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Brief von Heinrich Martens aus Andrejewka, Aulie-Ata in der „Friedensstimme“, Nr. 40, 21 Mai 1914

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Andrejewka bei Aulieata, Turkestan, 25 April

Im B...(unleserlich – E.K.) hatten wir für Br. Koslowski und Schellenberg auf Besuch, welche uns das Wort des Herrn ans Herz legten. Im Februar besuchte uns Bruder Töws von Altsamara, durch den besonders Sünder aus dem Schlafe geweckt und zu Jesu geführt wurden. Inwieweit es nun bei allen Wurzeln bekommen hat, wird ja in ihrem Leben offenbar werden.
Im Februar und anfangs März  hatten wir bei uns einen hier noch nicht dagewesenen Not.
Den 10 März wurde angefangen zu ackern. Einige haben noch nicht beendigt.
Im vorigen Jahre wurde das Ackern auf die Hälfte bie den Kirgisen verboten; weil die Landkomission hier mit dem Landmessen beschäftigt war und auch noch bis heute nicht ganz fertig ist. Dazu gab es noch eine schwache Ernte und vieles vertrocknete ganz wegen nicht ausreichendem Wasser. Das läßt sich am Mangel an Brot und Futter und auch an den hohen Getreidepreisen sehr verspüren. Der Weizen kostet bis 22 R., Hafer bis 15, Gerste bis 14 Rbl. das Battman (12 Pud D.R.). Reiche Deutsche und Russen die altes Getreide haben, fühlen sich ganz glücklich.
Das Rindvieh ist auch teuer, bis 199 R. eine Kuh. Pferde haben auch einen guten Preis. Die Pferdezucht wird sehr angestrebt. Peter Pauls und Jakob Reimer holten aus Simbirsk zwei Hengste, Martin Eckert 3 Hengste und 5 Stuten. Ein Hengst fiel davon um eine Woche.
Das Schweinefleisch  wird jetzt bei uns auch schon verarbeitet. Die Brüder Janzen Köppental verarbeiteten 2400 Pud, infolgedessen hatte es in Taschkent einen schönen Preis, bis 8.60 a Pud. Die Milchwirtschaft ist auch ein großer Nutzen der Ansiedlung. Im vorigen Jahr wurden 32000 Pud geliefert, a Pud 80 Kop.
Im halben März hatten wir sehr trockenes und warmes Wetter, jetzt aber war schon mehrere Mal Regen und auch Nachtfröste. Die Obstbäume, welche eine außergewönliche Aussicht auf Frucht gaben, sind dennoch unbeschädigt geblieben. Beim Aprikosenbaum ziehen die Äste schon etwas nach unten, so voll sind sie. Wenn ich in unsern Garten gehe, kann ich die Allmacht Gottes nicht genug bewundern. Der Klee ist schon eine halbe Arschin hoch. Bei der Stadt wird schon gemäht und in den Karawansereien verkauft. Zum Wässern ist bis jetzt das Wasser ziemlich knapp. Dem Klee würde es schon sehr gut sein, wenn es Wasser bekäme. Der schöne Regen ist doch nicht ausreichend.
Weil hier wenig Brunnen sind, und früher gar keine waren, so wird das Wasser zum Gebrauch für Menschen und Vieh zum Winter in großen Löchern gesammelt, wo es bis zum Frühjahr doch schon nicht angenehm schmeckt. Daher wäre ein artesischer Brunnen hier sehr angebracht, von wo das Wasser in Röhren in jedes Haus befördert werden könnte. Darum bitte ich für viele, daß sachkundige Männer berichten möchten, wie es sich mit artesischen Brunnen in einer Gebirgsgegend wie unsere macht. Die erste Wasserlage ist von 12 bis 20 Faden tief, oben ist ein Faden Erde und dann Steine mit Grand gemischt. Die Brunnenwände stehen aber so fest, daß nicht geschartet werden braucht. Im Frühjahr steigt das Wasser in den Brunnen bis 5 Faden. Es wird u.a. gesagt, daß die dritte Lage das Wasser an die Oberfläche bringen kann, weil die erste Lage zu tief ist. In unserer Gegend ist noch kein solcher Brunnen, deshalb würde es für unsere Ansiedlung wichtig sein, näheres zu erfahren.
An der Bahn vom Arias bis Wernoje wird gearbeitet. Sie soll in 2 Jahren fertig sein. Dann wird sich das Fahren nach Taschkent, wobei vielfach die Pferde gequält und Wagen zerbrochen wurden, aufhören, und auch das Militär braucht dann nicht so langsam befördert werden.
Heute war in Nikolajpol in der Kronsschule Examen. Lehrer Wall hatte 12 Schüler vorbereitet, von denen den Noten nach keiner durchfallen wird. Die Schule besteht noch nur 4 jahre, 32 Schüler hat Lehrer Wall in dieser Zeit vorbereitet, von welchen etliche  zur Fortbildung in Nikolajwka die Zentralschule besucht haben. Schade, daß die Gesundheit des lieben Br. Wall infolge zu großer Überanstrengung in Gefahr steht. Unser Wunsch und Freude wäre, wenn der Herr ihn noch lange möchte erhalten. Der Inspektor, ein sehr lieber Mann, äußerte sich dahin, daß er bemüht sei, hier eine zweiklassige Schule zu errichten, wozu ihm Nikolajpol als der heeignetste Platz vorkäme.
Heinrich Martens.

   
Zuletzt geändert am 23 Juni, 2016