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Was sagt mein Name aus?

 

Autor Irene Kreker (Email), alle ihre Berichte.

Übersetzungen aus dem russischen von Katharina Peters (Email), alle ihre Berichte.

 

Что в имени моём? (russisch) von Irene Kreker.

Очерк "Незапрограммированная родословная". Ирене Крекер. (russisch) Von und mit Genehmigung des Autors Irene Kreker.

Очерк "Немного о прошлом". Ирене Крекер. (russisch) Von und mit Genehmigung des Autors Irene Kreker.

 

 

Was sagt mein Name aus?

 

Das Jahr 1967. Ich bin – sechzehn. Ich bin – erwachsen und bekomme bald endlich meinen   Hammer und Sichel – geprägten sowjetischen Pass (Ausweis)! Inspiriert vom Patriotismus meines Lieblingspoeten Majakovski, bitte ich Mutter um meine Geburtsurkunde, und werde gleich mit einer Überraschung konfrontiert. Es stellt sich heraus – oh, Schreck! – dass ich in Wirklichkeit IRONA heiße.

Sechzehn Jahre lang lebte ich unter fremden Namen!? Wie könnte so etwas nur passieren? Woher der fremde Name? Bin ich überhaupt das Kind meiner Eltern? – die Gedanken überschlugen sich, gaben keine Ruhe. Aber ich wollte meinen Eltern keine Fragen stellen, die sie verletzen konnten. Irgendein Grund muss das Ganze doch haben, warum es mir nicht gesagt wurde? Was für ein Geheimnis verbirgt sich darunter? – dachte ich. Die Gedanken schwankten aus einem Extrem in die andere.

Und wenn erst gar nicht fragen? So tun, als wäre nichts passiert, als hätte ich nichts gemerkt? Eigentlich klingt es ja auch fast genauso, wie der Name, den ich gewöhnt bin: Ira, Irotschka, Irusja, Irinka, Irischa, Irina?

Ich habe niemals darüber nachgedacht, was mein Name bedeutet und warum meine Eltern ihn mir (gaben)gegeben hatten. Das ist ein Faktum. Worüber sollte man hier noch nachdenken? Dazu dienen Namen halt, um sich in der Menschenwelt nicht zu verlieren, um sich wiederzuerkennen, sich dadurch voneinander zu unterscheiden. Und doch konnte ich mich mit dem neuen Namen, der in den Metricken stand, wie Mama die Geburtsurkunde nannte, nicht identifizieren.

Wie soll ich nur leben mit diesem mir ganz fremden Namen! Nein, ich will nicht! Ich werde niemals irgendwelche Irona sein! Niemals!

***

Ich liebte meine Eltern sehr, deshalb beschloss ich diese Situation selbständig zu meistern. Ich weihte sie in meinen Hurrikan der Gefühle erst gar nicht ein, verkroch mich in mir und schwieg. Eines Nachts kam die Lösung von alleine. Ich brauche lediglich nur einen kleinen Strich  durch den Buchstaben „O“ zu ziehen, damit er fast wie ein „E“ aussieht, und der Name Irona wird  dadurch zu einem ganz plausiblen Irena,- dachte ich, und vielleicht irgendwann  mal zu meinem gewöhnten  Irina. Ich erinnerte mich plötzlich an das Lied des bekannten Sängers Wertinskij, welches ich vor kurzem wieder vom Tonband hörte:

„Ich fürchte den goldenen Kerker deines kupfernen, schlängelnden Haares.

Bin verliebt in den filigranen Namen Irene, und in die Spuren deiner Tränen …

Ich kann nicht, ich will nicht, ich mag nicht, aber,

begrüßend die freudige Obhut, wie ein Ball von der Bühne,

werfe ich dir mein Herz zu, fang ihn auf, du, Prinzessin Irene.“

 

 

Von so einem Namen träumen viele Mädchen, - überlegte ich in einer meiner schlaflosen Nächte. Und vielleicht ist es ein Geschenk des Schicksals, welches ich aus dem Nirgendwo bekommen habe. Ich erinnere mich, dass ich danach sofort einschlief, die Lösung war gefunden worden.

Am nächsten Tag suchte ich mir den Federhalter und schwarze Tinte, und änderte den Buchstaben, machte aus dem „O“ ein „E“. Erst als die Tat vollbracht war, fiel mir ein, dass ich eigentlich eine Straftat begangen habe. Da kam Schrecken auf und schlimme Gewissensbisse: was passiert nun, wenn es rauskommen sollte? Wie reagieren die Behörden darauf? Was würden meine Eltern dazu sagen?

***

Mit klopfenden Herzen trat ich über die Schwelle des Zimmers der Beamtin im Standesamt. Die Frau studierte lange meine Geburtsurkunde, hob ihre Augen zu mir und senkte sie wieder zum Dokument. Dann lehnte sie ihren korpulenten Körper auf die Stuhllehne zurück und bot mir dann auch einen Platz auf dem Stuhl gegenüber an. Und, frug, mir nachdenklich in die Augen schauend: Wie nennen dich deine Eltern?

  • Ira, Irinka, Irotschka – flüsterte ich im vertrauenserweckenden Ton. Als die Frau es hörte, wurde sie freundlicher, aber nicht so sehr, dass sie mir meinen gewohnten Namen ließ. So blieb ich für immer eine Irena.

 

***

An dem Tag, als ich meinen Ausweis bekam, gab es ein Gespräch mit meinen Eltern, das mir geholfen hat, sie zu verstehen. Ich kehrte (für eine Weile) in das Jahr 1951 zurück – das Jahr, in dem ich geboren wurde – und hörte mir die Geschichte meines Namens an.

Es waren grade mal sechs Jahren nach dem zweiten Weltkrieg vergangen. In einer kleinen Siedlung mitten in der Sibirischen Taiga kam ich zur Welt, ein dunkeläugiges kleines Mädchen. Tochter, Töchterchen, so sehnsüchtig erwartet von meinem Vater. Mit meiner Geburt hatte sich sein Traum erfüllt, aber   nicht der meiner Mutter – was den Namen betraf. Kurz nach der Entbindung, noch im Krankenhaus, bat sie meinen Vater in die Stadt zu fahren um meine Geburt zu registrieren. Ein wenig zögernd, fügte sie hinzu: „Wollen wir sie Irene nennen? Zu ehren meiner Freundin. Wir waren unzertrennlich, wie Schwestern. Ich weiß nicht mehr wo sie jetzt ist. Während des Krieges hat man alle Deutsche deportiert, seit dem hörten wir nichts mehr voneinander. Ich weiß nicht, ob wir uns irgendwann noch sehen werden. Lass unsere Tochter ihren Namen tragen“.

Vater fügte sich ihrem Wunsch ohne zu widersprechen. Aber als er dann im Standesamt vor der Beamtin stand, beim Eintragen des Namens, fiel im dieser nicht mehr ein. Vater bemühte sich sehr, aber nicht der Name selbst, geschweige denn wie er geschrieben werden sollte, fiel ihm ein. Er wollte seiner Frau so gern den Gefallen machen, aber erinnerte sich nur daran, dass der Name Ähnlichkeit mit dem Namen Irina hatte. Ohne sich selbst darüber klar zu sein, fing er an alle möglichen Variationen laut zu wiederholen. – Irana, Irunja, Irjuna, Iryna, Irena, Iren, Ironia … Die Beamtin, die Mitleid mit ihm bekam, versuchte zu helfen und  fügte immer neue  Versionen hinzu: – Irma, Iraida, Ignessa, Idillia …  Verzwickt  und verunsichert in der Namenflut, kam  der Name IRONA auf einmal so bekannt vor, fast gewöhnlich. Oder? Am liebsten würde er am anderen Tag noch mal kommen, um dann mit ruhigen Gewissen den richtigen Namen für seine Tochter anzugeben, aber das war undenkbar. Er musste zur Arbeit und außerdem sich noch etwas mit seinem Sohn überlegen, der noch viel zu klein war um ohne Aufsicht zu bleiben. Vielleicht war der gewünschte Name wirklich Irona? Klingt außergewöhnlich, sogar angenehm. Warum denn nicht? Dann eben Irona!

„So bist du Irona geworden, mein Kind. Obwohl du niemals so genannt wurdest, habe ich immer Schuldgefühle gehabt deswegen“, – versuchte Vater sich zu rechtfertigen, und Mutter lächelte verlegen. Das ganze tat auch ihr leid. Ich lächelte aber und sagte leise: „Alles gut, Papa, Vielleicht war ich die erste mit diesem Namen und werde damit in die Geschichte neuer Namen eingehen! Und, Mama, ab heute heiße ich gesetzlich Irene, so dass auch dein Traum sich erfüllt hat.“

 

Jahre waren vergangen. Ich beendete die Hochschule, wurde Lehrerin für russische Sprache und Literatur. Als wäre es heute gewesen, erinnere ich mich an meine erste Unterrichtsstunde in der neunten Klasse. Aufgeregt, sogar ängstlich stellte ich mich meinen Schülern vor.

„Ich heiße Irina Iwanowna.“

Erst war es still, dann hob sich eine Welle der Verwunderung, sogar Empörung in der Klasse:

„Wieso Irina?“

„Uns sagte man, sie heißen Irena Iwanowna.“

„Lena, warum sagte deine Mutter, dass die neue Lehrerin Irena heißt?“

Arme Lena! Meinetwegen hat sie noch etwas aushalten. Wie ich später erfuhr, war Lenas Mutter Schulleiterin in dieser Schule. In dem Moment wurde mir klar, dass in Dorfschulen jeder über jeden   schon im Voraus Bescheid weiß.

Sich gegen das Faktum zu wehren, hatte keinen Sinn, und so blieb ich Irena Iwanowna. Ein  Name,  mit dem ich von den Schülern, Kollegen, Freunden und Bekannten die nächsten zwanzig Jahre  gerufen wurde.

