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Lebenslauf des Jakob Wölk (1823-1908) (#350373), Fischau, Molotschna. In der Zeitung "Mennonitische Rundschau" vom 23. Juni 1909, Seite 16-17

 

Abgeschrieben von Alena Eckert, alle ihre Berichte.

 

Da in No. 7 der Rundschau schon vom Editor angedeutet wurde, dass ich noch eine Beschreibung vom lieben Vater einsenden würde, so will ich solche hier folgen lassen. Doch zuerst noch eine Vorbemerkung. Da es sich mit Bestimmtheit voraussetzen lässt, dass diese Zeilen vielen in die Hände gelangen werden, denen manche hier später genannten Orte und Personen bekannt sein werden, darf es ihnen nicht vorenthalten werden, dass diese Beschreibung schon im Jahre 1891 vom Verstorbenen abgefast worden ist und dass folge dessen jetzt manche andere Bewohner an verschiedenen Orten wohnen als hier genannt und solches von den Lesern nicht für unrichtig angesehen werden darf. Nun führen wir uns den lieben Verstorbenen nochmals im Geiste vor und lassen ihn seine Erlebnisse selbst erzählen.
Den 1. Mai 1789 ist mein Vater Kornelius Wölk (#21405) geboren und den 15. April, 12 Uhr nachts 1843 ist mein Vater Kornelius Wölk im Alter von 53 Jahren 11 Monaten 28 Tagen gestorben.
Den 19. Januar 1794 ist meine Mutter Anna Braun (#265596) geboren und den 3. März 1877 ist sie im Alter von 83 Jahren 2 Monaten gestorben.
Im Jahre 1822 haben meine Eltern von Tiegenhagen nach Tiegenweide angesiedelt auf die Wirtschaft No. 1. Im darauffolgenden Jahre 1823 wurde ich selbst geboren. Indem es den Eltern daselbst nicht gefiel, wahrscheinlich deshalb, weil die Geschwister der lieben Mutter alle an der Molotschna wohnten, verkauften sie die Wirtschaft in Tiegerweide im Jahre 1830 an Jakob Peters und kauften in Muntau die Wirschaft No. 20 von Isbrand Dück (wahrscheinlich #56486) für 2000 Rubel. Darauf folgten aber bald gänzlich Mißwachsjahre, besonders in den Jahren 1833 und 1834, so dass wir nicht unser eigen Brot zu essen hatten und solches vom Gebietsamt vorgestreckt wurde, worauf große Prozente heranwuchsen; dazu lastete noch bedeutende Krons-Vorschussgelder von der Ansiedlung auf unserer Wirtschaft, welche beim Kauf mit übernommen waren; darauf wurden meine Eltern noch kränklich und konnten die Wirtschaft Schwächlichkeit halber nicht bearbeiten. Einnahmen waren nachdem nachdem fast keine, weil das Vieh in den Mißwachsjahren hatte müssen abgeschafft werden und das wenige Getreide was 1835 und 36 schon geerntet wurde preiste trotzdem doch nur sehr wenig und waren die Schulden so aufgehäuft, dass unser Vater sich genötigt sah, die Wirtschaft abzugeben und zwar an Joh. Dück und Abr. Löwen.
Dann behielten meine Eltern die Schafe, die sie noch hatten, und kauften noch so viel dazu, dass es hundert Stück waren, für einen ziemlich hohen Preis. Weil die Schafe damals anfingen ein Hauptindustrie zu werden, also für ihre Zukunft eine Unterhaltung sein sollten, wurden die selbige bei meinem Onkel Johann Braun (wahrscheinlich #5718) auf Majetschka auf ein Jahr eingedungen zu 1 Rubel per Stück. Nachdem die Schafe ungefähr ein Jahr dagewesen, waren nur noch die Hälfte davon, wegen so flau Wasser wie auch Weide standen die Schafe da nicht, und musste also diese Chuterei wieder aufgegeben werden. Der Onkel verkaufte seine wie auch unsere Schafe für den halben Preis was wir bezahlt hatten, dabei ging so ziemlich das letzte Vermögen der Eltern verloren.

Doch ich bin schon zu weit von meinem Motto abgekommen und muss deshalb zurückgehen, um meinen Zweck nicht zu verfehlen, nämlich mehr meinen Lebenslauf oder Begegnungen suchen darzustellen, wozu mir ein Kollege meines Alters sehr behilflich sein würde, weil ich aus meiner Jugendzeit keine Abschriften habe und solches nur aus meinem Gedächtnis sammeln muss.

