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Brief von Jakob Janzen aus Aulie-ata, Asien in der "Mennonitische Rundschau" Nr. 39 vom 26. September 1883

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" Nr. 39 vom 26. September 1883, Seite 1. (gotisch) von Elena Klassen.

 

Asien.
Aulieata, 23. Juli. Geliebter Br. Harms sammt allen theuren Mitverbundenen in Christo Jesu! Da der Zweck meines Schreibens die Unterstützungsangelegenheit ist, so berichte ich darüber zuerst. Sechs Sendungen und zwar genau so wie Du sie in Deinem Werthen vom 21. Juni der Sicherheit halber noch wieder aufgezählt hast, sind, Gott und Euch sei dank, glücklich un unsern Händen und thun uns große Dienste. Auch mit den Privatsummen hat alles seine Richtigkeit. Gegenwärtig liegt auch schon die siebente Sendung von sechshundertzwanzig Rbl. S. im Postamt, wovon mir bereits Anmeldung ist. Außerdem sind uns aus Amerika von einem Aeltesten Schmidt zugegangen: 1. Für die Gemeinde einundvierzig Rbl. 25 Kop. und für Korn. Eckert siebenundfünfzig Rbl. 75. 2. Durch Br. Heinr. Richert, Kansas, von der R. Alexanderwohler Gemeinde vierhundertachtundachtzig Rbl. für die Gemeinde. 3. Vom Aeltesten Güddert, Kansas, an Korn. Esau, hierselbst, die schöne Summe von zweihundertundsechs Rbl. Ueber dem Allen muß man sich fragen: Wie werden die Geschw. in Amerika nicht müde des Gebens? Und die werthen Geber möchte ich fragen: Wer hat Euch geheißen diese Opfer zu bringen? Wem bringet Ihr sie? Thut Ihr es uns oder dem Heilande? Wenn ersteres der Fall ist, so habt Ihr zuzusehen, daß es Euch nicht leid thun wird, denn Ihr dürftet zu bald dem leider zu tief eingewurzelten Uebel der Undankbarkeit begegnen; ist aber letzteres der Fall, dann wohl Euch, dann lauft Ihr nach allen Seiten hin keine Gefahr. Möge Euch der himmlische Vater reichlich segnen, das ist unser Gebet. Ihr habt viel an uns gethan, wehr als Ihr vielleicht denkt, wir sehen uns durch Eure Gaben vor der Hungersnoth vor der hand geschützt. Das hat Gott gethan. Möchte Euch schon gerne von diesem einerseits gewiß recht anstrengenden Unternehmen entbinden, und mit 2 Mos. 36, 6 dem Mehrgeben Einhalt thun, doch schon der Gedanke: „Wenn nun aber die Quelle in Amerika versiegen wird“ ist dazu angethan, einen recht ernstlich ins Gebet zu treiben. Will einen kleinen Einblick in unsre Lage thun lassen: Sonnabend den 16. Juli brachten wir, ich und Br. P. Pauls, einer unserer Armenpfleger, die durch Br. H. Richert, Kansas, erhaltene Summe von 488 Rbl. nach Hause. Sonntag wurde dieses bekannt und so kamen die um Hilfe Benöthigten Montag schon frühe einer nach dem anderen zu Br. Pauls, welchem seit einiger Zeit als Armenpfleger laut abgehaltener Bruderberathung diese Almosen übertragen worden und hielten um Hilfe an. Nun wurde schon mit einem jeden gedungen, er möchte sich ja mit so wenig als möglich begnügen und es erhielt der Eine zehn, der Andere zwölf, der Dritte neun Rbl., je nachdem die Familien und die nöthigsten Bedürfnisse waren. Nun war es kaum Mittag, so war das Geld bis zur Neige vertheilt und Diejenigen, die später kamen, gingen mit leeren Händen und schwerem Herzen zurück. Oefters geschieht es, wenn ich die Straßen unserer Ansiedlung entlang gehe, daß mich hier ein Bruder anruft und da eine Schwester aufhält, und die Ursache errathe ich dann schon meistens. Nach dem Gruß lautets dann etwa so: „Bruder, wie solls, wir sind mit Allem am Ende. Ist noch etwas Geld? Weißt Du nicht Rath zu Brot?“ Oft kann ich dann nur nach oben hinweisen, zum Vater, der seine Kinder schon versorgen wird. Aber bei alle dem, wenn ich nachfrage, ob auch schon Jemand hat hungern müssen, erhalte ich noch immer die Antwort: „Nein, das gerade nicht, wenn wir uns auch schon oft nur von Wasser, Mehl und Salz sättigten, hatten wir doch das Nöthigste.