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Briefe aus Asien in der Zeitung "Offene Türen" Nr. 5, Mai 1910, S. 2-9

 

Zugeschickt von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Offene Türen" Heft 5, Mai 1910. (gotisch) von Viktor Petkau.

 

 

Oberst Wingate, ein Freund der zentral – Asiatischen Mission, schreibt: „Obgleich die Muhammedaner Zentral – Asiens nicht direkt von Ismael abstammen mögen, wie die Araber, so haben die doch Ismaels Religion  angenommen, deshalb ist auch Hoffnung für sie da. Natürlich ist es nicht ausgeschlossen, daß einige von den zahlreichen Stämmen Zentral – Asiens Nachkommen von den zwölf Prinzen sind, den Söhnen Ismaels. Diese Prinzen sind vielleicht die Patriarchen von den vielen Stämmen gewesen. Als Abraham vor Gott stand betete er: „Möchte doch Ismael vor die leben!“ Gott antwortete: „Und um Ismael habe ich dich erhört.“ (1. Mos. 17, 18 – 20; 21, 17 - 19). Und es waren die Söhne Ismaels, die dem neugeborenen Kind in Bethlehem Gold, Weihrauch und Myrrhe brachten. Und auch die große Verheißung, die der Hager gegeben wurde, wird eines Tages erfüllt werden!“
Zentral – Asien wartet! Sollen die dringenden Hilferufe ungehört an unser Ohr hallen? Der Meister gebot Seinen Jüngern: „Bittet nun den Herrn der Ernte, daß Er Arbeiter aussende in Seine Ernte“ (Matth. 9, 38). Brüder, Schwestern wollt ihr mithelfen durch treue Fürbitte?
So der Herr Gnade gibt, hoffe ich mit meinem teuren Weibe in der nächsten Zeit nach Nikolaipol, etwa sieben Tagereisen von Taschkent entfernt, zu reisen, um unter den Kirgisen, einem Nomadenvolk, zu arbeiten.
Aber wir möchten auch sagen: „Was ist das unter so viele?“ Zentral – Asien braucht noch viele von Gott berufene, mit dem Heiligen Geist erfüllte Männer und Frauen, die willig sind, ihr ganzes Leben dem Herrn zu weihen, die nicht zurückschrecken vor Schwierigkeiten und Gefahren, die nur ein Verlangen haben dem Herrn an den in Unwissenheit gebundenen und geknechteten Armen zu dienen. Deshalb sage ich es noch einmal: Betet, betet, betet!
Das Verlorne sollst du retten, denn der Tag
ist bald vorbei,
Lösen müder Seelen, Ketten, ach, sonst geht
der Tag vorbei.
Sonnenstrahl des Herrn sei du, bis dein Tag
dir geht zur Ruh
Unverweilt die Zeit enteilt, und die Tage
gehen vorbei.
Hast du Zeit für eitle Dinge? Sieh, der Tag
ist bald vorbei.
Morgenlicht den Schläfern bringe, ach, sonst
geht ihr Tag vorbei,
Ganz im Argen liegt die Welt, Satan sie
gefangen hält.
Eil auch du zur Hilf`herbei, denn die Zeit
Geht bald vorbei.
Reiß dich los von ird`schen Banden, eh der
Tag dir geht vorbei!
Was der Welt ist, wird zu schanden, und ihr
Tag ist bald vorbei.
Segen wirkt des Glaubens Tat, Früchte trägt
Der Liebe Saat.
Hier und dort und ewig fort, Erntezeit eilt
Bald vorbei!

Paul Vollrath.

 

 

Zentral – Asien.
Turkestan.
Bruder Thielmann schreibt u.a.: (s. Nr. 3, November 1909, S. 2 – 6 – E.K.)
Geschwister Vollrath werden, so Gott will, noch im Mai dieses Jahres ihre Reise nach Turkestan antreten, aber vielleicht im Osten Rußlands, in der Stadt Samara, einige Zeit verweilen, um die russische Sprache zu erlernen, bevor sie weiter ziehen.

