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Brief von der Verwaltung des Nikolaipoler A.M.L.V. (Allrussischer Mennonitischer Landwirtschaftlicher Verein – E.K.) aus Nikolaipol, Turkestan in "Der Praktischer Landwirt" Nr. 6-7 (13-14) vom Juni-Juli 1926

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitschrift "Der Praktische Landwirt" Nr. 6-7 (13-14) vom Juni-Juli 1926 (gotisch)

 

Nikolaipol, Turkestaner Ansiedlung.
Die Turkestaner Ansiedlung in Mittelasien umfaßt 7 Dörfer mit 457 Wirtschaften und einer Einwohnerzahl von 2883 Seelen.
Sie hat außer dem Vereine einen Konsumverein und eine Kreditgenossenschaft, aber beide sind gegewärtig mit der Liquidation beschäftigt. Das Jahr 1925 brachte uns eine nur sehr geringe Ernte, und weil die Aussaatfläche klein war, so hat Mancher in diesem Jahre hart um`s tägliche Brot zu kämpfen.
Die Bodenbeschaffenheit in unserer Gegend ist auch derart, daß man, wie in anderen Gegenden, sich speziell mit Getreidebau nicht beschäftigen kann. Es ist gelber Lehmboden, eventuell mit Staub und Steinen in beliebiger Größe und Quantum vermischt. Ohne reichlichen Dung und künstliche Bewässerung ist eine mittelmäßige Ernte nicht denkbar. In früheren Jahren war für die Wirtschaft die Schweinezucht eine gute Einnahmequelle. Das Futtergetreide konnte man bei der einheimischen Bevölkerung zu sehr mäßigen Preisen erwerben, und Taschkent war ein guter Absatzort. Seit dem unseligen Welt- und Bürgerkriege ist diese Einnahmequelle fast ganz versiegt.
Neben der Landwirtschaft treibt man auch etwas Viehzucht, Milchprodukte als Käse und Butter haben einen gewünschten Absatz. Nur ist die Viehweide so sehr gering, daß man notgedrungen das Vieh zu den Sommermonaten in die Berge treiben muß. Dieses Nomadisieren hat gewiß auch mehr Schatten als Lichtseiten. Noch eins müssen wir als Minus verzeichnen, daß unsere Organisation keine Käsereien in Händen hat, sondern daß sie alle, so viele ihrer in unserer Ansiedlung arbeiten, Privatbesitz sind.
Was die Vereinstätigkeit anbetrifft, so können wir nicht auf große Erfolge zurückblicken. Die Zerrütung, die unter uns durch den Bankerott der Köppentaler Kreditgenossenschaft hervorgerufen, dauert heute noch fort, und die Zeit der Liquidierung dieser unerquicklichen Geschichte ist noch in unabsehbare Ferne gerückt. Selbstredend macht die oben erwähnte Tatsache auf die Tätigkeit und Entwicklung der Vereinssache ihren Einfluß geltend. Bei vielen Regierungsinstanzen ist der Verein als solcher völlig in Mißkredit geraten. Wir konnten bis dato noch keine Kredite erhalten, welches selbstverständlich jede Vereinsarbeit hemmen muß, und ganz besonders in Turkestan, wo man wenig Gemeinsinn hat. Trotz allen Widerwärtigkeiten wollen wir aber den Mut nicht sinken lassen, weiter zu arbeiten, die Kooperation aus schiefem Lichte heraus und auf die gewünschte Höhe zu bringen. Turkestan ist ein entlegener Winkel, und wir müssen uns sagen, daß wir in sehr vielen Stücken rückständig gegen anderen Ansiedlungen sind.
Im Oktober 1925 ging die Nikolaipoler Abteilung des A.M.L.V. als Vieh- und Samenzucht-Genossenschaft auf ein entsprechendes Statut über. Da die Hauptaufgaben dieser Organisation in Samen- und Viehzucht bestehen, so fingen auch wir in diesem Frühlinge an, verbesserte Saat zu vermehren. Es ist zwar ein primitiver Anfang, und wir ahnen, daß wir die Sache nicht so anfassen, wie es wohl muß. Wir können von Niemanden instruiert werden, Versuchsstationen gibt`s bei uns noch nicht. Agronome sind in unserer Nähe auch keine, und da machen wir`s so gut oder schlecht, wie wir`s verstehen.
Es hatten etliche Jahre vorher schon einige der vordern Bauern sich bemüht, verbesserte Saat durch Aehrenlesen zu erwerben. Von einem dieser Wirte konnten wir 240 Pud erwerben und aussäen. Die geignetsten Weizensorten für unsere Gegend sind “Ulka“ und „Hirka“.
Was die Viehzucht anbetrifft, so können wir konstatieren, daß die Pferdezucht wohl auf entsprechender Stufe steht, was man von der Rindviehzucht aber nicht sagen kann. Die von der Landschaftsverwaltung anerkannten Rassen sind für unsere Gegend die holländische und schwyz`sche. Die deutsche Bevölkerung ist an die hölländische Rasse gewöhnt und zieht sie der schwyz`schen vor. Da schon viele Jahre kein Reinblut der Hölländer-Rasse in unsere Viehherden geführt wurde, so sind heute, selbstredend, nur Karikaturen der Hölläder-Rasse geblieben. Wir begrüßen herzlich das Bemühen der Zentralverwaltung des A.M.L.V., uns die Möglichkeit zu geben, Rassenvieh in unsere Ansiedlung zu bringen.

Die Verwaltung

16. Juni 1926

   
Zuletzt geändert am 1 Dezember, 2016