Vogt - Mennonitische Ahnenforschung

Berichte über die Auszugsgemeinde, Turkestan in "Zur Heimat"

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

vom 21 September 1881, Nr. 18, S. 6 und 7 November 1881, Nr. 21, S. 6

21 September 1881, Nr. 18, S. 6

Asien.

Ueber die Auszugsgemeinde wird uns berichtet, daß sie sich vollständig getrennt haben in „Molotschnaer“ und „Wolgaer“. Die Ersteren wollen in Rußland bleiben, die Letzteren eine Deputation nach Buchara geschickt. Vom Ministerium haben sie die Resolution, daß ihrer Auswanderung über die Grenze keine Hindernisse in den Weg gelegt werden sollen, aber Pässe erhalten sie nicht und gehen somit alles Schutzes verlustig. Trotzdem ist die Deputation nach der Bucharei abgegangen. Uebrigens hat man sie vor der fanatischen wilden Bevölkerung gewarnt. Das Land bei Aulie – Ata haben sie schließlich doch nicht genommen, weil sie damit die Dienstpflicht übernehmen müssen. Mit der Befreiung der ausgelooseten Jünglinge geht es schließlich auch nicht so glatt ab, und wer weiß, wie es noch endigen wird. Es geht eben, wie es bei Trennungen immer der Fall ist, Einer beschuldigt den Andern. Wenn jetzt Einer von den „Molotschnaern“ zu den „Wolgaern“ übertritt, muß er erst ein Sündenbekenntniß ablegen, wie sie sich selbst durch ein solches gereinigt haben und wird er dann mit Händeauflegen aufgenommen. Die 35 – 40 Familien von der Wolga, welche noch nachgehen wollen, solle jede 500 Rubel Kaution hinterlassen, bis sie eine Aufnahme in Taschkent oder ein Dokument aus Buchara bringen und über die Grenze gehen, dann wird die Gemeinde es ihnen nachsenden.

(Korr. d.Z.H.)

7 November 1881, Nr. 21, S. 6

Asien.

Aus Kaplanbek (Taschkent) schreibt Jemand an seine Verwandten in Europa:

Wenn du diesen Brief erhältst, werden wir schon lange in Buchara sein, wohin wir von heute (16. Juli 1881) über acht Tage aufbrechen wollen, und von Buchara geht keine Briefpost. Zwei Brüder sind schon vor 4 Woche nach Buchara abgereist, um wegen Land zu hören. Sie sind noch nicht zurückgekehrt, aber wir können sie auch nicht abwarten, denn wir müssen bis zum 25. Juli aus dem Lande (Rußland, d. R.) sein und wissen auch noch nicht, ob wir in Buchara bleiben werden, denn das Land ist sehr bevölkert. Die Regierung hat uns ihren Schutz versagt, aber den brauchen wir ja auch nicht. Der, welcher uns mit mächtiger Hand ausgeführet und bisher geleitet hat, wird uns auch hinbringen, wo er uns hin haben will. Die mehrsten von den Brüdern, welche aus dem Süden (sind wohl die Molotschnaer aus Südrußland gemeint, d. R.), bleiben hier und wollen hier den Staatsdienst übernehmen, aber wir können keinen Bund mit den Reichen dieser Welt eingehen, der Herr will es nicht haben. Wir sind hier auf Erden nicht Bürger, sondern nur Gäste und Fremdlinge; der Herr gebe uns Gnade, daß wir in seinem Reiche Bürger würden. O, daß der Herr auch Euch dort (in Europa) Alle würdig machen möchte, zu entfliehen dem, das da kommen soll, daß er Euch herführen möchte, wenn er in den kommenden 4 ½ Jahren seine Gemeinde sammeln wird von allen Enden der Erde, und sagen : Gehe hin, mein Volk, in deine Kammer und schließe die Thüre nach dir zu, verbirg dich einen kleinen Augenblick, bis der Zorn vorüber gehe. Jes. 26, 20.

Sonntag, den 19. Juli. Ich hatte einige Tage nicht Zeit zum Schreiben, weil wir sehr zur Reise zurichteten, darum will ich heute weiter schreiben. Gestern Abend kamen die beiden Brüder von Buchara zurück. Sie brachten zwar eine andere Nachricht, als wir erwarteten, denn der Emir von Buchara hatte gesagt, er habe wenig Wasser, aber viel Leute, darum könne er uns nicht aufnehmen, aber wir verzagen dennoch nicht, denn wir wissen, daß es der Herr so gethan hat, damit er unsern Glauben prüfe. Wir hatten noch eine menschliche Stütze, nämlich die, daß wir hofften, in Buchara Land zu bekommen, nun ist auch die weg, auf daß wir uns ganz allein auf den Herrn verlassen. Wohin er uns nun führen wird, das haben wir ganz ihm überlassen, er wird`s herrlich hinausführen. Wir wohnten erst in der Stadt, wo die Molotschnaer Brüder auch wohnten. Wir hatten uns zwei Stuben gemiethet und zahlten dafür monatlich sieben Rubel. Wir wohnten sehr schön, aber als die Brüder sich theilten, kauften wir uns ein großes kirgisisches Filzzelt (65 Fuß im Umgang) und zogen nach Kaplanbeck, wo unsere Brüder Wohnungen bekommen hatten. Die Ernte ist hier schon Mitte Juni zu Ende. Das Getreide läßt man in Haufen auf dem Felde liegen, denn im Sommer regnet es hier nicht. Du fragst, wie viele Familien schon hierher ausgewandert sind. Im ersten Zuge waren 9 Familien mit 20 Wagen. In unserm Zuge waren 12 Familien mit 34 Wagen. Im dritten aus dem Süden gekommenen Zuge waren 50 Familien mit ca. 60 Wagen. Dieses Jahr kommen noch Viele nach und unser Wunsch ist, der Herr möge noch Viele losmachen und herführen. Heute ist der Tag der Reise. Vorgestern Nachmittags fuhren wir von Kaplanbeck weg und wollten noch bis Taschkent fahren, aber wir mußten durch zwei Flüsse hindurch und sind nur fünf Werst gefahren, weil zwei Räder gebrochen waren. Vor der Abreise waren noch zwei Herren aus der Stadt bei uns sagten, wenn wir den 25. schon auf der Reise wären, so wäre es schon gut. Wir wollen bis an die Grenze fahren, und dann, wohin uns der Herr führen wird, so wie Abraham, dem der Herr auch das Land zeigte. Der Weg ist zwar schwer dem Fleische nach, weil wir nicht wissen, wie es mit uns werden wird, aber der Herr möge uns stärken, daß wir nicht unterliegen, denn wir wissen, daß er schon bald kommen wird, wie wir aus der Schrift ersehen nach den 4 ½ Jahren noch 3 ½ Zeiten.