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Brief von E. Riesen aus Turkestan in der "Mennonitische Rundschau" Nr. 15, vom 9. April 1902, S. 1-2

 

Zugeschickt von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung „Mennonitische Rundschau“ Nr. 15, vom 9. April 1902, S. 1-2. (gotisch) von Elena Klassen.

 

 

Ein dunkles Kapitel in der Geschichte unseres Volkes.

(Schluß).

Seine maj. Kaiser Alexander und General – Gouverneur Kaufmann waren unterdessen gestorben. Des letzteren Stellvertreter nötigte die Unsern zur Unterwerfung unter das allgemeine Landesgesetz. Darauf ging ein Teil mit dem zum Dienst verlangten Jünglingen auf direkte Erlaubnis vom Minister des Innern nach Buchara, der andere Zeil kam bei der Taschkenter Behörde mit folgender Bittschrift ein und ging denn später nach Aulie – Ata: „Seiner Excellenz, dem Herrn General – Gouverneur von Turkestan, Herrn Kolpakowski! Der Mennonitengemeinde aus den Taurischen, Samarischen u. Jekaterinodarschen Gouvernements ergebenste Bitte. In unserer gegenwärtigen bedrängten Lage, die uns je länger desto drückender wird, wenden wir uns an Eure Excellenz mit der innigsten Bitte, uns im Turkestanschen Gebiet, wenn möglich in der Nähe von Taschkent, falls aber die Möglichkeit dazu fehlt, dann im Aulie –Atinschen Kreise, als Landbauern anschreiben lassen zu wollen, unter den Pflichten und auf die Rechte, die hier von seiten der Regierung den Ansiedlern geboten werden. Vepflichten uns dagegen weder durch Gewalt, noch List, noch Betrug den landesgesetzen zu widerstreben; möchten uns nur das Recht hierbei vorbehalten später der hohen Regierung unsere Bitten um Befreiung von Staatsdienste, wie es unser Gewissen befielt, vortragen zu dürfen. Einer gnädigen Gewährung dieser unserer Bitte entgegendharrend, zeichnen sich in Taschkent, den 15. Januar 1882 die Bittsteller.“
Ein Bruder, der damals auch unsern Kreis verließ und in Taschkent blieb, sprach sich hinsichtlich unserer Lage damals dahin aus, daß ihm das Bild einer Herde ohne Hirten vorschwebe. Trifft dieses Bild auf die späteren Zustände unseres Teiles noch richtiger zu, so hat doch unser Herr und Meister die Hauptfäden unsers Ganges nie ganz aus den Händen gegeben. Glichen und gleichen wir oft der „Elenden, über die alle Wetter gehen,“ so fehlte es auch nicht an Lichtpunkten, wo sich das Walten des Stärkeren fühlbar spüren ließ. Wir stießen endlich zu dem wiederum getrennten Häuflein der Unsern an der bucharischen Grenze. Da uns aber Buchara nicht aufnahm, wurden wir durch den damaligen Gouverneur von Samarkand nach Chiwa gewiesen: „Der Chan ist ein zahmer Mann, der wird Sie aufnehmen.“ Dank dem Begleitschreiben des genannten Herrn und der freundlichsten Teilnahme des russ. Grenzchefs in Petro – Alexandrowsk fanden wir huldvoll Gehör und Aufnahme in Chiwa. Da wir (A. Epp, H. J. u. Schreiber dieses) es hier bezeugten, daß wir uns unter dem Schutze des allm. Gottes auch vor den räuberischen Turkmenen nicht fürchteten (jedenfalls zu vermessen), so wies man uns den Ansiedlungsplatz unter diesen an, wo die ganze Gemeinde sich im Oktober 1882 niederließ. Hatten die mancherlei äußerlichen Widerwärtigkeiten unter uns manches bewirkt was der Herrn Gemeinde nicht wohl anstand, so hatte doch der Feind auf dem innern Gebiet viel furchbarere Verheerungen angerichtet. Mit dem Hesekielschen Tempel, dem reinlichen Muster, dem bestimmten Ende (1889) und allem möglichen Unerreichbaren und Unbegreifbaren wurde der Geist erhitzt und vergaß dabei die einfache Berufung zur Uebung in der Gottseligkeit, gesinnet zu sein, wie Jesus war, das Wort seiner Geduld festzuhalten, um vor der großen Versuchungsstunde bewahrt zu bleiben. Als die Turkmenen anfingen, unser Eigentum zu nehmen und nach und nach immer kühner auftraten, griffen wir zur Gegenwehr, wenn auch nur zu den „Stöcken.