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Adresse der Turkestanmission in der „Friedenstimme“ Nr. 6, 1909 und ein Bericht von F. B. (Franz Bartsch, Autor des Buches "Unser Auszug nach Mittelasien", Lehrer in Lusanderhöh, Gouv. Samara, Russland – E.K.) in der „Friedenstimme“ Nr. 29, 1909

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

 

Die Adresse der Turkestan – Mission in der „Friedenstimme“ Nr. 6, 7 Februar 1909, S. 7

 

Die Adresse der Turkestan – Mission:

Bohn und Thielmann, с. Николайполь, чр. гор. Аулиэ – ата, Сырь – Дарьинской области.

 

 

Bericht von F.B. zu der Turkestanmission, in der „Friedensstimme“ Nr. 29, vom 18. Juli 1909 S. 4-6

 

Zu unserer „Turkestanmission“

Es sei mir erlaubt einige Gedanken inbetreff dieser Mission auszusprechen, als einem, dem es vor 27 Jahren vergönnt war, in Turkestan und in der Kirgisensteppe, wenn auch nicht als Missionar, so doch als Kolporteur des heiligen Gotteswortes, nicht nur unter Europäern, sondern auch unter Eingeborenen zu wirken.
Wir haben Missionen auf Sumatra, Java und in Indien, währen wir im großen, rissischen Reiche unter seinen Mohamedanern und Heiden bis jetzt keine hatten. Das ist unnormal, aber durch die bisher obwaltenden Verhältnisse bedingt. Nur die Staatskirche durfte im russischen Reiche Mission treiben, sonst keine christliche Konfession.
Als unter Kaiser Alexander 1. die Herrnhuter Brüdergemeinde von Sarepta aus unter den Wolgakalmücken zu arbeiten begann, wurde unter Kaiser Nikolaus 1. diese Mission aufgehoben. Wir leben in einer Zeitperiode, in der unser herrlicher Herr geschlossenen Türen öffnet. Auf wie lange, wissen wir nicht. Laßt uns unsere Aufgabe und Verantwortung nicht verkennen!

Auf, denn die Nacht wird kommen, auf mit dem jungen Tag!
Wirket am frühen Morgen, ehs zu spät sein mag!

