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Bericht aus Turkestan in „Zions-Bote“, Nr. 10, vom 11. März 1903, S. 2 und 5

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Zions-Bote" Nr. 10, vom 11. März 1903, S. 2 und 5. (gotisch) von Elena Klassen.

 

 

Begebenheiten in Turkestan.
Vielgeliebter „Zion – Bote!“ Will es wagen, etliche Zeilen aus der Ferhanski Oblasti zu schreiben. Es war am 3. Dezemb. 1902 an einem trüben Donnerstagsmorgen. Ein dichter Nebel überzog die Erde, so weit das Auge den Horizont übersehen konnte. 9 ½ Uhr war es ungefähr, als ein mächtiges Erdbeben statt fand. Unerwartet kam es über Städte und Dörfer, so daß ein großer Schrecken die Einwohner erfaßte. Am Anfang gab es einen mächtigen Stoß, daß alle Gebäude in Bewegung kamen. Große Gefahr drohete unserem Städtchen, aber Gott sei Dank, daß die Verheißungen in Erfüllung gehen, daß die Haare auf unserm Haupte gezählt sind, und ohne den Willen Gottes fällt deren keins auf die Erde. Ich mußte in der Zeit von sonst keinen Kindern Gottes in diesem Städtchen, da könnt ihr Euch denken, daß ich nicht wenig gebetet habe, und der Herr, welcher Gebete erhört, erhörte auch mein Flehen und wir blieben verschont, aber ungefähr 6 ½ Meilen von uns war ein Städtchen Antischann (Andischan – E.K.) und dasselbe that in diesen Augenblicken einen großen Fall. Über blieb nur eine russische Kirche und der „Wagsaal“ (?? – E.K.), übrigens für alles zusammen und durch den Fall wurden bis 3000 Menschen erschlagen, Sarten, Kirgisen und zwei russische Offizire und zwei Soldaten. O jämmerlich sah es aus! Die Übriggebliebenen waren ohne Kleidung und ohne Brot, so daß ihnen alles gebracht wurde von anderen Städten. Ihre Wohnung war jetzt in den Bahnwagen oder unter freiem Himmel. Bei dem Mohamedanern war gerade Urosa oder Fasten, dann stehen sie des morgens frühe auf, essen und trinken bis die Morgenröte anbricht, dann schlafen sie wieder den ganzen Tag, und so war es auch jetzt, sie schliefen als das Erdbeben anfing, und so wurden alle überdeckt und erschlagen. Nun, wenn sie jetzt nur den leiblichen Tod gestorben wären, aber so ohne Christum übereilt zu werden, wie traurig. Darum liebe Geschwister und Kinder Gottes, wollen den Herrn der Ernte bitten „Dein Reich komme“ damit auch dieses Volk noch hören möchte von der großen Sünderliebe Jesu.
Liebe Geschwister, es giebt noch einen mächtigen Strom, in welchem noch täglich viele Menschen ertrinken und das ist der Branntweinstrom. O wie viele Mütter und Kinder giebt es auch heute noch, die nicht wissen, wo sie sich verstecken sollen, wenn sie sehen ihren unglücklichen Vater zu der Türe herein treten. Ja, es ist wunderbar, daß zu diesem Gis.wasser das Geld niemals ausgehet. Mutter und Kinder sitzen ohne Brot und ohne Kleider und in einem kalten ungeheizten Kämmerlein, meinen und klagen zum lieben Gott über ihren Vater, der am Kartentisch sitzt und dem Branntwein nicht den Abschied geben kann. Solche Fälle giebt es hier häufig. Darum ist es besonders eine große Aufgabe für unsere Jünglinge, die blühende Jugendjahre dem Herrn zu weihen und dazustehen in der Gemeinde des Herrn wie Lichter in der Welt.
Es war im Jahre 1899 den 13. November, als ich zum Soldatendienst genommen wurde. Zuerst kam ich nach der Stadt Odessa, hernach wurde ich nach Turkestan gestellt, kam noch der Stadt Osch. Bekannte waren nicht da und nun mußte ich Brüder aufsuchen, und wie es schon bekannt war, daß ich wegen Übertretung des Gesetzes herkam, so gab es auch ziemlich was entgegen zunehmen, denn es wurde mir für sehr übel genommen, daß ich nicht schwören konnte. Ich fand auch zwei Brüde hier und konnte auch mit ihnen glücklich seien. Unbekannt und doch bekannt. beide haben jetzt schon ausgedient und ich bin bis jetzt allein, aber es gehet mir was der Dichter sagt: Keiner wird zu Schnaden, welcher Gottes harrt u.s.w. Oder: Gott ist getreu, sein Vaterherz verlaßt die Seinen nie. Einen herzlichen Gruß für alle Zionspilger, besonders für die Geschw. aus Sagradowka, für den alten Bruder Isaak Regehr, Br. Pet. Tilmann, Br. B. Dückmann, Br. J. Bärg und Geschw. F. und K. Georg.
Euer Bruder im Herrn,
Adam Georg.

   
Zuletzt geändert am 1 September, 2018