Dorf Nikolaipol, den 6. Dez. 1909.
Post Aulie – ata, Ruß. Turk.
Zentral – Asien.
Wir hatten uns schon alle sehr auf Br. Broadbents Ankunft gefreut, da er von seiner Reise aus sich brieflich bei Br. Epp, meinem Hauswirt, angemeldet hatte. Es war deshalb eine nicht geringe Enttäuschung für uns, als ein Telegramm ankam, mit dem Bericht, daß Br. Broadbent unterwegs an den Pocken erkrankt sei und infolge dessen nun nicht kommen könne. Nun, der Herr weiß am besten, was gut war. Er macht keinen Fehler, obwohl ich so sehnlichst gewünscht hätte, daß die Brüder einige Zeit in unserer Mitte hätten verweilen können, da es doch auch hier manches gibt, was meinem jungen, in manchen Dingen doch noch unerfahrenen Herzen beinahe zu schwer werden soll. Ich denke hier besonders an die Schwierigkeiten in den hier schon bestehenden Gemeinden. Sie wissen ja selbst am besten aus Erfahrung, wie schwer es oft ist in Gemeindeschwierigkeiten immer das Richtige zu treffen, besonders wenn es gilt, alte, eingewurzelte, aber unbiblische Dinge auszuscheiden. Aber doch habe ich es auch hier schon oft erfahren dürfen, daß es Wahrheit ist, was Jakobus sagt: „Wenn aber jemandem von euch Weisheit mangelt, der bitte von Gott, so wird sie ihm gegeben werden.“
Wer hätte vor einem Jahre gedacht, daß sich in dieser kurzen Zeit so manches ändern könnte, niemand hätte das hier für möglich gehalten, auch ich hatte nicht den Mut, dieses zu erwarten. Er legte die stärksten Gegner in den Staub und nun preisen sie mit vielen andern die Kraft des Blutes Jesu. Sollte er, der sich in der Vergangenheit so herrlich bezeugt hat, nicht auch imstande sein, in Zukunft das Ungleiche eben und das Höckrichte schlicht zu machen? Ganz gewiß, Er kann und wird es tun. Harre nur meine Seele, du wirst Ihm noch danken.
Auch kann ich Ihnen mit Dank mitteilen, daß ich die „Mitteilungen aus der Bibelschule“ erhalten habe, aus welchen ich sehe, daß „Gottes gewaltige Hand“, auf welche uns der Dichter gleich zu Anfang hinweist, auch wieder für Sie dort im fernen Westen gesorgt und Sie erhalten und gesegnet hat. Seine gewaltige Hand reicht nach Westen und Osten, sie umspannt den ganzen Erdball, wie ich auch aus den interessanten Berichten, „Siegesberichte“ möchte ich sie nennen, ersehe, welche die Brüder eingesandt haben.
Aus den Mitteilungen erfuhr ich auch, daß sich bereits Nr. 3 von „Offenen Türen“, im Druck befindet. Möge der Herr auch diese Bemühungen segnen, damit viel Interesse auch für unsre junge Arbeit dort im lieben deutschen Vaterlande erwache.
Es wird ja auch noch nichts helfen, wenn man, wie ich heute in einer weltlichen deutschen Zeitung sah, von Seiten der Missionare einen Aufruf an die Leser dieser Zeitung richtet, mit der dringenden Bitte, doch mitzuhelfen am Werke der Mission.
Es muß von innen kommen, durch den Heilgen Geist gewirkt. Es sind ja doch immer nur Notbehelfe, wenn man die Welt (vielleicht sind ja auch manche Gläubige unter den Lesern dieser Zeitung) zu beeinflussen sucht, am Werke des Herrn mitzuhelfen. Die Liebe Christi ist doch schließlich einzige Kraft, welche Mission zu treiben imstande ist. Möchte Er, der Herr, auch uns hier in den Stand setzen, mit großer Kraft und Weisheit das Werk, welches Er uns anvertraut hat, hinauszuführen.
Von mir selbst kann ich berichten, daß es mir, dem H. s. D. noch recht gut geht nach Leib und Seele. Zwar bin ich jetzt so ziemlich isoliert von allen Gläubigen, da ich mich zurzeit in einem ca. 25 Kilometer von der Ansiedlung entfernten Russendorfe befinde, um russisch zu lernen. Ich glaube, ich kann wohl mit Wahrheit sagen, daß in diesem ganzen, sehr großen Dorfe nicht eine Seele ist, außer mir, die Jesum kennt. Es ist gerade zu furchtbar, diese schreckliche Umnachtung zu sehen, in welcher diese sogenannten Rechtgläubigen sich befinden. Sie wissen in der Tat von einer Erlösung, wie Jesus sie uns gebracht hat, nichts und leben in größeren Lastern als die Mohammedaner. Trunksucht und Unzucht sind die Dinge, die sich in ganz offenbarer Weise unter ihnen breit machen. Fast täglich sehe ich die Opfer der Trunksucht auf der Straße umhertaumeln. Von ihren Priestern werden sie ganz in Unwissenheit gehalten und jeder Versuch, ihnen die Wahrheit des Evangeliums nahe zu bringen, wird von ihnen bis aufs äußerste bekämpft, handelt es sich doch auch bei ihnen um die Brot- und Existenzfrage.