Nehme denn zuförderst meinen Anfang, wie schon erwähnt, dass ich den 15. Mai 1823 in Tiegerweide geboren bin und kaum das sechste Jahr erreicht, schon anfing die Schule zu besuchen. Weil damals aber in Tiegerweide noch kein Schulhaus war, so wurde, wie es in neuen Dörfern gewöhnlich ist, in Privathäusern Schulunterricht gehalten. Und so war mein Anfang bei Jakob Rempels in der großen Stube, allwo ein Lehrer Namens Bachmann den Unterricht erteilte.
Im folgenden Jahre kam’s schon anders, da war schon ein neues Schulhaus, auch ein neuer Schulmeister Namens Konrad. Ich erinnere mich noch, dass einmal wegen aufs Eis glitschen gehen eine Menge, wenigstens 20 Schüler, zur Strafe mitten im Schullokal auf den Knien liegen mussten, unter welchen auch ich mich befand. Es machte uns nicht wenig Spaß, ein solche Anzahl Schüler in Gesellschaft zu knien; demgemäß war damals die ganze Ordnung in der Schule, doch lernte ich schon das ABC vorwärts und auch rückwärts.

Nun zogen meine Eltern in Frühjahr 1830 nach Muntau. Da fand ich meinen dritten Schullehrer Namens Jakob Friesen; derselbe hatte mehr Schulkenntnisse schon aus Preußen mitgebracht und erzählte uns schon Weltgeschichten aus preußischen Städten und Dörfern, diktierte uns schon Briefe und bekamen auch schon etwas vom Brücherechnen. Freitags wurde Gesang geübt, wobei die Lehrerin Führer war. Dieser Lehrer Friesen war in den knappen Jahren 1833 und 1834 daselbst, wodurch er es denn auch gut erfuhr, welches mehr bemittelte Eltern der Schüler waren, weil solche ihn oft mit Lebensmitteln begabten, wodurch ihren Kindern bedeutender Vorzug zuteil wurde. Nach diesem Lehrer Friesen kam ein Lehrer Abr. Neufeld aus Blumstein, also mein vierter Lehrer, bei welchem ich denn auch Schluss mit dem Schulbesuch machte, nachdem ich mein 14. Jahr zurückgelegt hatte. Er war ein tüchtiger Lehrer, von dem ich mancher guten Belehrung mich noch erinnere.

Nachdem ich nun mein Kursus beendigt hatte, ging‘s zum Handwerker und zwar zum Schuhmachermeister Gerhard Wiens in Muntau. Der Winter war noch nicht zu Ende, da starb die einzige Tochter des Meisters – er hatte nur einen Sohn und eine Tochter – dann ging’s noch mit dem Handwerk; aber nicht lange danach starb auch die Frau des Meisters, dann hieß es: kümmere dich um einen anderen Meister.