“ Und mir in meiner Familie, ists in der ganzen zeit, seit wir aus unserer Heimath gingen, noch nur ein einziges Mal vorgekommen, daß eins meiner Kinder, als es Nachts erwachte und weinte, auf mein befragen antwortete: „Mich hungert“ und auch dann hatte ich schon Abends vorher von einem Btuder, der mit meinen Verhältnissen bekannt geworden und eben in demselben Stande war, drei Rubel erhalten und so war wieder auf einige Tage gesorgt. Nun aber drängen sich die Sorgen wegen der Kleidung immer mehr in den Vordergrund, denn unsere Kleider veralten und die Schuhe zerreißen. Die Zukunft recht dunkel macht uns der Umstand, daß wir nur eine karge Ernte in Aussicht haben. Die Heuernte ist gut, da wird’s wohl hinreichenden Vorrath geben, der Hafer verspricht auch zur Genüge, aber der Weizen und die Gerste nicht. Die Ursache des Nichtgerathens, glauben wir, ist unser zu tiefes Unterpflügen, daher das Getreide nicht aufging. Der Boden ist hier außerordentlich schwer.
Wer im Frühjahr das vermeintliche Unglück hatte, daß er nur schlecht ackern konnte, der hat gutes Getreide. Wäre die Schuld, das angeliehene Getreide, wovon ich seiner Zeit geschrieben habe, nicht abzugeben, so ginge es noch, oder wäre Geld da, denn der Weizen ist gegenwärtig zu fünf Rbl. per Battmen @ 12 Pud zu kaufen und noch fällt der Preis hoffentlich, Roggen kauft man jetzt zu drei Rbl. 20 Kop, per Battm. Diesen zu säen, sind wir noch gar nicht recht fertig geworden. Eine Milchkuh preist an 25 Rbl. Ein paar Familien sind noch ohne eine solche. Der Gesundheitszustand ist nach wie vor gut, nur daß durch das Bewässern hier und da Erkältungen erzeugt werden, wodurch auch mitunter Reißen in den Füßen und soger wunde Füße entstehen. So ist der einzige Sohn des Br. Peter Dahlke lange im Bette niedergehalten worden, jetzt geht er lahm und auch unser Sohn Heinrich bringt schon mehr als fünf Wochen im Bette zu, hat sehr gelitten und leidet noch am linken Bein, welches vom Fuß bis am Knie, doch dieses noch mit, stark angeschwollen und an der Inneseite bald unter dem Knie aufgebrochen ist, wo es stark eitert. Er ist nur mit vieler Mühe, unter großem Schmerzen, zu verlegen, oder umzubetten. Der liebe Heiland wolle sich erbarmen.
Sterbefall ist einer zu melden, die alte Wittwe Abrahams vom Trackt (Wolga) 69 Jahr, starb an der Wassersucht. Doch die Kubaner Geschwister, die von hier nach Taschkent gingen, haben viel zu leiden an Durchfall, auch sind zwei Söhne des Siebert Görtz, Heinrich und Johann, dem Typhus erlegen. Wie ihr letztes Schreiben lautet, dann kommen sie wohl bald zurück auf die Ansiedlung. Ich zwar auch wieder in Taschkent mit einem unserer jungen Brüder, Bernhard Wiebe, früher Wenersdorf, den das Loos zum Staatsdienst getroffen hat. Die Aertzte haben ihn auf ein Jahr zurückgestellt und so sind wir noch immer damit abgekommen, daß noch keiner eingezogen ist. Wir haben dieser Angelegenheit wegen jetzt ein Bittschreiben an den Kaiser abgesandt. Uns ist jetzt Hoffnung gemacht, daß uns mehr Land zur Benutzung gegeben werden wird, vielleicht 20 bis 25 Dessjt. Per Familie; nur handelt es sich um die Jünglinge, ob es denen auch also zuerkannt werden kann. Witterung ist jedes Jahr wärmer, als im vorigen, bis 32 G.R. ist`s gewesen, gestern 29 G.R. Das Vieh gedeiht prächtig uns ist in einem guten Zustande, nur leiden die Milchkühe mit wenigen Ausnahmen alle an dem einen Fehler des Milchaufhaltens, das Kalb soll wohl beim Melken helfen.
Jakob Janzen.

N.B. – Die siebente Sendung, bestehend aus 620 Rbl., ist am 26. Juli richtig in meine Hände gelangt.

J.J.
   
Zuletzt geändert am 13 Dezember, 2016