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Bericht aus Asien in der Zeitung "Offene Türen" Nr. 12, Dezember 1913, S. 5-9

 

Zugeschickt von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Offene Türen" Nr. 12, Dezember 1913. (gotisch) von Viktor Petkau.

 

 

Unter den Kirgisen in Zentral – Asien.

 

Durch mancherlei Umstände wurde ich bisher verhindert zu schreiben. Es bringt ja schon viel Arbeit mit sich, wenn man, wie wir, noch seinen eigenen Haushalt einzurichten hat. In Deutschland geht das verhältnismäßig ja noch leicht, wenn man die nötigen Mittel hat, kann man sich das Nötigste anschaffen. Ganz anders aber ist es in Herzen Asiens. Da hat man keine Möbel – Magazine und dergl., sondern „selbst ist der Mann“, und was man sich nicht macht, das hat man nicht. Zudem kamen wir auch gleich in die volle Arbeit hinein; denn kaum waren wir hier, so war es auch schon unter den Kirgisen ruchbar, daß ein „Tschang Dacktor“ angekommen sei, der noch die hervoragende Eigenschaft habe, daß er die Medizin umsonst gebe. Da brauchten wir uns denn unsere Patienten nicht zu suchen. Tag für Tag kamen sie einfach in Scharen und belagerten unser Haus.
Es ist ja eine große Gnade vom Herrn, daß ich bei meinem letzten Aufenthalte in England einen Kursus in der Homöopathie besuchen durfte. Diese medizinischen Kenntnisse sind hier in diesem Lande, wo die Ärtzte oft ganz unerreichbar sind wegen der zu großen Entfernung, außerordentlich viel wert, und man kann gerade dadurch ein Segen sein für diese armen, leidenden, tief heruntergekommenen Menschen, mit denen wir es hier zu tun haben, und zwar nicht nur dem Leibe, sondern noch viel mehr der Seele nach. Gerade durch die Behandlung der Kranken gewinnt man oft einen Zugang zu den sonst so verschlossenen Herzen der Mohammedaner.
Aber die Gesunden? Wie kommt man an sie hinan? Gibt es denn überhaupt gesunde Menschen unter ihnen? Wir haben während der Zeit, wo wir uns mit ihren Ktankheiten eingehend beschäftigten, eine furchtbare Entdeckung gemacht, nämlich; daß das ganze Kirgisenvolk, die ganze Nation, von einer furchtbaren, entsetzlichen Krankheit heimgesucht und total davon vergiftet ist, und das ist die Syphilis. Man merkt diese garnicht so sehr, wenn man so im allgemeinen mit den Leuten verkehrt, beschäftigt man sich aber einmal etwas eingehender mit ihren Leiden, dann bemerkt man oft mit Schaudern den traurigen Verfall des ganzen Volkes. Es geht buchstäblich an Syphilis zugrunde. Nicht nur Männer und Frauen, auch Kinder sind von dieser Seuche befallen, sie haben dieselbe schon als traurigesErbstück der Eltern mitgebracht. Wir tun, was wir können, um ein wenig von diesem namenlosen Weh zu lindern; aber was sind wir unter den Tausenden und Millionen? Wie ein Tropfen am Eimer. Wir verschwinden ganz unter diesen Völkern, und es ist gut, daß wir nur ein Tröpflein von all dem Elend erfassen können, wür würden sonst sterben vor Kummer. Mich erfaßt oft ein unsagbares Wehe, wenn ich alles sehe; ich stehe dann ratlos da und muß schmerzerfüllt ausrufen: „Ist denn kein Balsam in Gilead? Ist kein Arzt daselbst? Warum macht die Heilung meines Volkes keine Fortschritte? O, daß mein Haupt zu Wasser würde“ u.s.w. Jer. 8, 22. Ist doch die geistliche Krankheit unter Ihnen noch viel schrecklicher, als die leibliche. Doch ich muß mir auch sagen: „Ja, Gott sei Dank, es gibt eine Salbe, einen Balsam, fähig, auch die tiefen, diesem armen Volke von der Sünde geschlagenen Wunden zu heilen; es ist das Wort vom Kreuz“. Diese suchen wir ihnen denn auch zu bringen, und wir