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Berichte über die Verhandlungen und die Vorbereitungen der Ausreisenden nach Turkestan in der Zeitung „Zur Heimat“ vom 7. April 1880, Nr. 7, Seiten 5-6  

 

Von Elena Klassen, alle ihre Berichte.

 

 

Originalkorrespondenz für die „Zur Heimath“

Wie bekannt, hatten sich hier an der Molotschna unter Leitung des Aeltesten Abr. Peters in Friedensruh etwa hundert Familien, und an der Wolga jetzt auch schon ungefähr so viel, gesammelt; welche weder auswandern, wenigstens nach keinem modern regierten Lande, noch irgend einen Dienst, welcher für Ableistung der Wehrpflicht gerechnet wird, oder ein Amt im Staatswesen übernehmen wollen. Diese Gesellschaft verwendete sich in ihrer Angelegenheit an verschiedene hochgestellte Personen in St. Petersburg wegen Beistand zur Uebersiedlung in die Taschkenter Gegend  in Turkestan, mit Befreiung der dort im Ganzen noch nicht eingeführten Wehrpflicht. Der offizielle Bericht darüber sagt: „Die Deputierten der Mennonitengemeinde der Kolonie Köppenthal im Nowousenschen Kreise, Johann Epp und Martin Klassen, verwendeten sich an den Herrn Großfürsten Statthaler von Kaukasien mit einer Bittschrift wegen Erlangung eines Befehles Sr. Kaiserlichen Hoheit, daß ihnen, weil ihre Befreiung von der allgemeinen Wehrpflicht in kurzer Zeit zu Ende geht, in den Grenzen des Reiches ein Ort angewiesen werden möchte, wo sie ihren Glaubensregeln nach leben könnten. Nach Unterlegung dieses Gesuches dem Herrn Großfürsten Statthalter, hat seine Kaiserliche Hoheit zu befehlen geruht, solches abzulesen.“ Das Resultat dieser Verwendung geben die offiziellen Dokumente wie folgt: „Der Staatssekretär Sr. Majestät zur Abnahme der Bittschriften hat unterm 3. Mai Nr. 3519 dem Herrn Minister des Innern eine allerunterthänigste Bittschrift der Bevollmächtigen der Mennoniten der Molotschner Gemeinde, Johann Epp, Martin Klassen, Abr. Peters und Franz Buller, wohnhaft in der Kolonie Köppenthal (und Friedrichsruh Molotschna, d. R.) übergeben wegen Befreiung ihrer Vollmachtgeber von der allgemeinen Wehrpflicht mit dem Rechte nach solcher Oertlichkeit übersiedeln zu dürfen, welche noch von der Ableistung der allgemeinen Wehrpflicht frei ist. Infolge dessen hat der Minister des Innern mich (es ist dies ein Erlaß des Samarischen Gouverneurs) zur gehöriegen Verfügung benachrichtigt, daß angesichts des Allerhöchsten Befehles vom 8. April 1875, mittels welchem den Mennoniten schon besondere Freiheiten in ihrer Ableistung der Wehrpflicht gegeben sind, der Herr Minister des Innern übereinstimmend mit dem Beschlusse des Herrn Kriegsministers nicht für möglich gehalten, ihr erwähntes Gesuch zu erfüllen. Hierbei bittet seine hohe Exzellenz, den Mennoniten zu erklären, daß ihr Gesuch wegen Uebersiedlung in eine solche Oertlichkeit des Reiches, auf welche die Wirkung der Gesetze über die allgemeine Wehrpflicht noch nicht ausgedehnt ist, keine wesentliche Bedeutung hat, weil ihr sehr naher Zukunft auch jene fremden Völkerstämme, welche zeitweise von der allgemeinen Wehrpflicht ausgeschlossen sind, ebenfalls zur Ableistung dieser Pflicht herbeigezogen werden.“
