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Brief aus Asien in dem „Wächter unterm Kreuz“ in der "Mennonitische Rundschau" vom 1. Dezember 1882

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung „Mennonitische Rundschau“ vom 1. Dezember 1882, Seite 2. (gotisch) von Elena Klassen.

 

Asien.
Aus dem „Wächter unterm Kreuz.“

Serbulack (Sarybulack – E.K.), den 8. August 1882. Schon längst wollte ich einmal einige Zeilen an Sie richten, besonders da wir ja auch bis jetzt hier immer noch sehr regelmäßig die Nummern Ihres „Wächters“ erhalten haben, worin wir alle Details unseres Weges bis nach Serbulack her, wo wir im Monat Dezember v.J. (vorigen Jahres – E.K.) von den bucharischen Beamten gebracht wurden, und welcher Ort uns von der rissischen Behörde als Asyl damals überwiesen und bis heute überlassen ist, mit äußerster Genauigkeit aufgezeichnet fanden, sogar die Details der Krankenheiten Einzelner fanden wir verzeichnet, so daß wir oft die Genauigkeit des Berichterstatters, dessen Name uns unbekannt, bewunderten. Seitdem das geschehen, mag Ihnen Näheres nicht mehr bekannt geworden sein, da bis dahin die weiteren Berichte abbrechen.
Ich will nun berichten: wie wir hierher nach Serbulack gebracht wurden; wie die uns zuletzt nachkommenden Brüder ihr Winterquartier in Turkestan bezogen, und über den Theil der Auszugsgemeinde, der in Taschkent noch weilt und für eine Ansiedlung nach Auliata (Aulie-Ata – E.K.) hin wirkt.
Der Theil, der nach Auliata hin nun wirklich gegangen ist, hat seine geduldige Stellung nicht voll und ganz bewahrt. Die nach Auliata im Monat April v.J. (vorigen Jahres – E.K.)  gegangen sind und dort von der Regierung per Familie 15 Dessjatin Land bekommen haben, haben ihre geduldige Stellung nicht voll und ganz bewahren können, sie müssen statt des Dienstes Bäume pflanzen und für ihre Jünglinge jährlich von Neuem um Freiheit wirken, sind mithin ganz unter dem Gesetz, haben sich als Bürger Rußlands eingeschrieben, haben dafür natürlich Rechte und müssen, es geht nicht anders, dafür - wenn auch in milderer Art - die  Pflichten übernehmen. Die lieben Brüder wollen dies aber uns gar nicht zugeben. Ueber ihre Ansiedlung weiß ich hier wenig zu schreiben, sie haben viel Schweres durchzumachen und müssen viel Entbehrungen leiden, da die Geldmittel knapp und die diesjährige Ernte noch gering, sonst soll in Auliata Alles recht gut sein, doch möchten wir wohl bitten, der Herr wolle sie dort nicht zu fest werden lassen im Irdischen. Gehe ich nun weiter, so habe ich viel Trauriges zu berichten. Von denjenigen, welche ihre Winterquartiere in Turkestan bezogen, schlossen sich noch 12 Familien der Ansiedlung nach Auliata hin an, welche nicht glauben konnten fest und einfach an das Wort: „Ich habe vor Dir gegeben eine offene Thüre“ u.s.w. Nun will ich von uns, die wir hier in Serbulak Winterquartier bekommen hatten, weiter berichten. Als die Taschkenter Brüder mit ihrer Ansiedlung nach Aulieata hin im Reinen waren, wurde von der russischen Behörde gefordert, wir sollten uns der Ansiedlung dorthin anschließen, doch wir konnten dies unter den gemachten Bedienungen nicht annehmen, so blieb es denn dabei und wir blieben hier, bekamen von der russischen Behörde sogar Land zum Ackern angewiesen, welches auch angenommen wurde. Es wurden von uns Allen gemeinschaftlich circa 100 Dessjatin geackert und mit Weizen besät. Wir haben 900 Pud @ ½ Rubel geerntet. Es war nicht Bewässerungsland. Die Pacht beträgt per Dessjatin 1 Rubel. So blieb Alles lange Zeit hier in Ruhe. Wir beendigten Ende März unsere Einsaat, und die Brüder in Turkestan konnten wegen der im Frühjahr sehr stark angeschwollenen Gewässer auch nicht zu uns, denn hierher wollten sie. Nun habe ich, wenn ich eben Alles berichte, leider einer Spaltung unter uns zu erwähnen, doch ich will dies auch nicht unterlassen, indem wir ja dies selbst tief bedauern, aber eben auch sehen, wie sehr ein Jeder auf der Hut zu sein hat, damit