bemerken zu unserer Freude, daß es nichr ganz ohne Wirkung bleibt. Es gibt verschiedene Wege, auf denen wir ihnen das Wort von der Versöhnung nahe zu bringen suchen. Da ist erstens der Weg der praktischen Liebe. Wir baruchen nicht lange nach Gelegenheit zu suchen, um praktische Liebe über zu können. Diese ist, wie schon erwähnt, gerade in der Pfelege der Kranken am besten möglich. Täglich haben wir Gelegenheit genug, Kranke zu behandeln. Sie kommen zu Pferde, manche auch zu Fuß, und holen sich Medizin. Öfters haben wir auch schwer Kranke aufgenommen und sie verpflegt. Letzten Sommer hatten wir mehrere Monate eine Frau und einen Mann in Behandlung. Der Frau waren die Zehen bis auf zwei am Fuße abgefault, ebenso ein großer Teil vom Fuß selbst. Ich konnte anfangs den Fuß gar nicht verbindn, weil mir vor Gestank immer unwohl wurde. Meine liebe Frau, Schwester und Bruder T. haben sich ebenso viel Mühe gemacht. Jeden Tag mußte zweimal frisch verbunden werden. Nach dieser langen Behandlung war endlich der Fuß der Frau soweit, daß er sich zu schließen begann, wohingegen wir mit dem Manne kaum eine Besserung erzielten. Da auf einmal zogen sie weg, und es ist zu erwarten, daßnach einem halben Jahr die Frau wieder kommt mit einem Fuß „ärger denn zuvor“, und dieselbe Geschichte beginnt von neuem. Auf Dank braucht man natürlich nicht zu rechnen. Meine liebe Frau pflegte vor einger Zeit einen jungen, etwas mehr gebildeten Kirgisen, der durch einen herabrollenden Stein am Knie sehr verwundet war. Sie hatte viel Arbeit und Mühe mit ihm. Eines Tages kamen seine Verwandten und holten ihm davon. Er ging fort, ohne ein Wort des Dankes zu sagen. Wie gut, daß meine liebe Frau es um Jesu willen getan hatte, sonst wäre die Enttäuschung doch recht bitter gewesen. Gefreut haben wir uns aber doch über den jungen Mann. Er las sehr gern im „Jnjil“, den vier Evangelien, die wir ihm gegeben hatten. Unser blinder Btuder aus den Sarten, Bruder Achmat, kam auch oft und lies ihn etwas vorlesen, worüber sich der Kranke freute. Sie hatten dann oft Unterhaltungen über den „tschang peigambar; chutaning ugli“, d.h. den großen Propheten, welcher ist der Sohn Gottes.
Ein Bruder hat auf seinem Hofe ein Krankenhaus erbaut mit sechs großen Zimmern. Es soll den Kirgisen dienen. Zunächst gedenken wir ein Zimmer darin einzurichten als Handarbeitsschule, wo unsere Schwestern den kirgisischen Frauen und Mädchen Unterricht erteilen werden im Nähen, Stricken und dergl., im Großen dürfen wir ja nicht gleich arbeiten. Dies wird dann eine gute Gelegenheit sein, mit ihnen das Evangelium zu lesen. Ein anderes Zimmer soll dazu dienen, kirgisische Frauen, die zur Entbindung kommen, aufzunehmen. Ein drittes Zimmer wird mir dann vorläufig als Tischlerwerkstatt dienen. Hier vereinigt man in einer Person mehrere Berufsarten, so kommt es vor, daß ich an einem Tage Arzt, Zahnarzt, Dachdecker und Tischler bin, und das alles zu dem Zweck, meinen Hauptberuf ausüben zu können, nämlich die Botschaft vom Kreuz zu verkündigen.
Einen andern Weg, den Kirgisen das Evangelium zu bringen, haben wir noch darin, daß wir größere Reisen unternehmen und sie besuchen. Vor kurzem machten Bruder H. J. und ich eine silche vor einer 9tägigen Dauer. Da muß man dann vor allen Dingen auch Medizin mitnehmen, um Eingang bei ihnen zu bekommen; dann den Jnjil, d.h. das Neue Testament und ein anspruchloses mit göttlicher Liebe erfülltes Herz. Auf solcher Reise muß man den Kirgisen ein Kirgise werden; das suchten wir denn auch zu tun. Dem Fleische ist dies zwar nicht gerade angenehm, denn