Vogt - Mennonitische Ahnenforschung

Berichte über die Übersiedlung nach Turkestan in "Zur Heimat" vom 7 Oktober 1880, Nr. 19, S. 5 – 6 und 7 Dezember 1880 Nr. 23, S. 6

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

Die Uebersiedlung nach Turkestan.

Wie bereits im „Zur Heimath“ besprochen worden ist, hatte sich hier in Südrußland eine kleine Abtheilung von Mennoniten, die sogenannten Petersbrüder, aus bekannten Gründen zu einer Uebersiedlung nach Taschkent, Turkestan, gerüstet. Sie verkauften schon vor der Saatzeit ihre Wirthschaften, schafften sich zweckmäßige Fuhrwerke, solide Wagen mit langem, in verschiedene Fächer getheilten Wagenkasten und einem schützenden Verdeck an. Sie beabsichtigen schon im Maimonate diese Reise anzutreten, wurden aber wegen ihrer loosungspflichtigen Jünglinge noch aufgehalten. Die Regierung selbst sieht diese Uebersiedlung als verfrüht an und hat u.a. erklärt, daß diese Leute etwas Unmögliches machen wollen; sie werden auch in unsrer Mitte von Vielen aufrichtig bedauert. Endlich ist es ihnen gelungen bei der Regierung auszuwirken, da ihre Jünglinge mitnehmen dürfen bis auf zwei, die bereits im 21. Lebensjahre stehen und künftigen Herbst zur Loosung gelangen sollen. Die andern Jünglinge haben besondere Pässe erhalten und müssen in Turkestan ihren Dienst ableisten nach dem neuen Gesetz, zu dessen spezieller Ausarbeitung in Petersburg bereits eine Kommission niedergesetzt sein soll, also nicht lange auf sich dürfte warten lassen. Dieser Dienst beschränkt sich bekanntlich für die Mennoniten in Rußland überhaupt auf Forsteidienst. Die zwei noch nicht entlassenen Jünglinge nehmen ihren Weg in Begleitung eines gewissen Janzen, welcher die russische Sprache geläufig spricht und auch zu den Uebersiedlern gehört, über St. Petersburg, um dort beim Herrn Minister noch das Letzte zu versuchen, um loszukommen; gelingt es nicht, so kommen die Jünglinge von da zurück und Janzen geht per Bahn von da nach Orenburg, wo er mit den Andern zusammenzutreffen gedenkt.

Der langersehnte Tag der Abreise für die Auszugsgemeinde war endlich erschienen. Sie hatte sich einige Tage vorher schon in der Colonie Waldheim versammelt und ist dann am Donnerstag, den 3. Juli, abgereist. Wenn nun eine Auswanderung nach Amerika per Dampfwagen und Schiffen große Mühen, Beschwerden und Entbehrungen mit sich bringt, so kommt solche, obgleich nicht versucht, nach meiner Vorstellung doch kaum in Vergleich mit der Uebersiedlung einer solchen Anzahl von Familien in einer Karawane, auf eigenen Fuhrwerken, auf eine Strecke von über 4000 Werst (ca. 2700 engl. Meilen). Dazu noch von Leuten unternommen, die fast alle arm sind, Einige kein Reisegeld und auch kein eigenes Fuhrwerk besitzen, zu deren Unterstützung von der ganzen übrigen Gesellschaft ein Jeder den zehnten Rubel seines Baarvermögens hat abgeben müssen. Das Futter für die Pferde muß auf der ganzen Reise gekauft und die Zugthiere natürlich gut gepflegt werden, wenn sie nicht ermüden sollen. Dazu geht die Reise voraussichtlich sehr langsam und werden vier Monate nicht hinreichend sein bis an Ort und Stelle. Wie oft kann es da durch Krankheit an Menschen und Vieh Aufenthalt geben, oder wenn die Wege schlecht werden und gegenseitige Aushülfe in Fortschaffung der schwerbeladenen Wagen nöthig wird; oder wenn sie von Orenburg nach dem Turkestan`schen Gebiete zu eine Sandwüste von 4 oder 5 äußerst beschwerlichen Tagereisen zu passieren haben, wo kein Tropfen Wasser zu bekommen ist, so daß wirklich ein solches Unternehmen fast an`s Unmögliche grenzt. Jedoch alle diese und ähnliche Vorstellungen nicht achtend, alle Begünstigung der väterlich gesinnten Regierung hinsichtlich des Staatsdienstes verwerfend, verließen sie doch anscheinend frohen Muthes und Vertrauen auf Gottes Beistand die alte Heimath, um dem Ziele ihrer Sehnsucht, dem Sammelplatz aller Gläubigen nach ihren Begriffen, zuzueilen. Was nun das Letztere anbetrifft, so bleibt ja das dem Gewissen eines Jeden selbst überlassen und wir haben wohl darauf Acht zu geben, daß etwa da wo unter Brüdern die Ansichten und Meinungen im Verständniß des Schriftwortes von einander abweichen, die Liebe nicht geschwächt wird, die wir und nach Gottes Gebot gegenseitig schuldig sind; und ob auch ihr Bestreben, sowohl in irdischer als geistiger Hinsicht, unsern begriffen bei ernstlicher Prüfung nicht ganz entspricht, so laßt uns doch unsere Liebe in dem Maße ihnen zuwenden, daß wir sie auf betendem Herzen tragen, damit der Herr in aller Noth und Trübsal auf der Reise und auch dort an Ort und Stelle ihnen beistehen, alles etwa noch unlautere und eigengemachte Wesen aus ihrem Herzen entfernen und sie nicht über`s Vermögen heimsuchen wolle, damit sie endlich durch alle Feuerproben als geläutertes reines Gold hervorgehen und alle Schlacken abgestreift werden.