Vor einigen Tagen war ich durch einen befreundeten Lehrer in einer Russenfamilie eingeladen und verbrachte einen Nachmittag und Abend in diesem Kreise. Da sie sehr gastfrei sind, boten sie uns das Beste, was sie nur konnten. Es versammelten sich dann auch noch mehrere dort, eine Ziehharmonika wurde geholt und damit ein wahrhaft ohrenbetäubender Lärm gemacht. Sie scheinen der Meinung zu sein, daß das Beste an der Musik das ist, daß man so laut wie möglich spielt, je lauter und schriller die Töne, desto besser. Auf einmal sprang der Mann auf und begann mit fürchterlichen Grimmassen und drohenden Geberden einen Tanz aufzuführen, auch seine Frau sprang auf und tanzte in derselben Weise. Sie tanzten nicht paarweise, sondern einzeln.
Ich hatte ganz den Eindruck als wäre ein böser Dämon in sie hineingefahren, so verstellten sich ihre Gesichtszüge als sie so im Zimmer umhertobten. Es war dieselbe Art Tanz, wie ich es schon früher bei wilden Afrikanern gesehen hatte. Sie sind auch in der Tat noch halb wild, und haben für alles Edle keinen Sinn.
Nachher sangen wir ihnen dann einige Lieder in russischer und deutscher Sprache, sie lauschten ganz andächtig und baten uns noch mehr zu singen. Es tat mir leid, daß ich der russischen Sprache noch nicht so mächtig bin, um ihnen etwas von Jesus erzählen zu können. Sie zeigen gewönhlich ein sehr großes Verlangen, etwas von diesem, für sie ganz neuem Evangelium zu hören.
Auch die Mohammedaner stehen dem Evangelium hier nicht so feindselig gegenüber, wie das oft angenommen wird. In der Schule, wo ich jetzt Unterricht im Russischen empfange, unterrichtet auch ein mohammedanischer Mullah (Lehrer). Ich habe mich schon mit ihm ganz befreundet, obwohl er weiß, daß ich ein Christ bin. Er bot sich an, mir unentgeltlich Unterricht in der kirgisischen und sartischen Sprache zu geben und zeigt dabei ein großes Verlangen, Deutsch zu lernen. Unser früherer Mullah, welcher nach Taschkent gereist war, weil sein Vater eine Reise nach Mekka unternahm, will jetzt, nachdem sein Vater zurückgekehrt ist, wieder zu uns auf die Ansiedlung zurückkehren und wird auch sicherlich bereit sein, sofort wieder den Unterricht aufzunehmen. Vorläufig muß ich jedoch noch eine Weile mein Studium im Russischen fortsetzen, um mich noch weiter in dieser nicht sehr leichten Sprache zu vervollkommen.
Innerlich mache ich jetzt, von außen besehen, eine sehr dürre Zeit durch, da ich keine Gemeinschaft unter den hier lebenden Russen haben kann. Aber doch kann ich sagen, daß mich der Herr trotzdem reichlich segnet und ich Seine Nähe verspüre. Man wird in solchen Zeiten mehr auf den Herrn geworfen und lernt wieder mehr beten. Zwar suche ich des Sonntags gewöhnlich mit Deutschen Gemeinschaft zu haben. Nicht sehr weit von hier sind einige neu angelegte Ansiedlungen, wo ich dann den Sonntag zubringe und das Wort Gottes verkündige. Entweder werde ich dann von ihnen im Wagen geholt, oder ich sattle mir ein Pferd und reite hin.
Obwohl ich auch oft das Schwere in meinem Beruf empfinde und meine Unfähigkeit fühle, so preise ich mich doch glücklich und es wirkt manchmal überwältigend auf mich, daß ich das unaussprechlich herrliche Vorrecht habe, ein so herrliches Evangelium von der freimachenden Gnade zu verkündigen.
Bruder Thielmann ist jetzt mit seiner jungen Frau nach Süd – Rußland gereist, um seine beiden Kinder zu holen. Möge der Herr auch ihm viel Gnade zu dieser Reise geben und ihm die Türen und Herzen dort öffnen.
Die Brüder in England nehmen auch regen Anteil an unserer Arbeit und wir stehen mit ihnen in regem Briefwechsel.
Wir hoffen, daß auch die Geschwister in Süd – Rußland und die mennonitischen Ansiedlungen am Trakt bald mehr Interesse haben werden.
Das Krankenhaus konnte in diesem Herbste nicht mehr aufgeführt werden, da die Zeit so kurz und die Arbeiter so knapp waren, doch gedenken wir im Frühling 1910 den Bau zu beginnen. Möge der Herr auch noch viele Herzen und Hände willig machen, an diesem Werke durch Gebet und praktische Unterstützung mitzuhelfen. Die Kirgisensollen in demselben freie Aufnahme und Verpflegung finden, da viel Krankheit und Elend unter ihnen herrscht und keine Hand da ist, die sich ihnen entgegenstreckt um zu helfen. Ich glaube, wenn irgend etwas geeignet ist, ihr Vertrauen zu gewinnen, dann ist es dieses, daß man sich ihrer leiblichen, äußeren Not annimmt. Der Weg der Liebe ist der Weg, der zu ihren Herzen führt.
Unserm blinden Sartenbruder Achmet geht es auch noch gut, er betet viel für die Errettung seiner ungläubigen Mohammedanerbrüder.