man macht auf solchen Reisen recht unliebsame Bekanntschaft mit den verschiedenen Arten von Ungeziefer, welches bei allen Nomaden reichlich vertreten ist. Dazu gibt es lange Ritte im heißen Sonnenbrande durch wilde, dürre Steppen oder Gebirge. Das Essen, welches man bekommt, ist auch nicht dazu angetan, die Stimmung zu heben; dazu die Nächte, in denen man nicht sicher ist, ob man am andern Morgen sein Pferd wieder sehen wird. Daß das Essen unter ihnen nicht immer dazu angetan ist, einen europäischen Gaumen zu befriedigen, möge folgender Vorfall, der durchaus nicht vereinzelt dasteht, klar machen. Eines Mittags kehren wir bei einem reichen Kirgisen ein. Nachdem Bruder J. erklärt hatte, daß wir durchziehende Reisende seien, dazu sein Begleiter noch ein Doktor der Medizin, lud man uns ein, abzusteigen und einzutreten. Es dauerte auch nicht lange, dann brodelte der Topf mit Schaffleisch auf dem Feuer, während Bruder J. das Evangelium verkündigte. Nachdem das Fleisch gar war, setzten wir uns alle auf dem Boden nieder, um zu essen. Auch wir bekamen unsere Schüssel mit Fleisch und Kultschei (das sind gekochte Teiglappen). Da wir großen Hunger hatten, griffen wir sogleich zu. Das Fleisch schmeckte auch leidlich gut ebenso der Kultschei, in welchem aber viel Sand war. Hin und wieder bemerkte ich, daß Bruder J. etwas von seinem Fleisch herunterscharrt und werde aufmerksam. Auf meine Frage, was das sei, sagte er, daß er Würmer seien. Jetzt beginne auch ich mein Stück Fleisch einmal zu untersuchen, es war ein recht saftiges Stück, und bemerkte zu meinem Schrecken, daß die Falten voller dicker Würmer stecken. Ich aß nun recht langsam und fragte Bruder J., was ich tun solle. Er sagte, ich solle weiter essen, aber ich konnte fast nicht mehr, so war es mir in die Glieder gefahren. So war ich denn bald satt und freute mich, als andere sich über meine Schüssel hermachten. Bruder J. war jedoch anderer Ansicht und meinte, man müsse sich unter allen Umständen satt essen, da wir doch wieder weiter zu reiten hätten.
Vielleicht wird man in Deutschland sagen, daß dieses alles sehr schwer sei; doch ich möchte bemerken, daß alle diese an und für sich unangenehmen Dinge 100 mal aufgewogen werden, wenn man sieht, wie diese halb wilden Menschen durch das Wort vom Kreuz ergriffen und manchmal ganz gerührt werden. Sie fassen sich dann auf die Brust und sagen: „Rast, rast!“ d.h., es ist so wie du sagst. Wir fanden auch auf dieser Reise eine Anzahl suchender Seelen, die ganz offen für die Wahrheit waren, doch auch viele, viele, die gleichgültig bleiben, weil sie die Sünde nicht lassen wollen.
Eines Abends kehrten wir in einem Aul ein und suchten Unterkunft für die Nacht. Eine Anzahl Kaisacken standen bei ihren Zelten, aber entgegen den Lehren Mohammeds hatte keiner Lust uns eizuladen. Nun war gerade der Sohn eines Richters bei der Gruppe, und man bedeutete ihm, er solle uns aufnehmen, da sein Vater doch so reich sei. So ritten wir mit ihm zu seiner Kibittka. Hier gab man uns ein besonderes Zelt; der Richter selbst war nicht zu Hause. Wir warteten, bis er kam. Er ließ uns sofort Fleisch und Tee bringen, ebenso Decken zum Sitzen. Man sah sofort, daß er ein unaufrichtiger Mann war. Er konnte uns gar nicht anschauen, seine Augen wanderten unstät hin und her und war vollständig verschlossen gegen das Evangelium. Bruder J. sagte sogleich, daß wir einen schlechten Aul getroffen hätten und uns vorsehen müßten. Der Richter fragte uns, ob wir eiserne Schlösser hätten, die Pferde anzuschließen, da hier viel Pferdediebe seien. Wir