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Aus den Erlebnissen der Auswanderer nach Chiwa in der Zeitung „Mennonitische Rundschau“ vom 1. Januar 1903, S. 3, 4

 

Zugeschickt von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung „Mennonitische Rundschau“ vom 1. Januar 1903, S. 3, 4. (gotisch) von Elena Klassen.

 

 

Aus den Erlebnissen der Auswanderer nach Chiwa (1881 - 1885).

Es ist den meisten unter uns bekannt, daß um das Jahr 1874 die allgemeine Wehrpflicht in Rußland eingeführt wurde. Das Wehrgesetz traf  keinen härter, als die mennonitischen Ansiedler, welche vor kaum hundert Jahren grade um der Wehrlosigkeit willen nach Rußland gezogen waren und durch kaiserliche Privilegien für alle Zeiten vor dem Militärdienst geschützt zu sein glaubten. Die Regierung ließ ihnen sechs Jahre Frist, sich zu entscheiden, ob sie sich dem Militärdienst fügen oder auswandern wollten. Ein ganz bedeutender Teil zog nach Westen und bevölkerte die Vereinigten Staaten von Amerika; für die Zurückbleibenden wurde der eigentliche Militärdienst in Krondienste umgewandelt derart, daß die bei der Musterung tauglich befundenen Jünglinge auf Forsteien zur Anpflanzung der Steppe verwendet werden sollten. Dieser Vermittlungsvorschlag wurde, wenn auch mit schwerem Herzen, doch mit Dank angenommen. Nur ein kleines Häufchen, welches die nahe Wiederkunft Christi erwartete, konnte sich dazu nicht entschließen und hoffte, vor Ablauf jener sechs Freijahre werde die Sanunlung der Gläubigen aus dem Zusammenbruch des Abendlandes nach Osten geschehen. Besonders Stilling`sche Schriften scheinen unsere Brüder in ihrer Erwartung bestärkt zu haben.
Aber die sechs Jahre verliefen, ohne daß jene Erwartung sich erfüllte. Bleiben durften sie dann nicht mehr in Rußland. Wohin also nun? Es lag nahe, daß sie ihre Augen nach Osten richteten. So kam es zu jener Auswanderung nach Chiwa und nach Turkestan, die ein Zweiglein unserer Gemeinschaft bis in das Herz von Asien geführt hat.
Wir schickten ihnen auf ihre Bitte eine Kiste voll Bücher, nach denen sie verlangt hatten. Namentlich die Pfälzer Brüder haben sich freundlcih an der Sendung beteiligt. So entspann sich ein weiterer brieflicher Verkehr, aus dem wir einige Abschnitte mitteilen wollen. Ganz besonders ergreifend ist der Bericht über die Erfahrungen auf der Grenze von Rußland. Der Schreiber des Briefes war damals 26 Jahre alt und nahm mit Weib und Kind an jenem Auszuge teil. Wir wollen ihn selbst erzählen lassen.
In Samarkand kam uns die russische Regierung noch einmal freundlich entgegen. Es wurde uns ein großer Hof zur Rast angeboten, dann aber wurden wir gewarnt, daß wir es wohl überlegen möchten, war wir thäten, wenn wir die Grenze Rußlands überschritten und müßten unsere Unterschriften geben, im Falle wir zurückkehrten, daß wir den vollen Dienst dann übernehmen müßten. Das mußte uns allerdings nur bestürzen und so gingen wir weiter, bis wir am 1. September 1881 bei Katakurgan an einem stürmischen Tage in Staubwolken gehüllt aufs Ungewisse die Grenze Rußlands überschritten. Wir kamen zu dem ersten bucharischen Dorfe Schirinchatin und lagerten daselbst.Es war abends. Am Morgen kamen berittene bucharische Beamte in ihren bunten Röcken, weißen Turbanen und krummen türkischen Säbeln und forderten ein paar Brüder auf, mit zum Snak (dem höchsten Beamten nach dem Emir) zu kommen. Als sie zurückkamen unter starker Bewachung, da hieß es: fort! und in Eile. Obwohl die Kochtöpfe und Kessel über den Feuern standen, und der Tag zum Backen fertig war, mußte alles zusammengepackt werden und zurück ging es unter derselben starken Bewachung wieder zur Grenze. Hier lagen wir nun auf freiem Felde, entfernt von menschlichen Wohnungen am Grenzwege. Mit besonderem Wohlwollen kam hier aber der russische Grenzchef uns entgegen und bewies uns eine Aufmerksamkeit, die uns das Herz rührte. Auf sein Raten begaben wir uns (ein paar Brüder) wieder nach Samarkand, um zu bitten, auf den weiten, zwar meist öden Ländereien, die den großen Samarkandter Moscheen gehörten und sich bis in Buchara erstreckten, uns ansiedeln zu dürfen. Jedoch auch hier mußten wir ohne Erlaubnis zurückkehren, und da der Winter nahte, mußten wir uns entschließen, nun ohne Erlaubnis, abseits von der Verkehrstraße, dicht an den sich zur Seite hinziehenden Bergen uns zum Winter einzurichten.