Trotz dieser abschlägigen Resolutionen reisten die erwähnten Bevollmächtigten doch wieder nach Petersburg und trafen dort den General Gouverneur von Turkestan, von Kauffmann, welcher sie sehr gerne dort hin haben wollte, daher selbst diese Angelegenheit vor Seine Majestät zu bringen versprach und es auch that. Eine Suspendirung des Gesetzes für die Bittsteller auf einige Jahre und formelle Ueberführung nach Turkestan wurde aber nicht erwirkt. Dann fuhren die Leute zum General Gouverneur von Neu – Rußland, Graf Todleben, worüber der offizielle Bericht wie folgt lautet: „Am 1. November 1879 waren wir bei dem General Gouverneur Todleben. Auf unsere Vorstellung, wegen des uns von Sr. Majesteät im Juni 1871 gewährten Rechts auszuwandern, und daß uns solches Recht auch nach Turkestan gewährt werden möchte, sagte Todleben uns folgendes:
Ich achte und liebe die Mennoniten und habe sie, nachdem ich nach St. Petersburg zurückgekehrt war, so vertreten, als ob ich selbst ein Mennonit wäre und habe einen schweren Stand ihrethalben gehabt. Nun ist die Sache die, die ihr nun der Wehrpflicht zu entgehen, zu ergreifen habt, stellt ein Projekt auf, daß ihr in diesem Gouvernement eine  Plantage anlegen wollt, wie ihr es damals wünschtet. Ihr wißt ja ungefähr, wie viel junge Männer ihr nach den Gesetzen zu stellen habt, stellt sie und laßt sie nur einen Forst in diesem Gouvernement anlegen unter Aufsicht eines Geistlichen, wie es damals gewünscht wurde; kommt dann mit dem Projekte zu mir und ich werde euch in St. Petersburg vertreten, ein Jeder wird in dem Seinen geschützt werden, ich bin nur noch nicht bei euch, aber warten Sie noch ein Jahr und Sie werden sehen.
Was die Uebersiedlung nach Turkestan anbetrifft, so versicherte er uns, daß es nicht länger als 10 Jahre dauern werde, daß dort das Militärgesetz eingeführt werden, und dann versicherte er uns, daß wir dort nicht mit dem Forstdienste wegkommen würden, dort werde man auf die Anpflanzungen keinen Werth legen. Dabei deutete Todleben noch auf Kauffmanns Stelle hin und sagte: Heute sei er dort, aber wo morgen, wisse man nicht. Was das Uebersiedeln betrifft, so sagte er, glaube er, sei es unmöglich, uns dasselbe zu gestatten. Hier werde man uns schützen, damit wir unserm Glauben leben können, und wenn wir es recht verständen, dürften wir nicht zur Loosung, wir sollen zu keinem andern Dienste als zur Fortpflanzung im Taurischen Gouvernement verwendet werden. Die andern Dienste seien nicht für uns und er verspreche nur das, was er halten könne; gegenwärtig habe er seinen Schwiegersohn Baron Sternberg nach Halbstadt geschickt, er habe ihn an Harder verwiesen; derselbe sollte sehen, wie es uns gehe.“
Jalta, 2 November 1879
(Gez.) – Gezeichnet – E.K.)) Jacob Mandtler
Ueber den in Folge dieser Resolution stattgefundenen Besuch des Baron Ungern Sternberg in den Molotschner Kolonien und die darauf erfolgte Reise von Bern. Harder, Heinr. Epp von Chortiz und Peter Fast von Blumenort nach Odessa ist schon in der vorigen Nummer des „Zur Heimath“ etwas berichtet worden. Der Bericht der Deputation lautet: Freitag den 14. Dezember 1879, Morgens, kamen wir in Odessa an und waren so glücklich, denselben Tag Nachmittags eine Audienz bei Sr. Durchlaucht, dem Herrn  Grafen von Todleben zu erlangen. Derselbe nahm unser Projekt sehr gnädig auf und sagte: „So ist es gut, so habe ich‚s gemeint; ich werde es umschreiben lassen und mit meinem Schwiegersohn nach Petersburg schicken. Später werde ich selbst hinfahren, in einem Jahre ist noch viel zu machen.“ Des andern Tages sagte er  zu mir: „Dieses allein ist eigentlich gut für die Mennoniten.“

Herr Graf, gesandt von Mennoniten,
Erscheinen wir vor Dir auf‚s Neu,
Dir, unserm Gönner zu entbieten,
Von vielen Herzen, warm und treu,
Den Gruß der Ehrfurcht und der Liebe,
Der tiefgefühlten Dankbarkeit,
Da Du den Ausdruck solcher Triebe
Stets anzunehmen warst bereit.