Zwanzig Jahre sind seit dem Vergangen. Ich wanderte nach Deutschland aus – in die Heimat meiner Vorfahren. Die Übersetzung ins Deutsche lief problemlos und ich behielt den Namen Irene, den meine Mutter mir mal zugedacht hatte. In Deutschland habe ich durch einen glücklichen Zufall auch Mamas Freundin kennengelernt, zu Ehren derer ich genannt wurde.

Irene, Irene, Irene … Diesen Namen höre ich jeden Tag innerhalb von über zwanzig Jahren. Meine Patienten in der Psychiatrischen Abteilung des Altersheimes mögen den Namen. Alle acht Stunden meines Arbeitstages rufen sie unaufhörlich: „Irene, Irene…“ Hier in Deutschland nennen sich alle beim Vornamen, ohne Vaternamen dahinter.

Ehrlich gesagt, ich mag den Namen, den meine Mutter mir gegeben hat. Ich höre auf ihn Tag und Nacht. Eine Französin sagte mir mal, dass denselben Namen eine der französischen Königin trug. Ein Holländer wollte mit mir Bekanntschaft im Internet schließen, weil er nach dem Namen nach mich für seine Landesangehörige hielt. Aber in Deutschland werden die Mädchen selten so genannt. Heute wählt man eher die russische, besser gesagt, die griechische Variante des Namens – Irina. 

Vor kurzem, als ich am weltweit bekannten Titisee verweilte, kaufte ich mir eine Karte mit der Deutung meines Namens. Demnach ist Irene der Name einer griechischen Friedensgöttin, die, unter anderem, die Interessen anderer über ihre eigenen stellt, und deren Lebenssinn darin besteht, anderen Hilfe und Unterstützung zu geben. Sie ist fleißig, treu, gesellig und humorvoll. Anderen zu helfen erfüllt sie, bringt ihr große emotionale Bereicherung. So viele positive Eigenschaften hat die griechische Göttin mir vererbt!

Vielleicht  fange ich deswegen endlich an zu verstehen, warum Gutes tun, das Leben  vom Standpunkt meiner  inneren Empfindungen zu analysieren, meine bewusste  Aufnahme der Geschehnisse, meine Sensibilität gegenüber auch der kleinsten Fehltritte – die wichtigsten  Bestandteile meines Charakters sind, der aus meinen Namen resultiert.

 

 

Ein wenig aus der Vergangenheit

Regen, Regen, Regen …

Er gießt schon eine ganze Woche lang unaufhörlich, mitten im Winter …

Wahrscheinlich bin ich deshalb so betrübt, genauso, wie die Nachrichten, die mich aus der ganzen Welt erreichen, Traurigkeit verbreiten: Tragödien, Krankheiten, Unfälle. Ich habe schon Angst den Hörer abzunehmen, den Fernsehapparat anzuschalten … Überall wird Trübsal verbreitet, der sich negativ auf die Psyche auswirkt. Wie halte ich diesen Strom nur auf? Das weiß ich nicht.
Eine Sache erfreut nur, dass man abends mit beiden Füssen im Sessel versunken, sich in den Plaid eingekuschelt, den Erinnerungen hingeben und über Vergangenes nachsinnen kann.

Die Erinnerungen fließen in Strömen, aber nicht mehr traurig und trübe, sondern freundlich und kindisch naiv.

In letzter Zeit wandere ich oft in meinen Träumen in den Steppen Mittelrusslands. Und es ist kein Zufall. Orenburg – ist die Heimat meines Vaters.

Ich erinnere mich, wie er in den Winterabenden uns von dem entfernten Steppengebiet erzählte, der voller wunderbarer Naturreize, unbeschreiblicher Aromen der Gräser, die die Luft erfüllten. In solchen Momenten glich mein Vater einem Dichter, seine Sprache war geschmeidig und liederhaft. Er erzählte, wie in den Abendstunden die Luft voller Aromen blühender Blumen und Gräser war. Wie zauberhaft klangen ihre Namen!

Für mich, die zwischen den Bergen ähnlichen Schlackenhalden aufwuchs, klang das so unglaublich, so märchenhaft.

Heute denke ich darüber nach, was wäre, wenn Vater die Siedlung Kuterlja im Orenburger Gebiet damals nicht verlassen hätte um Flugmechaniker zu werden, wenn es die fünf Jahre des Krieges nicht geben würde, die ihn als gebürtigen Deutschen in die Kußbasser Schachten  zwangen, wo er dreißig  Jahre lang  als Bergmann verbrachte, in der Stadt Stalinsk, die später  in Novokusnezk umgetauft wurde … Vielleicht wurde er dann die Kinder in  Geographie, oder Literatur, oder  aus ihm würde gar  ein berühmter Dichter werden, seiner Heimat zur Ehre.

Die Vielfältigkeit der Steppe, die Wellen des Federgrases weckten in mir unerklärliche Wünsche. Das unbekannte Land wühlte mich auf mit ihren unermesslichen Weiten, zauberhafter Blumenpracht, dem Meer aus Gräsern und Sträuchern.

Vater hatte einen geheimen Wunsch:  wieder zurückzukehren. Das hat er oft gesagt. Deswegen hielt er meine Idee sein Heimatdorf zu besuchen nicht für absurd. Er unterstützte mich beim Planen, sorgte für das dafür nötige Geld, und verabschiedete mich für meinen „Seegang“ über das weite Land …

Von dem Moment an füllte ich mich einen Schritt näher zum Erwachsenensein. Ich war noch keine sechzehn und hatte meine erste Fahrkarte für die Bahnfahrt erworben. Ich erinnere mich, dass die Kassiererin mir aus Versehen zu viel Wechselgeld gegeben hatte. Auf dem Nachhauseweg zählte ich das Geld noch mal und als ich mir dann sicher war, kehrte ich um und gab der verdutzten Kassiererin die Differenz zurück. Sie schaute mich ungläubig an, nahm aber das Geld.

Beflügelt lief ich nach Hause, ich war mir sicher, dass meine Reise gelingt! Denn ich glaubte ganz fest an das gute Zeichen: wenn man etwas Gutes tut, kommt es wie ein Bumerang zurück geflogen. Das bewahrheitete sich dann auch.

Mutter, die eine sehr gute Näherin war, nähte mir neue Kleider, Blusen, passende Dreieckstücher, die damals in Mode wahren.
Noch nie im Leben hatte ich so viele schicke Sachen auf einmal! Ich erinnere mich noch ganz genau an die Kleider, an meine Mutter, die viele Abendstunden   beim Nähen verbrachte. Sie kreierte   buchstäblich jedes Stück, mit viel Handarbeit, mit ausgefallenen Nähkniffen – dass alles mit nur einzig der alten einfachen Nähmaschine, die schon seit Ewigkeiten unserem Haushalt diente.

Die Eltern machten sich Sorgen: wir lebten damals in Sibirien, in Novokuznetzk, Gebiet Kemerowo, ich musste aber in Kujbyschew, an der Wolga, umsteigen. Auch ich hatte Angst vor dem Umsteigen von einem Zug in den anderen, so etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich fürchtete mich davor, aber, wie alles Neue, erschreckte es mich und gleichzeitig zog es mich magisch an.

Der Wagon war überfüllt, aber es war meine Entscheidung, die billigste Fahrkarte zu kaufen, jetzt erlebte ich die Konsequenten. Zwei Tage und Nächte  unterwegs. Zum ersten Mal erlebte ich was Schlafmangel bedeutete. Zum Glück nahm mich eine mehr oder weniger betagte Frau ganz freiwillig in ihre Obhut: das war die erste Güte, mit der das Universum sich bei mir für meine Offenherzigkeit zu den Menschen, die mir während meiner außergewöhnlichen Reise   begegneten, revanchierte.

Die nette Frau teilte mit mir gekochte Kartoffeln, die mir vorzüglich schmeckten! Wir aßen   gebratenes Hähnchen und tranken dazu Tee aus Gläsern in so wunderbaren metallenen Glashaltern. Mir war so hell und fröhlich ums Herz. In den kurzen Haltepausen sprang ich aus dem Wagon, holte Wasser oder Salzgurken, Äpfel oder Tomaten, die wie üblich an den Stegen verkauft wurden. Ich verspürte eine Freiheit des Fliegens in mir! Ich hielt den natürlichen Fluss des Lebens für ein Geschenk des Himmels.

Ich war damals ein schlankes, etwas ungelenkiges, rot-gelocktes, kurzsichtiges, aber hübsches Mädchen. Ich scheute mich die Brille zu tragen, weil ich nicht als „Brillenschlange“ gelten wollte. Deshalb lag sie bei mir immer in der Tasche, einfach so, ohne Etui. Oft gingen die Gläser deswegen kaputt, was mich sehr traurig machte: zum ersten, weil ich dann von meinem Schreibtisch aus nicht sehen konnte, was an der Tafel stand, und zum zweiten, weil mir der Vater so leid tat, weil  er nun schon wieder  in die Stadt fahren musste, neue Gläser beschaffen. Ich wusste, dass wir nur wenig Geld zu Verfügung hatten, konnte aber nicht einschätzen, wieviel vom Monatslohn für die neue Brille draufgehen würde. Und ich wusste, dass es meine Eltern nicht besonders freudig stimmen würde, auch dass ich kein Recht hatte jemanden weh zu tun.

In diesem Abenteuer füllte ich mich als blindes Kätzchen unter so vielen mir unbekannten, aber wohlgesonnenen Menschen. Der Zug überquerte das Territorium des Ural-Gebirges. Wir sahen das an einem Pfosten angebrachte Schild, welches die Grenze zwischen Asien und Europa bezeichnete. Ich war sehr stolz, dass ich es erleben dürfte … In diesem Sommer habe ich die Freude des Freiseins erfahren. Freiseins von solchen Bedingungen, wie Schule, Familie, Gemeinschaft. Ich war ich selbst, und dieses Gefühl der Freiheit begleitete mich mein ganzes Leben lang.

