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Brief von Peter Penner, Dolinsk, Neu Samara, in der "Mennonitische Rundschau" vom 15. Mai 1907, Seite 10

 

Abgeschrieben von Lydia Friesen (geb. Esau) (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" vom 15. Mai 1907, Seite 10. (gotisch) von Lydia Friesen (geb. Esau).

 

Dolinsk. - Werter Editor und Leser der "Rundschau"! Weil ja so viele Berichte in der "Rundschau" kommen von nah und fern, so greife ich zur Feder, um auch etwas für dieselbe zur schreiben.
Was den Gesundheitszustand betrifft, so können wir jetzt sagen, Gott Lob und Dank, außer ein wenig Influenzia sind wir in diesem Winter von keiner Krankheit heimgesucht worden. In materieller Hinsicht bleibt uns ja so vieles zu wünschen übrig. Der Winter trifft hier in diesem Jahre wieder ganz besonders stark hervor, nicht das es etwas außergewöhnlich stark friert, nein, aber, so lange ohne Unterbrechung, ohne Abwechslung, das ist das Schlimmste, denn schon von Winters Anfang ist es immer kalt gewesen von 10 bis 32 oder noch mehr grade; auch dieses würde ja gar nicht schlimm sein, wenn nur Futter, Brennzeug und Nahrung genug wäre, dann wäre der Winter gar nicht schlimm, aber wenn es an allem Nötigen fehlt, dann wird einem der Winter bald zur lang und zu streng. Schon bald fünf Monate haben wir das Vieh fest im Stalle stehen und füttern es, und noch können wir auf zwei bis zwei und ein halb Monate rechnen, daß wir es füttern sollen, aber womit? Das ist jetzt die Frage, wo werden wir Geld hernehmen
um Futter zur Kaufen? Futter ist noch zu haben, aber nur für schweres Geld, die Russen und Baschkiren bringen noch immer und kauft einer solche Fuhre für 6 bis 7 und  und auch bis 8 Rubel, ein jeder sucht noch damit zu verdienen und kommt auch viel Betrug dabei vor. Es kaufte ein gewisser Mann sich auch einen runden Haufen Heu - zu besehen könnte es so vier Fuhren geben, d. h. aber nur auf dem Schlitten - aber als er anfing zu laden, ergab es sich, daß es sich um die Außenseite fest war, von innen war es alles hohl und der arme Mann, der 40 Rubel für den Haufen bezahlt hatte, bekam nur zwei Fuder vom ganzen, also kam ihn die Fuhre auf 20 Rubel! Wenn solcher Mann auch schon denkt, Menschen können ihm ja nichts anthun, aber wie werden sie es jemals vor Gott verantworten können, sich die Not zu Nutzen zu machen, um schnödes Geld zu gewinnen! Es ist beinahe unglaublich, aber es ist wirklich Thatsache. Es ist auch bei uns gegenwärtig mit dem Futter knapp bestellt, und Geld ist gegenwärtig keins da, um mehr zu kaufen. O wie viel Geld wird in der Welt verpraßt und mit vollen Händen ausgegeben, was uns ein manches Stück Vieh retten könnte! Was wollen wir anfangen, wenn wir unser Vieh verkaufen müssen - dann können wir nicht säen, und wenn wir nicht säen, können wir auch nicht ernten. Viele bekommen ja Unterstützung von weit und breit, ja selbst von Amerika haben schon mehrere Geld geschickt bekommen; ich selbst habe im Herbst nach meinen Freunden in Amerika geschrieben, aber bis heute noch keine Antwort erhalten; es kann ja auch sein, daß der Brief verloren gegangen ist. Ich wollte ja auch nicht so einfach betteln und auch nicht für uns, nein, bloß für unser liebes Vieh. Da sind in Minnesota die Quirings, meiner ersten Frau Vetter; in Kansas Onkel Abraham Reimers, ich glaube sie leben in guten Verhältnissen. Da ist auch in Mt. Lake, Minn., ein Onkel meiner gegenwärtigen Frau und noch ihr gewesener Vormund, sie ist eines Peter Kliewers Tochter von Großweide; ihr Stiefvater war Heinrich Lorenz, der noch in Großweide eine Zeitlang den Holzhandel betrieb, von da zogen sie nach Ohrenburgischen, wo ihr Vater vor etlichen Jahren starb und sie mit der alten Mutter zusammen noch mehrere Jahre