Jetzt, wo in Nacht und Dunkel brütend,
Die Boßheit ihre Pläne macht,
Jetzt, wo das finstre Reich so wühtend
Auf Mord und Umsturz ist gedacht,
Wo Frevlerhände sich erheben,
Den Landesvater zu bedroh‚n,
Jetzt tritt ein heil‚ger Bund in‚s Leben,
Zu einer großen Mission.
Wer betet, daß auf dieser Erde
Das Reich des Herrn erscheine bald;
Wer wirket, daß er besser werde,
Daß Völkerleben sich gestalt‚t
Zu jenem segensreichen Frieden,
Den Gottes Wort in Aussicht stellt;
Wer dahin ringet ohn‚Ermüden,
Der ist dem Bunde beigestellt,
O lehre uns, Du hoher Gönner,
Zu wirken mit in diesem Bund!
Daß wir als redliche Bekenner
Des Glaubens – auch von Herzensgrund
Des Vaterlandes Wohl erstreben,
Demselben dienen gern und treu;
Daß unser Wirken, unser Leben
Nicht ohne Segensgfrüchte sei!
Gott sei in Deinem hohen Stande
Die nah mit Hülfe, Schutz und Rath,
Und schenk‚dem theueren Vaterlande,
Auch uns, von Deines Wirkens Saat
Noch lange Zeit die reichsten Früchte!
Er segne auch Dein hohes Haus
Und ström‚in Seines Geistes Lichte
Viel Weihnachtssegen drüber aus!

Dem hohen Brautpaare.
So wundebar ward ich geführt
In unsers Gönners Haus,
Drum wag‚ ich‚s, froh und tiefgerührt,
Mein Herz zu schütten aus.
Es treibet mich, dem hohen Paar,
Das Hochzeit feiern will,
Zu bringen einen Glückwunsch dar,
Aus meines Herzens Füll‚
Auf Gott vetraue, Herr Baron!
Und ob auch ernst und schwer
Der Zukunft Wetterwolken droh‚n-
Gott waltet – Ihm die Ehr‚!
Gott zeigte Dir schon früh den Pfad
Hinan zu steilen Höh‚n;
Er steh‚ Dir bei mit Kraft und Rath,
Ihn treu und fest zu geh‚n!
O treuer Heiland, segne Du
Des hohen Paares Bund!
Sprich du Dein Amenselbst dazu
Und mache ihnen kund
Den Reichthum Deiner Gütigkeit,
Daß sie gesegnet sein,
Und Segen sich durch sie verbreit‚
Viel Herzen zu erfreu‚n.

(Gez.) Bernh. Harder, Mennonitenprediger.
Anmerkung – Als die Deputierten Heinrich Epp aus Chortiz, Bernhard Harder aus Halbstadt und Peter Fast aus Blumenort in Odessa waren, war Harder eines Abends als Gast im Todtlebenschen Hause; es noch vor der Hochzeit der Tochter Todtlebens mit dem Baron Ungern Sternberg, und diesem Brautpaare gilt Harders Glückwunsch.