Weil die Schuhmacher aber noch nur sehr selten waren, bekam ich keine Stelle. Meinem Kollegen Jakob Löwen ging es gerade so und somit begaben wir uns auf ein anderes Handwerk und zwar zum Horndrechselmeister, Joh. Fast, in Halbstadt im Jahre 1839. Dort war ich ein Jahr und lernte so viel, dass ich schon Pfeifenröhre und Schmiedgen allein machen konnte. Im Jahre 1840 begab ich mich schon als Geselle nach Petershagen zu einem Jakob Worms, ebenfalls ein Horndrechseler, der aber auch bei an Schulmeister war, welches mir sehr zustatten kam, weil ich eigentlich von Jugend auf einen Trieb zum Schulfach hatte und deshalb hier die Schule dem Handwerk bevorzugte. Dieses war dem Lehrer denn auch von großem Interesse, weil er sich oft Nebengeschäfte machte und mir die Schule öfters überließ, was mir denn auch viel besser ging als das Handwerk, besonders weil die obersten Knaben beinahe meines Alters waren. Dazu konnten wir uns noch während seiner Abwesenheit die Lehrgegenstände selbst wählen, was öfters Anfang war, woraus denn doch meistens ein regelmäßiger Stundenplan entstand. Ich muss es aber gestehen, dass dieser Winter von großem Nutzen für meine späteren Jahre gewesen ist, weil ich zu diesem Fache, wenn auch nur um 12 Jahre später, kam. Inzwischen führte der Herr mich noch auf manche andere Wege und könnte der Mensch solche im Voraus sehen, dann würde er in seiner Schwachheit wohl manchmal fragen: warum Herr, so weit herum? Und wenn wir uns auch so manchen Nebenweg wählen, so führt er doch zum Ziele. Hier bei oben erwähntem (Jakob) Worms war ich nur einen Winter, kaufte ihm aber die Drehbank mit Gerätschaft ab, um mein eigenes anzufangen.
Dann hatte sich mein Vater zum Sommer 1840 einen Neubau bei Karl Wirtman in Altnassau übernommen. Weil mein Bruder Kornelius (#140456) aber nicht zu Hause war, so entschloss ich mich, zimmern zu gehen, also mein Vater als Meister und Onkel Franz Nießen als Werkgeselle, und dessen Stiefsohn Jakob und ich bauten daselbst Wohnhaus und Stall, welches auch heute noch dasteht.
Dann begab ich mich zum Winter nach Halbstadt zu meiner Schwester und Schwager Jakob Barchen in die Kost. Der Schwager machte sich auch eine Drehbank und lernte dann das Handwerk von mir. Wir verfertigten dann so viel, dass wir es aus dem Hause nicht alles absetzen konnten, und mussten daher mit unserem Pfeifengeschirr ausfahren bis Pordenau, Rudenerweide, Großweide usw., allwo wir es an die Krämer verkauften. Weil dieses Handwerk aber schon von so sehr vielen gelernt wurde und Arbeit immer weniger gefordert wurde, indem das Zigarren rauchen immer üblicher wurde, so ging diese Handwerk meistens ein.
Dann begab ich mich wieder zum Sommer 1841 aufs Zimmer beim Meister Jakob Löwen, welcher sich in Heidelberg eine Scheune zu bauen übernommen hatte, welche ich denn auch ganz aufbauen half; der Bauherr hieß Christian Pfund. Was nun zum Winter? Das Handwerk war ganz stehen geblieben, weil nicht mehr Arbeit gefordert wurde. Nun im Herbst Prischipper Markt trat ich solche Kameraden von Rosenort, mit denen ich bekannt geworden war als ich eine Saatzeit in Rosenort bei meiner Nichte Heinrich Neufelds gewesen. Diese rieten mir, sollte mich nach Rosenort als Knecht vermieten, ein Wirt sei auch hier auf dem Markt, der mich haben wollte, es war ein David Boschman, welcher mit seinem Sohne zusammen die Wirtschaft betrieb. Barger Bernt von Lichtenau diente daselbst; derselbe sprach mir zu, daselbst zu vermieten, weil es gute Leute waren, was sich denn auch so verhielt. Wir wurden uns dennoch auf dem Markte einig und ich nahm Handgeld auf 125 Rubel Banko. Dieses Jahr 1842 diente ich also zwei Herren, es gab aber nur eine sehr geringe Ernte, d.h. an Getreide; Heu gab es dennoch ziemlich viel, jedoch die Gehälter fielen.

Zum folgenden Jahre vermietete ich mich daselbst bei Franz Kornelsen für 125 Rbl. In diesem Jahre 1843 gab es noch weniger Getreide, von 10 bis 15 Tschtw. Weizen von der Wirschaft und so auch nur das Übrige. Es war ein sehr frühes Frühjahr, denn es wurde schon den 8. März die Saatzeit beendigt. Dann fing es wieder an zu frieren und schneien, so dass wir am folgenden Morgen, welches Sonntag war, auf den Schlitten zur Kirche fuhren. Das erstgesäte Getreide war schon aufgegangen und grünte, verfror aber sozusagen total. Ich habe es bisher beobachtet, dass solche frühe Saatzeit nicht eine reiche Ernte gab. Es war dieses für mich wichtiges Jahr, weil mein Vater in demselben starb.

Zum Winter 1844 begab ich mich wieder auf mein Drechsler Handwerk und zwar bei meiner Schwester und Schwager Peter Löwens in Muntau; auch Johann sein Bruder war da in Kost und arbeitete an der Hobelbank; wir zahlten beide Kostgeld und schliefen in einem und demselben Bett. Im Frühjahr 1845 gingen wir beide mit dem Meister Peter Weiß mit Zimmern nach Prischipp zum Vorsitzer Glöckler. Dann wurde ich im Herbst krank und musste etwa drei Monate im Bett zubringen. Ich hielt mich dann schon wieder im Herbst bei meiner Schwester J. Barchen auf und zu Neujahr war ich so ziemlich wieder gesund, nur noch sehr schwach.

Im Jahre 1845 vermietete ich mich nach Fabrik-Klassens zum Aufseher über die Leute nur in der Wirtschaft, bekam von Neujahr bis Martin 125 Rubel, ich war da mit Abr. Driedger zusammen. Das folgende Jahr 1846 habe ich bei P. Thießens, Muntau gezimmert bis zur Ernte mit P. Wiens, dann habe ich mich den 18. August 1846 mit Helena Löwen verheiratet. Sie wurde den 25. Februar 1827 geboren.

