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Nachrichten aus Asien in "Mennonitische Rundschau" vom 15. Juli 1882

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" vom 15. Juli 1882, Seiten 2. (gotisch) von Elena Klassen.

 

Nachrichten aus Asien.
Ein Aeltester  der Mennoniten an der Wolga schreibt seinem Freunde und Mitdiener R.E. an der Molotschna über das Ergehen der nach Buchara gegangenen Mennoniten unter Anderm Folgendes: „Die Nachrichten von unsern nach Taschkent und Buchara ausgewanderten Brüdern lautet so traurig wie möglich. Die zuletzt Ausgewanderten haben in der Stadt Turkestan, etwa noch 300 Werst von ihrem Ziele, überwintern müssen. Die Strenge des Winters und die Maße des gefallenen Schnees überstieg Alles was bis dahin von den ältesten Leuten in dieser Beziehung dort erlebt worden ist. Was haben doch die Armen alles durchmachen müssen. Monate lang Tag für Tag, Nacht für Nacht, bei 16 bis 25 Gr. Frost, entweder draußen, oder in den kalten Wagen sich aufhalten zu müssen, ohne auch nur einmal in einer warmen Stube sich erwärmen zu können, das ist in der Geschichte der Auswanderung unserer Glaubensgenossen von Alters her bis auf unsre Zeit etwas Unerhörtes. Einigen jungen Leuten, die fahren mußten und sich durch Laufen nicht erwärmen konnten, sind die Zehen derart erfroren, daß ihnen dieselben jetzt in Turkestan von den Aertzten haben abgenommen werden müssen, ja von Einem wird gesagt, auch sogar die Füße; bei all dem sind auch Entbindunggen vorgekommen, wobei aber Mutter und Kinder ganz gesund geblieben sind, so daß deretwegen die Weiterreise nur jedesmal einen, höchstens zwei Tage hat aufgeschoben werden dürfen. Ihr unfreiwilliger langer Aufenthalt in Turkestan hat aber für unsre Brüder dort auch sein Gutes gehabt. Die größere Hälfte der Gesellschaft ist nüchterner geworden, ihnen sind über Vieles die Augen aufgegangen, so besonders auch über ihren Leiter und Führer Kl.Epp, den sie jetzt als einen Verführer und Irrlehrer halten. Sie haben die Absicht, sobald die Wege erst wieder fahrbar werden, nach Taschkent zu fahren und mit den Molotschnaern zusammen anzusiedeln, wo ihnen die Regierung Land dazu anweisen wird. K.Epp mit seinen Anhängern dagegen wird nach Buchara fahren, um mit den dort auf der Grenze, jetzt auf russischer Seite Lagernden, vor zwei Jahren Ausgewanderten sich zu vereinigen. Diese haben die Absicht zum Frühjahr wieder auf die bucharische Seite zu ziehen, von wo sie im Herbst von der bucharischen Regierung mit Gewalt vertrieben worden waren, nachdem sie ihnen die Erdhütten über dem Kopf zusammen gerissen hatten. Trotzdem schreiben sie, daß ihnen das Land von Gott zum Bergungsort gegeben und vom heiligen Geist in ihrem Herzen versiegelt sei, sie werden dort hinziehen und keine Macht der Erde werde sie von dort wegbringen. Mit einer weltlichen Behörde brauchten sie dieserhalb nicht in Unterhandlung zu treten, denn ihre hohe Berufung verbiete es ihnen, mit der Welt in irgend einen Bund zu treten, süe würden sich dadurch verunreinigen und ihrer hohen Berufung, die Brautgemeinde des Herrn zu sein, verlustig gehen. Uebrigens hat sich diese Gesellschaft aucg bereits in drei Theile gespalten und jede Gemeinde behauptet von sich allein die  Brautgemeinde des Herrn zu sein, und sieht die andern Theile als vom Satan verführt und in dem Abfall anheim gefallen; sie meiden einander aufs Aeußerste. Ein Theil, dessen Leiter ein gewisser Peter Dück aus Köppenthal und Franz Bartsch (er ist ein paar Jahre an der Molotschnar gewesen) sind, hält das Arbeiten nicht allein nicht mehr für nöhtig, sondern sogar für sündlich, indem die Zukunft des Herrn so nahe sei, daß es nicht lohnt, sich mit dergleichen weltlichem Wesen abzugeben. Das Aeltesten u. Lehramt verwerfen sie, denn jeder Hausvater ist berechtigt in der Versammlung die Taufhandlung zu verrichten und das heilige Abendmahl auszutheilen. Auch den Frauen ist es gestattet in der öffentlichen Versammlung zu reden. Der mittlere (größte) Theil wird von Jakob Töws geleitet. Er verwirft nicht das Lehr- aber doch das Aeltestenamt. Die Zukunft des Herrn haben auch sie auf Jahr und Tag berechnet, weßhalb auch sie das Arbeiten nicht gerade für sündlich, aber doch auch nicht mehr für sehr nöthig halten. Der dritte Theil, der nur aus einigen Familien besteht, möchte wohl noch arbeiten, allein da sie kein Land besitzen noch sonst nicht in einem Berufe stehn, der Arbeit erfordert, so finden sie wenig Gelegenheit ihre Arbeitslust zu bethätigen. Die Zukunft des Herrn halten sie zwar für nahe, aber für uns Menschen nicht für genau berechenbar. Um dieser an und für sich geringer Unterschiede wegen ist die Spaltung unter ihnen so groß, daß sie sich, wie Jemand von dort schreibt, einander nicht sehen mögen. Wir sind sehr gespannt darauf, wie K.Epp, wenn er hinkommen wird, sich dazu stellen wird.“

Im Betreff der Molotschnaer Brüder leuchtet also aus diesem Schreiben die Möglichkeit hervor, daß sie sich im asiatischen Rußland niederlassen werden. Bei dem lebhaften Interesse, daß die russische Regierung gegenwärtig für die Besiedelung und Cultuvirung (Kultivierung – E.K.) des ungeheuren und zum Theil sehr fruchtbaren asiatischen Gebiets bekundet, scheint es uns leicht möglich, daß die Mennoniten unter sehr günstigen Bedinungen und jedenfalls auf zeitweilige gänzliche Befreiung von Militärdienst hin dort ansiedeln könnten. Vielleicht werden sie dann aber noch weiter östlich, nahe der chinesischen Grenze ziehen müssen.
   
Zuletzt geändert am 25 November, 2016