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Brief von Jakob Janzen aus Aulie-Ata in der "Mennonitische Rundschau" vom 15. September 1882

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" vom 15. September 1882, Seite 2. (gotisch) von Elena Klassen.

 

Asien.
Central-Asien. Aulieata, 2. (24) Juni. Aus einem Briefe, den der Editor dieses Blattes neulich erhielt, sei Folgendes mitgetheilt :

Geliebter Br. J.H.!
Gnade und Friede von Gott unserm Vater und unserm Heilande Jesu Christo und viel Licht und Kraft durch den Geist Gottes sei Dir und allen lieben Geschwistern im fernen Amerika zugewünscht aus einem vielbedrängten Herzen im Innern Asiens. Ich bin eben in unserer Kreisstadt, um nothwendige Geschäfte im Kreisamt, wie auch sonst in der Stadt, zu besorgen. Heute habe ich Deinen sehr werthen Brief vom 8. April erhalten, und danke von Grund meines Herzens dafür. Die Ermahnung des Apostels, (1 Joh.4,7) oben zu Anfange Deines Briefes, ist uns noch stets nöthig gewesen und scheint uns noch immer nöthiger zu werden. Was ist edler und aber auch seltener als wahre, ungefärbte Liebe? Und man ist sie stärker angefochten worden als jetzt, da wir wohl in der Zeit sind, von der der Heiland sagt: „Die Liebe wird in Vielen erkalten?“ Br. Abr.Peters ist wirklich daheim, und wir merkens. Unserm Jakob hielt er noch die Leichenrede am 4. Juli v.J., dann nahm er stärker und immer stärker ab; die Neujahrspredigt hielt er noch, auch noch einmal im neuen Jahre durfte er in seiner ihm so theuren Gemeinde das Abendmahl feiern. Nun ist er nicht mehr unter den Kämpfenden, er darf ruhen, gönnen wirs ihm. Daß dort im fernen Amerika für uns hier in Cental-Asien gebetet wird, hören wir mit gerührten Herzen. Thuts fleißig; es thut noth. Wir kämpfen, man möchte sagen, mit letztem Kraftaufwand, den Kampf ums Dasein. Darum betet fleißig und machet so unsere Schanzen fest. Doch, daß ich mich kurz fasse, um wo möglich noch ein Endchen dieser Nacht zur Ruhe zu erbeuten: Endlich verließen wir am 8. April d.J. das unvergeßliche Taschkent, wo wir am 2. Dezember 1880 einkamen, zweimal Weihnachten, zweimal Neujahr, zweimal Ostern, einmal Pfingsten gefeiert, manche Angst überstanden, ja manche Thräne geweint, manch sauren Gang zur Behörde gegangen, manche abschlägige Antwort hingenommen, dreißig und einige theure Grabhügel gemacht, aber auch manchen Segen von unserm lieben Heilande hinnehmen, ja nicht weniger als 24 Seelen von unsern Kindern taufen durften. Durch Gottes gnädigen Beistand gelangten wir den 23. April nach leidlich guter Reise zu unserm Ansiedlungsplatze im Aulieatinschen Kreise, bei 300 Werst von Taschkent nordöstlich und bei 60 Werst von unserer Kreisstadt Aulieata südöstlich entfernt. Nach uns kam noch am 3. Mai ein kleiner Zug hier an. Es waren 15 Familien von den Geschwistern aus dem Samarischen, die in der Stadt Turkestan gewintert haben. Nun sind 83 Familien hier, haben aber auf Anrathen unseres Kreisschefs durch den Landmesser, der uns unsern Platz zumaß, unsere Jünglinge von 15 Jahren und darüber auch als besondere Familien in`s Familienverzeichniß einführen und folglich auch für sie die für die Familien bestimmte Quantität Landes (10 Desjatin) abmessen dürfen, und so bilden wir 136 Familien, die in drei Dörfer sich ansiedeln, was uns in den gegenwärtigen Verhältnissen, so entblößt von allen Mitteln, wie wir meistens sind, man kann wohl mit Wahrheit sagen, recht schwer ist. Daß wir hier auf leerem baumlosen Boden, wo alles, was zum leiblichen Unterhalt nöthig, auch außerdem, daß keine Mittel da sind, schwierig zu kriegen ist, daß wir hier dem herannahenden Winter nicht mit unwillkürlichem Bangen entgegensehen – wer wills leugnen? Doch wir danken Gott, daß Er bis hierher geholfen hat und wollen ferner auf Ihn trauen.
Das Klima scheint bei Weitem besser zu sein als in Taschkent; leider ist die Viehseuche ausgebrochen. Der Regen ist seit einiger Zeit ausgeblieben, doch die Pflanzen werden durch Bewässerung, so gut es eben geht, genährt. Getreide wenig und spät gesät; die geliehene Saat soll schon vom diesjährigen Ertrage abgegeben werden. Erwähne noch, daß ich mit deinem Briefe gleichzeitig 25 Er. (erschienene? – E.K.) der „Rundschau“ No. 7 d.J. empfing.

Jakob Janzen
   
Zuletzt geändert am 22 Dezember, 2016