Die oben erwähnten Misionsfelder, mögen sie von kirchlichen Mennoniten oder von der Mennonitenbrüdergemeinde in Angriff genommen sein, möchte ich in keiner Weise nach hinten schieben, aber dahin möchte ich weisen, wo unsere erste Verpflichtung, Aufgabe, Verantwortung liegt: Das Wohl, das Heil, die Rettung und Bewohner des Landes zu suchen, in dem wir leben.
Ein weltliches Sprichwort sagt: „Das Hemd ist näher als der Rock.“ Unsere Gemeinden sind, glaube ich, vom Herrn mit Gütern so reich gesegnet (wenn auch nicht überall), daß man dieses tun kann, ohne jenes lassen zu müssen (inländische und ausländische Mission).
Ein großer Teil der Gemeinden bei Aulieata hat ihre Aufgabe erkannt und erfaßt; durch die Brüder Bohn und Tielmann ist die Arbeit in Angriff genommen. Andere Brüder sind bereit zu folgen. Auch Br. Kliewer in Ak – Medschedj bei Chiwa hat sich vor die gleiche Aufgabe gestellt. Aber welch unermeßlich großes Feld bleibt unberührt! Wollen wir einen Teil der Mohamedanerwelt Rußlands bereisen? Ich habe es zum Teil praktisch tun dürfen. Bitte also, Missionsfreunde, seid einmal meine Reisegefährten. Die Reise auf dem Papier ist ja umsonst. Nehmt aber, wenn es geht, eine gute Karte vom europäischen und asiatischen Rußland zur Hand; ohne sie gibt es keinen klaren Ueberblick.
Beginnen wir unsere erste Reise im Norden des Samarischen Gouvernements. Wir wollen einen Zirkelfuß auf unserer „Alt - Samaraer“ Ansiedlung setzen, 54° n. Br. und 68° östl. L. von Ferro. Dort sind mindestens dreiviertel sämtlicher Jahres- und Erntearbeiter Tataren. Im Stawropoler Ujesd des Samar. Gouv., ganz in der Nähe der Mennonitensiedlung liegen die großen Tatarendörfer Tugolbuga, Sintemir, Tepelstan u.a. Wir wollen nun aber mit dem andern Zirkelfuß einen mächtigen Kreis beschreiben, der in die Saratower, Simbirsker, Pensaer, Kasaner, Ufaer und Orenburger Gouvernements greift, und innerhalb dieses Kreises finden wir inmitten der russischen, mordwinischen und tschuwaschischen Bevölkerung (stellenweise sogar in überwiegender Mehrzahl) überall Tataren und im Osten Baschkiren, deren geistliche Zentren Kasan, Ufa und Orenburg sind, und denen das Wort vom Kreuz noch nicht gebracht wurde. Das gäbe schon ein Missionsfeld mit einigen Stationen. Testamente und Evangelien wären bei der „Br. und Ausl. Bibelgesellschaft“ hinreichend zu haben. Außer der Alt – Samaraer Ansiedlung hat der Herr weiter östlich in diesen Kreis die viel größere Neu – Samaraer (Busuluker) und die Orenburger Mennonitenansiedlungen hinein gesetzt.
Nun aber von uns aus, 51° n. Br. 64° östl. L. von Ferro, eine größere Reise unternommen.Wir reisen zuerst 150 – 200 Werst südlich oder südöstlich, dann sind wir bei den Kirgisen (eigentlich Kirgis - Kaißaken), die hier zu nomadisieren anfangen. Ihre Lebensweise habe ich in dem Büchlein „Auszug nach Mittelasien*)“ beschrieben. Wir treffen zunächstdie innere Horde, die die Steppen des Astrachaner Gouv. zwischen Wolga und Uralfluß bewohnt, während auf dem rechten Wolgaufer Kalmücken wohnen. Den Uralfluß entlang zieht sich dann die Uraler und Orenburger Kosakenlinie. Dann beginnt von dem linken Uralufer an ununterbrochen die Kirgisensteppe, zunächst von der sogenannten kleinen Horde bewohnt. Wenden wir uns nur gegen Süden, so kommen wir auf der Ust Urt zwischen Aral- und Kaspisee zu den  Turkmennen, reisen wir an der Nordgrenze der kleinen Horde von Uralsk über Orenburg, Orsk und Turgai, so sind wir schon in der großen Horde. Die Nordgrenze beider Horden wird überall zur Abwehr der ansässigen Bevölkerung gegen die Nomaden von Kosaken gebildet, deren Linie sich von Orsk nördlich nach Werchneuralsk und Troizk, dann ostwärts nach Petropawlowsk und Omsk wendet. Von hier bildet der von Südost herkommende Irtisch mit den Orten Pawlodar, Semipalatinsk, Ustj, Kamenogorsk, Kokpekty und Saisan die Grenze Chinas, wo sie schließlich an ein anderes Nomadenvolk, die Mongolen, stoßen.