Der Zug näherte sich der Stadt Kujbyschew. Eine Stunde vor dem Halten lernte ich einen jungen Offizier kennen, der mir die Stadt der Wolga, die seine Heimatstadt war, zeigte und auch mit dem Umsteigen in den Zug nach Orenburg half. Ich winkte im aus dem Wagonfenster zum Abschied und wusste, dass wir uns in diesem riesigen Land, wo sich tausende Menschen täglich treffen und verabschieden, niemals wiedersehen werden.

Ich sollte auf der Station Sorotschinskaja aussteigen, und zwar nachts. Dass wurde noch zu Hause besprochen, ich hatte aber keine Vorstellung wie es abläuft. Das Stationsgebäude war klein und aus Holz gezimmert. Nur wenige Passagiere. Und keiner kam mir entgegen, wartete auf mich. Auf so etwas war ich nicht vorbereitet. Die Gedanken überschlugen sich, im Versuch eine Variante meines weiteren Handels zu finden …

Mein Vater hatte es sich bestimmt auch anders vorgestellt. In seiner Heimat hatte er viel Verwandtschaft: drei Brüder, die Schwester und die schon alte Mutter. Sie war zwar nicht seine leibliche, aber er ehrte sie, als wäre sie seine eigene. Vielleicht sollte ich mich hinsetzen und warten, irgendwann würde schon jemand auftauchen, aber ich konnte es nicht besser und beschloss mich selbst auf den Weg zu machen, denn zum Glück hatte ich die Adresse im Koffer.

Auch hier war das Schicksal mir freundlich gesonnen, es fanden sich Leute die sich hier gut auskannten und ein paar kräftige Arme halfen mir auf den gedeckten Lastwagen.

Und nun fahre ich durch die Morgendämmerung über die Orenburger Steppe dem Neuen und Unbekannten entgegen. Auf einer Straßengabelung hievte man mich runter und zeigte mir die Richtung, die ich weiter einzuschlagen hatte.

Und wieder hatte ich Glück, denn grade hier traf ich auf eine Gruppe Menschen, die auf dem Weg zur Bahnstation waren, und jetzt Halt machten um zu frühstücken. Unter denen war auch mein Onkel, der jüngere Bruder meines Vaters, Hirte von Beruf, Vater von vier Kindern. Ausgerechnet sein Haus war auserwählt für meinen Aufenthalt in diesen Sommerferien worden.

Meine Müdigkeit weichte jetzt dem Staunen, sogar der Unverständnis und Unzufriedenheit gegenüber der Verwandtschaft. Aber andererseits war ich glücklich endlich mal ein Ufer gefunden zu haben, nicht untergegangen inmitten dieser endlosen Felder verschiedenartiger   Getreide.

Die Bekanntschaft mit der neuen für mich – der deutschen – Bevölkerung erfolgte im selben Tag.

 

2.

Aus Büchern wusste ich, dass der Krasnogwardejskij Bezirk in Orenburger Gebiet ungefähr über drei tausend Quadratkilometer streckt und im Tal des Flusses Tok liegt. Im Norden zusammen mit dem Fluss Umirka gehört er zum Bassein des Grossen Kinel.

Seit meiner Kindheit wusste ich, dass mein Vater, Krecker Ivan, Sohn des Isaaks, zwei Jahre nach der Oktoberrevolution in Kamenez, unweit vom Bezirkszentrum einem größeren Dorf Pleschanowo, geboren wurde. Ich weiß nicht mehr, ob ich dabei war, als Vater seine Heimat zum ersten Mal wieder besuchen dürfte, aber diesen und auch den nächsten Sommer verbrachte ich im Dorf Kuterlja. Damals machte ich mir natürlich noch keine Gedanken, und könnte es auch nicht wissen, dass angefangen Mitte der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts über neunhundert Dörfer und Siedlungen in Orenburg von der Erdoberfläche verschwinden werden.

Voller Ehrfurcht unternahm ich Wanderungen und Spaziergänge im mir unbekanntem, aber durch Vaters Erzählungen mir so nahestehenden Land. Die Wirklichkeit überragte alle meine Vorstellungen.

Das ganze Dorf bestand aus einer einzigen kilometerlangen Gasse von beeindruckender Breite. Um die Nachbarn zu besuchen, musste man schon einige Entfernung zurücklegen. Vater erzählte, dass die Häuser aus „Saman“ gebaut wurden. Das Fertigen von Samanplatten hatte man den Baschkiren und den Russen abgeguckt, die dieses Land bewohnten. Die Häuser wurden weiß gekalkt von innen und außen, zum Abdichten benutzte man Moos.

Die Häuser im Dorf Kuterlja waren solide gebaut, was gleich auffiel. Wenn ich mich nicht täusche, waren sie entweder aus Samanplatten gebaut oder aus Ziegeln. Es gab aber auch Holzhäuser. In diesem Sommer lernte ich wie man den Saman mit den Füßen knetet und selbst Ziegeln herstellt. Zu jedem Haushalt im Dorf gehörte auch jede Menge Vieh:  Kühe, Ziegen, Schafe und Schweine, so wie verschiedenstes Federvieh. Fast in jedem Hof stand ein Auto, welches zusammen mit Motorrädern in dieser Gegend einfach unentbehrlich wahren, als Fortbewegungsmittel notwendig. Für mich war das aber  Luxus,  weil mein Vater, der ein geehrter Bergmann war, der über dreißig Jahre unter Tage im Bergbau verbrachte, immer von einem eigenen Auto träumte, sich aber nie diesen Traum erfüllen konnte.

Mitte Juni. Die Natur erging sich in wunderbaren leuchtenden Farben. Es blühte der Flieder. Er überschüttete einen so regelrecht mit seinem reifen und zugleich erfrischenden Aroma. Obstbäume und Beerensträucher Stellten ihm in nichts nach. Besonders üppig trugen dieses Jahr die Johannisbeeren. Gelbe und rote Sorten, die ich bisher noch nicht kannte, hatten selbst bei der Grundstückabgrenzung gut Abhilfe geleistet. Und als abschließende Akkorde in dem bunten Naturgebilde erhoben sich über all dem die mächtigen Ahorn-, Karagach,- und Pappelbäume.

Für mich war das eine absolut unbekannte Seite Russlands. Europäisch – zivilisiert, wenn man sich so ausdrucken darf. Nicht diese erbärmlichen Dörfer mit alten, unerfreulichen, halb eingestürzten Häusern, schmutzigen Gassen, unordentlichen Höfen, die ich aus der sibirischen Wildnis kannte. Hier herrschten die Ordnung und Sauberkeit einer anderen Welt – die mich für immer beeindruckte.
Es war ein wunderschönes Stück Erde, wo man die duftende Vielfalt der Gräser um das Dorf herum genießen dürfte, die Aromen der Blumen in den Vorgärten, den wunderbaren Gesang der Nachtigall am Morgen und dass Surren der Zikaden in den späten Abendstunden.

Ich erinnere mich noch, wie abends die jungen Männer in den Dorfklub unterwegs waren. Mit einer  schönen Blume aus eigenem Garten in der Hand, oder  auch schlichten Feldblumen, die schneidig ihre  Schirmmützen schmückten. Ihre in der Sonne ausgeblichenen Haare ließen alle Jungs goldig-blond aussehen und irgendwie, wie den russischen Märchen entsprungen.

Ich kannte die vielen Sträucher und Blumen nicht, aber das hinderte mich nicht daran ihre neuartigen, frischen Düfte, die reine Luft um mich herum zu genießen. 

Ich stürzte mich in diese neue, freie für mich Welt ohne zurückzublicken, tauchte in die Wärme des sonnigen Tages, der eigentlich nur die Fortsetzung des nächtlichen Märchens war.

Ich zählte nicht die Tage, füllte mich wie zu Hause, war ein Schmetterling,  eine kleine Motte,  ein zierliches Vögelchen, welches ein Loblied zu ehren dieser Welt zwitscherte – der Welt, die indessen ihr gewöhnliches, geordnetes Leben lebte.

Ich wusste, dass ich in eine „verrusste“ Deutsche Familie hineingeboren war, aber dass ich ein richtig deutsches Dorf mal erlebe,  hätte ich nicht träumen können …  Meine Kusine, die Tochter von Onkel Andrej – Marijka, war in meinem Alter:  eine blonde Schönheit mit einem dicken Zopf, begleitete mich überall, besser gesagt,  beaufsichtigte, oder managerte  meinen Aufenthalt  und beschützte mich vor irgendwelcher Überraschungen. Pflichtbewusst, wie eine Erwachsene, erledigte sie diese Aufgabe: stellte mich in ihrem Freundeskreiß vor, zeigte mir alle Sehenswürdigkeiten, zeigte mir das Dorfleben.

Solange es sich nur um die Verwandtschaft handelte, um die Nachbarschaft und Kameraden, wunderte es mich nicht allzu sehr, dass alle miteinander auf dem deutschen Dialekt, auf Plattdeutsch sprachen. Aber als ich mitbekam, dass auch beim Einkaufen, in der Schule, bei Behörden – überall, wie in einem anderen Land, plattdeutsch redeten, verstand ich die Worte meines Vaters: „Meine Muttersprache ist Deutsch. Die unterscheidet sich aber vom der Hochdeutschen, ähnelt der Holländischen. Vielleich kamen unsere Vorfahren ja aus dem Norden Deutschlands, der mit den Niederlanden grenzt.“

Zu Hause sprachen meine Eltern miteinander Hochdeutsch, auch ich kannte die „Haussprache“, aber ich könnte es mir nie vorstellen mal einen Sommer im „Ausland“ zu verbringen. Hier im Dorf Kuterlja und auch in anderen umherliegenden Dörfern, immer und überall ertönte nur diese Sprache – plattdeutsch, von der ich kein einziges Wort verstand.