Wie schon erwähnt bin ich 1846 in den Ehestand getreten und wohnten wir die ersten zwei Winter bei den Schwiegereltern, Wilhelm Löwens (#46020) in Muntau. Im Winter betrieb ich das Drechslerhandwerk und im Sommer ging ich zimmern, während meine liebe Frau sich mit Strohhüte flechten und Nähen beschäftigte. Schon im zweiten Jahr schafften wir uns Pferde und Wagen an und pachteten auf der Schäfereisteppe sechs Deßj. Land, hatten auch im Jahre 1848 eine ziemlich gute Ernte. Jedoch wegen Mangel an Raum sahen wir uns nun genötigt, um eine andere Wohnung zu kümmern und mieteten wir uns das Dorfshaus nebst ein Stück Wiese dabei für 25 Rbl und gab’s hier wenigstens auf einen Winter Heu für unser Vieh. In 1849 mussten wir uns wieder eine andere Wohnung besorgen, weil in dem Dorfhaus ein Dorfschmied Namens David Baier eingenommen wurde. Nun mieteten wir uns bei Johann Friesen ein, wo gegenwärtig Jakob Eck wohnt. Da hatten wir aber viel Unglück und trotzdem dass wir das Handwerk fleißig betrieben, kamen wir doch dieses Jahr einen tüchtigen Schritt zurück.

Wie schon erwähnt, wir hatten zwei Pferde, und im Frühjahr noch vor der Saatzeit wurde das eine Pferd toll, welches in eine Sarrai gesperrt wurde bis es am dritten Tage kreppierte. Da wir unserer viele damit geschafft hatten , mussten auch alle Tolltrunk trinken. Nun musste zur Saatzeit ein Pferd gemietet werden und die Ernte war in diesem Jahre nur gering.

Dann kam der Herbst mit seinen neuen Sorgen, und ich saß eines Abends wie gewöhnlich bei meiner Drehbank und meine liebe Frau bei ihrer Hantierung, als sich ganz unverhofft schon etwas späte die Türe öffnete und ein paar Männer eintraten mit der Anrede:  „Nun, Jakob, stelle Deine Drechslerei nur in den Winkel!“ Auf die Frage, was es nun gebe, bekam ich zur Antwort: „Die Gemeinde will dich zum Schullehrer haben, weil der Lehrer Gooßen den ferneren Schuldienst abgesagt hatte.“ Nun dachte ich, sollte der Herr uns hier eine Tür für unsere künftige Tage aufgetan haben? Ich konnte mich nicht gleich dazu entschließen, trotzdem ich hierzu nicht abgeneigt war, so war ich dazu doch nicht vorbereitet und sagte, dass ich vom Verein, welchem damals das Schulwesen oblag, nicht die Erlaubnis bekommen würde. Als ich dann beim Verein deswegen mit einer Bittschrift einkam, bekam ich zur Antwort: wenn ich hierzu einen inneren Trieb fühlte, würde der Verein mir behilflich sein, eine Schule übernehmen zu dürfen, wenn es auch diesmal in Muntau noch nicht sein konnte. Die Ursache weshalb ich die Schule nicht übernehmen durfte war, weil ich mich erst hierzu vorbereiten sollte, was mir den Mut nahm.

Doch der Herr wusste die Sache so zu lenken, dass ich bald Gelegenheit bekam, mir die erforderlichen Kenntnisse zu erwerben. Es trug sich also zu, dass die Muntauer Dorfgemeinde sich einen ledigen Lehrer Namens Isaak Fast mietete, welcher Einwohner brauchte, um die Schule zu besorgen und ihm die Kost zu geben. Dieses alles übernahmen wir uns nun auf ein Jahr (es war das Jahr 1850) und nahm ich diesen Winter teil am Schulunterricht; leider konnte ich die Zeit nicht so auskaufen, wie ich es vorhatte, weil ich oft kränklich war und mich deshalb in der Lehrart nicht so fördern konnte wie ich wollte. Dann musste ja auch für unsere Unterhaltung gesorgt werden, wozu wir auch noch etwas Pachtland besät hatten, wovon wir aber nichts bekamen, weil die kleinen Heuschrecken alles abfraßen, folge dessen wir auch nur ein kärgliches Auskommen hatten. Weil ich, wie schon erwähnt, oft kränklich war, wollte ich das Examen zum Frühjahr schon einstellen, aber der Zentral-Lehrer Jakob Wiebe flößte mir Mut ein, ich sollte es nicht aufgeben, denn es würde berücksichtigt werden, dass ich krank gewesen.

