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Erlebnisse eines Bibelkolporteurs in Siebenstromland, (Ssemiretschnoje) in Zentral-Asien in der Zeitung "Offene Türen" Nr. 6, Juni 1913, S. 8-11

 

Zugeschickt von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Offene Türen" Nr. 6, Juni 1913. (gotisch) von Viktor Petkau.

 

 

Erlebnisse eines Bibelkolporteurs in Siebenstromland,
(Ssemirätschnoje) in Zentral – Asien.

 

Vom Nordabhange des westlichen Thian – Schan ergießen sich eine Anzahl Flüsse mir starkem Gefälle, aber meist nicht beträchtlicher Breite. Fast alle nehmen noch eine Anzahl Nebenflüßchen auf. Sie verlieren sind entweder in der großen Hungersteppe, Bek – Pakdala, oder münden in den Balkasch – See. Alle diese Flüsse werden von der Poststraße durchschnitten, die zuerst von Taschkent nach Wernez (Werny ? – E.K.) ostwärts und dann von dort nordwärts führt. Da die Zahl der hauptsächlichsten dieser Flüsse 7 betragen soll, so hat man die ganze das Siebenstromgebiet (Ssemirätschnoje) genannt. In dem unweit des Gebirgs gelegenen, fruchtbaren Teile dieses Gebietes befinden sich die Städte und Städtchen Aulie – ata, Merke, Pischtzek (Pischpek? – E.K.), Tokmak, Werny. Im Gebirge am See Issyk – Kul (warmer See) Prschewalsk, damals noch Karakol genannt und Narüm (Naryn, Нарын – E.K.), weiter nördlich Kopal und Sergiopol. Außerdem sind durch Ansiedlung von Kleinrussen und Deutschen auch Kolonien entstanden. Diese Gegend nahm unsere Aufmerksamkeit als nächstes Reiseobjekt in Anspruch. Im Sommer 1884 machten wir uns auf den Weg, das Depot für einige Zeit schließend und unsere Familien zur mennonitischen Ansiedlung bei Aulie – ata mit uns nehmend, von wo wir allein unsern Weg fortsetzten.
Zwischen Merke und Pischpek befanden sich vier kleinrussische Dörfer, die wir durchkolportierten. Im größten derselben, Belokamensk, kamen wir am Vorabende eines Feiertages an. Hier sollte etwas Besonderes stattfinden. Die Kabak (Dorfschenke) sollte an einen Branntwein – Fabrikanten für eine Reihe von Jahren abgegeben werden, wofür dieser dem Dorfe eine gewisse Summe zahlen mußte. Am Feiertage sollte entschieden werden, wer der Pächter sein werde. Zwei Bewerber fanden wir in der Poststation vor. Nach einem Imbiß machten wir uns an die Kolportage. Einer auf der rechten, der andere auf der linken Seite der Dorfgasse. Mich führte mein Weg zum Hause des Popen (Priesters). Eine Magd fragte nach meinem Begehr. Ich sagte, ich sein ein Kolporteur der Bibel – Gesellschaftund wünsche den „Batjuschka“ (Väterchen) zu sprechen. Sie meldete mich drinnen und ich hörte den Priester ganz erschrocken ausrufen: „Von der Bibel – Gesellschaft? Und ich bin nicht nüchtern!“ Sogleich wurde ich vorgelassen. Der Pope empfing mich sehr zuvorkommend. Er mußte eben im Dampbad gewesen sein, denn sein Haar hing in langen, nassen Strähnen um den Kopf. Er und ein anderer Herr saßen beim dampfenden Samowar, bei einem Glase Tee, Schach spielend. Ich erfuhr später, daß dieser Herr der dritte Bewerber um die Dorfskabak sei.
