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Bericht von Jak. und Susanna Janßen aus Marion, Süddakota in der Zeitung „Mennonitische Rundschau“ vom 25. Oktober 1905, S. 4

 

Zugeschickt von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung „Mennonitische Rundschau“ vom 25. Oktober 1905, S. 4. (gotisch) von Elena Klassen.

 

 

Marion, den 12. Oktober 1905.

Werte „Rundschau!“ Allen Verwandten und Bekannten, sowie allen Lesern den Gruß der Liebe und des Friedens zuvor! Heute morgen dachte ich darüber nach, es wäre vielleicht gut, etwas von dem, was uns in den letzten Tagen bewegte, der lieben „Rundschau“ mit auf den Weg zu geben. Es war schon im Vorsommer, als wir die Nachricht von Chiwa erhielten, daß Br. Wilhelm Penner von dort nach Auliata abgereist sei, seine Frau dort ließ und mit Br. Hermann Epp und Jakob Quiring, alle drei Prediger, von dort aus eine Reise unternehmen wollten. Erstens bis zum Track an der Wolga, ihre und meine gewesene Heimat, von da nach Südrußland und dann über Preußen durch Deutschland, mit noch verschiedenen Abstechern, zuletzt auch nach Amerika kommen. Hauptsächlich galt ja Br. W. Penners Besuch seinem Bruder Johannes Penner, bei Beatrice, Neb. Aber es kam uns unmöglich vor, daß ein so lieber und alter Freund uns nicht besuchen würde, besonders da wir doch zusammen vor 25 Jahren in Gemeinschaft mit 11 Familien, als die ersten Auswanderer, die Reise per Wagen nach Taschkent und von da weiter durch Buchara nach Chiwa machten; von wo aus wir mit noch drei, damals noch kleinen Familien, Geschwister P. Quiring, Jakob Bekkers und Joh. Bekkers vor 13 Jahren schwerer Verhältnissewegen die Reise nach Amerika unternahmen, woselbst krankeitshalber wir zerstreut ankamen und auch zerstreut unser irdisches Heim gefunden haben. Jakob B. und wir hier in Süddakota. Joh. B. in Kansas, P.Q. in Oklahoma. Die Eltern meiner lieben Frau, mein schwacher Bruder und noch manche lieben Freunde, mit denen wir eins Freud und Leid teilten, blieben zurück in Chiwa.
So schrieb ich denn schon an Br. Joh. Penner, der ja auch zwei Jahre am Trakt mein Lehrer gewesen und nötigte sie herüber zu kommen, natürlich sollte die Reise sie nicht kosten. So kam denn endlich die Zeit, daß sie wohlbehalten in Amerika ankamen. Wie erhielten ab und zu Nachricht. Da nun die Allgemeine Bundeskonferenz in Minnesota war, fuhren die Brüder Penner auch dahin und so geschah es, daß, aber nur W. P. in Gemeinschaft mit Karol Schartner und H. Bergen von hier, Montag, den 9. nachmittags hier ankamen. Geschwister H.B. mit K.Sch. brachten ihn noch vor Abend zu uns. Die Freude des Wiedersehens war sehr groß. Meine Gefühle kann ich nicht ausdrücken. So viel sei gesagt, daß mir zwei Nächte fast kein Schlaf in die Augen kam und ich fühlte jetzt recht, daß das Band, welches uns einst knüpfte, mit so vielen Lieben, stärker sei, als ich selbst zu anderen Zeiten glaubte.
Geschwister Jakob B. und C. Dirks kamen noch denselben Abend hin. Zum Abendsegen las Br. P. Jes. 10, 27 biss Ende und sprach ein kräftiges Gebet. Nächsten Morgen las er zum Morgensegen Ebr. 10, 32 – 39. Nach Frühstück, als wir und noch manches mitgeteilt, fuhren wir zu Mittag nach Geschwister Friedrich Dirks, welches mir schon Sonntag vorher versprochen hatten, woselbst alle Freunde zusammen kommen sollten und sich der Auftrage zu erledigen. Es wohnen hier viele Geschwister meiner lieben Schwiegereltern. Nachmittags hielt Br. P. eine Aufsprache über Psalm 126. Nächsten Tag waren wir mit ihm und noch anderen Freunden zu Mittag bei Ohm Peter bekker, ein Bruder meines Schwiegervaters. Zu 2 Uhr nachmittags war eine Versammlung daselbst in der Kirche berufen, woselbst der liebe Bruder Penner ans Gottes Wort durch den Heiligen Geist belebt, verkündigte. Sein Text war Jos. 15, 15, 22 – 25. Karol Schartner, der seit über fünf Jahren in Oklahoma wohnt, machte die Einleitung: er las Ps. 1. Ich glaube im Voraus sagen zu dürfen, daß die Predigt durch Br. Penner einem jeden der Anwesenden tief zu Herzen gegangen und auch nicht ohne Frucht bleiben wird, denn Gottes Wort kommt nie leer zurück. Manches Vorurteil, wo welches vielleicht noch über unsere Sache in manchen herzen gewesen, ist hoffentlich mehr geschwenden. Zum Abend und zum Abschied fuhren wir nach Geschwister J. Bekkers, wo noch mehrere hinkamen. Es war ein recht schöner Abend. Einige schöne alte bekannte Lieder wurden gesungen und dann las Bruder P. noch Offb. 7, 9 bis Ende vor und hielt noch eine kurze, aber ernste und wichtige Aufsprache und Gebet. Dann ging es wieder an ein Abschiednehmen, denn der nächste Morgenzug sollte ihn leider schon wieder mitnehmen, wo sein Bruder noch in Minnesota auf ihn wartete. Als die anderen Lieben fort waren, blieben wir noch dort bis 12 Uhr, wo wir noch besondere Sachen besprachen. Mancher herzliche Segenswunsch begleitet ihn. Eine innige Liebe und Teilnahme offenbarte sich beim Abschiednehmen in Wort und That. Unser sehnlicher Wunsch und Gebet ist, der Herr möge seinen Engel senden, der ihn sicher geleitet, daß er den lieben Seinen und Unsern gesund und froh ins Angesicht schauen darf. Es war ein kleiner Vorschmack auf die Zeit, wo kein Scheiden mehr sein wird.
Neues weiß ich gerade nicht von hier zu berichten. Die Ernte ist ziemlich gut ausgefallen. Auf Stellen war der Weizen nicht sehr gut. Wir haben 15 ½ Bn. Vom Are bekommen; Kartoffeln, Hafer und Korn recht gut. Obgleich ich schon dachte, mich kurz zu fassen, ist mein Bericht länger geworden, als ich wollte, werde deshalb schon nicht zu oft kommen. Manchem dürfte es doch vielleicht doch von Interesse sein. In der Hoffnung, daß auch unsere Lieben in Chiwa dieses lesen, denn ich denke, die „Rundschau“ geht dort hin, rufe ich auch ihnen am anderen Ende der Erde einen herzlichen Gruß der Liebe zu.
Euer aller Mitpilger zur ewigen Heimat.
Jak. u. Susanna Janßen.

   
Zuletzt geändert am 22 Dezember, 2018