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Bericht von P. P. Kornelsen aus Abbotsford B.C. über Ak-Metschet in Zeitung „Der Bote“ vom 7. Apri1 1964, Nr. 15, S. 10-12  

 

Von Elena Klassen, alle ihre Berichte.

 

 

Ak - Metschet, war früher in der Nähe der Stadt Chiwa, ein großes mennonitisches Dorf mit etwa 150 Familien. Es gehörte zum russischen Reich, hatte aber früher unter der Zarenregierung eine beschränkte Selbstverwaltung. Die Mennoniten siedelten sich hier im Jahre 1881, 12 Werst von der Stadt Chiwa, auf einer Oase in der Wüste an.
Die Ursache, daß sie vom Trakt an der Wolga und von der Molotschnaja an diesem so weit abgelegenen Ort ansiedelten, war, daß sie der Einberufung ihrer Jungmannschaft zum Militärdienst ausweichen wollten. Zu dieser Zeit wurde in ganz Rußland die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Von der Befreiung vom Militärdienst, die man den Mennoniten bei ihrer Einwanderung auf „ewige Zeiten“versprochen hatte, war auf einmal plötzlich keine Rede mehr.
Unsere Vorfahren nahmen es mit ihrer Wehrlosigkeit damals noch sehr ernst und verließen oft Hof und Land, wenn man sie nicht in ihrem Glauben leben ließ. So gingen sie aus Holland, aus Westpreussen, und so flohen sie auch von 1870 – 1880 aus Rußland und auch später nach dem ersten Weltkriege, 1922 – 1930, und zuletzt nach dem zweiten Weltkrieg im Jahre 1943. Bei der ersten Auswanderung gingen etwa 10.000 nach Amerika und etwa 1000 nach Mittelasien, wovon sich der größte Teil bei Aulie-Ata eine kleine Gruppe in Chiwa, ansiedelte.
Unser Volk war damals noch weniger gebildet, obwohl es unter uns wohl niemals Analphabeten gegeben hat. Sie waren aber mit der Bibel gut bekannt und glaubten kindlich, wie es im Worte Gottes geschrieben steht. Sie gehörten damals noch mehr zu den geistlich Armen, genossen aber in ihrer Armut und ihren Bedrängnissen mehr Seligkeit, als es heute bei unserem Wohlergehen und Weltanpassung der Fall ist. Heute strebt man mehr nach Wissenschaft und Gelehrsamkeit und kommt deswegen immer mehr vom Glauben der Väter ab. Einige unserer Gelehrten wollen unseren Glauben schon nur als Tradition gelten lassen und finden ihn lächerlich. Unwillkürlich fragt man sich: Sind wir schon in die Zeit des Abfalls gekommen?
Unsere Glaubensgenossen bei Ak – Metschet hielten aber an dem Glauben unserer Väter fest, auch wenn sie mit ihren Ansichten und der Bibelauslegung über die Endzeit von den andern etwas abwichen.
Einer französischen Journalistin, Ella K. Mailart, gelang es, im Jahre 1933 diese lieben Menschen dort in ihrer Abgelegenheit zu besuchen. Im nachstehenden folgt ihr Bericht über die deutsche Mennonitenkolonie in Mittelasien.
„Im Postamt in Chiwa treffe ich einen deutschen Mann mit Spitzbart und blauen Augen. Auf meine erstaunten Fragen nach seinem Woher und Wohin, antwortete er: „Wir haben hier bei Ak – Metschet eine deutsche Kolonie, die schon über fünfzig Jahre besteht.Ursprünglich kommen wir von der deutschen Wolgarepublik (Am Trakt?– E.K.). In jenem großen Hause, welches das Krankenhaus ist, befindet sich mein Bruder, er leidet an Gelbsucht. Sein kleines Töchterlein hat Lungenentzündung und befindet sich auch dort. Falls sie nicht durchkommt, könnten Sie von ihr vielleicht eine Aufnahme machen, damit wir von ihr ein Andenken haben. Mein Bruder hat Theologie studiert und leitet mitunter unsere Gebetsstunden. Wir sind Mennoniten.“
Wir gehen über die Straße zum Krankenhaus. Doch werden meine Begleiter zweimal sorgfältig geprüft. Dann führt man uns in ein Vorzimmer, wo wir unsere Überröcke ablegen und ein weißes Obergewand anziehen müssen. Herr Quiring liegt im Bett. Sein feines ausdruckvolles Gesicht mit Schnurrbart und hoher Stirn erinnert mich an Romin Roland. Das traurige kleine Mädchen, dessen Gesicht mit kurzen schönen Haaren umgeben ist, sieht mich kaum. Ihre Mutter, eine junge Frau, die beiden pflegt, hat prächtige weiße Zähne und ein frohes Gesicht, dunkelgraue Augen und ein breite Stirn unter einem Diadem von schönen dicken Haarflechten.
„Wir Deutschen können nicht klagen“, sagt sie, „wir haben gute Beschäftigung und werden auch gut bezahlt. Sie sollten unsere Kolonie, neun Meilen von hier, einmal besuchen.“
