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Briefe von Br. Bohn und Thielmann aus Nikolaipol in der Zeitung "Offene Türen" Nr. 3, November 1909, S. 2-6

 

Zugeschickt von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Offene Türen" Heft 3, November 1909. (gotisch) von Viktor Petkau.

 

 

Zentral – Asien.

Dorf Nikolaipol, den 2. Sept. 1909.
Post Aulie – ata. Russ. Turk.
Zentral – Asien.

Einen herzlichen Gruß des Friedens zuvor. 2. Petri 1, 2.
Jetzt, da ich schon beinahe ein Jahr mit meinem lieben Mitarbeiter Br. Thielmann in Central Asien bin, drängt es mich, auch euch wieder einmal eine Nachricht zukommen zu lassen, besonders, da ich weiß, daß viele von Euch, Ihr Leben, auch unser hier vor dem Gnadenthron gedenken.
In diesen verflossenen Jahre habe ich manches für einen Europäer so überaus Fremde und Ungewönhliche sehen und durchleben dürfen. Wir leben hier so fern im Osten in ganz orientalischen Verhältnissen.
Turkestan ist ein höchst interessantes Land, ein Land, voll von großen Gegensätzen, in der Natur sowohl als auch unter seinen Bewohnern. Hier findet man hohe, mit ewigem Schnee und Eis bedeckte Berge, aber auch große, weite Ebenen und Sandwüsten, fruchtbare Strecken Landes und dürre, öde Flächen. Große Hitze und große Kälte, Kultur und Bildung in den Städten, und die allergrößte Einfalt und Einfachheit unter den Landbewohnern, lebendige Kinder Gottes und harte, fanatische Mohammedaner.
Gewaltige Gegensätze!
Unsere Ansiedlung besteht aus fünf Dörfern, (vier mennonitischen und einem lutherischen) und liegt im Tale des Flusses „Talas“, ganz umgeben von hohen, eisgekrönten bergen. Nur von einer Seite ist der Zugang mit Fuhrwerk möglich.
Die Völker, mit denen wir es hier hauptsächlich zu tun haben, sind Kirgisen, Sarten und Russen, die Kirgisen sind aber vorherrschend. Die deutschen Dörfer machen einen sehr angenehmen Eindruck auf den durchziehenden Wanderer. Mitten durch das Dorf führt eine etwa 20 – 25 m breite, schnurgerade Straße, welche auf beiden Seiten mit einer Doppelreihe sehr schöner, hoher Pappeln bepflanzt ist. Auf beiden Seiten fließt Wasser, da hier ohne Bewässerungs nichts wächst. Auf jeder Seite der Straße stehen denn die Häuser etwa 10 – 15 m zurückgebaut, umgeben von duftigen, herrlichen Obstgärten. Es ist geradezu entzückend, wenn man im Sommer durch diese schönen Alleen fährt. Die Häuser sind aus Lehm gebaut. Derselbe hat hier die Eigenschaft, wie Ton zäh aneinander zu kleben und eignet sich deshalb vorzüglich zum Bauen.
Die deutschen Ansiedler beschäftigen sich hauptsächlich mit Pferde- und Schweinezucht, aber auch mit der Zubereitung von Käse und Butter, welche sie dann nach Taschkent oder Aulie – ata zum Verkauf bringen.
Die Sarten wohnen meistens in festen Häusern, in Städten, und beschäftigen sich mit Handel, jedoch findet man auch geschickte Bauhandwerker unter ihnen. Sie sind viel klüger als die Kirgisen, aber auch viel fanatischer. Unter ihnen wird die Missionsarbeit eine sehr schwere sein.
Die Kirgisen wohnen nicht in festen Häusern, sondern in kreisrunden Zelten. Sie sind Nomaden, und manche von ihnen besitzen große Herden von Pferden, Kühen und Schafen, mit denen sie dann, je nach der Jahreszeit, hinauf in die Berge ziehen oder hinab ins Tal kommen. Ihre zelte, sowie ihren ganzen Hausrat laden sie dann auf Ochsen oder Kamele und nehmen ihn mit. Sie sind von Natur ein echtes Reitervolk. Sehr selten sieht man einmal einen zu Fuß gehen. Es geht ihnen beinahe wie denn Hunnen, welche Tag und Nacht auf ihren Pferden saßen. Die Kirgisen benutzen jedoch nicht nur Pferde und Kamele zum Reiten, sondern auch Ochsen und Kühe. Wenn man unter ihnen lebt, wird man unwillkürlich an die Vorgänge, wie sie im Alten Testament geschildert sind, erinnert, und man lernt hier die Bibel besser verstehen, weil die Sitten und Gebräuche noch fast dieselben wie damals sind.
Wenn man unter einem solchen Reitervolk lebt, muß man natürlich auch oft reiten. Solche Ritte sind dann sehr interessant, besonders, wenn es in die wilden Berge hineingeht. Man findet dort geradezu überwältigende, großartige Werke von der Allmacht Gottes. Ungeheuer hohe Felswände an der einen Seite, jähe, schauerliche Abgründe auf der anderen Seite. Gewaltige Felsblöcke sind dann durch Naturereignisse, Erdbeben ect. abgerissen und herabgeschleudert worden, und nun liegen sie wie mit Riesenhand geschleudert in wildem Durcheinander am Boden. Man wird unbedingt veranlaßt, vor der gewaltigen Majestät Gottes, welche hier so offenbar zu Tage tritt, sich zu beugen und anzubeten. Sollte Er, vor dem die Berge wie Wachs zerschmelzen, nicht auch die steinharten Herzen der Mohammedaner erweichen können, daß sie empfänglich werden für das Evangelium.
