Home | Chortitza Kolonie | Molotschna Kolonie | Dörfer in Russland | Bücherregal | Karten | Bilder | Namen | Sitemap

 

Bericht aus Asien in der Zeitung "Offene Türen" Nr. 10, Oktober 1913, S. 7-10

 

Zugeschickt von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Offene Türen" Nr. 10, Oktober 1913. (gotisch) von Viktor Petkau.

 

 

Asien.
Unter den Kirgisen in Zentral – Asien.
10 – 23. Juli 1913.

Von der Arbeit hier kann gesagt werden, was von jeder Arbeit unter den Mohammedanern gilt: es ist eine „Geduldsarbeit“. (Röm. 2, 7). Im Laufe des verflossenen Winters haben mehrere Brüder, welche glaubten, von Gott den Auftrag dazu zu haben, den Kirgisen in ihren Winterquartieren Besuche abgestattet. Die meisten Kirgisen leben zur Winterzeit in den Bergen, wohin keine Wagenwege führen. Daher ist man angewiesen, sie zu Pferde zu erreichen. An zwei solcher Besuchsreisen nahm ich teil, während ich an einer dritten nicht teilnehmen konnte wegen Krankheit. Jeder Ritt nahm mehrere Tage in Anspruch, und nur die Gastfreundschaft der Kirgisen ermöglichte es, eine so ausgedehnte Zeit dort zu weilen, da sie Nachtlogie und Futter für die Pferde zur Verfügung stellten. Brächten diese dem Evangelium solche Aufnahmewilligkeit entgegen wie den Besuchern, dann würden bald viele Kirgisen nicht mehr Mohammedaner sein.
Auf der ersten Reise, woran ich teilnahm, nächtigten wir u.a. bei einem alten wohlhabenden Mann. Sein Reichtum bestand in einigen hundert Schafen. Dieser Reichtum ermöglichte es ihm, außer seiner ersten ihm gleichalterigen Frau noch eine zweite zu haben, welche 20 Jahre alt war. Letztere war kinderlos, während die erstere Mutter von 3 gesunden dickbackigen Kindern war. Das jüngste, ein Mädchen von 6 Jahren, hatte stets seinen Platz zwischen Vater und Mutter, welche am Kopfende des Bettes, gegenüber dem Eingange saßen, während die junge Frau und die andern 2 Kinder sich nahe der Tür plazierten. Der jungen Frau lag die Verrichtung der häuslichen Arbeiten ob, während die alte sich mehr der Arbeit entzog und den Unterhaltungen lauschte. Familienliebe war in diesem Zelte wohl nichts Unbekanntes, was aus dem gegenseitigen Verhältnis der Familienglieder zu schließenwar. Wir wurden freundlich mit Tee und Nan (flaches Brot) bewirtet. Etwas später wurde noch ein Stück Pferdefleisch über Feuer gebracht, das beinahe den ganzen Tag in der Mitte des Zeltes lodert, und eine verhälnismäßig wohlschmeckende Suppe, Kultschataj genannt, zubereitet und uns vorgesetzt. Während dessen wurden mit dem alten Zeltbesitzer Gespräche geistlichen Inhalts geführt. Dieser wollte sich über seine Sünden beruhigen, indem er vorgab, daß er sie jedes Jahr einem Priester bekenne. Doch seine tiefen Seufzer: Alla! Während der Nacht und seine Äußerungen am folgenden Morgen zeugten davon, daß ihm die herrlichen Erfahrungen des Psalmisten nach Ps. 32, 1 u. 2 völlig unbekannt waren. Unlängst hörte ich, daß dieser alte Kirgise bald nach unserem Besuche gestorben sei.
Ein anderer Kirgise, wo wir längere Zeit weilten und auch nächtigten, war ein junger Mensch, ein Bie (Volksrichter). Nicht weniger freundlich gestaltete sich die Aufnahme in diesem Zelte. Hier versammelten sich mehrere Nachbarn, was eine schöne Gelegenheit zu einer längeren Unterredung über das Heil in Chtisto bot. Einer der Anwesenden stellte die beschuldigende Frage: „Wenn das wahr ist, was Ihr sagt, warum seid Ihr denn nicht früher mit dieser Botschaft zu uns gekommen?

Dann erwähnte ich von den von uns besuchten Personen noch eine Witwe. Sie nahm uns freundlich auf. Auch diese hatte ihre Sorgen und Gedanken über Seligwerden. Uns zu Liebe ließ sie eines ihrer Schafe schlachten. Ehe dies Schaf den Händen des Schlächters übergeben wurde, wurde es in das Zelt geführt, wo wir saßen, damit einer der Gäste den Segen Gottes für den Sohn der Witwe herabflehe.

