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Brief von E. v. Riesen aus Ak-Metschet in der "Mennonitische Rundschau" vom 9. Mai 1906

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" vom 9. Mai 1906, Seiten 10-11. (gotisch) von Elena Klassen.

 

Ak-Metschet, den 24 März 1906. Lieber Bruder Fast! Vergeblich wartete ich, die Jahreszahl auf dem gelben Streifen der Banderole möchte sich in „07“ verwandeln, schickte ich doch schon den 18 Oktober vorigen Jahres drei Rubel an Herrn Peter Janzen, Waldheim, für die „Rundschau“ ab. (Unser Agent P.J. wohnt aber in Gnadenfeld. Wir haben von Freund Janzen noch keine Nachricht – Ed. (Editor – E.K.))
Ich benutze nun zugleich diese Gelegenheit, einen kleinen Beitrag für die “Rundschau” zu geben. Die große Rundschaugemeinde durch verschiedene Erdteile mit so verschiedenen Anforderungen sieht es gewiß nicht ungern, wenn neben manchem Artikel ihres Organs, in denen wir auf vorteilhafte Ansiedlungsplätze nützlichere bequemere Bewirtschaftung des Landes, zweckentsprechendere Behandlung des Viehes und vieles andere aufmerksam gemacht werden, was unser irdisches Los lieblicher gestalten könnte, auch zielbewußte Abhandlungen finden, die uns unsere himmlische Berufung ins Gedächtnis bringen. Wie ist es uns da bei unserem irdischen Sinn in seiner buntesten Färbung so nötig, daß wir nicht nur auf die köstlichen Verheißungen sehen, die unsern Gang leicht machen, sondern auch auf die unzähligen Gefahren aufmerksam gemacht werden, daß unser Herz und Auge wachsam werde und bleibe. Welche rührige Thätigkeit, welche Opferwilligkeit, welche Todesverachtung entfalten die ververblendeten Kinder der Finstenis für eine ungewisse Zukunftsidee! Sollte sich da kein Volk nicht auch rüsten mit allen Fleiß zu dem, was Gott von uns fordert:  Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein, auch mit Freudigkiet hinzu zu treten zu dem Gnadenstuhl, auf daß wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden auf die Zeit, - wenn uns Hilfe not sein wird. Gottes Wort sagt es uns, und wir fühlen es bereits daß wir einer ernsten Zeit, einer unvergleichlich trübseligen Zeit, wo der Gerechte kaum erhalten wird, wo, wenn es möglich wäre, auch der Auserwählte in den Irrtum verführt würde, der Mitternachtsstunde entgegen gehen, wo auch die klugen Jungfrauen einschlafen. O daß wir Vorrat Oels haben möchten. Unsere Zeit ist unberechenbar; niemand hätte es Neujahr 1905 für möglich gehalten, daß in Rußland in wenigen Tagen eine Abgrundsmacht hervorbrechen könne, der gegenüber die höchsten Spitzen einer mächtigen Regierung ratlos standen, wo man in hohen posiitivchristlichen Kreisen bereits Zweifel aussprach, ob letztere überhaupt werde Sieger bleiben. Wer diese Kraftprobe des Heeres des Fürsten der Finsternis die Gesinnungsgenossen z.B. in Oesterreich, in Deutschland, in England mit Kampfeslust und Siegesmut erfüllt, ist nicht verborgen geblieben. Mit dem Rot des begehrten Blutes der herrschenden, besitzenden und endlich auch der an der alten Wahrheit der Bibel festhaltenden Gegenpartei wird immer unzweideutiger gespielt. Doch in der Hand des Herrn allein steht der Zeitpunkt, wo der Stein nach Dan.2, 34 ohne Hände ins Rollen kommen und alles vermalmen wird. In Rußland wurde vielen Angst und Bange vor warten der Dinge, die da kamen, sie flohen aus den Schreckensstätten, mancher aber – auch Kinder Gottes – kam um. Wenn nun angesichts der drohenden Gefahren auch unter Gottes Volk von einer offenen Thür, von einem Geleiterwerden in Frieden, von einer Flucht, einem Bergungsort gesprochen wird, schütteln manche Glaubenshelden mit dem Kopf als über Irrtum, Kleinglauben und dergleichen. Wäre es nicht von großer Wichtigkeit, wenn schriftkundige Brüder da ihr Pfund zum allgemeinen Besten anlegten. Wird`s auch da manchmal heißen müssen: Wir sehen durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, so wird`s der Herr am Nötigen nicht fehlen lassen.Wir haben ja so viele klare Beweise, daß der Herr seine Kinder nicht mit der gerichtsreisen Welt verderben will. Ich nenne nur die Bergung Noahs, die Ausführung Lots, das Pella der ersten Christen. In allen diesen Fällen lag doch eine direkte Aufforderung des Herrn vor. Wenn nun Lukas 21, 36 auch eine solche wäre, könnte man es Vorwitz nennen, einen Gedankenaustausch darüber anzustellen?! Auch unsere Glaubensgenossen in Rußland mußte das interessieren, die mit ihrem Bekenntnisse jedenfalls in ein neues Staduim kommen, gründet sich doch das Glaubensprinzip unserer wehrlosen  taufgesinnten Gemeinden von anderen auf das Wort von Christi Geduld (Offb. Joh. 3,10), der nicht schalt, da er gescholten ward, nicht drohete, da er litt. Man sollte sich von dieser nützlichen Arbeit des gegenseitigen Aufmunterns, Stärkens, Annäherns auch nicht etwa durch: „mein Herr kommt noch lange nicht“ abhalten lassen; der Herr bezeichnet damit den untreuen Knecht. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, daß der Feind auf unserem Wege alle ihm zu Gebote stehende Kunststücke anwandte, uns in diesem Stück kalt und gleichgültig zu machen, und zwar im Hauptzuge so, daß erst ganz einseitig alles Vermögen angespannt wurde, um auf den unmittelbar bevorstehenden Tag seiner Zukunft gerüstet zu sein, daß es Unrecht gescholten wurde, ein einfallendes Bethaus zu erneuern – und dann konnte man nicht genug anwenden – selbst über alle Kräfte hinaus – das Heim recht gemütlich einzurichten, weil der Herr seinen Tag noch so und so viele Jahre hinausgeschoben. „Groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist, auf Erd`n ist nicht Sein`sgleichen.“
Ich schließe mit Ebr. 10, 25, denn eben höre ich, daß das Dampfschiff, welches unsern Prinzen, Sohn des Chans, nach Tschardschui bringen soll, vielleicht schon heute nach Petro-Alexandrowsk kommt. Will`s Gott, fahre ich bis Taschkent mit und gedenke von da einen Abstecher nach der Aulie-Ataer Kolonie zu machen. Dort treffe ich wahrscheinlich auch noch Br. W. Penner, der nach einigen Widerwärtigkeiten auf der Rückreise aus Amerika den 23. Januar a. St. dort bei den Seinen ankam. Herzliche Grüße an alle aus Chiwa nach Amerika gegangenen Geschwister, wie auch an die Brüder Jakob Quiring und Hermann Epp, die diese Zeilen wohl noch in der neuen Welt treffen möchten. Sie waren 1904 zwei Monate unsere Gäste, nicht ohne Spuren göttlichen Gegens hinterlassen zu haben.
Nun noch für Sie, Bruder Fast, einen aufrichtigen Gruß mit warmen Händedruck in Liebe Ihr,
E.v.Riesen.
Anm. Danke für den brüderlichen Gruß – Ed. (Editor – E.K.)

   
Zuletzt geändert am 27 Januar, 2017