Rud. Bohn.

 

 

Lose Blätter aus meiner Kolporteurtasche.

Von F. Bartsch (Rußland)
 
Es ist nicht ganz leicht, aus dem, was sich vor einem halben Menschenalter zugetragen hat, das Wichtigste sich ins Gedächtnis zurückzurufen; aber auf Wunsch, liebe Brüder, will ich versuchen, nicht immer im Zusammenhange, aus jener Zeit, da mich der Herr als Bibelbote in Asien gebrauchte, das anscheinend Wichtigste hervorzusuchen, wobei es jedoch dahingestellt bleibt, ob nicht gerade Vergessenes oder gar nicht Beachtetes in Gottes Plane weit wichtiger sein mag, als die jetzt von mir erzählten Erlebnisse.
Zunächst, lieber Leser, möchte ich zum besseren Verständnis der Ortsumstände erwähnen, daß seit Annexion der Chanate Kokand und teilweise Buchara durch Rußland bei jeder sartischen Stadt auch eine russische entstanden ist, oder wenigstens eine stadtartige Kolonie.
An solchen Orten, die Hauptpunkte der Verwaltung und zugleich bedeutende Militärzentren sind, ist darum auch die Stadt eine bedeutendere geworden, als anderswo.
Da nun das Zenrum der ganzen Zivil- und Militärverwaltung Taschkent ist, so ist hier von den Russen eine bedeutende Stadt gegründet worden, die auch einen recht großen Flächenraum einnimmt, zumal, wie in den russischen Städten überhaupt, die meisten Gebäude nur ein- oder zweistöckig sind und über einen bedeutenden Hofraum verfügen. Verhältnismäßig ausgedehnter sind jedoch die sartischen Städte, so auch Alt – Taschkent, da hier umfangreiche Gärten von Stadtgebiet eingeschlossen werden.
Im Laufe meiner Erzählung soll nun zum Namen der Städte stets das Attribut: „Neu“ oder „Alt“ beigefügt werden, was dann im ersten Falle die russische, im andern die sartische Stadt bezeichnen soll.
Als ich nun im Herbst 1882 von der bucharischen Grenze, wo ich mich von einem Kreise durch vermeintliche Offenbarungen irregeleiteter Geschwister losgesagt hatte, nach mehr als zweijährigen Nomadenleben – wir hatten vom Juli 1880 den größten Teil der Zeit in Reisewagen, in Zelten, und nur hauptsächlich die Winterzeit in provisorischen Häusern, sartischen Lehmgebäuden gelebt – zu meinem älteren Bruder nach Neu – Taschkent kam, war dieser gerade im Begriff, dort in einer der Hauptstraßen, der „Ssobornaja Uliza“ (Domstraße, Kathedralenstraße) ein Bibeldepot der Britischen und Ausländischen Bibelgesellschaft zu eröffnen.
Aber auch für mich und mein Weib hatte er ein Zimmerchen dicht am Depotraum bestimmt. Wir hielten es fast für unmöglich wieder in einer menschenwürdigen Wohnung zu leben und waren fast überwältigt. Die Kolportage hatte der Bruder vor meiner Ankunft schon begonnen, und da er schon seit vier Jahren als Bibelkolporteur in Nordostrußland, im Uralgebirge, der oberen Wolga und Kama gearbeitet hatte, so konnte er mir recht gute und praktische Anweisungen geben.

