haben.

Die örtliche chiwaische Behörde nimmt von derlei Vorkommnissen keine besondere Notiz. Da heißt es einfach: Ihr müßt dichter zusammen bauen (die Häuser sind 15 Faden = 105 Fuß auseinander), eine tüchtige Mauer herum aufführen, Gewehre kaufen u.s.w. kurzum sich selbst beschützen und wehren. Auch der russische Grenzbeamte, welchem man die Noth klagte, gab wenig Trost. Einzelne Familien, welche in ihre frühere Heimath zurückkehren möchten und denen es an Reisemittel, von Hause herkommend, nicht fehlen würde, schrecken vor dem Zuge durch die Turkmenensteppe in ihrer geringen Anzahl und Wehrlosigkeit zurück.

Claas Epp, der Führer, scheint in seinem Geiste noch immer höher zu steigen. Uebrigens hat er schon einen guten Theil der Gesellschaft gegen sich. Einer der Gegner, ein Bruder eines lutherischen Pastors in den Wolgakolonien, hält schon besondere Stunden. Ein Versammlungshaus, woran jeder arbeitsfähige Mann zwei Tage in der Woche arbeiten mußte und welches am 7. August eingeweihet wurde, scheint`s haben sie noch Alle gemeinschaftlich erbaut. An dem Einweihungstage sollen zwölf junge Personen getauft worden sein, darunter sieben, welche schon bei den Brüdern, die wie schon früher mitgetheilt worden in Buchara waren, getauft worden. Jene Taufe würde für ungültig erklärt.

Die Endentscheidung bestimmt Cl. Epp auf das Jahr 1889. Wird sie aber vielleicht bald, viel früher, für sie eintreten und auf ganz andere Weise? O Brüder! Schwestern! Wollen wir nicht Alle für sie beten, um Errettung aus den Händen der Bösen? Oder sollte der befürchtete Aushang der beste Weg für sie zum ewigen Ziele ihrer Seelen sein? Ach Herr erbarme Dich ihrer und unser, Amen!