der böse Feind uns nicht falle. Ein zu weit nach rechts gehen ist noch trauriger fast, als Abweichungen nach links, beim Rechtsabweichen schleichen große Ungesundheiten mit hinein und dabei der Glaube des Rechts, während es das eigene, verkehrte, arme – ich – ist, welches etwas will; es ist dies um so bedauernswerther, da treue und ernste Christen diesen irrigen Weg betreten haben. Ich will es jetzt näher beschreiben. Nachdem man uns von Buchara, von dem Ort, von dem, ich bekenne es für uns und von uns allen, von welchem wir geglaubt hatten, Keiner ausgenommen, wer`s treu gemeint hat, daß es der Ort sei, welchen der Herr seiner Letztgemeinde als „Sammlungsort“ (bitte, recht zu verstehen, nicht „Bergungsort“) gegeben hatte, zurückgebracht waren, wurde unter uns mancherlei gedacht und geredet, was nunwerden sollte. Doch wir hatten ja das einfache, klare Wort der Bibel und brauchten über nichts zu denken und zu reden, aber der Feind war eben mächtig. Einer unserer lieben Prediger, J.P., sprach eines Sonntags über die Worte: „Wachet! Denn ihr wisset nicht Zeit noch Stunde,“ und diesem, Zeit und Stunde nicht wissen, meinten nicht alle unserer Brüder beistimmen zu können, sie glaubten Zeit uns Stunde zu wissen. Bals entstand eine Trennung, aus einem Irrthum wurden mehrere. Unter Anderem wurde sehr bald behauptet, daß der von uns soeben verlassene Platz vom Herrn uns gegeben wäre, und den müßten wir behaupten, auch gehöre es nicht mehr in unsere Zeit, noch zu arbeiten, z.B. zu säen und zu ackern. Diesen Ansichten schlossen sich 10 Familien in`s Ganze an, darunter der aus voriger Loosung Kornelius Quiring. Diese 10 Familien sonderten sich Anfangs d.J. (dieses Jahres – E.K.) von uns ab, mit den eben schon genannten Irrthümern, vor  Allem dem, daß dieser Platz dort auf bucharischem Boden der vom Herrn für seine letzte Gemeinde bestimmte sei. Wir Andere hielten am reinen, klaren Worte, wen auch in großer Schwachheit, fest, und vor Allem wußten wir, daß wir mit unserm gewissermaßen eigenwilligen Gehen nach Buchara einen Fehlgriff gethan hatten, ja, das darf ich sagen, dann das bekennen wir alle. Unsere Frieheit konnten wir immer nur an einem Orte finden, den uns wohl der Herr gab, ja, nur Er allein, aber durch Behörde und Obrigkeit, anders nicht, und dies hatten wir alle verkannt. Diese zehn Brüder mit ihren Familien hielten jedoch an dem Orte fest und wollten ihn auch mit ihrem Blut erkaufen, wenn der Herr, wie sie glauben, es von ihnen fordert; doch das fordert der Herr nicht und wird dies auch in Gnaden verhüten um ihrer Treue willen. Schwer wird es ihnen noch werden, aber bei Gott ist kein Ding unmöglich. Der Hauptkampf für unsere Gemeinde trat wieder ein, als im Frühjahre die von der russischen Behörde uns festgesetzte Freizeit für  unsere Jünglinge abgelaufen war, es war noch einer dazu gekommen, welchen das Loos getroffen: Jakob Janzen. Als im April d.J. (dieses Jahres – E.K.) die Forderung an die beiden Jünglinge von der Behörde gestellt wurde, gab`s ernste Zeit unter uns, doch wir hatten ja des Herrn festes Wort und konnten getrost sein. Die Wege der beiden Jünglinge trennten sich, der eine ging mit den 10 Familien, für welche diese Forderungen das Zeichen zum Aufbruch nach dem ihnen vom Herrn gezeigten Orte war, müt über die Grenze. Der Andere mußte sich der Behörde in der Grenzstadt Kategourgan (Kattakurgan – E.K.) stellen, zwei Brüder begleiteten ihn, man wußte nicht, was mit ihm machen; er wurde nach Samarkand vor den Gouverneur gefordert, durfte ganz vollständig frei mit den beiden ihn begleitenden Brüdern per Post auf eigene Kosten hinreisen. Ich bemerkte dies, da es beweist, welches Vertrauen die Regierung uns in dieser Sache schenkt. In Samarkand wurde er vom Gouverneur wieder weiter geschickt nach Taschkent zum Generalgoverneur, ebenfalls frei ohne jede Begleitung; nur ein Schreiben bekam er mit und durfte mit den beiden ihn begleitenden Brüdern wieder weiter reisen. In