I. Mein erster Dienstgang.

In seiner vorjährigen Praxis war der Bruder mehr als einmal in scheinbar kritische Lagen gekommen, aber immer hatte der Herr wunderbar durchgeholfen. So gab er auch mir den Rat, von mir ab und nur auf die Hand des Herrn zu blicken, nie ohne Gebet ins Werk zu gehen und stets die göttliche Leitung zu suchen. Leider bin ich später vielfach recht untreu darin gewesen und – wo wir uns selbst führen, da sehen wir auch Gottes Walten nicht.
Beim Beginn meiner Diensttätigkeit jedoch war ich mir meiner Untüchtigkeit ganz und voll bewußt und so ging der Herr auch mit.
Mein erster Dienstgang hatte Alt – Taschkent zum Ziel, also zu den Sarten. Der Bruder selbst füllte mir die Ledertasche mit Büchern nicht nur für Mohammedaner, sondern auch für Israeliten, Russen, Polen und Deutsche. Meine Instruktion war, jedem, den ich traf, Heilige Schriften zum Verkauf anzubieten. Nach Möglichkeit wollte ich dies auch tun, doch ließ ich mich durch Ängstlichkeit bei einigen Personen davon abhalten und mußte jedesmal ehe ich es tat, den Herrn erst innerlich um Mut bitten. Dabei war meine natürliche Scheu anständigen und vornehmen Personen gegenüber größer als geringeren.
Mein Weg führte über den Markt der Neustadt, der den charakteristischen Namen „Pjannji Basar“ – betrunkener Markt führt, weil man hier im Gegensatz zum Markte der Altstadt oft Betrunkene antrifft. Hier hatten meine Bemühungen bei den Inhabern von russischen Garküchen und sartischen Teehäusern der ersten Erfolg, indem ich hier die ersten russischen und sartischen (eigentlich kirgisischen) Neuen Testamente  und einige Psalter verbreiten konnte. Das war nach einigen vorherigen Absagen recht ermutigend.
Nun verließ ich Neu – Taschkent und ging links von der Festung in die Altstadt dem dortigen Markte zu. Das war ein langer, eigentümlicher Weg, der sich durchaus nicht in gerader Linie zwischen hohen Gartenmauern von Lehm dahinwindet. Derartig wird der Weg gewesen sein, wo Bileams Eselin ihrem Herrn den Fuß an die Wand quetschte, dann und wann zeigen kleine Fenster in ziemlicher Höhe, daß auf der andern Seite dieser Mauer ein Wohngebäude angeklebt ist.
Auf einmal traf ich in der Mauer selbst einen einsamen Kramladen an. Hier saß ein älterer Sarte hinter einigen Säcken mir Reis, Rosinen, Pistazien, mit Broten, Weintrauben und dergl. Einige großen Melonen hingen in Kreuzband auch zum Verkauf. Der Mann sollte nun mein Käufer werden; ich bot ihm das Evangelium in seiner Sprache  an. Er nimmt es zur Hand, blättert darin und gibt es dann stillschweigend zurück. Auf meine Frage, warum er es nicht wolle, schnalzte er nur mit der Zunge, was gleichbedeutend mit nein „jock“ ist, und würdigt mich weiter keiner Antwort; doch der Weg führt ja weiter. Ein Reiter begegnet mir. Dasselbe Anerbieten meinerseits. „Kursatib bir!“ zeig einmal, ist die Antwort- auch er blättert und erkundigt sich nach Preis und Inhalt. Da konnte schon mehr gesprochen werden von Jesu, dem Retter der Seele. „Weshalb ist das Buch so billig?“ fragt der Mann verwundert. „Damit es jeder kaufen kann, auch der Arme.“ Trotzdem bietet er mir nur den halben Preis. „Das darf ich nicht, um Gottes Wort muß man nicht feilschen,“ belehre ich ihn. Nach einem Mehrgebot reitet er weiter, dreht dann aber um und gibt den vollen Preis.
An einem andern Orte, wo schon bei einer Straßenleitung ein kleiner Basar ist, beschattet von stattlichen Ulmen, gelang es mir, an zwei Händler ebenfalls Testamente zu verkaufen, ebenso an einem zweiten Reiter. Mit der Zeit mündete die Straße in den großen Basar von Alt – Taschkent, der nach den an den Läden befestigten Nummern zu urteilen, über 3000 derselben enthielt, die freilich meist recht klein sind und mit einem europäischen Laden keine Ähnlichkeit haben. Hier war nun der Platz meiner Tätigkeit an jenem Tage.