Die Peterschen Brüder reisten aber wieder nach Petersburg, fanden dort allgemeine Achtung ihrer Glaubenstreue, Anerkennung des großen Nutzens ihrer Ansiedlung bei Taschkent für das Reich und Zusagen, ihre Angelegenheit nach Möglichkeit, aber ohne Alteration des Wehrgesetzes, fördern zu helfen. Infolge alles dessen sind zwei der Brüder nach Taschkent abgereist. Am 24. Dezember sind sie von Orenburg abgegangen. Sie wollten dort sonst Weihnachten feiern, aber eine auffallende Fügung einer Gelegenheit, die Reise mit einem nach Taschkent gehenden Offizier auf dessen Kronspodoroschne (ein Erlaubnißschein, die Kronspost benutzen zu dürfen, d.R.) was dort außerordentlich fördert, machen zu können, erschien ihnen als ein Fingerzeig Gottes. Gestern, (den 30. Januar) meldete ein Telegramm aus Taschkent von den Deputierten der Auszugsgemeinde, daß die Aufnahme von 200 Familien und mehr entschieden worden und sie diese Entscheidung mitbringen. Von der Wolga wird geschrieben, daß es wirklich diesen Sommer noch zum Ausbruch kommen soll.
Ueber den Glaubensgrund dieser Gesellschaft hat Jemand schon früher nach ausführlicher Erörterung mit den Wolgaer Brüdern folgendes Schriftstück zusammengestellt, das möglicherweise in St. Petersburg kleine Vorbotendienste verrichtet hat: Der moderne Rechtsstaat (Weltstaat - Gottesstaat), ob er nun Monarchie oder Republik genannt wird, ist nicht ein Reich von der von Gott verordneten Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat, als Gottes Dienerin, nach Gottes Willen und Geboren regiert, sondern, er ist ein Produkt des christuslosen oder richtiger christusfeindlichen Zeitgeistes, zu dessen Endzielen unter anderm eben auch die Abschaffung jener von Gott verordneten Obrigkeit gehört, und wird regiert durch die Obrigkeit als seine Dienerin, nach den Geboten des Zeitgeistes und nach dem aus der menschlichen Vernunft und Stimmenmehrzahl herausgebornen Menschenwillen; während im Segensatz, der alttestamentliche Gottesstaat, als Republik, wie als Königthum, durch Priester und Propheten Gott fragte und für Stimmenmehrheit das Loos als Gottes Willenoffenbarung hatte; der neutestamentliche aber nun das für alle Fälle vollgeoffenbarte Wort und Willen Gottes hat.
Den modernen Rechtsstaat hat auch nicht die gottverordnete Obrigkeit zur Beglückung ihrer Unterthanen ersonnen, sondern sie ist seinem Andrange unterlegen. Der solchen Rechtsstaat belebende Geist macht seine Staatsgenossen als Glieder seines Leibes unter dem Panier der Freiheit, Humanität u.s.w. vorzugsweise durch die allgemeine Wehrpflicht zu seinen willenlosen Sklaven, mindestens zum Sklaven des Volkswillens resp. dessen Organe. Zur Streitmacht erkoren oder zusammenberufen, braucht der moderne Rechtsstaat solche Glieder nicht als Gottes Dienerin zum Schutze der Frommen und zur Rache über die Uebelthäter, sondern stützt darauf seine eigene Sicherheit und Würde. Insonderheit diesem modernen Rechtsstaat gegenüber steht das von Jesus Christus gepredigte und gelehrte Gottesreich. Sein Herrscher Jesus Christus ist noch inniger, als er der Zeitgeist mit seinem Leibe, dem Rechtsstaat, vermag, mit seiner Gemeinde, der Gemeinschaft der Gläubigen, verbunden und wird auch solche Gemeinschaft der Leib Christi im Worte Gottes genannt, worin die Gläubigen die einzelnen Glieder zu verschiedenen Verrichtungen sind. In der Welt aber sind sie und wollen nichts anderes sein, Gäste und Fremdlinge. Die Sicherheit und Würde dieses Reiches beruht, in direktem Gegensatze zum tödtenden Schwert, auf dem belebenden Geist und dem Schwert des Wortes Gottes; anstatt auf Knechtung, auf Freiheit. Wie sollte nun ein Glied am Leibe Christi, zugleich ein Glied am Leibe des Zeitgeistes, dessen Personifikation schließlich der Antichrist sein wird, sein können! Niemand kann zweien Herren dienen und greift der moderne Rechtsstaat, trotz seiner vielgepriesenen Humanität, Freiheit u.s.w. doch, hier mehr dort weniger weit, über die gottgewollte Unterthänigkeit und gehorsam zu guten Werken hinaus.
