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Bericht über die Lage der Ausreisenden nach Turkestan in der Zeitung "Zur Heimat" vom 21. Mai, 1880, Nr. 10, S. 7  

 

Von Elena Klassen, alle ihre Berichte.

 

 

Rußland.
Von der Peters Gemeinde haben die meisten ihre Wirthschaften verkauft und warten auf die Rückkehr ihrer Deputierten von Turkestan, um dann sofort aufzubrechen. Einige der früheren Reiselustigen haben sich indessen zurückgezogen.
Auswanderer nach Amerika hatten sich bis zum 20. März in den Molotschnaer Kolonien noch keine gefunden, jedoch sollen vom Kuban einige Familien auswandern wollen.
(weiter anlässlich des Jubiläumsfestes (der Thronbesteigung des russischen Kaisers – E.K.)................

Ein zur Auszugsgemeinde (nach Turkestan) Gehöriger schreibt an seinen Freund in Amerika über die Entstehung dieser Bewegung u.A.: Es fiel zuerst einem Bruder der Gemeinde des Cor. Wall (an der Wolga) auf`s Gewissen, wie der Dienst (laut dem neuen Militärgesetz in Rußland) uns von unserm abschneide, indem wir uns einer Weltmacht einverleibten. Er suchte Fühlung mit Gleichgesinnten an der Molotschna und fand sie bei der Peters Gemeinde. Aber auch am Trakt, d.h. bei Saratow machte diese Meinung Sensation. Peters selbst kam hin; ein Reiseprediger Namens Ehlers (Kolonist, der sich ganz auf den Stand der Brüder stellt), sowie zwei Lehrer aus einer während des Krieges aus ihren Wohnsitzen vertriebenen chaldäischen „wehrlosen“ Gemeinde, stärkten die Herzen der Brüder. Es wurden Abendstunden eingerichtet und es zog mich gewaltig hin zur liebe Gemeinde. In den Sommerferien reiste ich hin. Als ich zurückkehrte, kam ich wieder in eine Wüste voll dürrer Todtenbeine, denn hier weht kein Geisteswind, aber dort wirkt Gottes Geist weiter. Nach meiner Abfahrt bildete sich ein Verein von Jünglingen, die allsonntäglich Nachmittags ihre Versammlungen haben und in der Schrift suchen. Aber die Gemeinde wirkte auch weiter und viele hochgestellte Personen interessierten sich für die Sache. Eine Denkschrift wurde aufgesetzt, unter den Gemeinden verbreitet und auch durch den Großfürsten Sr. Majestät dem Kaiser übergeben. Ein Ministerrath beschied unsre Bitte um Uebersiedlung an einen Ort, wo wir außerhalb der Dienste und als geduldige Kolonisten ständen, abschlägig, aber man war auf Hindernisse gefaßt und vertraute auf den Herrn. Eine Zusammenkunft mit Generalgouverneur Kauffmann, der sehr wünschte, daß Mennoniten in Turkestan ansiedeln möchten, fand statt. Nur die jungen Leute über 15 Jahre sollen hier bleiben. Doch hofft man auf den Beistand Gottes, der auch heute noch sein Volk aus Egypten ausführen kann. So wird denn wohl im Frühjahr die Auswanderung vor sich gehen und meines Bleibens wird nicht lange hier sein, indem ich mich entschlossen habe, mich der Auswanderung anzuschließen, die voraussichtlich nach Turkestan gehen wird, wohin im Dezember Deputierte abgereist sind.
Ende März 1880. An der Wolga und auch hier (an der Molotschna) sind viele Familien, die sich zu einer Uebersiedlung nach Mittelasien, Turkestan, rüsten. Mir scheint die Sache sehr bedenklich, um so mehr, weil die Regierung im Prinzip dagegen ist. Leicht möglich, daß es den Leuten gerade so gehen kann, wie den nach Brasilien ausgewanderten Kolonisten.
Am 31. März 1880. Hochgeschätzter Freund Görz! Falls Sie von meinen Mittheilungen über die Auszugssache nach Turkestan schon irgend Gebrauch für`s „Zur Heimath“ sollten gemacht haben, oder machen wollen, beeile ich mich Ihnen noch mitzutheilen, daß laut erhaltenem Telegramm die Uebersiedlung auch den 15 – 21 jährigen Jünglingen gestattet wir, aber sie müssen, wenn`s kommt, dort dienen. Und das könnte sehr bald kommen und dann? Ich betrachte es nun, wie die Auswanderung nach Amerika, als Sache persönlicher Ueberzeugung, ohne Pflicht oder Berechtigung Propaganda dafür zu machen. Ob ich aber richtige Einsicht habe, wie sollte ich das behaupten wollen. In dem Telegramm heißt es auch, daß die Gouverneure Mittheilung erhalten haben. Sollte es mir werth erscheinen, werde ich späterhin Ausführliches darüber schreiben, wenn`s bekannt gemacht wird.

   
Zuletzt geändert am 5 Mai, 2021