Das Frühjahr kam uns es fehlte an Schullehrer. Dann wurden wir unserer drei auf einen bestimmten Tag in die Halbstädter Zentralschule eingeladen, Abr. Ediger, Jakob Buller und ich. Ich ergab mich ganz in den Willen dessen, der mich bis hierher gebracht hat, würde mich auch ferner nicht verlassen. Ihr könnt euch denken, meine Lieben, was es für ein Ringen gab, aber wiederum musste ich erkennen, dass der Herr mit mir war. Wir wurden in Gegenwart des Vorsitzers Philipp Wiebe und Lehrer Jakob Wiebe, wie auch noch drei Schulzen, Gnadenfelder, Waldheimer und Fischauer geprüft, weil diesen drei Gemeinden es an Lehrern fehlteM wes musste jedoch ein jeder für sich allein Examen ablegen. Doch nach Beendigung des Examens erhielt ich die Erlaubnis mir die Schule in Fischau zu übernehmen. Mir wurde nun eine Gage fürs Jahr 1851 von 60 Rubel zugesagt, etwas Getreide, 3 Deßj. Heugras und 2 Deßj. Pflugland. Hier ging es uns nun ganz gut, nur musste ich auch in der Kriegszeit 1854 und 55 an Typhuskrankheit eine ziemliche Zeit leiden, woran hier im Dorfe mehrere starben. Sechs Jahre bediente ich in Fischau die Schule, wäre auch wegen Verhältnissen der Dorfgemeinde noch länger geblieben, wenn nicht die Muntauer Dorfgemeinde einen Riß hierin gemacht hätte, indem sie den Lehrer Isaak Fast entließ und mich mietete. Jedoch musste ich beim Vorsitzer David Kornies mit einer Bittschrift von annehmbaren Ursachen einkommen, um die Erlaubnis, die Schule zu wechseln, zur erhalten. Dann duften wir im Frühjahr 1857 mit Erlaubnis des Vorsitzers nach Muntau ziehen für eine Gage von 70 Rubel, etwas Getreide, 4 Deßj. Pflugland und 3 Deßj. Heugras.

Dann kam wieder eine ernste Zeit, indem der Herr meine Ehegattin, geb. Löwen, im Jahre 1860 durch den Tod von mir nahm. In demselben Jahre am 8. November (1860), trat ich in die zweite Ehe und zwar mit Helena Boschmann, geborene den 26. Dezember 1839.

Nachdem wir in Muntau zehn Jahre die Schule bedient, sollte die russische Sprache eingeführt werden, welcher ich nicht mächtig war, da ich solche gar nicht gelernt hatte in meinen Schuljahren, und somit trat wieder für uns eine schlimme Zeit ein. Doch schien sich wieder eine Tür zu öffnen, indem es hieß „Ansiedeln“. Ich bekam, da ich schon lange im Schuldienste war, die Erlaubnis, mir zu wählen wo ich ansiedeln wollte. Ich wählte mir auf dem Schäfereilande anzusiedeln, hatte schon ein Loos genommen; aber leider scheiterte auch dieses Vorhaben, denn die Anwohner mit ihren Kommission brachte es so weit, dass das unbesiedelte Land bei den Häusern zu 12 Deßj. zugeteilt wurde, und da wir kein Haus hatten, bekamen wir auch kein Land. Nun war guter Rat wieder teuer – denn Schuldienst hatte ich schon abgesagt und zur Landwirtschaft vieles angeschafft. Dann kaufte ich von Peter Thießen, Muntau, die Halbwirtschaft für 3200 Rubel. Im Frühjahr 1867 bezogen wir hoffnungsvoll diese Wirtschaft. Es war dieses wieder ein fruchtbares Jahr und bekamen wir 76 Tschtw. Weizen, konnten auf Abschlag unserer Wirtschaft 500 Rubel zahlen – also einen guten Anfang. Doch es ging nicht lange so; obzwar uns nur 1866 das Vieh alles krepierte, so fiel uns das Vieh 1873 wieder und zwar an der Pest. Dann sah ich mich genötigt, nebenbei etwas zum Erwerb zu betreiben. Entschloss mich für Abr. Ediger, Berdjansk, welcher mich dazu anhielt, Weizen zu kaufen, bekam 15 Kop. Kommission per Tschetwert. Es ging dieses Geschäft gut und verdiente ich auch ziemlich damit.