(Korr. D. Z.H.)

Berdjansk, Rußland, im August 1880. Aus den Molotschner Kolonien sind außer einigen Ausländern 64 Familien, auf in Allem 65 Wagen, der früher angegebenen Marschroute folgend, nach Taschkent aufgebrochen. Von der Wolga ging am 3. Juli der erste Zug, 20 Wagen mit 74 Seelen, ab und ist am 27. Juli wohlbehalten in Orenburg angekommen. Der zweite Zug, wider Erwarten auf 30 Wagen und circa 90 Seelen angewachsen, ist am 13 August aus der Kolonie Medemthal aufgebrochen, um noch diesen Herbst den Ansiedlungsplatz (ca. 20 Werst oder englische Meilen von der Stadt Taschkent entfernt, an einem Nebenfluß des Syr – Darja belegen, zu 15 Desjatine, oder ca. 40 Acker, auf die Familie) zu erreichen. Ein mir herzlich verbundener Bruder spricht sich in seinem Abschiedsschreiben unter Anderm folgendermaßen aus:

Unsere Absicht

ist keine andere, als soviel unter Gottes Gnadenbeistand möglich, zu den apostolischen Gemeindezuständen zurückzukehren und nicht allein das zu bewahren, was wir noch davon haben, sondern zurückzuerbitten, was möglich von dem, was unsere Gemeinden im Laufe der Zeit fahren gelassen und also verloren haben. Das ist es ja auch eben, was uns so noth thut. Hätten unsere Gemeinden das längst erkannt, aber erst die Anfechtung lehrt auf`s Wort merken, sie wären in dem Gerichte, in dem sie gegenwärtig stehen, besser bestanden, ja, sie wären vielleicht ganz daraus errettet worden; jetzt aber werden sie, ich kann es nicht anders glauben, nicht bestehen bleiben, sondern allmächtig, um Pastor Hans` (St. Petersburg) Ausdruck zu gebrauchen, „in dem Organismus des Staates aufgehen.“ Die Regierung, oder vielmehr unser geliebter Kaiser und Herr, hat nach seinem Herzen die Ansprüche an uns bis auf`s Minimum reduziert, wer sollte das nicht mit aufrichtigem Danke anerkennen, und Gott, der gerechte Bergelter, wird es ihm vergelten am großen Tage der Vergeltung. Aber Gott fordert von uns ein Anderes. Gott fordert von uns, daß wir das was wir rein durch seine Gnade, oder eigentlich, was seine Gnade durch uns zu seiner Ehre gewahrt hat bis in die gegenwärtige Zeit, ungeschmälert bewahren sollen, daß wir nämlich uns auch ferner dazu brauchen lassen, daß er solches ungeschmälert bewahren könne durch uns bis an seinen Tag, Gott erinnert sein alttestamentliches Volk wiederholentlich mit großem Ernst daran, daß er es mit starker Hand aus Egypten, aus dem Diensthause ausgeführt habe. Unsere Gemeinden treten jetzt in solchen Dienst freiwillig ein; ihre Blüthe, ihre erste Kraft steht in Dienste des Staates mit der Verpflichtung, in erster Reihe ihm zu gehorchen. Der Staat als solcher aber kann sich nicht verleugnen, wo es zu Widersprüchen kommt und das wird und kann nicht ausbleiben; denn „Mein Reich ist nicht von diese Welt.“ Sagte doch einer der Beamten, an welche Gen. Gouv. von Kauffmann unsere Deputierten gewiesen, nachdem er unsere Absicht erkannt, unter Anderem zu diesen: „Die Leute wollen nach dem Worte Gottes leben.“ Was will das sagen? Ich halte dafür und kann nicht anders nach Gottes Wort, daß die Seligkeit als bloße Errettung von der ewigen Verdammniß verstanden, Niemand daran Schaden nehmen darf, der in den Dienst des Staates tritt, aber die Krone als Inbegriff des vollkommenen seiner Geduld, kann er einbüßen; seine Krone kann man einbüßen, daß sie ein Anderer empfängt, wie die Heiden des Evangeliums theilhaftig wurden, das doch nur den Juden zugedacht war. Das ist, gelinde geurtheilt, der Schade, den man von der Uebernahme des Dienstes ernten kann. Nach dem höchsten Kleinod sollen wir ringen, so ist`s Gottes Wille; denn dadurch wird er am meisten geehrt.

So weit.

(Korr. D. Z.H.)

Gnadenfeld, Rußland, 29 Juli (11 August).

Morgen treten etliche sechzig Familien (Mennoniten) aus dem Gnadenfelder und Halbstädter Gebiet ihre beschwerliche Reise nach Turkestan an, wo sie sich für immer niederzulassen gedenken und zwar in der Hoffnung, dort noch mehr Vergünstigungen und Erleichterungen hinsichtlicher der Militärpflicht zu erhalten, als die Mennoniten hier schon genießen. Von den Mennoniten aus den Samar`schen Kolonien sollen schon mehrere Familien auf den Wege nach Turkestan sein. Diese Uebersiedlung geschieht mit Wissen und Genehmigung der Regierung. Wir können den guten Leuten nur Glück auf den Weg und zu weiterem Fortkommen wünschen. Zu den 1000 Werst, die sie auf der Achse zu fahren haben, glauben sie vier Monate zu gebrauchen.

(Od. Ztg.)

7 Dezember 1880 Nr. 23, S. 6

Berdjansk, Rußland.

Am 19. oder 20. September soll, wie ich hörte, die Molotschnaer Auszugsgemeinde wohlbehalten in Orenburg angelangt und dort Briefe von den vorausgegangenen Zügen vorgefunden haben. Alles soll gut gegangen und nur ein Pferd gefallen sein.

(Korr. D. Z.H.)