O, Ihr Kinder Gottes, helft uns beten, hier ist ein sehr großes Arbeitsfedl und sind wenig, sozusagen gar keine Arbeiter. Dazu scheint das Feld so hart zu sein; doch nur Mut, für den Glauben gibt es keine Hindernisse und ich sehe es schon im Osten dämmern, bald wird auch für diese armen, irregeleiteten Menschen der herrliche Tag der Freiheit anbrechen! Ja, ihnen fehlt das Evangelium, das freimachende Wort vom Kreuz. Wie sind sie doch so arm, ohne Hoffnung gehen sie dahin, ach könnte ich doch schon die Sprache! Schon öfters habe ich Gelegenheit gehabt an Krankenbetten zu stehen. Wir hatten hier in unsrem Hause einen kirgisischen Küfermeister (Fassmacher – E.K.). Er bekam Wassersucht und ein böser Husten quälte ihn Tag und Nacht. Wie schaute er so hilfesuchend zu uns auf, als er sah, daß es mit ihm zu Ende ging. Ich sehe ihn noch immer im Geiste vor mir. Welche Angst sprach aus seinen Worten, die er an Br. Epp, meinen Hauswirt, richtete: „O Baj“ (Herr), sagte er, „wie soll noch alles werden!“ Man versuchte ihn auf Christum hinzuweisen und verkündigte ihm das Evangelium, aber er wollte Jesum nicht haben. Nun ist er dahingegangen in die dunkle Ewigkeit, ohne Licht, ohne Hoffnung.
Die Kirgisen und ebenso auchdie Sarten sind auch von furchtbaren Lastern gebunden und leben in den unreinsten, unsittlichsten Dingen. Ihre Töchter verkaufen sie schon an einen Mann, wenn sie noch Kinder sind. Mit 10 – 12 Jahren müssen sie schon heiraten. „Ach, welch ein Elend!“ Durch ihr unsittliches, unreines Leben bekommen sie auch oft sehr bösartige Krankheiten, Geschwüre ect. Heute morgen war noch einer hier und ließ sich verbinden. Der ganze Unterarm war zerfressen, tiefe Löcher waren darin, wie wenn ein Hund ganze Stücke herausgerissen hätte.
Tut man den Kirgisen Gutes, so können sie auch recht dankbar sein und ich glaube, diese ist der Weg, um an ihre Herzen heranzukommen. Wir gedenken deshalb auch ein kleines Krankenhaus hier zu errichten, wo wir ihnen unentgeltlich Pflege zuteil werden lassen wollen. 80,000 Lehmziegel sind schon bereits fertig, und wir hoffen den Bau im Frühjahr zu beginnen. Auch dazu muß uns der Herr seinen Segen und die Mittel geben. Wir empfehlen auch diese Sache Eurer Fürbitte in besonderer Weise.
Mit dem Erlernen der Sprache haben wir auch schon einen guten Anfang gemacht und schon einen kleinen Einblick in dieselbe tun dürfen.
Erwähnen muß ich noch, daß der Herr unsere Arbeit unter den Deutschen auch sehr gesegnet hat, indem Er uns eine umfangreiche Erweckung schnekte, in besonderer Weise unter der Jungend. Viele Seelen haben Frieden gefunden, und wir haben wirklich aus dem Segenstrom in vollen Zügen trinken dürfen. Wir verdanken diesen Segen auch den vielen Gebeten, die in Deutschland, England, Süd – Rußland ect. für unser einsames Fleckchen Erde emporsteigen.
Sehr interessant und segenbringend war für mich auch eine Reise, welche ich mit einigen Geschwistern nach einer neuangelegten 4 – 5 Tagereisen entfernten Ansiedlung am Flusse „Tschu“ machen durfte. Wir legten dieselbe auf kirgisischen Pferden reitend zurück. Unser Ritt führte durch die Wüste und brachte narürlich auch allerlei kleine Abenteuer mitsich. Einige Schwestern nahmen auch an dem Ritte teil. Ich muß noch bemerken, daß unsere deutschen Frauen und Mädchen hier durchschnittlich alle gut reiten und zwar nach Männerart, was auch nötig ist, wenn man einen 5 – 6 tägigen Ritt machen will.
Unsere Decken, Pelze und andre Kleidungsstücke, die wir nötig hatten, weil wir öfters des Nachts unter freiem Himmel übernachten mußten, sowie auch unsern Proviant, Eimer ect. luden wir auf ein Kamel, und so trabten wir eines schönen Morgens in die frische Morgenluft hinaus.
Jetzt lag die Wüste vor uns, die wir zu durchqueren hatten. Das Kamel ließen wir entweder frei vor uns hergehen, oder wir führten es am Halsterband.