Im Herbst 1873 kam es wieder anders. Es kamen russische Fuhrleute bei uns auf den Hof und baten, ich möchte ihnen Weizen zu laden geben nach Berdjansk. Da diese Fuhrleute … Pass anzuweisen hatten, gewährte ich ihnen diese Bitte und gab ihnen auf sieben Fuhren, 38 ½ Tschetwert Weizen zu laden, welchen ich zu 11 Rubel 50 Kop. gekauft hatte. Weil es aber unaufrichtige Fuhrleute mit falschem Pass waren, lieferten sie den Weizen nicht an Kaufmann Ediger, Berdjansk, sondern an irgendeine andere Person, wodurch ich einen Verlust von 500 Rubel hatte. Jedoch das bekannte Sprichwort sagt: „Ein Unglück kommt selten allein.“ Dieses bewahrheitete sich auch bei uns. Zwischen Weihnachten und Neujahr brachen Diebe in den Stall, nahmen unsere besten Pferde, wie auch den Gemeindehengst, den Wagen und alles Geschirr, was im Stall war. Alles war spurlos verschwunden, außer dem Wagen, welchen wir zurückbekamen. Nun waren 500 Rubel für den gestohlenen Weizen die besten Pferde, welche damals 300 Rubel wert waren, weg. Also unser kleines Vermögen, welches wir hatten als wir die Wirtschaft kauften, war sozusagen gänzlich untergraben. Nun konnte ich mit Hiob einstimmen: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen usw. Ich erinnere mich noch, dass wiewohl ich mich sehr geschlagen fühlte, dennoch nicht zagte, denn ich wusste es zu gut, dass nichts von ungefähr geschehe und auch dieses eine Zulassung von Gott sei. Auch tröstete ich mich mit den Worten: „Der es nimmt, der gibt auch wieder.“ Mein Gebet war nun, der Herr, der Wunden schlägt, wolle uns aus Gnaden nochmals eine Türe auftun für unser zeitliches Fortkommen. Es wurde nun bekannt, dass die Witwe Bernh. Dörksen in Fischau ihre Vollwirtschaft am 10. Januar 1875 durch Ausruf verkaufen wollte, weil ich diese Wirtschaft gut kannte, dieselbe würde nicht teuer werden, kam es mir in den Sinn, diese müssten wir kaufen – doch nur wenn es des Herrn Wille sei. Ich bekam besonderen Mut hierzu und kaufte die Wirtschaft für 3305 Rubel.
Nach Verlauf eines Jahres wanderte auch genannte Witwe aus nach Amerika und habe ich dadurch erfahren, dass Kredit so gut als Geld ist weil die Wirtschaft ohne Aufschub musste ausgezahlt werden. Hier in dieser Wirtschaft wohnten wir bis 1901, dann ließen wir uns im Borgarten ein Haus bauen, welches wir zum Winter bezogen, indem wir die Wirtschaft auf ein Jahr abgegeben. Im folgenden Jahr 1902 verkauften wir im Herbst die Wirtschaft an D. Kornelsen, Fischau, für 9500 Rubel.
Von meinen Großeltern kann ich so viel mitteilen, dass sie 1803 von Preußen ausgewandert, eine schwere Reise von 10 Wochen bis zur alten Kolonie Choritz gehabt, wo sie den Winter geblieben und zum Sommer 1804 nach Molotschna im Gouv. Taurien ansiedelten unter Leitung des ersten Oberschulzen Klaas Wiens, Altonau, und wurden in diesem Jahre schon neuen Dörfer angesiedelt.

Von den letzten sechs Jahren, d.h. von 1902 bis jetzt sind keine Ereignisse vom lieben Verstorbenen zu verzeichnen.
Brüderliche grüßend, P. Wölk.

 

Das letzte Lebensjahr von Jakob Wölk (#350373), Fischau, Russland.
(Aus Mennonitische Rundschau, 17. Februar 1909, Seite 14-15)
Fischau, im Januar 1909. Werter Editor und Rundschauleser! „Denn wir sind Fremdlinge und Gäste vor dir, wie unsere Väter alle. Unser Leben auf Erden ist wie ein Schatte und ist kein Aufhalten.“ 1. Chron 29,15.
Einen herzlichen Gruß der Liebe zuvor! Veranlasst von verschiedenen Personen und dem Editor gegenüber meinem Versprechen nachzukommen über das Absterben unseren lieben Vaters etwas zu berichten, will ich solches hier folgen lassen und zwar die Ereignisse des letzten Jahres bis zu seinem Tode.
In der Nacht vom 31. Dezember 1907 auf den 1. Januar 1908 erkrankte unser lieber Vater so heftig, dass an ein Auskommen oder Genesung wohl kaum zu denken war. Jedoch der Mensch denkt und Gott lenkt. So war es auch diesmal, denn am 2. Mai war er wieder so viel hergestellt, dass er als Gast zu uns spazieren kam nach viermonatlicher Krankheit zum ersten Mal. Es besserte mit ihm, obzwar nur sehr langsam, jedoch so, dass er am 15. Mai, an seinem Geburtstag, froh in der Mitte seiner Kinderschar verweilen konnte, welch zu diesem Geburtstagfeste alle erschienen waren von nah und fern. Es durfte an diesem Tage die drei Brüder zu Ehre Gottes eine Ansprache halten, welche Textworte ich hier folgen lassen will.