Kürzlich hat Aeltester Peters die folgende Erklärung verfaßt, indem allerlei Gerüchte darüber gehen, was sie vor Hoch und Niedrig vorgebracht haben. Ihre Entschiedenheit hat wohl mitunter warmes Blut gemacht, schließlich aber überall Hochachtung und freundliches Entgegenkommen gewonnen.
Erklärung der Sonderstellung derjenigen Mennoniten – Brüder in Rußland, welche nach Turkestan übersiedeln wollen; wie sie sich vor Hoch und Niedrig schriftlich und mündlich darüber ausgesprochen haben - den anderen Mennoniten gegenüber.
Wir finden die ernste Mahnung Offenb. Joh. 13, 9 – 10, wo es heisst: Hat Jemand Ohren, der höre. So Jemand in das Gefängniß führet, der wird in das Gefängniß gehen. So Jemand mit dem Schwert tödtet, der muß mit dem Schwert getödtet werden. Hier ist Geduld und Glauben der Heiligen. Und 2 Timoth. C. 2, v. 11 u. 12. das ist gewißlich wahr: Sterben wir mit, so werden wir mit leben; dulden wir, so werden wir herrschen. Verleugnen wir, so wird er uns auch verleugnen. Wir bekennen und glauben, daß es den wahren Christen nicht geziemt, für sich selbst ein richterliches oder obrigkeitliches Amt zu bekleiden, denn das Gottesreich ist nicht von dieser Welt, und jedes Herrschen bringt der Seele Schaden. Die wiedergeborene Gemeinde hat das Reich Gottes in sich darzustellen und sich so lange von Allem dem, was sie hindert und hemmt, auch von den Völkern der Erde, abzusondern, bis der Herr kommt und selbst der Staat sein wird. Bis dahin ist die Gemeinde der weltlichen Obrigkeit, als der Stellvertreterin Gottes, insoweit, als es Gottes Geboten nicht entgegenhandelt, schuldig, gehorsam zu leisten, sich selbst aber, d.h. die Gemeinde, von jedem obrigkeitlichen Amte fern zu halten, denn in dem vollkommenen Reiche Christi bedarf es keiner weltlichen Regierung und keiner weltlichen Gesetze. Mit der unbedingten Freiheit des Gewissens muß eine strenge Kirchenzucht Hand in Hand gehen. Ein jeder Mensch darf sich frei entscheiden, welches Glaubens er leben wolle. Niemand darf um seiner Ueberzeugung willen verfolgt werden. Aber die Gemeinde bedarf freier Glaubensnormen, zu denen ihre Mitglieder sich frei bekennen. Diese Glaubensnormen sind zu finden in den einfachen Buchstaben, d.h. Schrift. Schwer ist es heut zu Tage in der Theorie zwischen den Reichen der Welt und dem Reiche Gottes eine klare Grenze zu finden, indem die größte Mehrzahl von der ganzen Christenheit den Reichen dieser Welt schon längst die Hand geboten und mit denselben verweltlicht und verbunden ist. Denn, wer kann vom höchsten Kriegswesen, bis auf den geringsten und mildesten Staatsdienste herab, wenn die Leidenschaften des Krieges einmal entbrannt sind, wer kann der Ausdehnung und der vermeintlichen Nothwendigkeit Schranken setzen. Und doch bedürfen wir, als Christen, sichere Grenzen für unsern Handel und Wandel auf Erden. Unser Herr und Heiland, Jesus Christus, versichert seinen Nachfolger die Seligkeit und das ewige Leben; fügt aber bemerklich hinzu: Daß ihnen die Verfolgung seiner Gebote und Lehre möglicher Weise alles, was sie in dieser Welt besitzen, wohl gar das eigene Leben kosten könne. Wenn wir zudem noch Matth. C. 5 u. 6. lesen, bedarf es da wohl noch der Frage, ob wir zum