Es dürfte vielleicht für den Leser einiges Interesse haben, solchen Markt kennen zu lernen. Er ist sozusagen, eine Stadt für sich von ziemlicher Ausdehnung. Ich rechnete die Länge damals auf eineinhalb Werst, (die Werst ein Weniges mehr als ein Kilometer). Eine lange, aber nicht gerade Gasse mit einigen Verzweigungen bildet die Grundlinie des Marktplatzes. Von ihr gehen mehr oder weniger rechtwinklig eine Anzahl breiterer und schmälerer Gassen und Gässchen ab. Sämtliche Häuser des Marktplatzes sind Lehmgebäude, in ihrer ganzen Vorderfront offen, doch dürfte dieselbe nicht viel über drei Meter betragen. Zur Nacht wird sie in Falzen mit Brettern aufrechtstehend, zugesetzt, deren letztes dann verschlossen wird. Die Verkäufer gleichartiger Ware nehmen auch dieselbe Gasse ein. So findet man in einer Gasse nur Obsthändler, in einer andern Händler mit Reis, Rosinen, getrockneten Aprikosen und Traubensyrup, der in Ziegenfellen mit vollen Haaren zum Verkauf aufbewahrt wird, deren eines Bein als Ausflussröhre dient. Hier befinden sich Butterhändler, deren Butter in großen Rinderpansen sich befindet. Dann kommen wir auf die Gebiete sartischer Industrie. Eine Gasse hat lauter Baumwollenstoffe, wie sie hier gewebt werden, dort finden wir die halbkugelförmigen Mützen, die man unter der „Schlama“, dem Turban, trägt, die mit Seide in verschiedenster Weise kunstvoll ausgenäht sind. Hier sehen wir lauter Seidenstoffe. Dann kommen wir in eine Gasse, welche grell angestrichene Sättel produziert und verkauft, nun kommt wieder eine mit lauter Ledergeschirr für Pferde. Hier haben wir die Auswahl von Stahlwaren – da auf einmal schallt uns ein wirres, hell klingendes Durcheinanderklopfen entgegen; - noch einige Schritte, und wir sind in der Gasse der Kupferschmiede, die zugleich auch Graveure sind und hauptsächlich die für den religiösen Gebrauch bestimmten hohen Waschkannen und die ebenfalls hohen Teekannen „Kumpane“, beide in gefälliger antiker Form, aber auch kleine kugelrunde Teekannen zum Aufstellen auf den russischen Ssamowar (Teemaschine) durch Handarbeit herstellen.
Es wäre noch manches zu berichten, doch mag es hiermit genug sein.
Quer über die Gassen von Bude zu Bude sind Stangen gelegt und im Sommer mit Rohrmatten bedeckt zum Schluß gegen die Sonnenhitze. Im Winter zur Regenzeit ist der Basar vor Schmutz beinah unpassierbar.
Merkwürdig ist das gegenseitige Zutrauen der sartischen Händler. Bekanntlich haben die Mohammedaner dreimal des Tages Gebetszeit, die ein Mullah vom Minaret der Moschee ausruft. Dann verläßt ein Teil der Händler die Verkaufsbuden, dieselben nur mit vorgestellten Rohmatten schließend. Und was bildet den Verschluß? Einige dünne Wollbändchen an einem Nagel oder Hacken befestigt. In der Gebetszeit findet man drei, vier und mehr Läden nebeneinander auf diese primitive Weise geschlossen, hin und her einen oder zwei Händler, die die ersten Rückkehrenden erwarten, um dann selbst zum Gebet und auch ins Speisehaus zu gehen, ihren Palau, Reisbrei oder ihren Schurpa, Suppe zu verzehren. Niemand wagt es, die so geschlossenen Verkaufsbuden zu öffnen; und wehe dem, der es wagen sollte. Er wäre unvermeidlich ein Opfer der Volkswut.