„Mama, wann werden wir die Photographie sehen können?“ „Wir müssen warten, bis die junge Dame ihre lange Reise beendet hat, sie wohnt weit hinter Berlin.“ Die Mutter zieht das Kind an und steckt ihm eine Seidenschleife ins Haar. Bei meinen Worten: „So, jetzt zeig einmal, wie sehr du deine Mutter liebst!“ lächelte das Kind und schlug seine Arme um der Mutter Hals.
Ich besteige ein Rad und fahre wie wohl durch die Straßen von Chiwa, remple an die arbeitende Zinkschmiede, erschrecke Kinder und sause wie ein Wirbelwind durch all die Wassergräben und muß gut balancieren, damit ich nicht gegen eine große Baumwurzel stoße. Die Menschen bewundern mich, und ich fühle mich wie der stolze Erfinder des Fahrrades.
Es gibt nur drei Räder in ganz Chiwa. Das Rad hatte ich von einem russischen Postbeamten geliehen bekommen. Alle Angestellten des Postamtes hatten sich unter den Bildern von Lenin und Stalin versammelt, um mir bei meinem ersten Fahrversuchen zuzusehen. Ich fahre durch ein Stadttor und halte südwärts nach Ak – Metschet. In der zweiten Oase ist die deutsche Kolonie zu finden. Im Postamt hatte man mir erzählt, daß diese Menschen ihre besonderen Feiertage haben, an denen sie ihren Sonntagsstaat anziehen. An jedem dritten Tag kommen sie mit Butter und Früchten in die Stadt.
Als sie damals hierher kamen, mußten sie dem Chan versprechen, fünfzig Jahre keine keine Schweine halten. Diese Leute sind glücklich, sie haben von Deutschland Säcke mit Reis und Medizin bekommen.
Ich fahre durch ausgetrocknete (weiter kommt viel Unleserliches – E.K.) Felder, sehe Festungen, die mit .....men aussehen. Die ausgefahrene Gleise der Ariks (zweirädrige...gen) erschweren die Fahrt. Ich...re eine lange Zeit, und es kommt mir vor, als wenn ich schon ... so weit gefahrn sein müßte. Dann sehe ich auf einmal Bäume. Es ist schwer, in dem Wüstensand zu ...ren. Mitunter gleiten die... Man muß so schnell wie möglich fahren, aber ich kann es nicht länger durchhalten. Lange Strecken sind mit Salz bedeckt, und es sieht so aus, als wenn es Schnee ist. Endlich komme ich schweißbedeckt zu der Kolonie an und bin froh, das ich jetzt mit Europäern spechen kann. Ich steuere auf eine gut aussehende Farm zu, die mit gelblichen... peln umgeben ist. An den Fenstern hängen weiße Gardinen. „Na wer kommt dort?“ Ich frage einen jungen Mann in Deutsch nach Peter Theus (Töws? – E.K.). Ich hatte erwartet, daß er mich mit Erstaunen empfangen ...te. Aber nicht von dem. E... eine Pelzmütze auf dem Kopf... zeigte mir eine Gruppe Häuser... den einzigen Hof, den man... kann. Am Wege werden Kühe...einem usbekischen Hirten ...
Als ich ankomme, bemühen sich zwei junge Mädchen um mich. Sie holen mir Gefäße mit Wasser und eine Waschschüssel, ein Stück Seife und ein Handtuch. Der Küchentisch und der Ziegelofen sind, wie auch das Äußere des Hauses, rein und nett. „O ja,“ sagt das eine Mädchen, „das macht aber viel Arbeit, wir müssen es alle Jahre ausbessern. Es platzt und krümelt, und dann kommt der Regen durch.“ In der Stube, die Mädchen ziehen ihre Holzpantoffel aus, ehe sie hereingehen; stehen ein großer Tisch mit Bänken, ein Ziegelofen, eine Kommode, Bibelsprüche hängen an der Wand und zwei Tanten mit Brillen sitzen strickend in Sorgstühlen. Auf der einen Seite des Tisches liegt die „Vossische Zeitung“. Es dauert 18 Tage, bis sie hier eintrifft. Die Tanten verhehlen ihr erstaunen nicht. „Ihr kommt mit dem Rad? Und allein? Haben sie sich nicht gefürchtet? O, ihr kommt von Kirgisien? So machte ich es auch, ich komme von Aulie-Ata, wo die Verhältnisse zu schwer für uns wurden. Einige von unseren Verwandten kommen von der Wolga. Gegenwärtig sind hier ungefähr 340 Leute in dieser Kolonie. Es ist schwer, für alle Raum zu finden.“
„Ja, ich habe in der „Ali Suawi“ gelesen, daß Chiwa so weit entferntist, daß es ein Land der Zuflucht werden sollte. Es gefällt mit, wie ihr eure Farmen bearbeitet. Könnten die Usbeken diese Methode nicht zum Vorbild nehmen.“ “Sie kennen keinen Unterschied und brauchen all diese Dinge nicht, die für uns so notwendig sind. Zwei Jahre lang lebte bei uns ein intelligenter Turkmenenjunge, der unser Plattdeutsch schnell gelernt hat. Wißt ihr, was er sagte, als er uns verließ? Ihr seid ein fremdes und kompliziertes Volk. Wie kann man so viel Zeit verschwenden, und an einem Tage dreimal 15 Teller, 15 Messer und 15 Gabeln und Löffel abwaschen, wenn auch schon eine Schüssel ausreicht.“