 Diesen „komischen“ Dialekt sprach man hier überall, selbst Jugendliche und Heranwachsende unterhielten sich auf Plattdeutsch und ich hatte keine Chance sie zu verstehen. Erst zog ich mich zurück, versteckte mich hinter meiner Kusine, wurde deren Schatten. Dann sah ich Träume, in denen ich versuchte eine würdevolle Unterhaltung zu führen. So verschwand meine Zurückhaltung, zudem war bei mir immer meine Marijka – meine Freundin, ein Ideal der Güte, der Geduld, die mich verstand und unterstützte.

Wenn nötig, übersetzte sie, wenn ich Schwierigkeiten hatte, gab sie für mich Antwort. Sie lass buchstäblich meine Gedanken, selbst aus der Entfernung, und erklärte mir unermüdlich den Zusammenhang der gleichen Familiennamen. Unser Name war hier sehr verbreitet. Wie es sich herausstellte, waren wir alle miteinander verwandt, nur das manche sehr entfernt, die anderen   in ziemlich naher Verwandtschaft standen.

In der ersten Woche besuchten wir mit Marijka meine Großmutter. Sie wohnte bei meiner mir bis hier unbekannten Verwandtschaft. Dieses Wiedersehen mit ihr war das einzige in meinem Leben, aber ich habe es nie vergessen.

Mein Großvater, der Grundschullehrer war, heiratete sie, als mein Vater schon sein Elternhaus verlassen hatte um die Ausbildung zu beginnen. Er war seit dem nicht mehr oft in seiner Heimat gewesen … Großmutter erzählte mir von Vater. Sie hatte ihn als einen fröhlichen, lebensfrohen, netten und gutherzigen, trotz seiner schweren Kindheit und auch der schweren Kriegs-, und Nachkriegsjahre, die voller Entbehrungen waren, in Erinnerung behalten. Er war der einzige aus der Familie, der sich von seinem Clan oder Sippe losgerissen hatte, der sein Leben in der Fremde verbrachte, im weiten Sibirien, von dem sie keine Vorstellung hatte.
 Ich hielt Großmutter für uralt und weise. Ich fühle eine gewisse Traurigkeit jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, weil ich nie richtige Großeltern hatte, alle hat der Krieg hingerafft. Mir fehlte die Weisheit der Alten in meiner Kindheit, vielleicht schlage ich mich deshalb so quälend durchs Leben, durch den Seelenschmerz, denn ich durch eigene Erfahrungen erwerben musste, leidend in meiner Einsamkeit.

An dem Tag machte Großmutter mich auf meine Ähnlichkeit mit Vater aufmerksam. Ich wäre genauso kontaktfreudig und lebensfroh, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Schlimm war nur, dass unsere Unterhaltung gedolmetscht werden musste. Dass machte, wie immer, meine Kusine Marijka, mit der wir uns in der Zeit so richtig angefreundet hatten. In diesem Sommer wurde mir die Bedeutung des Wortes „Blutsverwandt“=“(Blutruf)“ bewusst. 

Großmutter sprach nur ihren niederdeutschen Dialekt. Sie hatte nie eine Russische Schule besucht, hatte auch nie Hochdeutsch gelernt, auch niemals richtig Russisch. Obwohl sie mit den Russen kontaktierte, auch mal kurzfristig das Dorf   verlassen hatte, lernte sie die russische Sprache nie richtig zu verstehen, zu schreiben oder zu sprechen.

Heute, über zwanzig Jahre in Deutschland lebend, kann ich gut verstehen warum man uns in Russland „ die Deutschen“ nannte, das war ja auch im Pass verzeichnet. Aber warum wir hier in Deutschland als „die Russen“ gerufen werden – ist mir immer noch schleierhaft.

In diesem Sommer war ich eine natürliche Beilage zu meiner neu erworbenen Verwandtschaft, und versuchte nicht mal mit meinen Überlegungen die sich mir neu geöffnete Realität zu trüben. Ich tauchte mit meinem  hellen, wissbegierigen Naturell  vollkommen ab  in dieser erstaunlichen Welt, und die akzeptierte  mich so, wie ich war, mit all meinen Plus-  und Minuspunkten, Schwächen und Stärken.

In der zweiten Aufenthaltswoche in der Heimat meines Vaters, war meine Kusine gezwungen mich einzuladen einige Wochen in einem Pionierlager zu verbringen. Natürlich willigte ich ein ohne zu überlegen!

 Ich erinnere mich noch wie heute: wir arbeiteten auf den Dorffeldern, wohnen in Zelten mitten in der Steppe. Das Wetter ist sonnig, das Klima trocken. Wir brauchen uns wegen der Bekleidung nicht zu sorgen, genau so wenig über die Verpflegung und Zeitvertreib. Für die Familie, die mich aufgenommen hatte, war das wahrscheinlich auch eine Erleichterung, auch ich war frei wie ein Vogel. Ich arbeitete genauso, wie alle anderen auch, aber danach - Abende für mein Herz und Seele, Freundlichkeit überall, die erste Liebe …
Erst jetzt erkenne ich, dass ausgerechnet dort die Zeit meiner Reife war, der Seelenstärkung, die Zeit jenes hellen Glückes, voll Wärme und Freundschaft. 

 

3.

Am letzten Januarsonntag träumte ich von meinem Vater. Er war jung, energisch, unruhig. Irgendwie verlief alles, was im Traum passierte, in der Stadt Nowokuznezk, in Sibirien, wo Jahre lang unsere Familie lebte, wo ich meine Studentenzeit verbrachte. Die Eltern kamen um mich zu meinem Diplom zu gratulieren. Im Studentenwohnheim war es laut, ich spürte auch Mama in der Nähe. Irgendwie waren alle in Bewegung, suchten nach irgendetwas, fanden es nicht, verließen das Zimmer, wechselten die Plätze …
Ich nahm Gratulationen entgegen, spürte aber, dass Vater sehr aufgeregt war, außergewöhnlich schweigsam. Er warf mir befremdete Blicke zu, und ich fand nicht die Zeit um ihn zu umarmen, mich an ihn zu drücken. Sein Gesicht war so blass und der Blick unbeweglich. Er wollte mir was sagen, aber getrennt durch den Tumult, konnten wir uns nicht unterhalten. 

Ich wachte abrupt auf, im Zimmer herrschte eine absolute Stille. Es war noch sehr früh. Ich schaute aus dem Fenster und sah bei der Gartenlaube dunkle, nebelige Gestalten, die sich sofort in der Luft auflösten.

Das Telefon klingelte, und noch während ich nach dem Hörer griff, wusste ich schon, dass gleich die Fortsetzung meines Traumes erfolgt. Die Stimme meiner Kusine Katja, die in Deutschland unweit von Bonn lebt, berichtete mir, dass ihre Schwester, meine liebe Marijka, im Februar ihre Eltern besuchen will, und würde sich gern mit mir treffen wollen. Wir sahen uns das letzte Mal in einem Sommer bei Orenburg vor mehr als vierzig Jahren …

Natürlich, das erfreute mich sehr, und sofort überwältigten mich Erinnerungen an die Sommermonate im deutschen Dorf. Das Herz überschlug sich. Ich stellte mir Marijka vor, ihre Schwestern, spührte die Luft von Vaters Federgrassteppe … Die Seele erwachte von der Erinnerung an die Jugendzeit, der Zeit wo ich das Leben rein und fröhlich vernahm, in jeder Hinsicht.

Am nächsten Tag während eines Spazierganges durch die Stadt, besuchten wir die Kirche und gedachten meine verstorbenen Eltern, in dem wir Kerzen für sie Entzündeten. In dem Moment klingelte das Handy. Kusine Katja überbrachte uns die traurige Nachricht von ihrem Vater, meinem Onkel Andrej, meines Vaters jüngsten Bruder.

Im Alter von dreiundachtzig Jahren verstarb er ganz unerwartet. An dem Tag stürzte seine Frau Tina und würde ins Krankenhaus eingeliefert. Sie war schon sehr lange unheilbar krank, aber war immer sehr tapfer, sie wusste, wie sehr sie noch gebraucht wird. In dem Tag brach sie sich den Arm und ihr Mann erlag einem Herzstillstand.

Die Nachricht traf uns hart mit ihrer Unwiderruflichkeit des Geschehenen. Wie oft wollte ich diese Menschen besuchen, die mir seit meiner Kindheit lieb waren. Seit einigen Jahren plante ich schon diese Reise quer durch Deutschland um alle Brüder meines Vaters zu besuchen, hatte mir die Route sogar schon auf der Karte vermerkt. Äußerlich ähnelte mein Vater seinen Brüdern sehr und die Wiedersehensfreude war so groß in mir, dass es schmerzte.

Aber ich neige dazu immer alles zu globalisieren: ich wollte alle gleichzeitig sehen. Die geplante Reise fand nie statt, ich fand nicht die Zeit  um mich zu verabschieden, obwohl ich glaube, das Tante Tina auf mich gewartet hat … Warum bin ich nicht einfach mal hingefahren um diese für mich teuren  Menschen zu  besuchen?

Nach dem Tod meines Onkels Andrej, verstand ich den Sinn meines kurz davor geträumten Traumes. Von meinem Vater träumte ich nur zwei Mal im Leben. Das erste Mal vor vierzig Jahren, am Tag nach seiner Beerdigung. Wir kamen sofort nach dem Erhalten des Telegramms, mit meinem Mann vom weiten Norden angereist, am Abend vor der Beisetzung. Wir schafften es nicht mehr ihn lebend anzutreffen.