Erstens sprach Br. Wilhelm (#1153314) über 2. Tim. 2,8: Halt im Gedächtnis Jesum Christ.
Dann Br. Johann (#1282184) über Offb. 22 Er zeigte mir usw.
Dann machte Br. David (#1320367), Schluss mit 2. Mose 15,23: Da kamen sie gen Mara usw. Er betonte es ganz besonders, dass auch der liebe Vater ein seinen 85 zurückgelegten Jahre sehr oft gen Mara gekommen, indem sich auch vor ihm der Himmel oft zu umwölken schien, als ob der Herr vergessen habe zu lieben.

Dann fernen war sein Befinden ein sehr wechselhafte – bald besser, bald schlimmer und blieb er wie auch früher schon, doch nach dieser Krankheit besonders schwächlich, wie es ja dem lieben Editor, der ihn am 19. Juni besuchte, noch bekannt sein wird.
Mit seligen Gefühlen und gerührten Herzens hat sich der liebe Vater noch oftmals des Besuchs des Editors und besonders des Gebets erinnert, und bringe ich an seiner statt meinen herzlichen Dank für den Besuch und auch für die Schlussworte oder Abschiedsworte an mich gerichtet, mit welchen er mir das Heil in Christo wünschte, welches so viele Menschen noch immer nicht annehmen wollen. Ja, obgleich es nur wenige, so waren es dennoch selige Stunden des Beisammenseins, Stunden der Unvergesslichkeit.