Überhaupt wird man auf den Märkten oft Zeuge höchstgradiger menschlicher Erregtheit, denn der Sarte, so phlegmatisch und so oft gerade mundfaul er zu sein scheint, hat doch das Feuertemperament des Südens und kämpft auch nicht dagegen. Nur ein Beispiel von vielen als Illustration. Vor einer Verkaufsbude bezahlt ein Käufer die eben gekaufte Ware, wobei er etwas Kleingeld zurückerhalten soll. Er zählt das soeben Erhaltene und sagt zum Verkäufer: „Hier fehlen 6 Pul“ (2 Kop = 4 Pfennige). „Was?“ herrscht ihn dieser an, „du hast es bei Seite getan, versteckt!“ „Ssalgan!“ (Betrüger), entfährt es dem sich übervorteilt Wähnenden. “Ssalgan?” fragt nun aufs Höchste gereizt der beleidigte Verkäufer und fügt auf Rechnung des Käufers ein nicht wiederzugebendes Schimpfwort hinzu. Die meisten sartischen Schimpfwörter beziehen sich auf die fast unmöglich scheinenden verschiedenen Arten unnatürlicher Unzucht. Dieses Schimpfwort wird vom Käufer durch ein noch ärgeres übertrumpft, womit die Erregung beider ihren Höhepunkt erreicht hat. Die Augen glühen in unheimlichem Glanze. Mit einem Sprunge sind die Beiden Gegner an einander, jeder ergreift die Kehle oder den Hemdkragen des andern und sucht durch Zudrehen desselben zugleich den Gegner zu würgen. Aber schon springen aus der Schar der herzugeeilten Zuschauer einige dazu, halten die zum Schlage geballten anderen Hände der Kämpfenden, zugleich sich bemühend, die Finger eines jeden vom Halse des andern zu lösen und sie überhaupt von einander zu entfernen. Ein Zuschauer bemerkt auf einmal das fragliche Zweikopekenstück am Boden liegen. Lachend hebt er es auf, es dem Käufer darbietend. Die Sache ist aufgeklärt. Entschuldigungsworte hört man nicht, aber der Streit ist zu Ende.
Das Wesen der Sarten in religiöser Hinsicht ist Werkgerechtigkeit im Rahmen der Lehre Mohammeds, womit sie auch glauben Gott zu genügen; dabei werden die Werke sehr hoch, die Sünden aber sehr niedrig taxiert.
Jesu Gottheit, sein Opfertod am Kreuze sind ihnen ein Ärgernis, und sie brechen die Unterredung bald ab, wenn man auf diese Punkte zu sprechen kommt.
So hatte ich denn auch an jenem ersten Arbeitstage bei meiner Kolportage auf dem Markte einen weit härtern Stand als unterwegs, wo ich meist nur mit einer Person zu tun hatte, während hier dem einen dies, dem andern das auffiel, und viele einander abrieten „Indschil“ zu kaufen. Trotzdem wurde ich alle für Usbek – Sarten eingepackten Exemplare des Neuen Testaments sowie ein persisches an einen Tadschik los. Die große türkische Bibel, wie auch die arabische wurden behandelt, jedoch des hohen Preises wegen, vier und drei Rubel, nicht genommen.
Außer Mohammedanern traf ich in Alt – Taschkent besonders bucharische Juden, die fast alle mit Flockseide (ungezwirnte) handelte. Ihre Sprache ist die der Tadschik nur mit einem eigentümlich gezogenen Akzent. Äußerlich sind sie erkennbar an den vor jedem Ohr hängenden Haarbüscheln, wie ihn auch die polnischen Juden haben. Einige Bücher Alten Testaments, sowie kleine Psalmbücher, aber auch ein Neues Testament konnte ich unter ihnen absetzen. Einen jungen Juden, der mich vorwurfsvoll fragte, weshalb ich Neue Testamente verbreite, veranlaßte ich, Ps. 22 zu lesen, und fragte ihn, von wem David so spreche, ob ihm selbst dies alles geschehen sei. Er kam in sichtliche Verlegenheit, und ich sagte ihm, im Neuen Testament sei der zu finden, von dem David spreche. Zum kaufen eines Neuen Testaments ließ er sich jedoch nicht bewegen.
Körperlich ziemlich müde, aber innerlich recht erfreut über den Beistand des Herrn bei diesem ersten Dienstausgange und Ihm dankend in meinem Herzen, kam ich zurück nach Hause.
Auch der Bruder war freudig überrascht und nannte meinen Erfolg einen guten.
Noch manchmal bin ich mit Heiligen Schriften nach Alt – Taschkent gegangen, doch allmählich wurde ein gewisser feindlicher Fanatismus wach, und von einigen Testamenten, die ich an Sarten verkauft hatte, sah ich später die Blätter bei den Schnupftabakshändlern, die Tüten für Schnupftabak daraus machten. Doch kann ja unter Umständen auch so ein einzelnes Blatt noch Segen wirken.

