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Zur Frage der Dienstpflicht der Mennoniten in Asien aus „Zionsbote“ in der „Mennonitische Rundschau“ Nr. 20, vom 18. Mai 1892, S. 1

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" Nr. 20, vom 18. Mai 1892, S. 1. (gotisch) von Elena Klassen.

 

 

Johann Janzen in Nikolaipol bei Aulieata, Kokan (Kokand? – E.K.) Turkestan, beantwortet die Frage: „Wie steht es mit dem persönlichen Staatsdienst bei Euch und wie ist das Verhältniß der dortigen Regierung zu Euch?“ im „Zionsbote“ wie folgt:
Vom Staatsdienst macht uns hier das Gesetz der russischen Reichregierung „bis auf Weiteres“ frei, aber auf den jungen Männern, welche beim Aufbruch aus der alten Heimath in den Lebensjahren von 15 bis 21 standen, ruht dieselbe Verpflichtung, die in der alten Heimath von unserm Volk übernommen worden ist. Diese unsere jungen Männer hat man in der alten Heimath auf den betreffenden Listen verzeichnet und für jeden zu seiner Zeit gelost, und das Resultat davon an die hiesige behörde gesandt. So sind im Laufe der Zeit, ehe die in Rede stehenden Jünglinge alle das 21. Lebensjahr überschritten hatten, laut der für sie in der alten Heimath geschehenen Losung und laut Zeugniß des Doctors hier in Taschkend, ihrer neun dienstpflichtig gefunden worden. Von diesen sind drei schon die fünf Jahre, welche man hier zum activen Dienst (für`s Militär) festgesetzt hat, durch, und stehen bereits in den Jahren, wo man sie als „Reservisten“ betrachtet. Für vier verfließt diese Zeit des activen Dienstes mit dem März des Jahres 1892. Für die letzten zwei dauert diese Zeit vom 1. April 1892 ab noch ein Jahr, dann also sind sie alle unter dieser Verpflichtung von der alten Heimath aus hervor.
Was nun die Art, und Weise der Ableistung des Dienstes anbetrifft, so können wir mit Dank zu Gott sagen, daß keines unserer Kinder in ein Commando eingereiht oder auch nur aus unserer Mitte gerissen worden ist. Jeder, welcher laut Losung verpflichtet war, wurde zwar zur betreffenden Zeit nach Taschkend gefordert, um von den Aerzten untersucht zu werden, dabei aber sind sie stets von uns begleitet worden und man ist auch auf unsere Wünsche und Bitten eingegangen. Zwar sind wir dabei etwas auf die Probe gekommen. Wir haben uns inzwischen besonders einmal auf Banden und Gefeängniß gefaßt machen müssen, aber alle diese Jünglinge sind zu Hause, ein jeglicher in seiner Wirthschaft, und alle, bis auf einen, haben sich in diesen Jahren verehelicht. Das hat der Herr so geführt.
Wir hatten nämlich übernommen, für das Bauholz, welches uns die Regierung unter der Bedingung, für jeden Stamm, der 6 Fuß von unten und 6 Werschok dick ist, deren jeder Ansiedler 20 Stück sich zu holen Erlaubniß bekam, 25 Stück Bäume auf einem in unserer Nähe gelegenen, eigens zu diesem Zweck bestimmten Stück Kronsland zu ziehen. Auf diese Weise war nun hier durch unsere Thätigkeit ein Kronswald entstanden. Als nun die Stunde der Entscheidung über das Dienstableisten des ersten unserer jungen Männer gekommen war, wir uns aber entschieden weigerten, wobei wir eben auf Banden und Gefängniß gefaßt sein mußten, da fanden die Regierungsbeamten die Möglichkeit, ihrem Amt gerecht zu werden, ohne uns Gewalt anzuthun, indem sie den oben erwähnten Umstand, daß hier in unserer Ansiedlung ein Kronswald gepflanzt werde ausnutzten. Das endliche, ausschlaggebende Wort des Kreisnatschalnik, welcher er in jener ernsten Stunde nach vielem Hin- und Herreden sagte, lautete so: „Jetzt kann ich Ihnen sagen, wie wir es machen können. Sie haben ja da be ihnen den Wald, den mag der Recrut beaufsichtigen. Mir aber ist`s einerlei, ob er das thut oder sein Vater, oder ob Sie (Schreiber dieses) es thun.Sie können den Reckruten nach Hause nehmen.“
Und das galt in Zukunft für alle von der alten Heimtah her zum Dienst verpflichteten.
Wie lange unsere eingangs erwähnte „bis auf Weiteres gewährte“ Freiheit vom Dienst hier dauern wird, ist unbestimmt. Wir genießen eben dieselbe Frist, die man den unterjochten Völkern hier und mit diesen auch den Ansiedlern aus anderen Gegenden giebt.
Es dauert sonst diese Frist nach dem Reichsgesetz so lange, bis die nach der Unterjochung und Einverleibung eines Volkes in der Gegend, wo es besiegt worden ist, Geborenen das Lebensalter erreicht haben, in welchem man sie zum Militär recrutiert. Diese Zeit ist für unsere Gegend schon verflossen und zwar schon seit dem Jahre 1886. Die Regierung aber hat die Frist bis auf Weiteres verlängert. Ob auf bestimmte oder unbestimmte Zeit, habe ich noch nicht erfahren können. Daß diese Frist verlängert ist, dazu mögen die Ursachen andere sein bei Gott unserem Heiland, der ja alle Gewalt im Himmel und auf Erden hat, und andere bei der russischen Regierung. Letztere mag wohl von der Einsicht geleitet worden sein, daß erstens der Nutzen, der aus den hiesigen Eingeborenen zu reckrutirenden Mannschaft den Kraft- und Kostenaufwand, welcher erforderlich sein würde, sie zum Dienst zu zwingen, nicht aufwiegen wprde, denn die Eingebornen scheinen recht hartnäckig darauf zu bestehen, daß sie den Russen nicht als Soldaten dienen wollen; zweitens, daß die Leute zur Hebung der Cultur zu Hause nöthig sind. Daher diese Freiheit auch auf die Ansiedler aus anderen Gegenden ausgedehnt ist, und zwar seit 1886 zu Gunsten Neuübersiedelnder noch dahin erweitert, daß nun nicht mehr alle Jünglinge, die in den Lebensjahren von 15 bis 21 bei der Uebersiedlung stehen, die auf ihnen in ihrer alten Heimath ruhenden Verpflichtungen mitnhmen, sondern nur Diejenigen, die in dem Lebensjahre übersiedeln, in welchem sie verpflichtet sind, sich zur Losung zu stellen, und diese auch nur dann, wenn es ihnen vor Aufbruch aus ihrer alten Heimath schon amtlich angezeigt ist, daß sie in die Einberufungsliste eingetragen sind. So sind die gesetzlichen Verordnungen und Zustände in Betreff des Staatsdienstes für uns hier.
Es geht gegenwärtig ein ganzer Strom von Uebersiedlern hierher. Am Postwege sind zwischen Aulieata und Taschkend, wo früher keine Ansiedler waren, acht russische Dörfer angelegt. In den Städten von Kasalinsk an und in den Dörfern, wo nur Obdach zu erlangen ist, sind überall Reisende untergebracht. Auch bei uns wintern neun oder zehn Familien Colonisten von der Wolga. Die siedelt der Natschalnik hier bei uns bei dem neuen Dorfe Orloff an.
Der Winter ist hier sehr gelind und Schnee fällt wenig, thaut auch bald.
Der Gesundheitszustand läßt hier und da zu wünschen übrig.

   
Zuletzt geändert am 29 April, 2018