Danach erschein er mir das erste Mal im Traum. Ausgemergelt und sehr dünn, stand er hinter dem Kleiderschrank im Schlafzimmer meiner Eltern und flüsterte mir vertraulich und gut vernehmbar zu: „ Glaube es denen nicht, ich bin nicht tot.“ Diesen Traum habe ich in meiner Erinnerung durch die ganzen Jahre getragen. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass Vater mir damals wahrscheinlich sagen wollte, dass die Seelen unsterblich sind, dass die von dort oben uns beobachten, begleiten und helfen unsere Schwierigkeiten zu meistern. Dieser Traum half mir danach in meinem Kampf gegen Depressionen, gegen die schreckliche Wahrheit, dass ich ihn nie wieder sehen werde.

Das war eine schwere Zeit. Von dem Moment an verlernte ich das Lachen. Die Trauer um meinen Vater dauerte mehrere Jahre an. Und nun nach so vielen Jahren erschien er mir wieder, um vor dem kommenden Unglück zu warnen, vor dem Tod seines Bruders. Aber das war noch nicht alles, seine Botschaft enthielt mehr. In einer Woche verstarb auch seine Frau, Tante Tina.

Sie hinterließen vier wunderbare Kinder und eine Menge Enkel. Ohne ihren Mann sah Tante Tina keinen Sinn in ihrem Leben. Aber die Lebensmüdigkeit war eingetreten. Sie sind zusammen gegangen in die Welt hinter dem Horizont und erinnern uns von dort in den feuerroten Sonnenuntergängen an die Vergänglichkeit des Lebens. Auf dem Firmament erscheinen zwei neue Sternchen, die noch auf keiner Karte vermerkt waren. So verlor die Welt noch zwei wunderbare Menschen, deren Seelen unsterblich sind.

Wir konnten von diesen lieben Menschen nicht mal Abschied nehmen. Ich wurde am nächsten Tag operiert, und meine Kusine Marijka  konnte nicht zu Beerdigung ihrer Eltern, weil das Visum und die Fahrkarten erst Wochen später fertig wurden …  Als sie dann  in Deutschland antraf, konnten wir zusammen mit meiner Schwester Lena  das Grabstätte der beiden verstorbenen aufsuchen, und Marijka und ihre Schwestern Katja und Lisa  besuchen und verbrachten eine angenehme Zeit mit den Kindern  meines Onkels.
Wir legten Blumen auf das frische Grab, und gedachten schweigend diese so teure uns Menschen, die ihren langen Lebensweg nach bestem Können gemeistert hatten. Den letzten Abschnitt ihres Lebens verbrachten sie nebst ihrer zwei Töchter in Deutschland, während ihre andere Tochter und der Sohn in den Weiten der Orenburger Steppen geblieben waren. Das Herz zerriss beinahe von der Unverständlichkeit dieser Tatsache. Das Mutterherz sehnt sich immer nach ihren Kindern, besonders nach dehnen in der Fern. Auch das Alter spielt hier eine Rolle …

So trafen sich, ob durch einen Zufall oder einen Wink des Schicksals, fünf Kusinen mitten im Frühling in der Deutschen Stadt Reinbach, um sich an ihre Eltern zu erinnern, an ihre jungen Jahre, die voller heller Freude und Liebe waren, die nie mehr zurückkommen. Die Unterhaltung unterbrach keine Minute.

Familienalben, die bewahren die Erinnerungen an das Vergangene. In diesen zwei Tagen, die wir gemeinsam verbrachten, waren die unsere Wegeführer durch die Jahre, die wir und auch unsere Eltern durchlebten. In den Alben von Onkel Andrej und Tante Tina. Zum ersten Mal sah ich auf dem Foto meinen Großvater Isaak in seinen jungen Jahren. Das war ein Foto von seinem Grabstein vom Dorffriedhof in Kuterlja. Und noch ein seltenes Foto. Auf dem  Opa mit meiner richtigen Oma, die leider keiner von uns erlebt hat, abgebildet war, zusammen mit meiner Tante Anna und ihren drei kleinen Brüdern: Iwan, Martin, Andrej.

Ich erkannte meinen Vater nicht. Ein junger Mann, so habe ich in nie gesehen. Ich schaute auf die lieben Gesichtszüge und meine Kusinen versuchten die Geschehnisse von damals zu rekonstruieren.

Sie konnten es nicht verstehen, wie mein Vater Jwan Jsaakowitsch, ein geborener Deutscher, es schaffte im Krieg bis neunhundertzweiundvierzig in den Reihen der Sowjetischen Armee gewesen zu sein. Und warum er dann  im Exil in Sibirien landete, warum er niemals  in sein Heimatdorf  zurückkehrte. Sie bemitleideten sein Schicksal, der ihn schon so früh aus der Heimat riss, das ihn Jahre lang in der Welt rumtreiben ließ, mittellos, heimatlos, und, obwohl er ein gelernter Flugmechaniker war, dreißig lange Jahre in den Kohlelöchern am Kussbaß verdorren ließ.

Auch ich würde gern die Antworten auf diese Fragen hören. Ich kann mich nur an einen Bekannten meines Vaters erinnern, der Zeige war, als ein  sowjetischer  Militärmann Vater in der Trudarmee anschrie: „ Diesen rothaarigen Deutschen lasse ich am lebendigen Leib verfaulen …!“

Womit hatte Vater das verdient? Was hat er falsch gemacht? Er war in den Orenburger Steppe aufgewachsen, atmete russische Luft, war durch und durch ein Sowjetischer Patriot.

Ich wollte eine schöne Geschichte darüber schreiben wie sich Blutsverwandten nach längerer Zeit wiedersahen, aber sie ist nicht ganz so geworden, wie gedacht. Wir erinnerten uns an Episoden aus Früher, aber die wurden mit den Bildern aus heute überdeckt. Im Dorf Kuterlja gibt es kaum noch deutsche Familien. Die meisten sind in den “Neunzigen“ nach Deutschland ausgewandert, oder wie die Familie von Marijka in das Kreiszentrum Pleschanowo. In ihre Häuser sind Baschkiren und Kasachen gezogen. Ich schaue immer wieder auf das Foto des weißgetünchten Samanhauses mit seinen vielen Nebengebäuden, auf die einzige, lange   Straße des Dorfes. Erst heute wird mir klar, wie umständlich es damals gewesen sein musste, mich zu beherbergen. Marijka hat nichts vergessen. Hier ist die Sommerküche, wo wir früh morgens, nach unseren nächtlichen Abenteuern versucht haben noch Abendbrot zu bekommen, oder besser gesagt, zu frühstücken. Hier hat Tante Tina auf uns eingeredet, nach dem unsere nächtlichen Heldentaten gelüftet wurden. Es stellte sich heraus, dass bei mir, als Stattkind, so manches Mal ein Auge zugedrückt wurde. Und ich hielt mich selbst schon immer für ein gut erzogenes Mädchen!

Nach meiner Abfahrt breiteten sich komische Gerüchte über mich im Dorf, die auch Marijka nicht verschonten. Über mich kann ich nur sagen, dass ich auch nach dem zweiten Sommer, den ich dort verbracht hatte, unberührt und ungeküsst blieb. Dass wollten mir meine Kusinen selbst jetzt nicht glauben.

Von den neuen Fotos wehte Trostlosigkeit. Fast alle Zäune im Dorf waren weg. Selbst die traditionelle Bank am Eingangstor, die mein Lieblingsaussichtsplatz gewesen war, war nicht mehr da. Wen haben die gestört? Die Palisaden erfreuen nicht mehr das Auge, weil die Blumen nicht mehr blühen, ungebraucht in dieser Zeit. Die Gemüsegärten sind nicht mehr dass, was sie mal waren, alles ist zugewachsen und freudlos.

Ich frug Marijka, warum sie nach der zehnten Klasse keine Ausbildung angefangen hatte, sondern stattdessen für einen Monat zu uns nach Sibirien kam. Ohne zu zögern antwortete sie: „ Alles wegen der Kommandatur, wir hatten doch keine Pässer, manche wurden zum Lernen abkommandiert, aber nicht alle. Vielleicht sollte ich beharrlich bleiben. Du hast in dem Sommer gelernt um zu Studieren und ich kam zurück und ging in Melkerin in den Kuhstall arbeiten. Wie ich dieses Jahr schwerster körperlicher Arbeit ausgehalten habe, keine Ahnung. Erst später glückte es mir und ich bekam eine Lehrstelle im Verkauf, so entwickelte sich meine Arbeitsbiografie.“

Damals waren wir noch jung und unerfahren. Jetzt verstehe ich, wenn sie damals, bei dem Besuch bei uns, wenigstens ihre Dokumente bei sich haben dürfte, hätte sie mit mir zusammen in der Hochschule lernen können. Warum könnte das nicht passieren? Wer sollte ihr helfen? Sich darum kümmern? Hätte sie es selbst so gewollt? Ich habe sie nicht gefragt. Zudem wartete auf sie Heim ihre große Liebe, die leider auch nicht bestehen sollte …

Zum Abschied riet Marijka mir mich niemals in die Angelegenheiten der Kinder einzumischen. Das hat Folgen. „Du wirst das Schuldtragende bleiben – sagte sie nach kurzer Pause. Im Leben muss jeder für sich selbst Entscheidungen treffen.“

Es wird gesagt, dass man nicht zwei Mal in selben Gewässern wandern kann und keinen zerschlagenen Krug heile machen, man soll die Vergangenheit ruhen lassen:  man gewinnt nichts, kann nur verlieren.