“ Gab es auch ernst und entschieden abmahnende Stimmen, so meinte aber Cl. Epp gelegentlich darüber zu mir, daß wir lieber Sträucher hätten nehmen sollen. Hatte in den bucharischen bergen der geistliche Kommunismus traurige Verheerungen zur Folge gehabt; jeder lehrete, predigte, taufte u.s.w., so machte sich hier mehr die Begriffswerwirrung über das Mein und Dein in materieller Beziehung breit. Hab und Gut sollten ja auch keinen Wert haben, weil das bestimmte Ende vor der Thür sei. Das alles verband nicht, und Epps feurige Reden in seinen Abendstunden säeten auch nur gegenseitiges Mißtrauen und Spaltungen. Ein bedeutender Teil ging nach Amerika. Die andern siedelte der Chan der Sicherheit halber auf seine Kosten hierher nach Ak – Metschad über. Das war 1884 im Frühjahr. Dem Herrn sei Dank, unsere äußere Ruhe ist bisher ungestört geblieben, auch auf unsern Reisen tags, auch nachts hat uns niemand belästigen dürfen, aber in welcher Lage, in welchem Zustande ist hier unser inneres Leben mit Christo in Gott verflossen?
Wort für Wort müssen wir dem Sänger in Psalm 80, 13 – 17 nachsprechen. Hier war es nun, wo Epp sein (wahnsinniges? – Ed.) Werk zum glorreichen Siege bringen wollte. All sein Streben ging zunächst dahin, uns durch Heranziehen und Hochheben besonders tiefer, heiliger Gotteswahrheiten in besonders gesuchten Redewendungen das Vertrauen abzugewinnen, dabei verachtete er nicht die kleinlichsten Umstände, um sich im Heiligenschein zu zeigen. So verbot er z.B. am Sonntag die von ihm verschriebene Zeitung weiterzugeben; die Romane darin wurden aber ohne Schaden gelesen. In den ihm widerstehenden Personen fand er bald die Werkzeuge der Abgrundsmächte und begründete seine Verleumdungen mit Gottes Wort und bewies solches mit großartigen unzähligen direkten Offenbarungen. Er blieb zuletzt allein, der nicht gefehlt, „dem Herrn eine eiserne Ader in den Nacken gegeben.“ Immer häufiger schob er ohne weiteres die Prediger beiseite und übernahm alle ihre Handlungen, besonders nachdem es ihm gelungen, den einen, der ihm entschiedener entgegentrat, vom Amt und folglich aus der Gemeinde zu bringen. Ja, in dem aufs wunderlichste von ihm entworfenen Reichsplan Gottes fing nun auch an seine (Epps) Person immer mehr in den Vordergrund zu kommen. Sein Steigen ging um so glatter, weil das mit dem Siegeszuge der Gemeinde genau zusammenfiel. Einmal, glaube ich, ließ der Herr der Gemeinde sogar extra einen Dank abstatten. Epp hielt sich zuerst für einen der zwei Zeugen der Letztzeit. Ein anderes Glied unserer Gemeinde hält oder hielt sich für den andern. Dann ging es über verschiedene andere Stufen, die ich möglichenfalls nicht in der richtigen Reihenfolge anführe. Nach Sacharja war er eins der zwei Oelkinder (Kap. 4); dann war er eine Zeit lang der kleine Morgenstern, stieg zur Fürstenwürde empor (Fürst aus Davids Hause, daß er zuvor auch noch Priester gewesen, weiß ich nicht ganz genau) und schwang sich endlich nach behutsamen, sehr unbestimmt gehaltenen Vorarbeiten auf den Thron zur Linken des Vaters. So lange hatte er (seit 1889) auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft, jetzt – es war Pfingsten 1894 – verlange er von den von ihm vorgeblich zum „allerletzten Tauffest in irdischen Verhältnissen“ zusammengebrachten Seelen das feierliche Belenntnis vor versammelter Gemeinde: „Im Namen des Vaters, der zwei Söhne und des Heil. Geistes“ getauft werden zu wollen. Wohl warnte ein Bruder am Wort die Kinder vor solch einem Schritt, aber zum Auffschrei über solche Ungeheuerlichkeit kam es nicht; denn wir litten noch alle an den Folgen des Zaubertrankes, den er uns gereicht, ja halfen durch unsere Gegenwart sogar seinem Wahnwitz Vorschub leisten. Wie es kam, daß durch Gottes Gnade die Vollziehung der Taufhandlung selbst bis heute unterblieben, ja daß neun Täuflinge von zehn der Gemeinde nach alter Weise beigetreten sind, weiß ich nicht  bestimmt zu erklären. Von nun an verdoppelte er seine Energie, um sich als zweiten Sohn Gottes von Ewigkeit her, gesandt als Erlöser des Leibes (Christus habe nur die Seele erlöset) zur Geltung zu bringen. Viele Stellen des Alten (Caleb zeigte auf Claas Epp, Jesaias, 11, 1 spricht von Ruthe und Zweig) und Neuen Testaments fand er als Beweis für Zweifler an seiner Gottessohnschaft. An dem Abendmahl, das wir früher nicht oft genug feiern (richtiger, genießen) konnten, hatte er sich damals schon seit 1889 nicht mehr beteiligt, d.h. ließ es an sich vorübergehen (er genieße vom verborgenen Manna) und ersann auch  auch für uns mehr und mehr Hindernisse, einmütig und gnadenhungrig hinzutreten zu können. Nach einer Vorbereitungsfeier zum Abendmahl erklärte er der nichtsahnenden Gemeinde als „Wort“ vom Herrn, daß sie morgen im Mahle seines Wesens teilhaftig werden soll. Die Feier unterblieb jenes Mal. Später erklärte er wieder: „Der Herr will nicht mehr, daß das Abendmahl nach alter Weise gefeiert werden soll.“ Wir ermannten uns soviel, daß wir es ohne den ihm bedinungslos ergebenen Teil doch begingen. Daß seine ganze Arbeit aber nicht für, sondern gegen Christus und sein Reich gerichtet sei, kam mir erst da in den Sinn, als er die großen Feste nach Willkür verschob – mit der Drohung: „Es sehe sich nur niemand nach den alten Feiertagen um“ – und ein Weihnachtsfest ganz ausfallen ließ. Es erinnerte das ja ganz direkt an Daniel 7, 25. Doch die vereinzelte und dazu meistens noch ängstliche Stellungnahme seinem Treiben gegenüber brachte ihn nicht aus der Fassung, waren doch viele starke Kämpfer, erfahrene Glaubensmänner seinem rücksichtslosen Gange bis dahin ausgewichen, so kündigte er denn auch bald feierlich Gottes Zorngerichte über seine und Gottes Widersacher an. Einen traf Jes. 50, 16 und weiter, dafür solle er erblinden, des zweiten Arm werde vertrocknen, auf den dritten werde sich die Krankheit seines Nachbars legen, der Jahre lang gebunden niedergelegen; auf mich endlich sollte der Jammerzustand übergehen, in den ein Bruder durch die Onanie gekommen. Konnten uns solche Drohungen auch nicht schaden, sondern nur veranlassen, das erbarmende Heilandsherze eifriger zu suchen, so wurde doch der Zweck erreicht, seine Getreuen zu mehr Vorsicht und Mißtrauen solchen Werkzeugen der finstern Macht gegenüber, wie er uns zu nennen auch später nicht gescheut hat, zu veranlassen. So wußte er den Seinen auch die Schule zu nehmen, weil ja die Kinder durch solch einen Lehrer (der nicht Epps Anbeter war – Ed.) leicht schädlich beeinflußt werden könnten. Auch die Ehe, mit der er längst in dem Sinne gespielt, wie für die letzte Zeit angesagt, hat besonders da, wo verschiedener Sinn zwischen Mann und Weib kund wurde, unsäglich gelitten. Es ist bis zum Ehebruch gekommen!