Das Abendbrot ist fertig, und wir setzen uns um den Tisch. Otto Theus (wahrsch. Töws – E.K.) spricht ein kurzes Gebet inwelches er auch seinen fremden Gast einschließt.
Hier ist das Alter allein maßgebend. Der verheiretete Sohn spricht nur mit verhaltener Stimme und demütigem Blick mit dem Vater. Ich fühle mich wieder wie ein Kind und zähle immer erst bis zehtn, ehe ich eine Frage stelle und esse langsam, um nicht vor den andern fertig zu sein. Wir essen gekochte Eier, Zwieback, in die Butter genommen ist, und trinken Kaffee mit Milch. Es gibt auch Honig für die Alten. Die Gesichter um mich sind frei, offen und sommersprossig. Die volle männliche Stimme des Hausherrn offenbart die Hartnäckigkeit, die sie vor 50 Jahren vor dem Verderben errettet hatte. Die Frauen haben die Haare in der Mitte gescheitelt, und die Zöpfe sind hinten im Genick in einem Knoten zusammengefaßt.
„Ja, ich hatte eine gute Reise. Ich fand die Lebensverhältnisse in Kara Kol und Turt Köl die besten von allen; denn diese Städte sind am weitesten von der Bahn entfernt.“ „Die Neuigkeiten, die wir in den deutschen Blättern lesen, sind eine schwache Beruhigung,“ sagte der Wirt. „Alle Tage danken wir Gott, daß wir seine Vorschriften nicht vergessen haben.“ Otto Theus ist nur klein, hat blaue Augen und einen roten Schurrbart. Sein langer Kopf ist kahl. Man bekommt von ihm den Eindruck, daß er praktisch und sehr entschieden ist.
„Unsere Sekte wurde in Holland Anfang des 16. Jahrhunderts von Menno Simons gegründet. Es gruppierten sich all diejenigen um Ihn, die der Lehrer der Anabaptisten glaubten und gegen Gewalttätigkeit, Kriege und temporäre Mächte waren. Wir hatten damals Bekehrte zu Zürich und auch zu Bäle. Es gibt heutzutage etwa eine halbe Million Mennoniten in der Welt. Unsere Vorschriften sind diese: Rühre niemals eine Waffe an, schwöre nicht, unser „Ja“ muß ja sein. Die Taufe darf nur von demjenigen empfangen werden, der alles richtig begreift und gläubig ist.
Den Mennoniten war eine Gelegenheit zur Bewährung gegeben worden, als sie der König von Polen von Friesland brachte, um das Danziger Marschland trockenzulegen. Nach der Revolution von 1848 wurde für alle Männer in Preußen der Waffendienst eingeführt. Dann nahmen wir das Angebot, 100 Familien in Rußland anzusiedeln, vom russischen Kaiser an. Wir hatten damals schon preußische Kolonien in Rußland. Aber dank der Eisenbahn konnten die letzten Einwanderer schon vieles aus Preußen mitbringen. Im Einverständnis mit unseren Schriften wußten wir, daß unsere Wanderung nach dem Osten noch nicht abgeschlossen war. Im Jahre 1881 wurde die allgemeine Wehrpflicht in ganz Rußland eingeführt. Am 3. Juli 1880 verließen wir unter dem Schutz von General Kaufmann, Gouverneur von ganz Turkestan, der uns Land und Freiheit versprochen hatte, die Wolga und reisten nach Taschkent. Damals gingen etwa 10.000 Mennoniten nach Amerika.
Die Reise aber war sehr beschwerlich. Wir konnten täglich nur vier Werst fahren. In Aktjubinsk hatten wir keinen Hafer mehr für unsere Pferde. Um die Wüste zu durchqueren, mußten wir unsere Wagen auseinandernehmen und alles auf vierhundert Kamele verladen. Wir kamen bis zum Winter in die Nähe von Taschkent, und einige von uns siedelten sich bei Aulie-Ata an. Im Jahre 1881 wurde Kaiser Alexander II. ermordet. General Kaufmann erlitt einen Schlaganfall, und jetzt war niemand da, der sich unserer annahm.
Wir wandten uns um ein Asyl an den Emir von Buchara, und wir reisten wieder weiter durch Samerkand. Unsere Leute sahen, wie die Menschen hier in Jurten (Zelte) lebten und wie sie mit den Händen Kamelfleisch aus den Schüsseln aßen.