Taschkent wurde er vor den Arzt gestellt; er hatte sehr schlechte Augen, mußte aber vier Monate in Taschkent bleiben im Lasareth, während welcher Zeit er öfters untersucht wurde. Heute, wo ich diese Zeilen schreibe, ist er noch nicht in unserer Mitte, hat aber bereits nach den Aussprüchen der Aerzte das Zeugnis seiner Unbrauchbarkeit. Der Herr hat`s so geführt, daß gerade den das Loos traf, Zeugniss abzulegen. Er wird bald zurückkehren, und im Weiteren wird es Keinen mehr treffen, denn wir sind nun heute schon alle frei, wie ich weiterhin noch auseinandersetzen werde. Ja, unseres Gottes Worte sind fest und gewiß, und was Er zusagt, das hält Er, geht´s auch manchmal anders, als wir denken. Richtig ist Alles! Nur treu! Nur treu! Fortgerungen, durchgedrungen! Ja, wir dürfen`s heute freudig rühmen, wir sind frei, vollständig frei. Als nun bei uns hier diese Spaltung geworden war, wurde darüber auch mit unsern Brüdern in Turkestan korrespondiert, welche jedoch diese Auffassungen jener 10 Familien nicht gut heißen konnten und sich uns anschlossen. Bald nach Ostern fuhren sie nach Turkestan ab, in der festen Zuversicht, daß der Herr ja sein Wort halten und wir die Freiheit erlangen würden. Ihre Reise ging langsam, denn bald hinter Turkestan kamen sie an den Arcs (Aryss? – E.K.), einen kleinen Fluß, an welchem sie vier Wochen liegen mußten, da es des hohen Wassers wegen nicht möglich war, durchzufahren. Endlich nach vier Wochen durften sie durchfahren, uns so ging es langsam weiter.
Nach und nach kamen sie auch nach Samarkand. Hier angekommen, werden vier Mann von ihnen zu dem Gouverneur gefordert, wo sie gefragt wurden, ob sie auch nach Buchara wollten, was sie verneinten, worauf ihnen Folgendes bekannt gemacht wurde.
Wir sollten uns nach Peter Alexandrow wenden an den General von Grottenhelm, welcher ein Deutscher sei, der  würde uns in Chiwa unterbringen, es sei dies Wunsch der russischen Behörde, und wir sollten Deputirte gleich abschicken. Unsere Turkestaner Brüder kamen Mitte Juni bei uns an. Sofort reisten drei Brüder: Hermann Janzen, Claaß Epp und Emil Riesen, von hier ab nach Peter Alexandrow zu dem General. Als sie hinkamen, war schon alles fertig; sie brauchten um nichts mehr bitten, der Herr hatt es gethan, ja, Er ganz allein hatte es gemacht, Der General beorderte sofort einen von seinen Offizieren , welcher mit den Deputirten zu dem Emir von Chiwa reisen mußte und zwar schickte er ihm einfach den Befehl, und der Emir mußte unsere Aufnahme schriftlich dem General zusichern, welche Copie (Kopie – E.K.) wieder unseren Deputirten übergeben wurde. Unsere Deputirten bedingten sich noch aus, daß wir an nichts gebunden sein wollen, sondern auch, wenn wir wollten, wieder weiter ziehen könnten. Der Emir frug, warum wir uns dies vorbehalten wollten. Es wurde geantwortet, unseres Glauben wegen. Der Emir sagte, der würde uns nie angetastet werden. Land bekomt Jeder, so viel er bebauern kann, vier Jahre sind wir von allen Abgabensfrei und die erste Einsaat bekommen wir umsonst gestellt. Das Land ist schwarzes, sehr gutes Bewässerungsland und liegt dicht am Amudariah (Fluss Amudarja – E.K.). Unter dem Gesetz stehen wir, wenn wir rauben, morden oder Nothzucht treiben, diese drei Dinge sind uns vorbehalten worden, wonach das Chiwaische Gesetz, welches eben genannte drei Dinge nur mit dem Tode bestraft, auf uns ausgeübt werden darf, dazu mußten wir natürlich Ja sagen. So hat`s denn der Herr gemacht und freudig können wir rühmen, wir sind frei, ja ganz frei, und dies ist zunächst die Hauptsache. Alles Andere ist auch richtig und gewiß. Die Zeit wird es lehren, wir sind keine Propheten, Keiner hat den Anspruch und wir können das nicht, aber des Herrn Wort ist und bleibt Wahrheit in Ewigkeit ! Amen. Dies Alles, verehrter Herr Ruhmer, Ihnen mitzutheilen, dazu trieb es mich schon länger, besonders da es wenn wir hier die Berichte in Ihrem Wächter lasen, uns so schien, als glaube man dort wohl, man