So war es auch dieses Mal mit mir: ich freute mich dem Wiedersehen mit meinen lieben Kusinen, in deren Gesichtern ich wunderbare Gesprächspartnerinnen hatte. Ein halbes Jahrhundert waren wir getrennt, wir hatten uns viel zu erzählen, aber der Seelenschmerz des Vergangenen, all die Erinnerungen haben mich aufgewühlt,  lässt mir auch heute noch keine Ruhe.

Alles war so, wie es war, nichts geht zu Ändern. Marijka erinnerte sich an das Leben bei uns an dem Sommer nach der zehnten Klasse. Sie sah es, wie unsere Eltern uns  umsorgten, wie Vater sich  auf der Arbeit abplagte, und abends dann noch  im Garten, wie er  für uns kochte, wenn Mutter auf der Arbeit war, während für uns, Mädchen, selbst die Beten zu jäten schon anstrengend war.
Bei uns war das so. Die Eltern gaben uns die Möglichkeit das zu tun, worauf wir Lust hatten, nämlich zu Lesen. Sie wollten, dass aus uns gebildete Menschen werden. Dass wurden wir. Vater war sehr stolz darauf, dass ich Lehrerin wurde, ausgerechnet im Fach russische Literatur und Sprache, erzählten mir mal seine Brüder, so dachte auch ich immer und freute mich über meine Erfolge. Heute schäme ich mich dafür, aber ich kann es nicht mehr gutmachen, den Vater um Verzeihung bitten. Vielleicht hört es mich ja jetzt aus dem Himmelreich?

Alles offenbart sich mit der Zeit, grenzenlos ist die Reue, aber es gibt keinen Weg zurück, um es zu berichtigen, uns bleibt nur den Himmlischen Vater reumütig um Vergebung zu bitten.

In den Tagen, die ich mit meiner Kusinen verbrachte, wurde mir deutlich, dass alles ein Ende haben muss, dass man die Vergangenheit, selbst die Gegenwart verabschieden muss. Die Gewissheit, dass  für mich jetzt die Zeit gekommen ist  um von  den Träumen und Hoffnungen  Abschied zu nehmen, durchstach mein Herz  schmerzhaft, versenkte meine Seele in Trauer. Egal wie tief wir diese Wahrheit auch verstecken mögen in der weitesten Ecke unseres Herzens, die kommt trotz dem ins Licht, wächst, bringt uns zum letzten Ausgangspunkt auf dieser Erde.

Warum verstehen es nicht die, die auf diesem Planeten regieren?

Diese Frage bleibt für mich offen. Wahrscheinlich, weil sie unter dem Druck der dunklen Kräfte, einmal  ihre Seite gewählt, nicht mehr im Stande sind  sich deren Macht zu entziehen, und so  schwinden immer neue und helle Leben in die Dunkelheit.
Heute verstehe ich den Sinn dieser Worte: „ Das Russisch-Deutsche Volk auf dem Weg, es hat keine Heimat.“

Unter dem Druck der russischen Bevölkerung, beschuldigt in den Machenschaften der Nazis, sank die Anzahl der Volksvertreter. Die Repressionen, besonders in den Jahren des zweiten Weltkrieges, Trudarmee, Kommandatur, das Stigma des Volksfeindes trugen auch dazu bei.

Auch in westlichen Ländern wird mein Volk „Übersiedler“ genannt, was keinesfalls „ unterm heimeligen Dach“ bedeutet. Obwohl, wir brauchen auch nicht klagen, wir haben hier Verwendung  für unsere Fähigkeiten und Neigungen gefunden, eine materielles Fundament, sei es in  Form  privater Eigenheime, für unsere Nachkommen geschaffen, sorgen für bessere Ausbildung, freuen uns über deren Fortschritte,  verspüren Stolz  und hegen  Hoffnung.

 Wir haben hier nicht nur neue Arbeitseigenschaften  erlernt, sondern auch wie man  wunderbar seine Freizeit gestaltet: reisen  durch Länder und Kontinente, über Meer, Land und Luft,  machen selbstständig  Unternehmen auf,  wollen  in Guter Erinnerung  bei unseren Nachkommen bleiben.

Und doch hat meine Lebensgeschichte ein trauriges Ende. Das zwingt mich dazu mit Ahnenforschung zu beginnen, versuchen die Herkunft meiner Familie zu erforschen aus Archiven und Erzählungen der wenigen Zeitzeugen – das ist schon Geschichte, und die sollten wir für unsere Nachkommen bewahren.

Dieser Aufgabe stelle ich mich nach dem Treffen mit meinen Kusinen in der Bonner Gegend, Anfang März 2014, während der Zug mich und meine Schwester  zurück, in jetzt schon unsere Heimatstadt Kenzingen, Süd-Deutschland, Baden-Württemberg, bringt.

 

Nicht vorprogrammierter Stammbaum

Ich kann mich nur wenig an die Zeiten erinnern, als ich die Welt erblickte. Das ist lange hier. Kann   sein, dass während ich schreibe die Gedanken hoch kommen, mich übersprudeln, und es mir doch noch gelingt die halb verdrängten Ereignisse herzustellen. Aber im Moment, wenn ich an die Vergangenheit denke, sehe ich vor meinem inneren Auge nur das wenig bewohnte Taiga Gebiet, wo selbst heute noch die Zivilisation nur mit Muhe durchdringt. Wie ich es jetzt verstehe, war das ein Ort, wohin man Politische und Verbrecher verbannte.

So in einem dieser, aus dicken Baumstämmen gehauener Häuser, die in Eile gezimmert waren, wurde ich in eine Deutschstämmige Familie hineingeboren. Meine Eltern wurden neunzehnhunderteinundvierzig auf unbefristete Zeiten hierhin verbannt, um diesen Ort zu besiedeln, ihn bewohnbar zu machen. Hier verbrachte ich die ersten fünf Jahre meines Lebens. 
Meine Mutter wurde in einer großen deutschen Siedlung namens Katharinenfeld, in Georgien geboren. Später wurde sie in Luxemburg umbenannt, heute ist es die Stadt Bolnici.

Bis zur siebten Klasse besuchte Mutter die Schule, in der Deutsch unterrichtet wurde. Auch die Lehrer waren alles Deutsche. Ungefähr 1938 wurde die deutsche Schule geschlossen, und ein Teil der Lehrer festgenommen. Der Unterricht wurde dann auf Russisch fortgesetzt und auf Georgisch. Mutter kannte keine von den beiden Sprachen und musste die Schule abbrechen. Das war es dann auch mit ihrer Ausbildung.

 In den ersten Kriegsmonaten wurden alle Männer im Dorf festgenommen, seit dem hörte man nichts mehr von denen. Verschollen. Das gab mal Gerüchte, dass mein Großvater entlassen wurde. Aber da wurde die restliche Familie schon verbannt und er fand keinen zu Hause. Er hat versucht sie zu finden, starb aber unterwegs. Jedenfalls er wurde nicht mehr lebendig gesehen.

Im Oktober neunzehnhunderteinundvierzig wurde die Familie meiner Mutter, wie auch viele anderen, nach Kasachstan deportiert. „ Das war meine Heimat – sagte sie mal zu mir. – Nach dem wir  ein Dokument unterschrieben, welches uns  zur Kenntnis gab, dass wir ohne Rückkehrrecht vertrieben wurden, mit wenig Gepäck, nur leicht bekleidet, ohne Proviant wurde wir gezwungen  unsere Heimatdörfer zu verlassen. Wir wurden von unserer Regierung aus unserem bisherigen Leben brutal rausgerissen und mitten in der kasachischen Steppe stehen gelassen, für uns ging es ab da nur noch ums Überleben. So wurden wir in die russische Bevölkerung integriert und erlangten diese teuer bezahlte Freiheit und die Möglichkeit unter denen zu leben.“

Aber das war erst der Anfang aller Wanderungen und Kämpfe ums Überleben, der Anfang ihres Lebenswandels, voller nie begriffener Beschuldigungen. Sie, wie auch viele ihre Landsleute, musste sich ihrem Schicksal ergeben.

In Kasachstan war es nicht einfach. Großmutter verstarb bald. Mein Onkel, Mamas ältester Bruder, machte vor dem Krieg eine Ausbildung in Leningrad (St. Petersburg). Der wurde verschollen. Ihr Vater kaum aus dem Gewahrsam nicht mehr zurück, so blieben die jüngeren   Geschwister ihrem Schicksal selbst überlassen. Mutter, weil sie nun die Älteste von allen übrig gebliebenen Kindern war und schon volljährig, wurde auch noch von der Familie weggerissen und mit anderen Deutschstämmigen nach Archangelsk zum Bäume fällen geschickt. Dort verlief ihre Jugend. Wie sie sagte, dort lernte sie zu lieben und zu hassen, dankbar zu sein und zu verzeihen, sich unterzuordnen, dort lernte sie die Angst kennen. Dort schmiedete sich ihr Charakter.

Als der Krieg vorbei war, holte ein ehemaliger Klassenkamerad eine von Mutters Schwestern nach Sibirien, Kemerowo Gebiet. Später holte die Schwester unsere Mutter zu sich. So betrat das erste Mitglied unserer Familie den sibirischen Boden, meine spätere Heimat.

Leserinfo:

Spezielle Siedlung – das ist eine der Methoden der Freiheitsberaubung in der Sowjetunion. Die wurde von der Regierung Anfang neunzehnhundertfünfundvierzig eingeführt für die deportierten, meistens Deutsche, aber auch anderer Volksminderheiten. Für uns, russische Deutsche, als wir hier hin gebracht wurden ohne Recht jemals zurückkehren zu dürfen, war das eine Form der totalitären Kontrolle über uns.

