Home | Chortitza Kolonie | Molotschna Kolonie | Dörfer in Russland | Bücherregal | Karten | Bilder | Namen | Sitemap

 

Ein zweiter Brief von meinem Ururgroßvater Bernhard Fast aus Lindenthal in der „Mennonitische Rundschau“, Nr. 18 vom 29. April 1896

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" Nr. 18 vom 29. April 1896, Seite 1. (gotisch) von Elena Klassen.

 

Lindenthal, 26 März 1896

Werte Rundschau! Da ich auch schon viele Jahre ein Leser dieses Blattes gewesen, und auch gegenwärtig noch bin, so erlaube ich mir die Bitte, auch von mir einen Bericht in deine Spalten aufzunehmen. Nämlich von einer Verstorbenen Freundin, und Schwester, die auch in Amerika noch mehrere Vettern hat, welche sind Abraham und Johann Neufeld in Juman, Kansas, Heinrich Gooßen, der Kirchen-Älteste Gerhard Neufeld in Minnesota, und der alte Peter Heidebrecht in Nebraska. Diese Verstorbene war eine geborne Katharina Neufeld, Gerhard Neufeld`s Tochter aus Lindenau. Sie verheiratete sich als Jungfrau anno 1845 am 29 November mit Johann Warkentin von Tiegenhagen, und haben bis 1857 in Altenau in der sogenannten Schenke gewohnt. Von da zogen sie den 25. März nach Blumstein, in ein Anwohnerhaus. Allwo ihr erster Ehemann Johann Warkentin 1864 den 22. Mai starb, und seine Ehefrau und 6 Kinder in dürftigen Verhältnissen zurück ließ. 1865 im Mai verheiratete sie sich wieder mit dem Witwer Kornelius Töws in Münsterberg, wodurch sie in eine Vollwirtschaft kam, und glückliche Tage verlebt hat und mit dem demselben 1890 den 13. Mai auch Silber-Hochzeit gefeiert hat. 1895 den 28. Februar haben sie zusammen noch wieder ein Fest gefeiert, da hatte ihr zweiter Ehemann 60 Jahre in Münsterberg auf einer und derselben Wirtschaft gewohnt, was auch wohl nur selten vorkommt, uns jetzt den 24. Februar 1896, ist diese seine Ehefrau nach einer langwierigen, und zuletzt noch 17-tägigen sehr schweren Krankheit ½ 4 Uhr Nachmittag gestorben, im Alter von 71 J., 1 M., 21 T. Den 29. wurde sie dem Schoße der Erde übergeben. Wir waren auch per Bahn hingefahren, denn die Verstorbene war meiner Frau Schwester. Ein sehr großes Begräbnis, bei 170 Familien waren eingeladen. Die Verstorbene hatte eine Art Magenkrankheit. Sie konnte kein Essen Vetragen und dasselbe auch fast gar nicht herunterkriegen. Sie hat lange Zeit in Muntau im Kirchenhaus gelegen, während welcher Zeit der Doktor ihr wenigstens 24 Mal den Magen ausgepumpt hat. Der Herr wolle den alten Witwer stärken und trösten jetzt in seiner Einsamkeit; denn er hat am 7 September v.J. schon sein 84 Lebensjahr zurückgelegt, ist aber bis Dato die mehrste Zeit noch ziemlich rüstig gewesen.
Ich las in der Rundschau No.1 von diesem Jahre einen Aufsatz, welcher im November Monat vorigen Jahres von Rußland eingegeben und mehrenteils an J.H. Klaaßen in Charlton gerichtet war, worin demselben von seinen Freunden aus Rußland mehreres berichtet war und zwar nicht alles ganz richtig, denn die beiden goldenen Hochzeiten, als bei alte Johann Konrads in Liebenau, und bei Isbrandt Rempels in Tigenhagen fanden beide an einem, und demselben Tage  statt, aber nicht den 11. sondern den 6. September, wozu auch wir und unsre Kinder Jakob Konrad`s eingeladen waren. Und die Frau Jak.Konrad starb auch nicht auf Wiesendorf, sondern auf Tannenfels am Fluß Bittschok genannt, bei ihrem Bruder Gerhard Fast, wo wir mit ihnen zusammen 21. August per Bahn zum Besuch hinfuhren, allwo sie gleich den andern Tag Nachmittag krank wurde an der roten Ruhr, und vom 28. auf den 29. im Mitternacht starb sie dort. Sie wurde den 2 September auch dort auf Fasten Kirchhof begraben. Sie hat ihr Alter auf 48 J., 9 M., 17 T., gebracht. Weil es uns aber alle so betrübend war die liebe Tochter, Gattin und Mutter so weit von Zuhause zu begraben, wohl bei 100 Werst von uns entfernt, so bemühte sich ihr nachgebliebener Ehemann, erstlich beim Herrn Gouverneur in Jekaterinoslaw, und von da noch durch eine Bittschrift an`s Ministerium in St. Petersburg, von wo aus er die völlige Freiheit erhielt, sie ungehindert überzuführen. Darauf holte er sie noch vor Weihnachten auf dem Schlitten im Sarge her, und wurde den 22. Dezember, nachmittags hier auf unserm Kirchhof begraben, wo wir als ihre Eltern, vielleicht auch bald unsre Ruhestätte finden werden, denn ich habe den 6 Februar d.J. auch schon mein 75. Lebensjahr zurückgelegt, und meine Frau am 12 Januar ihr 73. Allen Rundschaulesern und l. (lieben – E.K.) Freunden herzlich grüßend,

Bernhard und Helena Fast.
   
Zuletzt geändert am 27 Januar, 2017