II. In Häusern und Kasernen.
Nach diesem ersten versuche folgte regelmäßige Kolportage. Jeder Arbeitstag hatte seinen Rundgang; es galt nun, in jedes Haus, in jede Wohnung zu gehen und Gottes Wort anzubieten. O wie verschieden war da die Aufnahme!
Die Bewohner des turkestanischen Gebiets und so auch Neu – Taschkents standen im Rufe großer Leichtlebigkeit. Besonders locker war das eheliche leben; Ehebruch und wilde Ehen waren an der Tagesordnung, ohne die Betreffenden irgendwie zu kompromittieren. Der Grund solches sittlichen Tiefstandes war zum Teil das Herzuströmen zweifelhafter Elemente bei und nach der Eroberung des Gebiets.
Auch in Betreff der Ehrlichkeit war vieles faul, wie die gerade damals stattfindende Revision offenbarte, die Hunderten von Beamten ihre Stelle kostete und manche zum Selbstmord führte.
(Fortsetzung folgt).

 

 

Post Nowy Urgentsch, den 28 Dez. 1909.
(Dorf Akmetschet.)

Vor einigen Wochen erhielt ich Ihren, mir so wertvollen Brief. Danke Ihnen sehr für alles. Ihr Brief har mich sehr erfreut und aufgemuntert. Was meine  Gesundheit anbelangt, so bin ich, dem Herrn sei viel Dank, so ziemlich gesund, gewesen. Meine Augen waren nicht gerade schlimm. Ich habe auch nichts dagegen angewandt, nur mit klarem Wasser gewaschen und hin und wieder mit Seife.
Einzelne hier, haben sehr an den Augen gelitten, so daß sie einige Tage im dunkeln Zimmer zubringen mußten, weil das Licht, auch das Tageslicht, dann sehr schmerzhaft für die Augen ist.
In der Schule geht es den gewöhnlichen Gang, ich hoffe sagen zu können, langsam vorwärts. Ich möchte sehr gerne, daß die Kinder etwas lernen, was ja auch natürlich der berechtigte Wunsch der Eltern ist. Zu Weihnachten  hatten wir einige neue Lieder gelernt, wobei uns die größere Jugend half.
Meine erste Aufgabe ist die Schule, Sonntagsschule und Versammlungen. Ich habe früher gedacht, nebenbei die Sprache zu lernen, aber ich sehe es doch mehr und mehr ein, daß sie doch nicht so im vorbeigehen zu erlernen ist, sondern, dass man auch die nötige Zeit dazu haben muß. Nach Aulieata gedenke ich, so der Herr will, nächstes Frühjahr zu reisen. Ich hoffe, es wird für mich geistig und körperlich stärkend sein.

C. F. Kliewer.

   
Zuletzt geändert am 25 Mai, 2019