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Brief von David und Elisabeth Bekker, Krassikow, Samara.

In der "Mennonitische Rundschau" vom 18 April 1900

 

Abgeschrieben von Lydia Friesen (geb. Esau) (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" vom 18. April 1900, Seite 7. (gotisch) von Lydia Friesen (geb. Esau).

 

 

Samara Kraßikow, den 7. März 1900. Da die "Rundschau" ein zuverlässiger Bote ist, durch den schon mancher hat herausfinden dürfen, wo seine so weit entfernten l. Verwandten geblieben sind, so möchte auch ich unsere lieben Verwandten in Amerika, wie auch an der Molotschna aufsuchen und ihnen berichten was das vorige Jahr für eine Veränderung in unserer Familie, wie auch an meinem Körper hervorgebracht hat.
Muß aber zum bessern Verständnis fürs erste bemerken, daß unsere l. Mutter, von welcher in nachstehendem die Rede sein soll, die Witwe David Bekker (früher Franzthal) ist. - Und unsere l. Verwandten in Amerika sind: Peter Unruhs, früher Hochfeld (Kansas) und Gerhard Fransen, früher Aleranderwohl (Kansas). Die beiden Frauen waren unserer l. Mutter Schwestern, also unsere lieben Tanten. Frau Fransen soll gestorben sein. Grüßen bekannte Familien sehr, und bitten, auch ihre l. Kinder allesamt herzlich zu grüßen und uns ihre genauen Adressen zu schicken, damit wir in brieflichen Verkehr treten können. Oder sind sie nicht mehr unter den Lebenden?
Was also obenerwähnte Veränderung betrifft, muß ich bemerken, daß ich vorigen Winter eine bösartige Geschwulst unten am Bein bekam, bei welchem ich alles nur Erdenkliche anwandte, um dasselbe zu heilen; aber anstatt zu bessern, wurde meine Lage immer bedenklicher, weil an mehreren Körperstellen ähnliche Geschwülste auftraten, und mir kein anderer Rat blieb, als nach Samara zu fahren, um dort ärztlichen Rat zu suchen. Ich wurde ins Krankenhaus aufgenommen und mit liebender Teilnahme gepflegt, aber dennoch kann ich es nicht beschreiben, welch tiefes Wehe mich daselbst ergriff, daß ich so weit von meinen Lieben entfernt, und so ganz allein unter fremden Leuten sein mußte und keine andere Hoffnung hatte, als daß mein Bein würde müssen abgenommen werden.
Nun, zur Ehre Gottes sei es gesagt, daß ich in dieser Zeit es erfahren durfte, daß der Herr Jesus, wenn wir uns ernstlich zur ihm wenden, uns dann fühlbar nahe tritt und uns tröstet, wir einen die Mutter tröstet.
Ich bat immer die Aerzte, wenn es anders möglich sei, sollten sie mir das Bein nicht abnehmen, aber sie erklärten schließlich, daß es nicht anders sein könne, und so wurde ich chloroformiert, und als ich zu mir kam, war mein Bein unterhalb des Kniegelenks abgenommen. Mußte dann noch einige Zeit da bleiben, bis die operierte Stelle etwas geheilt war, und dann durfte ich zu meiner Freude heimkehren, nicht ahnend, welch schmerzliches Ereignis mir zu Hause begegnen sollte. Ich kam (unleserlich - L.F.) Weges das erste bei meinen Schwiegereltern an, wo dann die Nachricht vorauseilte, das ich bald zu Hause sei, und wie unsere l. Mutter die Nachricht erhielt, fiel sie bewußtlos nieder, und wie ich zu Hause kam, konnte ich nicht mehr mit ihr sprechen, und sie wurde in ein paar Stunden eine Leiche.
Das war ein neuer und großer Schmerz für mich, und wenn ich zurückblicke, finde ich viel Ursache, Gott zu danken, daß er uns Kraft geschenkt hat, alles zu tragen, und daß er uns, wenn auch durch tiefe Wege, näher zu sich gezogen hat.
Habe fast den ganzen Winter im Bett zubringen müssen, und kann noch nicht wissen, wie der l. Herr es mit mir wenden wird, wünsche aber; daß er es alles zur Verherrlichung seines großen Jesusnamens und zu unserm ewigen Glück hinausführen möchte.
Dieses Wünschen von Herzen
David u. Elisabeth Bekker.
Unsere Adresse lautet:
Rußland, Orenburgische Eisenbahn,
Station Sorotschinskaja, Kolonie Kraßikow, an David Bekker.

 

Bemerkungen von Lydia Friesen (geb. Esau):

Der Briefschreiber ist:

David David Bekker    (1871 - 01.12.1937), (#1337419), geb in Franztahl, Molotschna, gest. in Slavgorod, seine Frau ist:
Elisabeth Jakob Dyck  (17.12.1874 - ?), (#1337420), die Informationen über ihre Familie findet man hier:
Information über die Famile Jakob Dyck (?-1908) und Katharina (?-?), bei
Fotos über Klinok, Neu Samara von Waldemar und Irina Penner.

Die Peter Unruhs sind vermutlich:

Peter Heinrich Unruh  (31.01.1834 - 21.02.1911), (#81918) geb. in Alexanderwohl, Molotschna, gest. in Kansas   
Maria Peter Nachtigal (26.11.1835 - 12.02.1903), (#42370) geb. in Alexanderwohl, Molotschna, gest. in Kansas

Die Gerhard Fransen sind vermutlich:

Gerhard Heinrich Franz   (12.07.1836 - 19.08.1906), (#8076), geb. in Alexanderwohl, Molotschna, gest. in Buhler, Kansas
Susanna Peter Nachtigal (22.03.1840 - 07.01.1874), (#8077), geb. in Alexanderwohl, Molotschna

Dann ist die Mutter von David David Bekker (1871 - 1937) höchstwarscheinlich:

Anna Peter Nachtigal       (Abt.1836 - ?), (#105988),oder
Elisabeth Peter Nachtigal (Abt.1846 - ?), (#106253), beide in Alexanderwohl, Molotschna, geboren.

Die Familie David und Elisabeth Bekker ist ca.1907-1908 von Krassikov, Neu Samara nach Karatal, Barnauler Siedlung umgezogen. Im Buch von I. I. Schelenberg "Preobrachonnaja Grischkowka" auf Seite 8, wird David Bekker als eine von den ersten Ansiedlern von Karatal erwähnt. David Bekker wurde am 9.11.1937 verhaftet und 1.12.1937  in Slavgorod erschossen. Bei  Bilder von Margarete Pasytsch in  Списки людей, содержавшихся в Славгородской тюрьме (Алтайский край, Западная Сибирь) и расстрелянных в 1937-38 гг. und  Verzeichnis der Einwohner der Mennonitendörfer des Deutschen Nationalen Rayons, Altai Gebiet (West – Sibirien), die 1927 – 1938 wegen konterrevolutionärer Verbrechen verurteilt wurden. wird David Bekker auch erwähnt.

   
Zuletzt geändert am 18 Februar, 2017