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Briefe von Jakob Janzen und Heinrich Janzen aus Aulieata, Turkestan in der "Mennonitische Rundschau" Nr. 9 vom 28. Februar 1883

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" Nr. 9 vom 28. Februar 1883, Seiten 1 und 2. (gotisch) von Elena Klassen.

 

Asien.
Central-Asien, Aulieata, Nikolaipol, 13 Dez. 1882.
Liebe Editor ! Der Friede Gottes erfreute dein und aller Leser Herz! Mit dankbaren Gefühlen kann ich berichten, daß die zweite Sendung von 371 Rbl. nun auch schon in meinen Händen ist, und wie ich verstehe, wird auch schon die dritte Sendung von 632 Rbl. im Postamte auf mich warten. Das wäre denn im Ganzen 1195 Rbl.*) Vorgestern habe ich dieses Alles der Gemeinde vorgelegt und haben wir berathen, wie wir diese theuren Liebesgaben eintheilen wollten. Da wir des Geldes wohl Alle ziemlich gleich sehr bedürftig sind, so einigten wir uns dahin, die ganze Summe in zwei Hälften zu thun, und die eine Hälfte nach der Anzahl der Familien, die andere aber nach der Gesammtseelenzahl gleichmäßig zu vertheilen. Familien werden mit den Neuvermählten und zwei ledigen Personen, die wir mitzählen (ein Joh.Dörksen, der blind ist, und Cornelius Dück, früher Wernersdorf, der an allen Gliedern gelähmt ist) an 90 sein: Seelen sind circa 445. Folglich kommt z.B. auf meine 10 Seelen starke Familie erstlich 6 Rbl. 63 Kop. und dann noch 13 Rbl. 40 Kop. Diese 20 Rbl. 3Kop. und Gottes Segen helfen wieder ein gut Stück weiter. Ja, Gott Lob, daß die Liebe noch nicht ganz alle ist. Der Herr vergelte Allen, die sich unser so opferwillig angenommen. In herzlicher Liebe Euer
Jakob Janzen.
Ueber die wirthschaftlichen Verhältnisse u.s.w. berichtet Heinrich Janzen, Dorfsvorsteher in Nikolaipol, u.a. das Folgende: Vor dem Eintritte des Winters konnte leider nicht genügend Brennmaterial beigeschafft werden, doch haben wir uns noch jetzt im Winter solches besorgen können. Etwa 10 Werst von hier ist ein stachlichter (stacheliger – E.K.) Strauch, dem Oelbaume ähnlich, welcher gut brennt; auch von den hier 25 Werst entfernten Russen haben wir uns Rohr (Schilfrohr? – E.K.) geholt. Ehe es zufror, konnten wir uns mit trockenen Tannen aus dem Walde versehen, da aber der Weg fast unzählige Male durch einen kleinen Fluß führt, so ist das Holz des Eises halber nicht zu erreichen. In den letzten sieben Wochen war es am Tage ziemlich warm, Nachts etwas Frost, welche schöne Witterung uns denn auch sehr gut zu statten kam, denn Anfangs Oktober schien es ganz winterlich und es stand zu befürchten, daß das wenige Getreide noch würde verderben müssen. Doch Gott sei Dank, das Getreide ist gewonnen, viele Häuser sind noch fertiggebaut und durch die Wohlthat der Brüder in Amerika fängt es nun auch an in Betreff des sehr drückenden Geld- und schwer empfindlichen Brotmangels scharf zu tagen und da der Weizen jetzt noch für 5 ½ Rbl. per Bathman (12 Pud) von den  Kirgisen zu kaufen ist, so ist schon manch bekümmertes Herz erleichtert worden. Wir hatten schon bei der Regierung in Taschkent dringend um eine Geldanleihe angehalten, doch bisher vergeblich, hoffen aber, daß die Brüder, die jetzt deswegen in Aulieata sind, Erfolg haben werden. Unsere Gemeinde brauchte an Getreide für Brot bis zur nächsten Ernte noch circa 700 Bathman, denn Kartoffeln sind unverhältnißmäßig theuer, Fleisch ist nicht da und Milchkühe nur wenige vorhanden; so ist denn die Mehlspeise die Hauptnahrung und darum kostet es viel Getreide. Die im vorigen Jahre geliehene Saat sollte dieses Jahr abgegeben werden, doch hat der betreffende Kaufmann uns bis zum nächsten Herbst Frist gegeben. Nun fehlt es uns nur nöhtig an Ackergeräthschaften, denn mit Gottes Hilfe möchten wir das Land frühzeitig und so gut wir können besorgen, daß wir das liebe Brot haben und unsere Schulden entrichten können. Wir sind in der Zuversicht, daß diese Gegend kulturfähig ist; und obschon wir von drei Seiten mit Gebirgen umgeben und von fast aller Welt abgeschlossen sind, so hoffen wir doch, daß es uns hier noch genügend heimisch werden soll. Das Klima dieses Thales ist sehr gesund. Gestorben sind auf der Ansiedlung: Die Frau des Dav. Reimer, fr. Wernersdorf, Abraham, Sohn des alten P.Wiebe, Abraham, Sohn des verst. Aeltesten A.Peters, zwei Söhne des
Korn. Janzen vom Trakt, die sehr krank herkamen; so ist noch ein Gustav Riesen (ledig) bei Herman Epp, Trakt, an der Auszehrung gestorben. Es werden in dieser Zeit manche Ehen geschlossen, was wohl mit den zu treffenden neuen Einrichtungen u.s.w. stehen mag.
Es lebt sich hier sehr einsam, man sieht nicht Post noch Eisenbahn, auch keine Reisenden, nur die auf Pferden und Kameelen ziehenden Kirgisen machen sich bemerkbar. Dieselben halten sich im Winter mit ihren Heerden auf der Südseite und im Sommer auf der Nordseite auf. Das Leben dieser Leute ist von dem der gesitteten Völker sehr verschieden und könnte Manches darüber berichtet werden. (Soweit es mit euren Verhältnissen in Berührung kommt, möchtest du uns darüber mittheilen. Edr.)

 

*) In der halbmonatl. „Rundschau“ No.4 heißt es irrthümlicher Weise 190 statt 192 Rbl.

Edr.
   
Zuletzt geändert am 13 Dezember, 2016