War er in seinem Siegesmut seinerzeit so weit gestiegen, daß er schon die Hand erhoben, und der Gedanke: „Nun sind die Brüder J. und P. (Prediger) ihres Amts enthoben!?“ schon einige Herzen durchzuckt – (er wurde aber an seinem Vorhaben verhindert); so hat ihn doch der Herr in seiner Weisheit nach und nach so weit zurückgedrängt – auch da, wo all unser Rat oft völlig am Ende war, daß er sich mit den von ihm geleiteten Separatandachten auf sein Haus beschränkte. Solche besuchen fast ausschließlich nur seine Getreuen u. Geschwister, die bei besserer Erkenntnis sich seiner Zaubermacht nicht zu entwinden vermögen. Trotzdem suchte er seinen verderblichen Einfluß, oft in recht jesuitischer Weise, in Haus und Kirche zu tragen und wenn auch oft nur durch seine bloße Gegenwart auf befangene Gemüter auszuüben. Er, dem es zweimal in der Gemeinde angezeigt worden, daß wir ihn als solchen betrachteten, der sich durch sein Verhalten aus der Gemeinde geschieden habe, drängte er und die Seinen sich uns um so hartnäckiger auf, jemehr er sahe, wie sehr auf unserer Seite gewünscht wurde, daß sie sich ganz von uns zurückziehen möchten, ganz besonders von der Gemeinschaft im Abendmahl, nachdem das Bekenntnis einer Biergottheit immer mehr Verkörperung und bildliche Darstellung bekam. Erst in den letzten Monaten gab der Herr soviel gemeinsame Kraft, es ihm nachdrücklich zu sagen, daß er während der Feier desd Abend- und dann nachmittags auch während des Liebesmahles zurückbleiben möchte, was nach des Herrn großer Gnade auch geschah nach 2. Joh. 9 – 11.
Ist nun das Bild über unsern langen Weg, worüber eine geübte Feder ein ganzes Buch schreiben könnte, sehr mangelhaft geblieben, so beweist es doch folgendes: Daß nach den Zeichen, die uns besonders für die Letztzeit gegeben sind (in Dan. 7, 25; in 1. Tim. 4, 3; 2. Joh.) Claas Epps Arbeit im Dienst des Widerchristen stand und sein schon in Hahns – Au (Hahnsau – E.K.) an der Wolga ausgesprochener Wunsch und damals verspürte Berufung, als Zeuge nach dem Westen zu gehen, könnten sich noch an ihm erfüllen, wenn des himmlischen Vaters unbegreifliches Erbarmen nicht doch vielleicht auch für ihn noch zu finden wäre. Daß seine Lehre dem Worte Gottes schnurstracks zuwiderläuft, dafür giebt es ja eine Masse unzweideutiger Aussprüche des Heilandes und seiner Apostel. Ferner, daß Claas Epp nicht der Begründer unsers Auszugsgemeindleins war, wie das vielfach angenommen wird, und es selbst Brüder unter uns glauben, haben wir in der Einleitung gesehen. Und endlich:
„Was Gott sich vorgenommen,
Und was er haben will, Das muß doch endlich kommen
Zu seinem Zweck und Ziel,
Und obgleich alle Teufel
Die wollten wiederstehen,
So wird doch ihne Zweifel
Gott nicht zurück gehen.“
Sieht es auch jetzt noch sehr trübe bei uns aus, haben wir nicht mehr Chansen für das Gelingen unserer Sache, als unsere Brüder nach dem Fleisch in Südafrika in ihrer bedrängten Lage: Im Hinblick auf das, was der Herr bisher an uns gethan, dürfen wir ihm wohl trauen, daß er uns auf halbem Wege nicht wird stecken lassen. Sollte sich etwas jemand finden, der über dieses oder jenes weiteren Aufschluß verlangt, bin ich bereit, solchen zu geben: will mich auch gerne auf Grund von Gottes Wort zurechtweisen lassen, wo ich geirrt, was bei unserer menschlichen Einseitigkeit und Unvollkommenheit nur zu leicht möglich ist.
Wenn wir aber unsern Weg und unsere Berufung in zwangsloser Weise von allen Seiten mit Gottes Wort beleuchten lassen, wie der liebe Br. Isaak Peters in seiner Abhandlung wohl in Nr. 46 der w. „Rundschau“ thut, so kann das unsern Gang nur erleichtern und uns von gehaltlosen Menschensatzungen freimachen.
Für die hier mehrfach berührten Geschwister aus Chiwa, wie für andere Bekannte und Verwandte füge ich meine herzlichsten Grüße bei.
Auch Sie, werter Editor, erlauben mir gewiß, Ihnen mit innigem Gruß die Hand zu drücken.

E. Riesen.

   
Zuletzt geändert am 9 April, 2019