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Ein anonymer Bericht aus Grünfeld, Turkestan in der Zeitung „Zions-Bote“ vom 6. Juli 1932, S. 7-8

 

Zugeschickt von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung „Zions-Bote“ vom 6. Juli 1932, S. 7-8. (gotisch) von Elena Klassen.

 

 

Turkestan, Grünfeld, 21 Februar 1932.

Zuerst einen großen Dank allen, die teilnahmen an der Spendung des Pakets für uns, das unter Nummer 3887 mir zuging. Wir haben die kalte Gegend auf eine warme vertauscht und das ist schon viel wert. In dem kalten Sibirien ist sieben Monate Winter, und hier ist so ein gelinder Winter, daß das Vieh den Winter über auf der Weide geht; nur die Pferde, die man zum Fahren braucht, werden im Stall gefüttert. Im Märzmonat denken die Leute schon an ackern.Aber es sind nur zwei deutsche Dörfer, und die sind erst vor fünf Jahren angesiedelt worden. In Sibirien hatte die Kollektiv – Wirtschaft schon vier Jahre gearbeitet, und hier ist es noch nur das erste Jahr. Aber es wird von der Obrigkeit so stark angefaßt, daß sie jene mit allem auch ganz fertig bringen wollen. Zu einer Kollektivwirtschaft werden alle Menschen, die im Dorfe sind, mit ihren wirtschaftlichen Sachen zusammengertieben, und so verschrieben, daß ich nicht darf sagen: „Dies oder jenes ist mein“, das fällt weg. So werden zwei bis drei, auch bis fünf Dörfer zusammengertieben, daß es alles nur eine Verwaltung braucht. Man darf es auch wohl Zwangsarbeit nennen, weil die Leute alle gezwungen sind, einzutreten, und mit allem Bauen dieser Wirtschaft wird es nach dem Befehl der Obrigkeit gemacht, aber die Unkosten muß die Kollektivwirtschaft bezahlen, und das wird von der Ernte im Herbst genommen, was die Leute zusammenarbeiten, aber es wird im Herbst erst Steuer abgerechnet und alsdann solche Schulden, und alsdann kommt es so weit, daß sie nicht einmal das Brot behalten. Das ist aber der Obrigkeit einerlei, nur die Schulden müssen ausbezahlt werden und Obligationen müssen die Leute auch noch annehmen, und so wird vieles ausgedacht, daß dem Arbeiter kein Brot übrig bleibt, und so sind die Leute hier auch arm.
Die Leute bekommen das Brot pfundweise heraus gewogen, aber jetzt ist es so, bis zum frischen langen sie auch nicht aus. Ich bekomme überhaupt nichts aus der Kollektivwirtschaft. Ich möchte auf dem Markt kaufen, habe aber kein Geld und auch keinen Verdienst.
Warum ich meinen Wohnort wechselte? Weil da ein Mann von Turkestan nach unserer Gegend spazieren kam, und da es bei uns so arm aussah, fragte ich ihn, ob es bei ihnen nicht etwas besser sei. Er sagte: „Ja, besonders noch für einen Handwerker,“ der würde Arbeit finden, und so machte ich mich bereit zum Fahren. Als wir uns so fertig machten, wurde unser einziger Sohn krank (er ist 21 Jahre alt) und lag sechs Wochen krank am Typhus. Bis wir nach Turkestan kamen, war es der 24. November, und wie trafen wir es an? Beinahe so wie bei uns, es wird auch jetzt so stark mit der Kollektivarbeit zusammengetrieben, daß, wer nicht will, wird in den Turm (Gefängnis – E.K.) gertrieben, überhaupt wer seit früherer Zeit ein Großbauer gewesen ist, den nehmen sie gleich und treiben ihn in den Turm. Und wie viele sind solche! Ob Russen oder Deutsche oder Kirgisen oder Tataren, Waggonen voll werden weggefahren. Wer noch die Leitung der Gemeinde hat, muß auch in den Turm, und da werden viele so totgespielt. Sie haben nämlich da ein Zimmer, aber nur ein kleines, das wird gut heiß gemacht, und dann wird ein solcher hineingetrieben, und darin muß er so lange bleiben, bis er nur eben gehen und auch nur wenig sprechen kann, und dann soll er zusagen oder seinen Glauben verleugnen. Wenn das nicht hilft, so spritzen sie ihm Gift ein, daß der Verstand ruiniert wird, alsdann unterschreiben sie, daß sie nicht mehr werden predigen. Ist solches nicht schrecklich? Der Familie zu Hause geben sie auch kein Brot. Ich frage, ob dort bei Euch von Rußland solches bekannt ist. Möchte es gerne wissen. Ich könnte noch viel berichten, aber hier ist auch das Papier weit zu suchen, ich muß aufhören.
Es tut not, für Rußland zu beten. Man hört, daß es in keinem Reiche so zugeht, wie in Rußland. Dort bei Euch fahren die Leute noch auf Aotos, jeder auf seinem eigenen. Hier hat keiner sein eigenes Pferd, wenn man will wohin fahren, und wenn fünf oder zehn Meilen, so muß er gleich fragen gehen, ob er darf.
Möchte noch ein wenig erwähnen, wie der Herr den Seinen in dieser Zeit, da die Kinder Gottes so in Bedrängnis sind, sein Ohr herniederneigt und Gebete erhört, wie es in Psalm 86 hießt. So geht es uns Rußländern: wir kommen oft in Bedrängnis, aber desto mehr können wir auch das Kreuz fühlen, das der Heiland auch für uns getragen hat. Seid alle herzlich gergüßt mit Psalm 125. Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden.

   
Zuletzt geändert am 22 Dezember, 2018