Haben auch die berge mit ihren großartigen Naturschönheiten Reiz, so hat doch auch die Wüste ihre Merkwürdigkeiten. Hier lernte ich auch die Vortrefflichkeit unsers Kamels kenne. Solange wir noch nicht im Sande waren, waren die Pferde im Vorteil und der Weg verschwand nur so unter den Füßen. Kaum waren wir jedoch in das Sandmeer hineingekommen, da zeigte es sich, daß das Kamel nicht mit Unrecht den Namen „Schiff der Wüste“ führt. Wie leicht schritt es, obwohl schwer bepackt, mit seinen breiten Füßen über den Sand. Wirklich, es machte seinem Namen alle Ehre. Unsre Pferde sanken bis über die Hufe in den Sand und hatten große Mühe, durchzukommen. So ritten wir den ganzen Tag, nur am Mittag wenige Stunden rastend, um die Pferde zu füttern von dem mitgenommenen Hafer und selbst einen Imbiß zu nehmen. Die Wüstensonne brannte heiß, sodaß wir begannen, den braunen Arabern ähnlich zu werden. Wir mußten des Abends oft sehr lange reiten, um den Brunnen (Cisterne) zu erreichen, da wir sonst kein Wasser hatten. Oft kamen wir auch an den Zelten der Wüstenbewohner (Kisacken) vorbei, und wir konnten bemerken, daß sie sich vor uns fürchteten. Kamen wir am Abend am Brunnen an und fanden dort Kaisackenzelte, dann nahmen sie uns aber gewöhnlich freundlich auf, wenn sie sahen, daß wir nichts Böses im Schilde führten. Wir ließen uns dann Tee kochen und aßen in ihren Zelten. Zuletzt lasen wir ihnen noch ein Kapitel aus dem Neuen Testament in ihrere Sprache vor und Br. Gerh. Regehr, welcher die Sprache beherrscht, erklärte es ihnen. Dann sangen wir ihnen noch einige Lieder in ihrer Sprache, welches für sie etwas vollständig Neues ist. Zuletzt knieten wir hin und beteten. Ach, wie sie uns dann anstaunten! Die Armen! Ich hoffe zu Gott, daß auch das Ausstreuen dieser Samenkörner nicht ohne Frucht bleiben wird. Wen wir uns dann hinlegten um zu schlafen, kamen viele von ihnen, besonders Frauen und Kinder, setzten sich um, ja beinahe auf uns und sahen uns ins Gesicht. Wenn wir sie dann baten, uns doch allein zu lassen, da wir doch schlafen wollten, sagten sie, sie hätten durchaus nichts dagegen, aber sie wollten uns doch so gerne noch ein wenig anschauen und unsre schöne Sprache hören. Oder, sie nahmen den Hut einer unserer Schwestern, um ihn zu bewundern. Dann setzte ihn eine nach der anderen auf, um zu versuchen, wie er passe. Sie sind große Kinder. Manchmal mußten wir auch des Nachts abwechselnd bei unseren Pferden wachen, damit sie nicht gestohlen wurden. Wir suchten schon, wenn möglich, solche Lagerplätze auf, wo etwas Graswuchs war, und ließen dann die Pferde weiden. Eine besondere Gebetserhörung hatten wir auch, als wir unser Kamel einmal verloren hatten und der Herr es uns auf merkwürdige Weise wiederfinden ließ.
Kurz vor Erreichung unsers Zieles hatten wir noch ein kleines Abenteuer. Wir hatten einen Flußarm zu durchreiten. Da die Pferde schon lange kein Wasser bekommen hatten, gingen sie in sehr scharfem Tempo in das Wasser hinein, das Kamel mit sich ziehend. Da der Grund des Flußbettes sehr steil und schlammig war, glitt das Kamel aus und stürzte ins Wasser. Es war wieder Gnade von Gott, daß an dieser Stelle das Wasser nicht sehr tief war, sonst wäre es ertrunken, weil es schwer bepackt war. Sofort sprangen einige von uns von den Pferden ins Wasser und versuchten die Sachen abzuladen, was uns dann auch gelang. Die meisten Sachen waren noch nicht einmal sehr naß geworden.
So kamen wir denn wohlbehalten auf der Ansiedlung an. Hier wurden wir denn auch von den Bewohnern mit großer Freude willkommen geheißen, und wir dürfen zum Preise des Herrn sagen, daß Er uns auch dort mit reichem Segen überschüttet hat.
Er segnete unsere Versammlungen, sodaß auch hier Seelen zur Entscheidung gebracht wurden. Junge und Alte rühmten Frieden mit Gott empfangen zu haben.
Nach achttägigem Aufenthalt begaben wir uns, von den Tränen und Gebeten unserer Geschwister begleitet, wieder auf den Heimweg und nach abermals 8 Tagen langten wir wieder glücklich, von unserer Wüstenreise zwischen unseren schönen Bergen am Talas an.
Nun meine teuren Geschwister, jetzt muß ich zum Schlusse eilen, Ihr seht, daß hier ein großes Arbeitsfeld und viel zu tun ist unter Millionen von Menschen, die alle unter der finsteren Herrschaft des Halbmondes stehen. Wür bedürfen Eurer Hülfe und bitte Euch:
Vergeßt uns nicht in seinem Licht
Und wenn ihr sucht sein Angesicht.
Mit vielen herzlichen Grüßen der Liebe an alle, die den Herrn Jesum lieb haben, verbleibe ich mit Röm. 15, 30
Eurer Geringer in des Meisters Dienst
Rud. Bohn.