Jeglicher Fluchtversuch aus der Siedlung wurde mit bis zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit bestraft. Alle „Speziellen Siedler“(so wurden die genannt) mussten sich einem extra dafür erschaffenen NKWD -Apparat unterordnen. Ohne deren Erlaubnis dürfte man sich nicht über Gebietsgrenze hinweg entfernen. Eine nicht genehmigte Abwesenheit wurde einem Fluchtversuch, einem Strafrechtlichem Vergehen gleichgestellt. Alle Familienoberhäupter waren verpflichtet sich monatlich zu melden, so wie auch die Anwesenheit, Heirat, Geburt oder Tod ihrer Familienmitglieder. Diese Tatsache wurde in der Sowjetunion tabuisiert seit neunzehnhunderteinundvierzig. Die ganze Wahrheit darüber wurde geheim gehalten im eigenen Land, so wie außerhalb des Landes. Erst nach Stalin seinem Ableben wurde die Kommandatur aufgehoben.

In der Föderation Deutschland wurde neunzehnhundertneunundvierzig wurde ein Ministerium der Verbannten und ein Jahr später in Stuttgart die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland ins Leben gerufen. In den fünfziger Jahren, nach Stalins Tod, war das erhalten der Arbeitslager aus politischen und wirtschaftlichen Gründen nicht mehr vorteilhaft. Das massenhafte Unterdrücken mancher Volksminderheiten, zu denen auch die Deutschen in Russland gehörte, machte keinen guten Eindruck, störte beim Etablieren mit den Westlichen Ländern. Auch der ganze riesige Unterdruckungsapparat, der ja extra hierfür geschaffen wurde, war zu kostspielig. Zu dem wollte die neue poststalinistische Regierung der Bevölkerung sympathisieren. Nach deren Berechnungen wurde die Rehabilitation die Repressierten loyaler gegenüber der Regierung werden lassen und sie zu neuer Arbeitsinspiration ermutigen.
Keiner ist vergessen – nichts ist vergessen. Die Geschehnisse können nicht aus der Geschichte gelöscht werden, das Schicksal kann man nicht mehr um schneidern, die Zeit nicht mehr Zurückdrehen. Mutter, mit ihren fast neunzig Jahren erinnerte sich mit Erschütterung an die schlimmen Zeiten der Erniedrigungen, moralischen Vernichtung, des mühsamen Überlebens, der bloßen Existenz.

Damals, vor vielen Jahren, als sie getrennt von der Familie, unter der Fügung der Kommandatur lebte, hat sie verstanden, dass sie als Nachkömmling der Deutschen, die zu Zeiten Katharina der Großen nach Russland emigriert wahren, ab jetzt für immer als Stadtfeind gebrandmarkt, verurteilt ist dem Hoch der Schwerstarbeit  und der Erniedrigungen zu ertragen. Sie hat alles ertragen. Ist diesen schrecklichen und langen Weg bis zum Schluss gegangen. Wofür ich ihr unendliche Dankbarkeit, Ehre und Bewunderung entgegenbringe, so wie auch ihre Nachkommen, die heimatlos, immer unterwegs sind, in ihrem Sinnen und im Leben.

 Meine Eltern haben sich Ende vierziger Jahre in Sibirien kennengelernt. Sein Schicksal ähnelte dem meiner Mutter. Er wurde in eine deutschstämmige Familie als Lehrers Sohn hineingeboren. Später mochte er nicht gern über seine Kindheit und Jugend, und den Schwierigkeiten der damaligen Zeiten sprechen. Aber aus Erinnerungen und Erzählungen verschiedener Verwandte haben wir dann doch einiges erfahren können.

Seine Familie war groß: außer Vater gab es noch vier Brüder und eine Schwester. Hier im deutschen Dorf zählten sie zur Intelligenz, weil deren Vater ein Lehrer war. Die Mutter, meine Großmutter, die ich nie kennengelernt hatte, hat ihr Leben ganz der Familie gewidmet. Um sie alle satt zu bekommen, musste sie von früh bis spät in ihrer Wirtschaft arbeiten und auch noch auf den Feldern.
Ihr Mann war für sie keine große Hilfe in ihren täglichen Arbeiten, weil er als Lehrer genug in der Schule und mit den Hausaufgaben zu tun hatte. Und mit den Jahren wurde er immer launischer. Seine Unzufriedenheit ließ er an seiner Frau und Kindern aus. Früh lehnte mein Vater sich gegen ihn auf, beschützte seine Mutter und Geschwister. Bald wurde im klar, dass das Leben unter einem Dach mit seinem Vater nicht mehr möglich war. Nach dem Schulabschluss verließ er das Dorf, fing in der Stadt Marx eine Ausbildung an.

Historische Geschehen, nämlich der zweite Weltkrieg, haben seine Laufbahn radikal geändert. Der Krieg erwischte hin auf einem Flugplatz, wo er schon als Flugmechaniker arbeitete. Dank seinem Fleiß war er unter Kollegen sehr geschätzt. So lange es nur möglich war, haben seine Vorgesetzten ihn vor den Repressalien gegen die Volksdeutschen, die schon überall im Land sich breiteten, geschützt. 

Das Jahr neunzehnhundertzweiundvierzig war entscheidend in seiner Biografie. Wie er erzählte,   irgendjemand aus der Obrigkeit hat ihn dann doch als Deutschen identifiziert, seine Zugehörigkeit der Sowjetischen Armee als unerhört befunden, und deportiert nach Sibirien in den Bergbau. Somit war seine Jugend vorüber, Jahre des Überlebens in einem neuen Umfeld und schlimmen Bedingungen, als Faschist gebrandmarkt, begonnen. Und was am schlimmsten war – unter ständiger Kontrolle der NKWD.

In unserer Familie war es nicht üblich über die schrecklichen Geschehnisse der Vergangenheit zu sprechen. Ich kam sechs Jahre nach dem Krieg zur Welt. Mein Vater arbeitete damals in dem Schachten unter unmenschlichen Bedingungen. Aber der Mensch gewönnt sich an alles, und dass hat geholfen die tägliche harte Arbeit zu verkraften und das Überleben ermöglicht. Nur einmal, ich war vierzehn, erzählte unser Vater, wie die NKWD-Mitarbeiter ihn zwingen wollten seine Kameraden und Kollegen zu bespitzeln und zu verraten. Er hatte es nicht gemacht, obwohl Ungehorsam sehr gefährlich war und schwere Bestrafung bedeutete.

Nach dem der Edikt über die Rehabilitation der Deutschen erlassen wurde, sind viele Familien zurück in ihre ehemaligen Heimatorte gezogen. Vater hatte nicht mehr den Mut, auch keine Kraft dazu. Er hatte ein Haus gebaut, sich eine kleine Wirtschaft zugelegt, geheitatet und schon drei Kinder. Ich erinnere mich noch an seine Worte: „ So gut wie jetzt, haben wir noch nie gelebt. Wir bleiben hier, in Sibirien.“

Und er blieb für immer hier, in diesem Taiga-Land. Das bezeugt der marmorne Obelisk auf dem Friedhof, der auf einer Anhohe, die unser Bergmannsdorf umrandet, liegt. Nur einige Monate fehlten ihm bis zu seinem vierundfünfzigsten Geburtstag. Der dauerstress und Schwerstarbeit hat ihren Tribut gefördert. Ein Mensch ist kein Perpetuum Mobile, er geht kaputt.

Vaters Tod war meine erste Tragödie im Leben, von der ich mich nur schwer erholte. Er hatte ein großes Herz und einen edlen Charakter. Sein Schicksal brachte ihm viele Hindernisse, die er alle meisterte, ohne seine Ehre zu verlieren, ohne sein Gewissen zu verunreinigen.

Es gibt Menschen, wie Sterne. Die erscheinen im Leben für eine kurze Zeit, erfüllen ihre Mission auf dem Planeten Erde und lösen sich wieder auf im Raum, in der Leere, in der Ewigkeit. Nur der Schmerz des Verlustes bleibt, und der Schall der Erinnerungen. Ich glaube fest, dass mein Vater mich überall begleitet, mir beim Bewältigen der Hindernisse hilft, mit mir neue Aufgaben erstellt und mir hilft sie zu lösen. Manchmal denke ich, wenn er nicht so früh gegangen wäre, hätte ich viel mehr geschafft, hätte das erreichen können, was mir mitunter so fehlt, wonach sich meine Unbefriedigte Seele immer noch sehnt.

Unser Vater war immer stolz auf uns, Kinder, das berichteten seine Brüder. Grenzenlos war seine Liebe zu mir. Diese Liebe gab mir den nötigen Anstoß um die nötigen Leistungen zu erbringen. So viel ich mich erinnere, habe ich in meinen Schuljahren und auch später als Jugendliche mich sehr bemüht, um ihn zu erfreuen. Er fehlte mir in meiner Studentenzeit, in meinen wöchentlichen Besuchen zu Hause, sprudelte aus mir alles heraus: alle Neuigkeiten, Gedanken, Erfindungen. Er verstand mich, war jeder Zeit bereit mir zu helfen, immer für mich da. Jetzt, wo so viele Jahre vergangen sind, denke ich, das er der einzige war in meinem Leben, der mich verstehen konnte, der alles geben würde, nur um mich glücklich zu sehen.