Auf solchen Reisen wird Gelegenheit geboten, immer mehr mit dem Innenleben der Kirgisen bekannt zu werden. Obwohl sie ein unwissendes Volk sind, sind die doch von dem Bewußtsein erfüllt, daß ihr Leben vor Gott nicht besteht. Dies Bewußtsein und das Sündengefühl muß bei ihnen vertieft werden, daß sie dahin kommen auszurufen: „Was muß ich zun, daß ich gerettet werde?“ Dann könnte das Evangelium von ihrem Erretter einen fruchtbaren Boden in ihren Herzen finden. Vor allem müssen diese Armen unaufhörlich im Glauben vor den Thron Gottes gebracht werden. Dort muß die Hauptarbeit ausgeführt, die Hauptschlacht geschlagen werden. Dort gilt es, für diese Seelen zu ringen, wie einst Epaphras für die Gemeinde in Colossä in seinen Gebeten rang, um sie dem Feind abzuringen. Das ist die norwendigste, doch auch zugleich die schwerste Arbeit, da der Satan alles Mögliche ins Feld führt, sie zu verhindern. Diesen Gebetskampf fürchtet er, da er auch die Notwendigkeit und Wichtigkeit desselben kennt.
Nun noch einige Mitteilungen über die zweite oben erwähnte Reise. Diese sollte den in der von hier 130 Werst entfernten Wüste lebenden Kaißaken gelten. Doch eine dicke Schneeschicht, welche die Fläche der Wüste bedecke, machte es sehr schwer oder sogar unmöglich, hier eine längere Zeit zu verweilen, da hier jetzt Mangel an Futter war. Denn jetzt mußten ihre Schafherden gefüttert werden, während diese in schneefreier Zeit selbst ihre Futter suchen. Daher machten wir einen Eilritt durch die Wüste und besuchten nur einige Kaißaken in ihren Wohnungen. Die erste Nacht verbrachten wir in einem Tam (Erdhütte). Hier fanden wir freundliche Aufnahme und Willigkeit, das Wort Gottes zu hören, was uns sehr angenehm war. Noch angenehmer hätten wir uns gefühlt, wenn nicht der von dem in der Mitte der Hütte lodernden Feuer aufsteigende Rauch unsern Augen so viel Schmerz verursacht hätte. Leider war die Hausfrau taubstumm und ihr ältester 40jähriger Sohn schwachsinnig. Eine andere Nacht verbrachten wir in dem Zelte eines harten Mannes, der anfangs sich sehr kühl uns gegenüber verhielt, doch dann etwas weicher wurde. Doch für unsere Botschaft hatte er kein Ohr und Herz.
In einem anderen Zelte trafen wir einen Mullah, der vor einigen Monaten bei dem Besuch einiger Brüder der Wahrheit zugeneigt gewesen war, jetzt aber die verschiedensten Widersprüche erhob.
Das Endziel dieser Reise war die deutsche Ansiedlung am Flusse Tschu. Wir fanden es für richtig, hier eine Woche zu arbeiten. Abends wurden Versammlungen in ihrem Schulhause gehalten und am Tage die Leute in ihren Häusern besucht. Da diese Ansiedlung im vorigen Jahre von einer Mißernte betroffen wurde, und die Ansiedler durchweg arm sind, war es ihnen sehr angenehm, daß die mit mir reisenden Brüder ihnen eine von der Nikolaipoler Ansiedlung gewährte Unterstützung, bestehend in Getreide zur Saat und Speise, mitteilen konnten. Von hier aus wurde auch ein Russendorf besucht. Eine kleine Anzahl Personen versammelten sich hier abends, mit welchen wir über das Heil in Christo sprachen. Von einer Frau wurde Widerspruch erhoben, indem sie auf die Notwendigkeit der Verehrung der heiligen und auf die Beobachtung verschiedener äußerer Zeremonien hinwies. Auch sprach sie ihren Verdacht über die Echtheit des Neuen Testaments in russischer Sprache, das wir bei uns hatten, aus. Schließlich sagte sie, daß das Evangelium die Leute verrückt mache, und als Beweis dafür erzählte sie, daß sie im Innern Rußlands einen Bruder habe, der infolge des Lesens des Evangeliums ein Baptist geworden sei. Den folgenden Morgen erbaten wir uns bei dem Hauswirt die Erlaubnis, eine Morgenandacht zu halten, wie wir die Gewohnheit in unseren Familien haben. Es wurde in russischer Sprache ein Lied gesungen, aus dem Evangelium Lukas 19, 1 – 10 verlesen und dann gebetet. Die Familie verhielt sich ruhig, nahm aber nicht Teil daran. Wir wollten dem Sohne des Hauses ein russisches Evangelium schenken, doch die Großmutter erlaubte es nicht. Sie zog es vor, ein solches von ihrem Priester, welcher ungefähr 60 Werst entfernt wohnte, zu kaufen. Ein kleines zerrissenes Evangelium besaßen sie. Dieses war sorgfältig in Papier verpackt und hatte seinen Platz bei den Heiligenbildern, wurde aber nie gelesen. Die Wirte in diesem Dorfe sind fast alle reich, und der Mammon ist der Besitzer der Herzen. Dieser macht den Boden hart und unempfänglich.
Geschwister B. sind schon fast zwei Monate in unserer Mitte. Es ist hier viel Arbeit. Viele arme kranke Kirgisen suchen Linderung ihrer Schmerzen. Einige von ihnen sind durch die Krankheit schrecklich zugerichtet. Sie sind buchstäblich unter die Mörder (die Syphilis) gefallen, welche sie halbtot liegen ließen. Wahrscheinlich erscheint über diese Arbeit später ein spezieller Bericht. Meine liebe Frau und ich sind froh und dem Herrn dankbar, daß wir auch hierin Handlangerdienste tun können. Außer Kraft und Zeit erfordert diese Arbeit eine Menge Verbandstoff und anderes mehr, das wir unentgeltlich abgeben. Bis jetzt hat der Herr uns mit allem Nötigen zu diesem Zwecke versehen. Ihm die Ehre!

Th.

   
Zuletzt geändert am 3 Dezember, 2018