Die lokalen „Beks“ waren uns auch wie der Emir gesonnen. Und um eine lange Geschichte kurz zu machen: Es war Asfendiar Chan, der uns etwas Land gab. Der Chan wollte, daß unsere Holzarbeiter bei ihm arbeiten sollten. Einige von uns waren sehr geschickt und polierten bei dem Chan alle Holzsachen. Durch sie erfuhr er dann, daß die Turkmenen bei uns Pferde und Kühe gestohlen hatten. Er schickte dann einige Männer, die uns bewachen mußten. Und so siedelten wir bei Ak Metschet an. Damals waren hier schon 139 Aprikosenbäume angepflanzt. Der Chan und seine Würdenträger waren Usbeks. Mitunter machten sie von ihrer Macht Gebrauch und stellten den Turkmenen das Wasser ab, und das war auch die Ursache, daß sie uns überfielen und beraubten.“
Als ich morgens aufwachte, hatten alle schon das Haus verlassen, und ich mußte allein frühstücken.
Ein junges Mädchen lädt mich ein, den alten Onkel Riesen zu besuchen. Alle Häuser bilden ungefähr ein Quadrat und sehen denen in Preußen sehr ählich. Jedes Haus hat einen Vorgarten, der von einer Mauer umgeben ist. Auf den Auffahrten sind Pappeln gepflanzt, und diese geben dem ganzen mit den weißen Fenstern ein schönes Ansehen.
„Welche Namen kommen jetzt unter den Christen in Deutschland vor?“ fragt man mich die Kleine. „Wenn ihr wüßtet, wie gerne wir mal andere Namen als nur immer Gretchen, Lieschen, Evas, Roses, Derothies usw. hören würden.“
Emil Riesen, der alte bärtige, zahnlose, grauäugige Schulmeister besitzt ein außerordentlich gutes Gedächtnis.
„Unser Anfang hier war sehr schwer. Wir kamen ohne Geld her. Wir verkauften einige selbstgefertigten Laternen für 80 Kopeken das Stück und so auch Strümpfe und Blusen. Einer von uns reparierte den Plattenspieler des Chans. Er begeisterte sich für Abziehbilder und deshalb klebten wir auf alles, was wir für ihn machten, wie Möbel usw, Abziehbilder. Weil ich Usbekisch verstand, konnte ich ihm überall beim Ungang mit der russischen Obrigkeit dienen. Zur Krönung Nikolaus II. nahm mich Chan Said Muhamed als Dolmetscher mit nach Moskau. Dort bezog er einen Palast für dreihundert Rubel den Monat.
Als die Kaiserin ihn fragte, was er über Moskau dächte, sagte er, daß er sich in seiner Heimat in Chiwa behaglicher fühle. Im Großem und ganzen war er ein intellegenter Bauer. Er aß aus unserem Geschirr und konnte auch den Kaiser als seinesgleichen begrüßen.“
Riesen zeigte mir Phographien von den Würdenträgern der Hofgesellschaft, wo sie alle in „Chalats“ von glänzender Seide gekleidet waren.
„Der Chan fand an uns mehr Gefallen, als an seinen Untertanen. Wenn wir auf seinen Hof kommen mußten, schenkte er uns Chalats. Er hätte mich reich beschenkt, wenn ich Mohammedaner geworden wäre.
Und diese Photographie? Es ist eine amerikanische Farm. Ja, das ist in Kansas; dort lebt meine Schwester. Ich wohnte dort sechs Monate. Dann wurde ich verschickt, weil man mich der Spionage für Deutschland beschuldigte. Ich kam aber frei, als Kerenskij an die Regierung kam.“
In der Mitte der Kolonie standen zwei viereckige Gebäude mit weißen Fenstern: Die Schule und das Versammlungshaus. In Rußland sind jetzt beinahe keine Kirchen mehr zu finden. Diese Versammlungshäuser fielen durch ihre Schlichtheit auf. Auf jeder Seite stehen Stulreihen. Ein mittlerer Gang führt zu einer Anhöhe, auf der eine schwarze Kanzel steht. An der Kanzel lese ich: „Herr! Hilf mir!“ Außerdem sind noch ein Harmonium und ein feiner Kerzenständer zu sehen.
„Wir haben keine Pastoren, und daher werden unsere Laienbrüder abwechselnd aufgefordert, die Bibel zu lesen und auszulegen.“
In der Schulstube empfindet man eine angenehme Wärme, wenn man von draußen hereinkommt. Die Mädchen sitzen auf der einen Seite und die Knaben auf der anderen. An den Wänden Landkarten, eine Wandtafel zwischen den Fenstern. An der Wand sehen wir auch ein Dampfschiff der Hamburg – Amerika – Linie. Auch ein Globus befindet sich in der Schule.
Alle Kinder stehen auf, als wir hereinkommen. Es wird ein Choral gesungen und ein Leseunterricht  aus der Bibel gehalten. Es sind dieselben Schulbücher, die schon vor zwanzig Jahren gebraucht wurden. Beim Lesen folgen die Finger der Schüler den Worten. Die Gesichtszüge des Schulmeisters zeigen, wie die aller anderen Mennoniten bei Ak Metschet, eine Gewissenhaftigkeit und Rechtschaffenheit. Was wird die Zukunft von dieser Kolonie halten, in der einer dem andern hilft? Denke dir, ich mußte so weit fahren, um zu begreifen, welch eine Kraft in Reinlichkeit, Disziplin und Glauben liegt.“