Schutze unseres irdischen Lebens und Besitzes die Obrigkeit in Anspruch nehmen? Der Apostel Paulus sagt zu den Ebräern: Ihr habt wohlgethan, daß ihr den Raub eurer Güter mit Geduld ertragen habt, wohlwissend, daß eine bessere habe euch im Himmel bereitet ist. Wie weit entfernt von solcher Gesinnung ist heut zu Tage unser Volk! Unser Glaubensgrund ist aber der: Laßt uns auch in den Stunden der Noth unsern Glauben in der Treue aufrecht zu erhalten suchen. Aber laßt uns aufhören die heiligen Gotteswahrheiten zu erniedrigen und sie mit menschlichen Schwächen und Sünden verbinden zu wollen. Wir werden viel besser thun; uns und die Wohlfahrt der Unsrigen vertrauensvoll der unvergleichlichen Fürsorge unseres Gottes zu überlassen, als einzuwilligen in Versuche, und selbst zu sichern und einem System Anerkennung geben, das auf Geringschätzung und Mißachtung heiliger Verordnungen gegründet ist. Wenn wir zu dem noch erwägen, daß Jesus selbst uns also lehret: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Die weltlichen Fürsten herrschen, man nennt sie Könige und gnädige Fürsten. Unter euch, meine lieben Jünger, soll es nicht so sein. Wer euer Meister sein will, sei euer aller Knecht; der Vornehmste sei der Geringste. Wie weit entfernt ist es vom Herrschen! Herrschen bringt der Seele Schaden! Wir haben vielmehr die klare Ueberzeugung, daß wir um des Herrn und seiner Gebote willen den weltlichen Aemtern mit allen ihren Bedienungen auszuweichen haben, und nur das lautere, unmittelbar der heil. Schrift entnommene Bekenntniß  Jesu Christi unsre alleinige Regel und Richtschnur sein soll; denn nur Jesus Christus selbst ist unser Oberhirte, Kaiser und König, daß wir nicht der Staatsgewalt dienstbar untergeordnet stehen, auch in der gelindesten Form nicht. Nehmen wir noch zu Zeugen die Glaubenshelden aus dem alten und neuen Bunde und die Zeugnisse der taufenden Märtyrer, wieweit dieselben entfernt waren, Gottes Reich mit dem Reiche dieser Welt zu verbinden. Zwar brachte ihnen diese Sonderstellung der Welt gegenüber Verfolgung, und Tausenden den grausamen Tod. Doch Gott sei Dank: keine Macht der Verfolgung konnte sie von Jesu scheiden, eingedenk der wichtigen Ermahnung des Herrn: Ihr müsset gehasset werden von allen Völkern der Erde, und: Alle, die gottselig leben wollen, müssen Verfolgung leiden, denn durch viel Leid und Trübsal müßt ihr eingehen in das Rech Gottes. Ja, alle Verfolgungen und Marter dienten nur dazu, die Kreuzgemeinde zu sichten und läutern und den innern Bestand mehr zu befestigen. Allerdings waren die Läuterungsmittel scharf und anhaltend; kein Wunder daher, daß die Masse in der Länge der Zeit sehr zusammenschmolz und nur kleine, arme Häuflein blieben, denn der Wind der Verfolgung war sehr stark und grausam,  daß die Spreu, und was nur noch Weizen schien, aber nicht war, davon flog. Die Bewährten schätzen es für eine Ehre, um des Herrn willen zu leiden. Ihr Grund und Lebensrichtschnur war Gottes Wort. Doch waren sie genöthigt, um der Menschen willen, Bekenntnißschriften abzufassen, um ihren Feinden und Verfolgern gegenüber Grund zu geben von der Hoffnung, die in ihnen war. Am stärksten aber besiegelte ihr Wandel das Bekenntniß ihres Glaubens.
