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Brief von Johann und Elisabeth Lamert, Podolsk, Samara in der "Mennonitische Rundschau" vom 15. November 1922, Seite 11

 

Abgeschrieben von Lydia Friesen (geb. Esau) (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" vom 15. November 1922, Seite 11. (gotisch) von Lydia Friesen (geb. Esau).

 

(Eingesandt durch Br. John Boschman, Medford, Okla.)
Liebe Geschwister.
Nach langer Zeit haben wir von einander gehört. Ich ging mit meiner Frau nach Krassikow zu unserer Nichte Maria Boschmann, geb. Penner spazieren, und da fanden wir eine Rundschau, und in der Nummer fragst Du nach unserer Adresse. Ich nahm die Nummer mit nach Hause und schreibe Dir sofort einen Brief. Ob er auch hinkommen wird? Wir haben auch alle den Typhus durchgemacht, wir lagen zu viert, doch wir sind alle gesund geworden, den Herrn alle Ehren dafür. Bei all der Betrübnis in dieser Welt steigt einem so oft die Sehnsucht auf, wann werden wir uns noch einmal ins Angesicht schauen dürfen und unsere Herzen gegenseitig ausschütten? Ihr hört viel von uns, doch lange nicht alles. Bei unseren Nachbarn Dörksen ist noch ein Drittel der Familie am Leben, die anderen sind alle totgehungert.
Hätte Amerika uns nicht geholfen, dann wären auch viele von den unseren gestorben, es sind auch jetzt  etliche gestorben, und das tut so sehr wehe. - Wir haben manch eine Woche nur von Suppe und Kraut leben müssen, aber Gott sei Lob und Dank, Er hat uns immer wieder geholfen. Wir hatten hier ein gutes Fortkommen, doch jetzt sind wir von allem los. Mir hatte der Herr eine große Familie anvertraut, 4 Söhne und 6 Töchter. Wir haben noch zwei Kühe. Pferde keines, und mit den Kühen habe ich mir das Heu alles zusammen gefahren, das ich mit der Sense gemäht hatte. ich bin 67 Jahre alt, der Herr hat bis hierher geholfen, alle Ehre gebührt dem Herrn. Wir schauen jetzt aus, ob der Herr uns auch den Weg nach Amerika ebnen wird. Hier wird sehr geschafft, daß man uns hinausläßt. Die Fahrkarte bis Riga kostet Hundert Millionen für eine Person. Die Maschinen stehen bei mir alle still, ich habe noch eine große 8 Pferde Dreschmaschine, doch kein Pferd. Liebe Geschwister, denn ich schreibe an Euch alle, der Dichter singt, von der Erde reiß mich los, das Singen geht so leicht, aber es kostet viel, wenn es erst soweit kommt. 13 Monate lang hatten wir Einquartierung, die Pferde, die uns nicht genommen wurden, wurden uns totgefahren, wenn das Essen nicht gut genug war, dann holte man mich mit Flinte und Säbel, wir wohnten dabei nur in einer kleinen Ecke. Das Getreide nahmen sie uns alles. Man versprach uns, daß wir wieder etwas zurück erhalten würden, doch haben wir nur 5 Pud erhalten, nach denen ich eine Reise von 5 Tagen machen
mußte. Jetzt wieder gibt die Ernte so sehr wenig, so daß es scheint, es kann noch schlimmer werden als letztes Jahr. Aber Gott kann alles wenden, wir vertrauen Ihm, Er wird es tun.
Wenn dieser Brief Euch erreicht, so hoffe ich, daß ihr sofort schreiben werdet. (Die Antwort ist schon auf dem Wege, der Herr wolle sie ans Ziel führen). Ich schreibe Euch dann alles, wie es gekommen ist, wie es sich erfühllt, daß ein Volk wieder das andere auftreten würde. Einen Tag hatten wir eine Regierung, am anderen tage schon wieder eine andere, manches
mußten wir dabei durchmachen, mancher wurde erschossen, mancher zerhackt -.
Meine Bitte ergeht jetzt an Euch alle, verhelft mir zu einem Pferde. Ich will es nicht umsonst, später will ich es zurückzahlen, nur kann ich es jetzt nicht. Vielleicht durch Lebensmittel, ich könnte mir dann vielleicht ein Pferd eintauschen -. O wenn Amerika sollte hören, welch ein Lob und Dank Euch gezollt wird. Ihr müßt es dort fühlen. Mein herzlicher Wunsch ist auch, Gott möge es doppelt vergelten.
David wohnt in Saratow auf dem Trakt. Dort sind 6 Mennonitendörfer, er hat sich dort auch verheiratet. Er ist Kolporteur und hat durch Gottes Kraft viele Seelen zum Herrn führen können. Auf Stellen hat er Gemeinden gegründet, er ist sehr glücklich in seine Arbeit, und seine Arbeit ist nicht für sich, sondern er gibt alles dran, um Seelen zu retten, er hat zwei Jahren in Berlin studiert.
Wir sind alle sehr weit auseinander, auch Ihr seid weit entfernt, doch will´s der Herr, so sehen wir uns noch einmal. Ich bin noch sehr rüstig. Vor dem Kriege sandte jemand mir die Rundschau, bist Du es gewesen? Ich habe mich schon sehr gebangt. Hier ist alles so dürre, keine Fabrik, kein Laden, alles ist zertrümmert. Wir sind ganz ohne Kleider, gar keine Hemden, es ist zum Verzagen. Wenn ich mich hineindenke, dann muß es sich in Amerika doch herrlich wohnen. Ich bete oft, der Herr solle es lassen genug sein. Diesen Sommer hatte ich es sehr schwer, denn meine Füße waren vom Barfuß gehen von unten so hart, und Pferde hat man keine. Könntet Ihr zusammen es zustande bringen, mir zu einem Pferde zuverhelfen? Grüße alle Brüder, vielleicht hat auch ein Unbekannter Freudigkeit, Barmherzigkeit zu tun, ich will ihm dafür danken, und ist´s möglich, will ich es noch mal zurückzahlen. Ihr werndet Euch vielleicht an Alvin Miller, der wird es gerne weiterleiten. Diese Nacht müßt Ihr an mich auch gedacht haben, denn ich habe nicht eine Stunde geschlafen.
Daß hier viele Menschen gegessen sind worden, habt Ihr ja schon gehört, jetzt haben sie wieder vier solche Mann gefangen, die werden dan sofort totgeschlagen, es waren Baschkiren.
Meiner Frau Brüder und Schwestern wohnen in (wohl Inman), Kansas.
Seid noch alle herzlich gegrüßt und in Liebe verbleiben wir Eure Geschwister Johann und Elisabeth Lamert, Podolsk, Post Pleschanow, Gouv. Samara.

   
Zuletzt geändert am 16 März, 2017