In dem Bilderbuch von Dr. W. Quiring „Als ihre Zeit erfüllt war“ lesen wir, daß das ganze Dorf Ak Metschet, das bis 1935 von den kommunistischen Machthabern belästigt worden war, zwangsweise umgesiedelt wurde, weil es sich weigerte, sich zu einem Kolchos zusammenzuschließen. Man bringt die Siedler auf dem Amu – Darja bis Tschard – Schu und von dort mit der Bahn bis Samarkand. Von hier wurden sie 170 Werst südostwärts weitergefahren und in der Sandwüste ausgesetzt, und zwar zwischen den Flüssen Amu – Darja und Syr – Darja in der Nähe des Tales Schar – i – Sabs (Schachrisabs? – E.K.). Über das weitere Schicksal der Ak Metschet ist bis jetzt nichts bekannt worden.
Dieses ist auch eines der vielen traurigen Schicksale unseres Volkes. Und wir fragen uns immer wieder: „Warum, o Herr?“ Wir wollten für unsere dort verbliebenen Glaubensgenossen viel beten, daß der liebe himmlische Vater ihnen allen beistehen und helfen kann, wenn möglich, ihnen auch aus dem Schrekkensland heraushelfen möchte.

 

 

Bemerkungen von Elena Klassen - mehr über Ak – Metschet s. das Buch von R. Friesen „Auf der Spuren der Ahnen“,
(ohne Gewähr) der oben genannter Otto Töws ist in dem Buch auf der S. 148 mit seiner Familie abgebildet.

   
Zuletzt geändert am 17 Februar, 2021