Hier gruben wir uns nun Semljanken (Erdhütten), wozu der Grenzchef uns von seinem eigenen Hof zu sehr billigen Preisen Holz überließ und geradezu väterlich sich gegen uns erwies. Bald reihte sich Hütte an Hütte; wie freute man sich, wieder ein eigen Dorf entstehen zu sehen. Und es war Zeit, denn es fing an einzuwintern. Schon kam der erste Schnee. Ein paar Familien waren schon eingezogen, da kamen die Bucharen, uns zu vertreiben. In förmlichen Kriegszuge kamen sie angerückt. Auf den Hügeln umher waren Posten aufgestellt, doch erblickten wir von der andern Seite auf einem Hügel auch einen russischen Posten, der aber nicht näher kam, sondern wohl nur beobachtete. O, das war ein Tag! Mit Gewalt drangen sie ein und machten sich daran, die Hütten einzureißen. In einer derselben lagen pockenkranke Kinder, sie wurden ohne alles Fragen der Mutter entrissen und mit Betten zusammen draußen auf den Schnee gelegt, während das Dach der Hütten unter den Ketmanen (Hacken) der Bucharen bald zusammenbrach. Auch eine Leiche hatten wir über der Erde. Der liebe alte Br. Martin Klaaßen, der Schreiber der „Geschichte der wehrlosen taufgesinnten Gemeinde“ war nach längerem Siechtum (langwierige Krankheiten  - E.K.) von der beschwerlichen Reise nun endlich heimgegangen. Als wir das letzte Mal aufbrachen, um uns hier Obdach für den Winter zu suchen, hatte er das Wort gesprochen: Israel zieht hin zu seiner Ruhe. Ja, er ruhte nun; aber mit seiner Leiche, o wie mußte da geeilt werden, sie vor den Vertreibern rasch zu bergen. In nur halb fertigem Sarge wurde er dennoch, angesichts der Bucharen, ruhig von einigen Brüdern zu seinem Grabe, das außerhalb unseres neuen Dorfes schon gegraben war, hinausgetragen und unter Gebet bestattet. Manche aufregende Scene gab es an diesem Tage. Während die einen nun einspannten und sich zum Wegfahren bereit machten, flüchteten die anderen, besonders Frauen und Kinder in eine von den Bucharen noch nicht eingerissenen Hütte. Da lag nun alles, groß und klein zusammengepreßt auf den Knien; es wurde gebetet, geweint und geklagt; denn der Herr müßte doch hören und könne es nicht aufs Aeußerste kommen lassen, während mit Grinsen und Hohnlachen die Bucharen durch die Fenster gafften und sich dann auch über diese Hütte hermachen. So blieb auch diesen letzten, unter denen auch ich mit der Meinen war, nichts übrig, als nun auch aufzubrechen. Die Pferde aber hatte ich, wie mehrere andere schon verkauft, da sattelten die Bucharen ihre Pferde ab und spannten dieselben an; so auch vor meinen großen Wagen, in dem wir bis dahin noch gewohnt hatten, denn unsere Hütte hatte ich noch nicht fertig. Gab das aber ein Fahren! Glücklicherweise kamen noch Geschwister auf einem andern Wagen hinter uns, die nahmen meine alte Mutter und mein Weib mit den beiden Kindern zu sich und ich blieb dann allein bei dem Wagen, den die Bucharen, da sie mit ihren Pferden nichts anfingen, nun bei schon hereinbrechender Nacht auf halbem Wege stehen ließen, bis dann des Nachts Brüder mit Pferden kamen und auch mich holten.
Unser Ziel war Sarabulak, der erste Flecken auf russischer Seite. Hier kam man uns wieder mit besonderer Aufmerksamkeit entgegen. Der General – Gouverneur selbst hatte telegraphisch befohlen, uns Wohnungen, sowie Licht, Heizung, ja selbst Reis usw. unentgeltlich zu stellen. Wir nahmen jedoch nur das erste an, und die Leute (Eingeborene) räumten uns ihre Wohnungen, ja selbst ihre Moschee ein. Hier überwinterten wir nun, indem wir die elenden, schwarzgeräucherten Räume einigermaßen wohnlich einrichteten und mit Oefen versahen. Regnete es aber, dann sah es in unsern kleinen Löchern übel aus, denn die Dächer, oft nur aus Strauch- und Knüppelwerk mit schlecht übergeschmiertem Lehm bestehend, waren jämmerlich bestellt. Doch es ging und der Frühling kam.
(Schluß folgt.)

 

 

Bemerkung von Elena Klassen:

Leider ist dieser Bericht unvollständig. Auch bei der Recherche wurde keine Vortsetzung gefunden. Sollte die jemals auftauchen, wird der Bericht zu Ende geschrieben.

   
Zuletzt geändert am 22 Dezember, 2018