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Brief von Ed. Riesen aus Chiwa, Asien aus dem „Gemeindeblatt“ in der "Mennonitische Rundschau" Nr. 50 vom 12. Dezember 1883

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" Nr. 50 vom 12. Dezember 1883, Seiten 1 und 2. (gotisch) von Elena Klassen.

 

Asien.
Aus Chiwa. Lausanna, 19 Juli 1883. Werthester Bruder im Herrn Jesu! Es ist noch nicht lange her seit jener Zeit, als ich Ihnen über die Erlaubniß des Herrn General – Gouverneur Tschernajew zu unserm Bleiben an diesem Orte mittheilen durfte. Doch gäbe es schon wieder manches Interessante zu berichten, wenn ich nur auch das rechte Zeug und viel Zeit dazu hätte. Sie werden sich gut vorstellen können, welche arbeitsreiche Zeit mit dem Aprilmonat für uns begann. Ueberhaupt schon spät in der Saatzeit, war das Land bei weitem noch nicht fertig dazu. Es mußten vorhandene Leitungskanäle ausgebessert, andere gar erst gegraben werden. So bekam jeder nach und nach etwas in die Erde: Kartoffeln, Bohnen, Zwiebeln, Rüben, Weißkraut, Melonen, Arbusen (Wassermelonen – E.K.), dann auch etwas Getreide: Hirse, Mais, Gerste, Erbsen, auch Klee. Von allgemeinem guten Gedeihen unserer guten Sorten kann ich aber nicht sagen, ist aber auch erklärlich, da einmal alles Unbekannte in dieser Beziehung kennen gelernt sein muß, auch fehlte uns anfangs das Wasser zum Bewässern. Zu alle dem Mißlichen kamen nun noch vor einigen Tagen ungeheure Schaaren der asiatischen Wanderheuschrecken, die sich zuweilen am Horizonte wie schwarze Berge aufthürmten. Obgleich sie sich nur an zwei Tagen, größtentheils auch nur überfliegend sehen ließen, so machten sie uns doch hier und da kleine Felder schwarz. Und so wird schließlich uns allensammt unserer Hände Arbeit für diesen Sommer wenig (manchem gar nichts) einbringen, als das Futterrohr und Süßholzkraut, von dem sich jeder nach Wunsch und Vermögen einsammeln konnte, so daß für jedenWinter manches Bund Klee weniger gekauft werden darf als für den vergangenen. Die hiesigen Bewohner sind ganz froh, daß wir uns aus unsern Gärten noch nichts holen können, sie bringen uns ja gern ihren Ueberfluß. Schon seit dem Johannestage fahren sie mit Melonen, Weintrauben und Aepfeln herum. Jetzt ist fast Jedermann mit Anfertigen der Lehmsteine zu den Winterwohnungen oder mit dem Bau der letzteren beschäftigt.
Die Diebstähle haben nicht aufgehört. Bis jetzt wurden acht Pferde Nachts geholt, darunter war eines draußen am Wagen angeschlossen; aus dem Stall hat man noch keines genommen. Ja, die Diebe sind schon ziemlich frech geworden, nachdem sie erfahren, daß sie von uns keinerlei Vervolgung oder Gegenwehr zu erwarten haben. Als einem Pferdediebe von einem auf dem Dache schlafenden ihn bemerkenden Bruder zugerufen wurde, er solle sich entfernen schoß derselbe auf ihn und ritt dann davon. Als er auf einer anderen Stelle auch verjagt wurde, nahm er endlich doch noch das Pferd, auf das er es zuerst abgesehen hatte, indem da schon wieder alles schlief, mit Ausnahme des schon erwähnten Bruders, der diesmal aber schwieg. Ja noch weiter hat der Herr diese Leute greifen lassen. In der Nacht vom 22. auf den 23. Juni drang man in die Wohnung eines am Ende unseres Dorfes wohnenden Bruders. Aufgeweckt durch ein Geräusch im Vorhaus, wollte derselbe hinaus gehen, wurde aber, nachdem er die Thüre geöffnet, zurückgedrängt und niedergeschlagen. Während dieser Augenblicke floh seine Frau durch ein kleines Fenster und lief in die Nachbarwohnung, von wo aus andere Brüder geweckt wurden. Als diese nun zur heimgesuchten Hütte eilten, fanden sie den Bruder todt in seinem Blute liegen: die Mörder waren weg und hatten einen großen Kasten mit Kleidungsstücken und anderen Sachen mit sich genommen. Denselben fand man Morgens auch in einiger Entfernung, aber leer.
Wie solch` ein ernster Fall auf die Gemüther wirkte, werden Sie in etwas nachfühlen können. Alles menschlichen Schutzes entblößt, hieß es nun, sich bedinungslos dem Herrn anvertrauen und sich seines Schutzes getrösten. Wie mußte man sich da seines Kleinglaubens schämen, wenn man innerlich so wenig den verschiedenen Versuchungen widerstehen konnte. Von unserer Obrigkeit hieß es nur: „Ihr müsset zusammenziehen und Mauern um Euch bauen,“ oder: „So und so viel Mann müssen mit Gewehr und Gäbel machen, von Eurem Gesetz müßt ihr hier abstehen“ oder endlich: „Nehmt Euch Leuta an, die die Diebe für Euch erschießen, sonst stehlen sie Euch alles und bringen Euch um.“ Doch muß ich zur Ehre des Herrn sagen: der Herr hat auch durch diese schwere Heimsuchung einen Segen für die Gemeinde bereitet. Sonst ist der Verkehr mit den Leuten wie früher.
Mit verbindlichstem Gruß Ihr geringer

Ed. Riesen

Im „Gemeindeblatt“

   
Zuletzt geändert am 10 Dezember, 2016