müsse uns kläglich bedauern, indem wir bald unserm Untergange entgegengingen. Doch ich möchte hier zu Ehre des Herrn, ja nicht zu unserer eigenen, bekennen, daß wenn wir untergehen und unser Häuflein zu klein sein sollte, des Herrn Sache, in welcher unser Weg hierher begründet ist, nun und nimmermehr untergehen kann. Jedoch ist es gar nicht so traurig um unser Aeußeres bestellt, als es ihnen dort zu sein scheint. Wir sind fröhlich und gutes Muthes und leben vielleicht weniger in Gefahr, als man in Deutschland lebt. In dem letzten Bericht stand auch eine sehr scharfe Bemerkung über Claaß Epp, er sei ein Wolf im Schafskleide, und sein Ansehen sei hier im Sinken. Mag man doch über uns urtheilen, wir überlassen dies unserm Herrn und Gott. Aber zu Ehre des Herrn sage auch ich, unser lieber Bruder Claaß Epp hat des Herrn Wort in die Welt hineingerufen, und er will nur des Herrn Ehre und Wahrheit; was an ihm auch menschlich ist, daran möge sich Jeder selbst prüfen, wer eben urtheilen will. Bruder Epp steht und fällt seinem Herrn, wo er etwas Anderes sucht, als des Herrn Ehre. Aber das weiß und glaube ich fest, Bruder Epp wird auch fernerhin, wo die Wahrheit zur Unehre des Herrn angegriffen wurde, selbige in des Herrn Kraft freudig vertheidigen, wo nämlich „Perlen nicht vor die Säue“ geworfen sind, und dazu hat ein Jeder die Pflicht. Hat Gott der Herr sich unsern lieben Bruder  Epp in seiner Hand noch als ein besonderes  Werkzeug ausersehen, so wird Er ihn auch geschickt dazu machen können und ihn immer so führen, daß das, was vom Herrn ist, in Ewigkeit stehen bleibt, und was er etwa dazu thun will, das wird zu Schanden werden. Als ein treuer Zeuge des Herrn für seine Wahrheit ist unser lieber Bruder Epp heute noch unter uns und nicht als ein Wolf im Schafskleide, Bruder Epp weiß nicht, daß ich Dieses schreibe, und soll es auch nicht zu seiner Ehre, sondern zur Verherrlichung des Namens unseres Gottes dienen. Es ist heute Sonntag den 9. August und darf ich noch hinzusetzen, daß gestern aus Taschkent die Nachricht hier eintraf, unser lieber Jüngling sei frei und bereits auf der Rückreise nach hier, um mit uns nun mit zu reisen nach Peter Alexandrow. Die zehn Familien in Buchara sollen sich uns anschließen. Noch wollen sie nicht den Ort hergeben, doch der Herr wird`s führen mit ihnen. Von der bucharischen Obrigkeit werden sie gut behandelt, aber sie sollen nicht dort bleiben, das will Buchara nicht. Es ist zu vermuthen, daß man sie mit Gewalt zu uns bringt. Der Herr wolle ihnen gnädig sein! Wir werden hier, so Gott will, in acht Tagen mit unsern Wagenabfahren, die Reise geht bis circa 30 Werst hinter der Stadt Buchara auf unsern Wagen zu machen, durch das Land Buchara. Von da ab (30 Werst hinter Buchara) haben wir bis an den Amudariah eine 100 Werst lange Wüste zu passiren, welche nur mit Kameelen passirbar ist. Es wird Alles, Wagen mit allem Inhalt, auf Kameele geladen, und so reisen wir bis an den Amudariah. Die Männer werden mit den Pferden reiten, Frauen und Kinder auf Kameelen. Es dauert durch die Wüste nur drei Tage, vielleicht auch nur zwei. Am Amudariah wird Alles zu Schiff verladen und kann von da bis zu unserm Ansiedlungsplatze Alles zu Schiff gehen, da unsere Ansiedlung sich bis an die Amudariah-Ufer erstreckt. Wir sind jetzt, d.h. von unserer Ansiedlung aus, bedeutend näher an Rußland. Von den Ansiedlungen bis nach dem Kaspischen Meere (Hafenort Crosnowaz) (gemeint wird wahrscheinlich Krasnowodsk E.K.) sind nur 600 Werst, welche letztere Strecke heute schon durch eine Pferde-Eisenbahn fahrbar gemacht wird. Wenn also, wie wir glauben, mit Anbrechung der großen Gerichte im Abendland die Flüchtlinge  kommen werden, auch zu uns, dann führe der Weg von Saratow zu Schiff die Wolga entlang nach Astrachan und von dort zu Schiff weiter über Kaspische Meer nach irgent welchen Hafenplatze. Nun, der Herr sitzt im Regiment, Es wird’s wohl machen.

   
Zuletzt geändert am 3 November, 2016