erst in Tschorneoser und später in Kurugui die Schule besorgte, und im Juli 1906 zog sie mit mir hier nach Dolinsk im Samarischen. Die Mutter zog mit uns, wo sie noch bis zum 24. Oktober lebte. Die Beine waren ihr beide durch unglückliches Fallen gebrochen, wodurch das Besorgen schon sehr erschwert wurde, bis endlich auch ihre Erlösungsstunde schlug. Ihr Tod war ein langsames Ueberschlummern. Ihr Alter hatte sie auf 86 Jahre und 4 Tage gebracht. Sollte der Onkel, ich denke, Joh. Kliewer, die "Rundschau" nicht lesen, so sind Freunde gebeten, ihn auf diese Zeilen aufmerksam zu machen. Ihre Nichte bittet Sie auch um ein gutes Geschenk, d. h. nur wenn Sie können und auch nur freudig geben, erpressen wollen wir nichts. Der himmlische Vater hat so weit geholfen, er wird auch weiter helfen.
Wir hatten im vorigen Sommer sehr heiß und trocken, hatten auch etliche Male Regen, aber es schien, als ob der Regen noch zum Schaden sei; am Gartengemüse und am Getreide war es zu sehen, daß es schlechter wurde, und da kam ausgangs Juni und Juli solche Hitze und solch heißer Wind, daß die Blätter an den Pappelbäumen alle gelb wurden und abfielen. Zuerst rechneten wir, Brot und Saat würde es wohl noch  geben, aber weit gefehlt. Ich bekam von ungefähr 140 Pud Aussaat nur 53 Pud Weizen, und Gerste überhaupt keine, nur ein Fuder. Wir hatten einen "Kagel" von drei Deßjatinen, das fuhren wir auf die eine Ecke hinein und fuhren rund um mit der Mähmaschine und wenn wir rund herum waren warfen wir den ersten Klumpen herab und also machten wir nur drei Klumpen auf drei Deßjatinen. Wir brauchen Aussaat zu diesem Jahr; Futter, Nahrung, Brennung, kurzum alles soll gekauft werden, jedoch wo das Geld hernehmen? das ist die schwerste Frage. Hier ist auf keiner Stelle zu leihen und alles ist so teuer als Apothekerware; pud- und pfundweise soll jetzt alles bezahlt werden, wie sollen wir aber bis zur Ernte wegkommen? Dann kommt einem der Wunsch ein: Ach, hätte ich jetzt gleich etwa 200 bis 300 Rubel, aber wo sie her bekommen? Wir haben ja schon zweimal gemeinschaftlich Geld angeliehen und haben uns ja auch schon weit durchgeschlagen, aber jetzt kommt es darauf an, wer durchkommen wird; es wird alles mögliche gefüttert, ja auf  vielen Stellen sind schon alte Dächer abgedeckt worden um als Futter zu dienen! Ich hatte es gehört und jetzt erlebe ich es selbst.
Liebe Freunde, ich will nichts geschenkt haben, streckt mir bloß eine kleine Summe alle zusammen vor, wollte sagen 300 Rbl. Das Sprüchwort sagt: Viele Hände machen ein leichtes Werk!
Wünsche allen lieben Freunden ein gesegnetes Frühjahr, welchem wir ja immer näher kommen. Der Herr gebe, daß wir uns dermaleinst alle in der oberen Heimat wiedersehen können. Bitten, uns hier in der alten Heimat nicht ganz zu vergessen; es kommen ja von alten Orten Liebesgaben, aber es verschlägt so wenig. Auch großen Dank für das Wenige.
Unsere Adresse ist wie folgt: Peter A. Penner, Dolinsk, Pleschanow, Sorotschinskaja, Rußland

 

Bemerkungen von Lydia Friesen (Esau):

Peter Abraham Penner (? - April 1909, Dolinsk, Neu Samara) (#1156865) Foto
Peter Penner war dreimal verheiratet.
1 Ehe: Maria Jakob Quiring (? - Jan 1904, Dolinsk, Neu Samara) (#1156338)
2 Ehe: Justina Wilhelm Konrad (? - Mar 1906, Dolinsk, Neu Samara) (#935371)
3 Ehe: Susanna Peter Kliewer (? - ?) (#935249)

Peter Abraham Penner und seine Familie wohnten seit 25 Mai 1900 in Dolinsk, Neu Samara.
Vorher hat die  Familie Penner in  Kronberg, Schoenfeld (Brasol) gewohnt.

 

In dieser Kopie, auf Seite 2 ist ein Brief von Peter Penner, als er noch in Kronberg wohnte.
Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" vom 23. Mai 1888, Seiten 1-2. (gotisch), von Pascal Schneller.

   
Zuletzt geändert am 11 März, 2018