Die Strecke, die wir von der Wolga bis zur Grenze Chinas zurücklegten, beträgt 3200 Werst, die Poststraße von der Tatarenstadt Semipalatinsk (9 Moscheen gegen 2 russischen Kirchen) südwärts über Sergiopol, Kopal nach Werny, die wir als Ostgrenze annehmen können, beträgt 1000 Werst und eine Linie, die wir vom nördlichsten Punkte, Omsk quer durch die Steppe südwärts nach Taschkent ziehen, 1500 Werst. Hieraus mache man sich ein Bild von der Größe dieses von Nomaden bewohnten Gebietes. Dabei darf man nicht denken, daß diese Steppenbewohner ohne jede Kontrolle willkürlich hin und herziehen, wohin es ihnen beliebt, vielmehr ist ihr ganzes Gebiet von der russischen Verwaltung in größere und kleinere Bezirke eingeteilt. Die kleineren (Woloste) mit einem Mingbasch (Tausendhaupt) an der Spitze, zerfallen in Aule (Nomadendörfer), deren Vorsteher der Jusbasch (Hunderthaupt) ist. Dem Mingbasch steht ein russischer Schreiber zur Seite. Die Verwaltungsorte von Westen an gezählt sind: Uralsk, Orenburg, Orsk, Embinsk, Irgis, Turgai, Atbasarsk, Akmolinsk, Petropawlowsk, Omsk, Pawlodar, Semipalatinsk, Karkaralinsk, Saifan, Sergiopol, Kopal, Werny, dann wieder westwärts Pischpek, Aulieata, Tschimkent, Taschkent, Turkestan, Perowsk, Kasabinsk (Kasalinsk? – E.K. ) und einige kleinere.
Ist es nicht merkwürdig, daß nun auch im Norden bei Omsk und Pawlodar Mennonitenansiedlungen entstanden sind? Möchten wir alle auch diesen Steppensöhnen gegenüber unsere Aufgabe erkennen, sowohl die in der Nähe der Mohamedaner, als auch die entfernter wohnenden.
Zu den Bewohnern der Kirgisiensteppe kommen dann aber noch im eigentlichen Turkestan die Millionen Sarten, Usbeken und Tadschicks. Und wo bleibt der große Kaukasus? Da heißt es wirken, solange es Tag ist. Wem der Herr, nachdem Er ihn selbst aus der Finsternis zu Seinem wunderbaren Licht gebracht hat, zuruft: „Gehe du auch in meinen Weinberg arbeiten!“ der hat hier ein weites Feld. Aber auch andern Gläubigen gilt mindestens der Ruf Christi: „Bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in Seine Ernte sende!“ Dazu ist kein Geld auch keine fremde Sprache nötig, das kann jeder Errettete, aber mancher kann auch mehr. Hier heißt es, sich unter die Leitung des Geistes Gottes stellen und zeigen lassen, was man zu tun hat.
Und nun der Erfolg?`Der ist in des Herrn Hand. Ich bin kein Optimist, der von der Mission die Christianisierung ganzer Völker erwartet. Vieles hat der Herr sicher für Seine Reichszeit auf Erden vorbehalten. Und wo Tausendarbeit geschieht, ist sie meistens auch danach. Als ich 1889 mit meinem Kolporteur Scherbin die Kirgisensteppe von Omsk aus über Petropawlowsk, Koktschetaw, Atbasarsk, Akmolins bereiste, hatte kurz vor uns ein hoher Geistlicher der Landeskirche missioniert, indem er die Mingbaschi und Jusbaschi ganzer Bezirke zusammenkommen ließ und ihnen durch Dolmetscher etwa folgendes sagte: „Wir gehorchen alle einem Zaren, also müssen wir auch alle einen Glauben haben. Nehmt also die rechtgläubige Religion an und laßt euch taufen!“ Diese Logik wollte aber den freien Steppenbewohnern sehr wenig einleuchten und erschwerte unsere Kolportage bedeutend, da sie uns für Abgesandte des hohen geistlichen Herrn hielten.
Nein das Kreuz, aber nicht das goldene, sondern das, an dem unsere Sünden gebüßt sind, ist das Rettungsmittel auch für Tataren, Baschkiren, Kirgisen und Sarten.
Soll ich nun zum Schluß noch einige Worte über das „Wie“ sprechen? Das läßt sich bis ins Einzelne vorher freilich nicht bestimmen.
Aber dies schwebte mir groß vor: Nicht ein eng konfessionelles Werk darf es sein, sondern, so weit es geht, evangelisch einheitlich, insofern wir auf dem ganzen Worte Gottes stehen, ohne dasselbe zu kritisieren, und soweit wir uns vom Geiste Gottes treiben lassen.
Nicht Fischfanf fürs eigene Schiff, nur Seelen für den Herrn. Es mag dies noch nicht im Sinne mancher Leser sein, doch glaube ich, daß es im Sinne Christi ist. Wenn in der Arbeit für den Herrn die Gläubigen ungeachtet der Nation und Konfession als ein Mann zusammenstehen, da wird dann auch konkurrierende Mißgunst einer Missionsstation der andern gegenüber nicht aufkommen, sondern miteinander und füreinander wird das ganze Werk an den verschiedenen Orten sich zu einem Werke gestalten, und bei solcher gemeinschaftlichen Arbeit werden lebendige Glieder der verschiedenen Nationen und Konfessionen einander tragen, achten und lieben als Glieder an dem einen Leibe Christi.

F.B.

*) Verlag „Raduga“. Preis 60 Kop.

die Redaktion.

 

   
Zuletzt geändert am 9 April, 2018