Der Priester stand auf, kam mir entgegen, entschuldigte sich höflich, daß er nicht ganz in der Verfassung sei, wie es sich einem Geistlichen gezieme, er habe eben einen Gast. Er kaufte eine ziemliche Anzahl Heilige Schriften und fragte dann, ob wir im Dorfe kolportierten, was ich bejahte. Er sagte dann: „Ich möchte Ihnen raten, heute die Sache liegen zu lassen, morgen will ich in der Kirche die Schriften empfehlen und garantiere Ihnen für besseren Erfolg. Stellen Sie sich gegen Schluß der Andacht an der Kirchentür auf, daß die Hinausgehenden Sie sehen.“ Ich konnte an dem Wesen dieses Mannes mindestens keinen Rausch bemerken. Was er versprach, hielt er, und wir konnten mit der Verbreitung an diesem Orte wohl zufrieden sein. Die Pacht der Kabak erlangte aber auch der Bewerber, den mir beim Priester trafen, für einen allerdings sehr hohen Pachtpreis von 2000 Rubel.
In Werny war uns der Woinsky Natschalnik sehr günstig. Er stellte uns ein Papier aus, das uns den Weg zu allen Truppenteilen bahnte.
Wir hatten auch eine kleine Anzahl kalmükischer Johannis – Evangelien in unserm Vorrat. Hier fanden wir auch Kalmüken. Besonders anziehend sahen diese Leutchen nicht aus. Fast nur zu Pferde, die Kleidung schmierig, die langen Haare hinten in einen Zopf geflochten. Wir zweifelten daran, daß einer von ihnen würde lesen können, es war aber doch der Fall. Schrift und Sprache sind bei ihnen von der sartischen ganz verschieden. Wir hätten viermal so viel von ihren Büchern haben können, wir wären alle los geworden. Ich traf einen Kalmüken zu Fuß, es muß der ärmsten einer gewesen sein. Er trug ein sehr unansehnliches Lämmerfell in der Hand. Ich bot ihm ein Evangelium zum Verkauf an. Er besah das Buch und erfragte in schlechtem Russisch den Preis; dieser betrug 15 Kopeken. Er winkte mir, ihm zu folgen und ging auf den Markt, wo er überall sich bemühte, das Fell zu verkaufen. Endlich gelang es ihm, dies für 15 Kopeken zu tun. Da gab er mir das Geldund nahm das Buch in Empfang.
Der Bruder kolportierte einst in Werny auf dem Heumarkt unter Sarten. Da kommt ein fanatischer Tatar, entreißt dem Bruder ein Testament, das er gerade anbietet, wirft es auf die Erde und tritt es mit Füßen. Ein ziemlicher Menschenkreis, sämtlich Mohammedaner umstanden sie, von dem Tataren mehr und mehr aufgereizt, so daß die Lage des Bruders hätte kritisch werden können. Da reitet ein alter Kalmüke heran, mit schon weißem Zopf und erkundigt sich nach der Ursache des Tumults. „O“, ruft der Tatar, „dieser Händler verkauft schlechte Bücher!“ „der, schlechte Bücher?“, erwiederte entrüstet der Kalmüke: „Das glaube ich nicht! Die Bücher, die der verkauft, sind sehr gut.“  Dann zum Bruder gewendet, fährt er fort: „Hast du noch kalmückische Bücher?“ „Nein, die sind verkauft.“ „Nun, wann bekommst Du frische, morgen?“ „Nein, wir reisen zurück nach Taschkent, die Bücher kommen von Petersburg, wir können nicht früher als übers Jahr wieder hierher kommen.“ „Was? Übers Jahr? Sieh, meinen Zopf, er ist weiß, lebe ich noch übers Jahr? Ich muß so ein Buch gleich haben“. Der Bruder suchte ihn zu bewegen, von seinen Landsleuten ein Buch leihweise zu erlangen. Der Tatar entfernte sich nun und mit ihm die andern Umstehenden. Mir ist es noch heute fast unerklärlich , wie dieser Eindruck von Gottes Wort so schnell gekommen war und ihm dasselbe so wichtig geworden ist. Nur dies ist klar, hier hatte Gottes Heiliger Geist gewirkt. O, wären damals für dies schmutzige Völklein Missionare da gewesen, die seine Sprache kannten! Und doch, die Ewigkeit wird noch Wunder offenbaren, die niemand von uns geahnt hätte.
Unsere Weiterreise ging zuerst rückwärts über Pischpek nach Takmak.