hatten natürlich keine, und Bruder J. sagte ihm, wenn unsere Pferde bei ihm gestohlen würden, wir ihn dafür verantwortlich machen würden. Wir gewannen dann einen Diener des Richters für uns, versprachen ihm, wenn er die Pferde gut besorgen und bewachen würde, wir ihm ein „Gilau“ (Geschenk) geben würden, befahlen uns selbst dann dem Schutze des Herrn an und legten uns nieder. Wir hörten noch viel Pferdegetrampel, viel Hin- und Herlaufen, schliefen aber endlich vor Müdigkeit ein. Als ich wach wurde, war es Morgen, und ich war selbst verwundert, daß ich so ruhig geschlafen hatte. Während wir Frühstück aßen, versammelten sich eine Anzahl Männer, und wir hatten eine Unterredung mit ihnen, d.h. Bruder J. redete, und ich betete. Einige waren ergriffen, andere ganz kalt. Jetzt stellte sich auch heraus, daß wir gerade mitten in einem Diebes- und Räubernest übernachtet hatten. Einer der Diebe hatte vier Vorladungen in der Tasche, worin er von der russischen Regierung wegen vier verschiedener Diebstähle zur Verantwortung gezogen wurde. Er hat Bruder J., die Vorladungen zu übersetzen, er wollte dann an den betreffenden Personen Rache nehmen, die ihn des Pferdediebstahls angeklagt hatten. Glücklicherweise waren die Namen dieser Personen nicht genannt. Bald brachte der Diener auch unsere Pferde, wir gaben ihm seinen Gilau, machten noch einige photographische Aufnahmen und zogen mit Dank gegen Gott weiter, der uns auch diesmal so treu geholfen hatte.
Ob man sich nun auf der Reise ider zu Hause befindet, eine Wahrnehmung macht man immer wieder, nämlich, daß die Behandlung der Kranken eins der beste Mittel ist, um an die Herzen zu kommen. Wir versuchen auch, uns dieses Mittels zu bedienen und geben viel Medizin aus. Anfänglich gaben wir alles umsonst, da doch die meisten nicht wohlhabend sind, aber wir haben die Erfahrung gemacht, daß sie dann die Sache nicht genügend schätzen. So nehemn wir jetzt, wo es geht, fünf Kopeken (10 Pfg.) von ihnen. Selbstverständlich betragen die Kosten mehr, aber der Herr hat uns bis jetzt immer noch das Nötige dargereicht. Er wirs es auch ferner tun, das glauben wir. Wir brauchen besonders viel Verbandstoffe, da viel Wundkranke zu behandeln sind. Es wären ja Kinder Gottes in Deutschland willig, solche hierher zu senden, aber das gehr gar nicht wegen des hohen Zolles, der darauf ruht. Wir möchten daher auch in dieser Sache von neuem um die Fürbitte der Kinder Gottes bitten. Er kann ja helfen! Wie es weiter gehen wird, wissen wir nicht. So viel ist sicher, daß wir Schwierigkeiten entgegengehen, die aber für unsern Gott und für uns Herrlichkeiten bedeuten mögen. Jedenfalls hören wir nicht auf, auf den Herrn zu blicken, dem ja alles bekannt ist. Wenn auch vorläufig noch kein direkter Erfolg in Gestalt von Bekehrungen zu verzeichnen ist, so haben wir dennoch keinen Grund zu verzagen, wenn wir uns erinnern, daß wir noch immer „unter Wasser“ arbeiten und bedürfen wir deshalb umsomehr der Fürbitte und Mithilfe des Volkes Gottes.
Im Übrigen geht es uns, dem Herrn sei Dank, noch gut, nur liegt seit gestern meine liebe Frau an Rheumatismus darnieder. Wir hoffen aber auf baldige Wiederherstellung. Geschwister T. und Geschwister H. geht es ebenfalls gut. Bruder H. J. ist auf einer Reise nach Chiwa, wo er mit seiner Frau seine alten Eltern besuchen will. Er wird auch auf dieser Reise genug Gelegenheit haben, das Wort vom Kreuz zu verkündigen. Bruder A. J. tritt voraussichtlichnächste Woche seine Reise nach den deutschen Kolonien an der Wolga an.

B.

   
Zuletzt geändert am 3 Dezember, 2018