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Brief von Jakob Mandtler aus Andrejewka, Aulie-Ata in der „Friedensstimme“, Nr. 70, 8 September 1910

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Turkestan, Aulie-Ata, Andrejewka, 23 August

Da ich die Gnade von Herrn hatte, auf einen Monat eine Reise zu machen nach der Orenburgischen Ansiedlung, will ich der Friedensstimme einiges davon anvertrauen.
Den 20 Mai fuhren Lehrer Johann Wall und ich aus unserem Dorf von hier ab, kamen Montag den 24 Mai gegen Abend in Taschkent an und fuhren Dienstag 11 Uhr des Mittags weiter per Bahn. Am Himmelfahrtstage kamen wir auf der Station Platowka an, nachdem wir 1825 Werst per Bahn zurückgelegt hatten. Freitag den 28 Mai kamen wir in Kamenka bei Geschwister Kornelius Fehren gesund an. Sonnabend waren wir  in brüderlicher Gemeinschaft zusammen, wo wir uns  im Segen des Herrn Jesu und des Vaters erbauten und erquickten. Am 30 Mai, Sonntag war im dortigen Versammlungshaus Sängerfest, es waren 4 Chöre vertreten. Von fünf Brüdern wurde das Wort Gottes geredet. Wir dienten in Schwachheit mit dem Wort des Herrn, machten Hausbesuche, besuchten Kranke. Danke für die Liebe und freundliche Aufnahme, die uns bei allen zuteil geworden. Am 14 Juni fuhren wir wieder nach der Bahn, bestiegen den Zug, und kamen den 16 Juni 3 Uhr nachmittag auf der Station Kabelzei an, wo unser Fuhrmann unser wartete. Nach einer einwöchentlichen Reise kamen wir gesund und wohlbehalten zuhause an.
Nun noch etwas von den Beobachtungen der Reise. Als wir von Pokrowka nach der Orenburger Ansiedlung fuhren, mußten wir mit Bewunderung die Getreidefelder ansehen, alles war so dicht und schön, so daß wir manchmal unterwegs gesagt haben: wenn der Herr unser Gott ferner Feuchtigkeit und Segen gibt, kann es eine reiche Ernte geben. Aber wie war es, als wir zurückfuhren? Auf vielen Stellen fast ganz vertrocknet. Es hat uns seht traurig gestimmt. Wir haben viel um Regen gebetet, es soll aber trocken geblieben sein und infolgedessen die Ernte schwach gewesen sein. Die Strecke von Taschkent bis Platowka hat mein Herz, wenn ich zum Fenster hinausschaute, oft geseufzt: „Herr, warum könnte diese Gegend nicht auch fruchtbar sein?“ Dreiviertel dieses Weges ist unbrauchbares Land: Sandberge, Steingeröll, Salzseen und öde Steppe, kein Vogel singt und kein Tier sieht man. Man denkt an den Fluch, den unsere Erde wegen der Sünde trägt.
Bei uns in Taschkent ist die Ernte mittelmäßig gut, das Getreide hat nach jetziger Zeit einen guten Preis, kann doch wohl wieder teuer werden. Es liegt sehr viel am Volk, es ist so träge zur Arbeit und besorgt den Acker nicht, wie es sich gehört, dadurch entsteht der teure Preis. Wir haben diesen Sommer ziemlich warm gehabt, und ist infolgedessen ziemlich Krankheit gewesen: Leibschmerzen, starker Stuhlgang und Erbrechen.
Unter dem Vieh war die Maul- und Klauenseuche. Es hat alles Vieh betroffen, das die Klauen spaltet.
Br. Johann Klassen liegt noch immer an Magenleiden krank, er will so gerne heim, er spricht viel von seinem ewigen Erbteil.
Jakob Mandtler.

   
Zuletzt geändert am 14 Juni, 2016