Einen so schlechten Empfang, wie hier beim Woinsky Natschalnik, hatten wir weder vorher, noch nachher. Er jagte uns einfach zum Hause hinaus. Offiziere und Soldaten wollten kaufen, aber wir durften nicht in die Kasernen kommen. Noch eine Station, dann führte unser Weg ins Gebirge.
Auf gefahrvollem Wege, an tiefen Abgründen, in denen der Gebirgsstrom Tschu dahinbrauste, fuhren wir 50 Werst bis zum See Issyk – Kul, dessen blaue Fluten uns schon von weitem entgegenschimmerten. Dieser See liegt auf der Höhe von 1500 Meter (nach andern 2000 Meter) über dem Meeresspiegel und zieht sich gegen 200 Werst der Länge nach hin. Wir fuhren sein Nordgestade entlang bis zur Stadt Karakol, (jetzt Prschewalsk), trafen unterwegs noch drei russische Dörfer, in deren einem besonders, Ssesanowka, das Wort Gottes mit Freuden aufgenommen wurde.
Von der Tätigkeit in Karakol selbst ist nichts Besonderes zu berichten. Die Arbeit unter dem Militär, das am See im Lager wohnte, hatte beffriedigende Erfolge, die unter den Eingeborenen nur geringe. So war denn mit Ausnahme einiger nicht großer Orte, die etwas abgelegen waren und der weitläufig am untern Syr – Darja gelegenen Ortschaften die ganze Gegend einmal durchkolportiert. Der Herr hatte geholfen einer Anzahl Sünder Sein Wort zugänglich zu machen. Es war eine Säen, dessen wirklichen Wert oder Unwert erst die Ewigkeit ganz enthüllen wird. Im Herbst kehrten wir, nachdem wir auch unsere Familien abgeholt hatten, nach Taschkent zurück.
Nur noch einmal war es mir vergönnt, im Turkestanischen Gebiet eine Kolportagereise zu unternehmen. Es war dies im Winter 1885 Ende Januar, und zwar diesmal allein. Ich benuzte nicht Postfuhrwerk, sondern fuhr wieder im Arba noch einmal ins Ferghanagebiet. Einen Tag arbeitete ich noch in Chodschent, wo jetzt mehr Militär lag und Gott segnete meine Wirksamkeit. Dann fuhr ich nach Kokand, lebte eine Woche ganz unter den Sarten in der Altstadt und durfte auch hier reichlich Gottes Hilfe und Beistand erfahren. Dann führte mein Weg über den Syr – Darja in das Städtchen Tschusk (Tschust? – E.K.). Auch hier freuten sich die Bewohner, daß einmal jemand Gottes Wort verbreitete. Dann fuhr ich zu dem eigentlichen Ziel meiner Reise Namangan, das wir auf der ersten Fahrt hatten liegen lassen. Sowohl unter Militär, als auch bei den Eingeborenen konnte ich mit Erfolg arbeiten, und auch die Hauskolportage war von Erfolg begleitet. Ich konnte mit ziemlich leeren Kasten den Heimweg antreten. In Kokand fragte ich auf dem Postkomptoir nach postlagernder Korrespondenz. Ja ich fand solche, von meiner Frau, vom Bruder mit Einlage von unserm Direktor, Pastor Nikolson in St. Petersburg. Ich erschrak fast über den Inhalt, und meinem Fleische war es nicht angenehm. Man hatte mich bestimmt, die Tätigkeit der Brit. Und Ausländ. Bibel – Gesellschaft in Westsibirien zu eröffnen.
Noch heute muß ich es glauben, daß es so des Herrn Weg für mich war, verstehen kann ich es bis jetzt nicht. Wie gern hätte ich in Turkestan weiter gearbeitet. Mit gerdückten Gefühlen reiste ich von Kokand heimwärts nach Taschkent. Wir rüsteten uns zur Reise nach Semipalatinsk. Und Ende April brach ich mit Frau und Töchterchen von Taschkent mit Postfuhrwerk auf, zunächst noch einen Abschiedsbesuch bei den Geschwistern in Aulie – Ata machend und dann dem unbekannten neuen Wirkungskreise zu. Seitdem habe ich das Turkestanische Gebiet nicht mehr gesehen.

F. Bartsch

   
Zuletzt geändert am 25 Mai, 2019