Wir bekennen aufrichtig, uns ist sehr bange, unsre Glaubenskraft ist sehr klein, aber durch all das Wirren schallt uns Gottes Wort in die Ohren: Gehet zu, daß euch Niemand hinreiße durch Weltweisheit und Betrug nach Menschenfaßungen, aber nicht nach Christo. Ist gleich die Lehre von der Wehrlosigkeit nicht zu vereinbaren mit der heutigen Staatspolitik, bat sie dennoch sichern Grund in der Lehre Jesu Christi und seiner Apostel, und von dieser Lehre dürfen wir nicht abweichen, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, in dieser antichrtistlichen Zeit in den Strudel des Verderbens mit fortgerissen zuwerden. So wie überhaupt die Gläubigen aller Konfessionen zuletzt in großes Gedränge kommen werden, soviel mehr wir Mennoniten – Brüder ganz besonders, und zwar aus dem Grunde: Weil wir die Wehrlosigkeit als Glaubensnorm ernst betonen und festhalten. Wir glauben, wenn wir dieselben aufgeben und fahren lassen, damit erlischt in diesem Theil der letzte Funke der ursprünglichen apostolischen Lehre. Wir müssen mit Beugung bekennen, und fühlen es tief mit, wir haben uns verkündigt an dem Herrn und sind abgewichen von dem Bekenntniß und Gelübde bei der heil. Taufe. Es ist die allgemeine Sündenschuld, die uns Strafe und Verderben bringt. Wir haben aber Buße gethan und dadurch unser Verderben tief erkannt und schauen jetzt auf und fragen nach den vorigen Wegen und zwar nach dem einzig richtigen Wege, dem schmalen Glaubenspfade. So glauben und bekennen wir. Das ist unser Streben und Ringen, den hohen Beruf in Jesu Christo in der Wahrheit zu erkennen und im Glauben zu erkämpfen. Darum können wir von unsern Ueberzeugungen des Glaubens nicht ablassen, um nicht zu verlieren, was wir durch Gottes Gnade erarbeitet haben. Wir können nicht zugleich dem Staat und Gott dienen, wir sind als die Freien berufen, und so nehmen wir an, daß es Gott gefällt, treu zu bleiben in dem, was wir angelobet haben. Wer anders berufen ist, da dürfen wir nicht richten, er sehe nur zu, daß er treu erfunden werde. Uns aber sagt der Herr: Werdet nicht der Menschen Knechte. Wir glauben an die nahe Zukunft des Herrn. Unsere Zukunft ist die Ewigkeit. Wir glauben, daß die Zeichen dieser Zeit es uns laut verkündigen, daß seine Gerichte angefangen haben, und der schreckliche Abschluß mit den Reichen dieser Welt (Offenb. C. 6 v. 15 - 17) mach uns sehr bange. Wir können uns mit keinem Andern anlassen und verbinden, als mit dem Herrn unsern Gott und Vater. Die Gesetze des Allerhöchsten müssen uns über alle Gesetze gehen. Hosea c. 13, v. 9 – 11 ist in dieser Beziehung sehr wichtig. Diese kurz angedeuteten Ueberzeugungen durch Gottes Wort haben uns verursacht eine Sonderstellung den andern Gemeinden gegenüber einzunehmen. Seit 1874 hat uns die Sorge unsern Glauben in dieser Weise gewahrt zu sehen, viele Kummer, Gebet und Flehen, Thränen, Beschwerden und Opfer gekostet. Noch bis auf diese Zeit sind wir sehr bekümmert. Die hohe Regierung hat von ihrem Standpunkte viel an unserm Volk gethan, das verkennen wir nicht, denn wir sind zu Landeskindern erhoben worden. Wir können uns jedoch nicht da hineinleben. Wir wollen nur als die Geduldeten angesehen sein, als Gäste und Fremdlinge, denn Landesrechte verlangen auch Landespflichten, das ist unser Beweggrund, warum wir Ausflucht suchen, dargelegt.

   
Zuletzt geändert am 10 Mai, 2021