Vor der Auswanderung nach Deutschland habe ich versucht die Geschichte meiner Familie zu erforschen. Auf meine Anfrage, die diesen Zeitabschnitt erfasste, in die Abteilung für die Landesssicherung, bekam ich Bescheide, die alles oben Stehende bestätigen.
„Faschist, deutscher …“ – diese Worte begleitete mich in meiner Kindheit, zwangen mich zur Verschlossenheit, hinderten mich daran  Freundschaften zu suchen, sondern mehr darauf zu warten, bis sie sich von alleine  ergeben, mich zurückzuhalten, geduldig abwarten, bis man mich bemerkt, wenigstens meine Schulischen Leistungen. Später hatte ich Scheu mit jungen Männern Bekanntschaften zu schließen aus Angst, sie würden an meinem Familiennamen merken, dass ich deutsche war …

Schon im Alter von fünf Jahren merkte ich, dass mich irgendein Geheimnis umgibt. Ich habe entdeckt, dass meine Eltern eine andere Sprache sprechen, als die, die alle anderen Menschen benutzten, dass ich praktisch zwei Sprachen beherrsche. Erst später verstand ich, dass meine Muttersprache die Deutsche ist, die auch die Freunde unserer Eltern benutzten. An Wochenenden besuchten wir uns gegenseitig. Mutter kochte dann etwas Besonderes. Diese Gerichte, auch deren Nahmen kannten meine Freunde nicht. Nach und nach befremdeten wir uns. Zu meiner Zeit besuchte ich keinen Kindergarten, scheute mich vor anderen Kindern, hatte bis zur sechsten Klasse kaum Freunde. Damals wusste ich noch nicht, dass die Zugehörigkeit zu der Deutschen Nation mein, wie ich dachte, geordnetes Leben so sehr verändern wird.

Wenn ich an meine Kindheit denke, wundere ich mich, wie schnell das Leben vorbei geflogen ist. Jetzt, im reifen Alter, verstehe ich die Phrase: das Leben ist kurz … Ehrlich gesagt, erinnere ich mich viel mehr an negative Momente: wenn mich jemand beleidigte, unverdient bestraffte. Noch erinnere ich mich an die Niedergeschlagenheit, wenn ich mich allein unter Fremden befand. Einsamkeit und Sehnsucht begleiteten mich seit meiner Kindheit. Dieser Zustand quellte meine Seele, gab mir keine Ruhe.

Unsere Eltern mischten sich in den Lernprozess, in unsere Charakterbildung nicht zu sehr ein. Jetzt verstehe ich warum. Vater, der Bergbauer war und nach der Arbeit sich auch noch um den Garten kümmerte, war einfach nicht im Stande unsere Schulangelegenheiten zu kontrollieren. Er besuchte regelmäßig die Elternsprechstunden und das genügte ihm um den Überblick zu behalten. Mein Bruder und ich brauchten keine Hilfe, aber unsere jüngere Schwester benötigte Nachhilfe, die wir leisten sollten, wenigstens in den genauen Fächern. Ich erinnere mich an eine Ohrfeige, die ich bekam, weil meine Schwester eine schlechte Note bekam. Dass konnte ich lange nicht vergessen, weil ich es ungerecht fand.

Aus der Entfernung sieht vieles anders aus. Früher wunderte ich mich, warum Mutter viele Worte falsch aussprach, sich nur ungern mit den Nachbarn unterhielt, warum uns selten  Menschen aus der Nachbarschaft oder Arbeitskollegen besuchen, sondern nur Freunde  unserer Eltern von Früher. Jetzt, nach langer Zeit, bin ich erst im Stande dieses zu verstehen, es zu analysieren, es bewusst zu verarbeiten und zu verzeihen. Ich würde so gern meine Eltern um Verzeihung bitten dafür, dass ich in meinen Kinderjahren und auch später so kaltherzig war, ihnen so wenig Verständnis entgegen gebracht hatte.

Erst in den Reifen Jahren verstand ich, warum Mutter aufschreckte, wenn es an der Tür klopfte, wenn Fremde zu uns kamen. Ich verstand, warum Vater und nicht sie zu den Elternsprechstunden gegangen war, warum sie sich aus unserer Persönlichkeitsbildung raushielt. Sie verstand den Sinn vieler, für mich so einfachen, Worte nicht, sie sprach immer mit einem starken Akzent.

Ich war froh, dass meine Eltern mir Zeit für die Selbstbildung ermöglichten, indem sie uns von der Hausarbeit fernhielten. Dafür bin ich ihnen dankbar. Wenn ich mich richtig erinnere, lernte ich mit fünf Jahren schon Lesen. Mein Bruder war in der ersten Klasse und ich beneidete ihn, machte mit ihm zusammen die Hausaufgaben, blätterte in seinen Schulbüchern. Das war der Anfang meiner Bildung.

So viel ich mich erinnere, habe ich die ganze Freizeit, meinem Bruder in nichts nachstehend, dem Lesen gewidmet. In der Stadtbibliothek war ich ein Stammleser. Ich weiß noch, in der dritten Klasse schämte ich mich vor der Bibliothekarin, wenn ich ein Buch bei der Rückgabe nicht gelesen hatte, weil es nicht interessant genug war, weil sie oft nach dem Inhalt des Gelesenen ausfragte. Sie wunderte sich, wie ich es schaffte in dem Alter in so kurzer Zeit so viele Bücher durchzulesen. In der Schule gab es auch eine Bibliothek, aber, soviel ich mich erinnere, die genügte meinen Ansprüchen nicht mehr. Unsere Verwandtschaft erinnert sich immer noch an mich und meinen Bruder, wie wir in das Lesen vertieft da saßen, wenn sie uns besuchten. Später hat diese Begeisterung meine Berufswahl beeinflusst.

Zeugen der Vergangenheit sind alte Fotos, die ihren Platz in den Alben meiner Eltern einnehmen.

Ein Foto, auf dem viele mir Unbekannte zu sehen sind, und unten aufgereiht wir Kinder, erzählt mir sehr viel. Interessant wurde das Foto erst als wir nach Deutschland kamen, als ich versucht habe meine Vergangenheit zu realisieren.

Meine Mutter, als sie schon über achtzig war, hat mir über die Menschen auf dem Foto erzählt, auch wenn viele von denen nicht mehr lebten. Die waren füreinander eine Stütze, halfen sich gegenseitig in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Es waren auch deutschstämmige Menschen, deren schuld nur in ihrer Herkunft war. Genauso wie meine Eltern, waren auch die nach Sibirien verschickt worden.

Heute sehe ich das Foto mit ganz anderen Augen. Ich versuche deren Gefühle zu verstehen, in ihre Gedanken einzudringen. Ich würde so gern wissen, was die in den schweren Jahren gefüllt haben, woran gedacht, was ihre Träume waren … Das werde ich nie erfahren können – zu spät.

 Neunzehnhundert neunundvierzig kam mein Bruder zur Welt. Zu dieser Zeit hatten unsere Eltern ihre Ehe schon legitimiert. In einem Jahr wurde ich geboren. Und fünf Jahre später erfreute uns unsere Schwester mit ihrem Dasein. Soviel   über meinen engsten Familienkreiß, welcher  selbstverständlich meine Charakterbildung beeinflusste.

So viel ich mich erinnere, war die familiäre Atmosphäre bei uns immer schwer, obwohl sich meine Eltern sehr gut verstanden. Wir, Kinder, liebten sie bedingungslos. Dass Miteinander innerhalb unserer Familie war harmonisch, nur die Spannung gegenüber der Außenwelt war groß. Mutter konnte nie vergessen was sie in den Kriegsjahren erlebte. Wie ich schon erwähnte, lebte sie in ständiger Angst. Diese Angst sickerte in unsere Kinderseelen und niesstete sich dort für lange Zeit ein.

Schon damals als Kind, beschloss ich Lehrerin zu werden, und unbedingt im Fach Russische Sprache und Literatur. Ich war ein überzeugter Atheist, aber Gott erhörte meine unausgesprochenen Gebete. Mit siebzehn wurde ich Studentin und beendete die Hochschule nach vier Jahren mit Erfolg.

So erfüllte sich mein erster Traum. Ich besiegte eine meiner Kinderängste, der auf meiner unvorteilhaften Herkunft basierte.

 

Nachwort   

Ich dachte, wenn ich Lehrerin bin, kann ich meine Ängste bewältigen, aber dem war nicht so. Die verkrochen sich tief in meiner Seele, und in Situationen in denen ich Entscheidungen treffen soll, bei jeder Gelegenheit kommen die wieder raus.

Ich dachte, wenn ich Lehrerin bin, werde ich meine Scheu los, meine Unsicherheit, aber die verfolgen mich mein ganzes Leben lang, ziehen mich zurück in den Abgrund der Ängste und  des Misstrauens, in Depressionen die mir ein Leben  nach meinen Wünschen unmöglich machen.

Ich dachte, wenn ich Lehrerin bin, werde ich stark und unabhängig, aber  bei jedem Zusammenstoß mit der grausamen Wirklichkeit stecke ich, wie ein Strauß den Kopf in den Sand in der Hoffnung  die Unnanämlichkeiten zu vermeiden. Ich reagiere auf jede, auch die kleinste Tonerhöhung meines  Gesprächspartners, selbst wenn es mein Ehemann ist, mit dem wir lange und glücklich verheiratet sind, oder unser Sohn, den ich mehr als mein Leben liebe, oder die Tochter, die  mich um einiges überragt, was  Wissen und Lebenserfahrung (Orientierung) in diesem Land betrifft.

Ich dachte, wenn ich Lehrerin werde, werde ich mich in den Gesetzen des Lebens besser auskennen als alle anderen, dringe in die geheimsten Ecken der inneren Welt, die mich seit meiner Kindheit nicht ruhen lässt. Aber all diese Fragen sind für mich seltsamerweise auch heute immer noch offen. Dann sind sie wohl nicht so einfach zu beantworten, wenn ich mein ganzes Leben nach Antworten suchend, die immer noch nicht gefunden habe.

Vielleicht, steht es noch vor mir, sie zu finden. Steht noch vor mir meine Biografie zu erforschen, mit Akzenten auf die Charakterbildung und die Weiterentwicklung meiner Seele. Dafür brauche ich Zeit und die Unterstützung seitens meiner Familie.

Alles zu rechter  Stunde. Alles zu seiner Zeit.
   
Zuletzt geändert am 3 Januar, 2018