Bruder Thielmann läßt auch vielmals herzlich grüßen.

Br. Thielmann schreibt u.a.: Wenn ich zu Zeiten über den Zweck unsres Weilens an diesem Orte nachdenke und dann die Lage der Dinge unter den  Nachbarvölkern mehr ins Auge fasse, so ergreift mich eine Angst, und es steigt unwillkürlich die Frage auf: „Wann wird die erste Seele gewonnen werden?“ Werden wir auch je einen Erfolg unsrer Arbeit zu verzeichnen haben? Menschlich beurteilt: nie und nimmer! Doch wir haben ja nicht menschlich, sondern göttlich zu urteilen. Und für Ihn gibt es keine Schwierigkeiten. Die Mauern Jerichos legen ein beredtes Zeugnis davon ab. Und die ganze hl. Schrift ist voll von Berichten welche zeigen wie hoch unser Gott erhaben ist über alle Schwierigkeiten.
Seit einiger Zeit haben wir eine Gebetsstunde auf jeden Freitag festgesetzt, wo wir der Mohammedaner und besonders unserer Umgebung gedenken. Wer will mithelfen und beten für die Arbeit unter diesen armen, verblendeten Völkern der Sarten und Kirgisen in Zentral – Asien.
Im Frühjahr wurden hier von Schwestern Arbeitsvereine gebildet, um Näh-, Strick- und andere Handarbeiten zum besten der Mission anzufertigen. Während der Stunden wird etwa Nützliches vorgelesen, und der Herr hat uns schon sehr gesegnet.
Vor kurzem hat Br. Thielmann mit noch einem Bruder angefangen, einen kurzen Leitfaden zur Erlernung der sartischen Sprache aus dem Russischen ins Deutsche zu übersetzen.
Seit Mitte September ist unser Bruder mit Schw. Auguste Janzen verheiratet, empfiehlt sich der Fürbitte der Geschwister.

P. Vollrath
   
Zuletzt geändert am 25 Mai, 2019