Nun verlebte der liebe Vater den Sommer hindurch unter großem Wechsel, und kam eine Zeit wo der Gedanke in uns rege wurde, ob der Herr ihn noch würde die goldene Hochzeit erleben lassen, bis zu welcher noch ein Zeitraum von 1 J, 10 M., 10 Tage geblieben. Doch wiederum; der Mensch denkt und Gott lenkt. Aber diesmal kam es anders als vorher, denn als er Weihnachten zweiten Feiertag gesund zu Mittag gespeist und sich dann vom Tisch erhob, um aus der hinteren Stube in die vordere zu gehen – die Stuben sind dem lieben Editor bekannt, nicht wahr? – (Jawohl, dort aßen wir zusammen grüne Bohnen und dann durfte ich mich durch ein Mittagsschläfchen erquicken – Editor), dann überfiel ihn der Husten und indem er sich noch beeilte, um die Bank zu erreichen, fiel er so heftig auf den Fußboden, dass er hilflos dalag und von den Anwesenden aufs Lager gebracht werden musste, denn das linke Bein konnte er nicht bewegen und sagte auch gleich, es müsse gebrochen sein, denn er hatte sehr große Schmerzen daran. Dann wurde noch vor Abend der Arzt T. herbeigeholt, welcher nach Untersuchung konstatierte, dass das Bein völlig gebrochen sei. Nun ging es an ein Zurechtmachen des Beines und zwar unter fürchterlichen Schmerzen und jämmerlichem Schreien des alten Vaters, so dass die Momente wohl für alle Anwesenden ein unvergesslicher sein wird, und die härtesten Herzen imstande gewesen wäre zum Schmelzen und Mitgefühl zu bringen.
Ja, sehr oft wird diese Stunde von den anwesenden Kindern und Mutter gefühlvoll gedacht werden. Dann wurde zur Beruhigung und Linderung der Schmerzen vom Arzt noch Medizin verschrieben, trotz welcher er dennoch die ganze Nacht hindurch große Schmerzen hatte. Am folgenden Tage war er wahrscheinlich durch große Anstrengung des Schreiens ganz heiser und quälte der Husten fortwährend, so dass leicht denkbar sich noch Lungenentzündung beigesellt hatte, denn mit der Luft wurde es auch immer schwerer, so dass die Stube oft durch Öffnung der Türe und Fenster gelüftet werden musste.
So lag der liebe Vater bis Dienstag in großen Schmerzen und unter vielem Beten brachte er diese Tage zu, aber Gott sei Dank, immer bei klarem Verstand und vollem Bewusstsein; denn Dienstag ließen die Schmerzen nach und mit der Luft wurde ihm auch leichter und ging sozusagen sein Wunsch, der Herr möge ihm seine letzten Stunden nicht zu schwer machen, damit er es ja nur ertragen könne, in Erfüllung. Seine Worte und Gebet war oft und viel: Mein Gott, ich bitt durch Christi Blut, mach‘s nur mit meinem Ende gut.
Ja, diese Worte wiederholte er noch etwa eine Stunde vor seinem Tode fügte dann noch hinzu: Ja, komm Herr Jesu! Hierauf sagte ich ihm den Vers vor: „Endlich kommt er leise, nimmt uns bei der Hand, führt uns von der Reise heim ins Vaterland.“ Dann frug ich ihn, ob er es noch verstehe. Er sagte, Ja. Dann sagte ich ihm noch den zweiten oder letzten Vers vor: „Dann ist’s ausgerungen“ usw., welchen er auch mit Zunicken des Kopfes bejahte. Als dann Br. D. kam, welcher ihn schon in den vorigen Tagen bediente, wurde er nochmals auf sein Verlangen umgebettet. Dann lag er ganz ruhig ohne reden und jegliche Bewegung des Körpers, nur wischte er sich zu wiederholten Malen mit dem Schweißtuch, welches er in der linken Hand hielt, den Todesschweiß ab. Noch wenige Augenblicke vor seinem Ende, wischte er sich noch den Todesschweiß von seiner Stirn, legte dann die Hand mit dem Schweißtuch hin und seine Seele entfloh ins Jenseits, wo so viele unserer Lieben schon weilen unter der Schar der Seligen, dort wo kein Schmerz und Kummer ja kein Scheiden mehr sein wird. Nun ist er vom Glauben zum Schauen hinübergegangen.
Dienstag, den 30. Dezember um 11 Uhr abends war die Stunde seiner Erlösung und seliger Vereinigung mit seinem Herrn und mit allen seligen Vollendeten. Sein Alter brachte er auf 85 Jahre 7 Monate und 15 Tage. Will nun hier noch einige Notizen über sein Begräbnis folgen lassen.
Dienstag, den 6. Januar diesen Jahres fand unter großer Teilnahme das Begräbnis unseres seligen dahingeschiedenen Vaters statt, zu welchem denn auch, Gott sei Dank, alle Geschwister erscheinen durften; denn das Begräbnis eine rechten Vaters zu entbehren wäre ja für einen jeden sehr schmerzlich gewesen. Zu Beginn desselben wurden vom Sängerchor unter Leitung des Lehrer Janz die Lieder: „Engel, öffnet die Tore weit“; „Es geht nach Haus“, gesungen. Alsdann hielt Prediger Friesen, Schönau, eine Ansprache über Offb. 14,13: „Und ich hörte eine Stimme“ usw. Dann predigte Prediger David Dörksen, Fischau, über die Worte Röm. 8,10-11: „So aber Christus in euch ist“ usw. Als Einleitung seiner Ansprache diente ihm Jes. 40,6: „Es spricht eine Stimme: Predige!! Und als Schlussworte, Offb. 7,9-17: „Danach sah ich“ usw. Dann hielt der Älteste Bernhard Epp, Lindenau, die Leichenrede, anschließend an 1.Mose 48,21; „Und Israel sprach zu Joseph: Siehe, ich sterbe“ usw. Dann wurde am Sarge noch vom Chor das Lied „Lebt, wohl!“ gesungen. Nach Beerdigung der Leich und nach Kaffee wurde wieder zu Beginn vom Chor das Lied „Jesus nimmt die Sünder an“ gesungen.
Dann hielt Prediger Kornelius Löwen, Blumenstein, eine Ansprache über Jak 4,14: „Die ihr nicht wisst“ usw und der Chor sang noch die Lieder: „Die Pilger zur Heimat“, „Werden wir uns wiedersehn?“ Dann wurde die Abendandacht wie des Tages vom Sängerchor mit zwei Liedern begonnen: „An dem schönen goldenen Strand“ und „Bald ist es zu spät“.
Dann hielt Bruder Johann Wölk, Alexandrowka (#1282184) eine Ansprache über Matthäus 22,1-14 und Br. David Wölk, Sofiewka (#1320367) machten den Schluss, anschließend an die Worte Joh. 10, 9.
Wilhelm Wölk, Tiege (#1153314)  konnte wegen Krankheit, die er sich auf der Reise durch Erkältung zugezogen, keine Ansprache halten.
Zum Schluss wurden vom Sängerchor noch folgende Lieder gesungen: „Jesus geht vorbei“, „Der Her ist mein Licht“, „Das neue Lied“, „Die drei Gnadenrufe“.
Nun ruhe er sanft, unser lieber unvergesslicher Vater, bis zum seligen Wiedersehen.
Dem lieben Editor die beste Gesundheit und viel Mut und Kraft wünschend zur Arbeit in dem neu angetretenen Jahre, schließe ich freundlichst grüßend,
Peter Wölk.

Anmerkung: Br. Wölk, Sohn des verstorbenen Vaters Wölk schreibt, dass er später eine Lebensbeschreibung seines Vaters für die „Rundschau“ schreiben wird. Dieselbe wird interessant sein, denn Onkel Wölk hat in seinem bewegten Leben viel erfahren. Alte Fischauer in Amerika, die nicht die „Rundschau“ lesen, sollte man hierauf aufmerksam machen.  – Editor.

   
Zuletzt geändert am 15 September, 2020